Es ist ein wenig schade, dass der Thread nun von „Ist das wirklich nötig“ auf „Hat mir auch nicht geschadet“ und „Die sollen sich nicht so anstellen“ gekippt ist. Diese Argumentationsstrukturen sind generell problematisch, in nahezu jedem Kontext (übertragt das mal auf „Jugendgewalt“ und „Gewalt in der Erziehung“).
Das war das einzige Argument, das nun vorgebracht wurde. Ich habe versucht, das zu verifizieren, konnte aber nirgends etwas dazu finden. Da Polizei und Feuerwehr Ländersache sind würde es mich auch wundern, wenn es dort bundesweit identische Vorgaben geben würde. Erstmal würde ich da jedenfalls ein Fragezeichen dran machen, ehe dafür keine Belege gebracht werden.
Aber selbst wenn dem so wäre, müsste man fragen, warum das bei diesen Berufen notwendig sein soll, aber bei Berufen, die hart körperlich arbeiten (z.B. Krankenpfleger), nicht. Bei allen anderen Berufen würde man sagen: Wenn da ein Leistenproblem vorliegt, fällt das doch sehr schnell auf - in aller Regel dürften die Bewerber das auch schon wissen, bevor sie sich überhaupt für den Beruf entscheiden. Eine solche Kontrolle scheint man nicht für notwendig zu halten, auch nicht bei der betriebsärztlichen Eingangskontrolle in größeren Betrieben.
Ginge es nun um eine Verbeamtung (wie bei Polizei und i.d.R. auch Feuerwehr) könnte ich den „Kontrollgriff“ nachvollziehen, weil der Staat bei Einstellung der Menschen die Versorgung im Krankheits- / Dienstunfähigkeitsfall übernimmt. Ob es sinnvoll bzw. fair ist, dass z.B. an Krebs erkrankte Menschen damit vom Beamtentum ausgeschlossen sind, ist eine andere Diskussion, aber das wäre zumindest ein Argument für eine solche „erzwungene Vorsorgeuntersuchung“. Wir reden hier aber über Wehrdienstleistende.
Daher sollten wir zum Kern der Diskussion zurückkehren:
- Ist der Eierkontrollgriff sinnvoll? Reihenuntersuchungen von nicht gesondert gefährdeten Menschen zwecks Prävention werden u.a. von medizinischen Fachgesellschaften abgelehnt, aber man kann Prävention natürlich immer rechtfertigen. Das ist mehr oder minder eine Glaubsfrage.
- Ist der Eierkontrollgriff notwendig? Unter der Annahme, dass er sinnvoll ist (dh. medizinisch mehr positive als negative Folgen hat), müsste man immer noch fragen, ob er notwendig ist. Überwiegen daher die medizinischen Vorteile die Nachteile in Form von „Abschreckungswirkung“ und „negative Wahrnehmung der Musterung durch junge Menschen“.
An beiden Punkten kann man jedenfalls starke Zweifel anbringen. Im öffentlichen Diskurs wirkt es eher so, als ginge es um Tradition, da kommen dann „Argumente“ wie die hier angeführten zum Vorschein („Hat mir auch nicht geschadet“; „Sollen sich nicht so anstellen“ usw.). Tradition ist aber gerade kein legitimer Grund, wenn es um medizinische Untersuchungen geht.
Es scheint ja aktuell schon so zu sein, dass man - mit etwas Vehemenz - einen Opt-Out aus der Untersuchung hat. Ob das dann in „die Akte“ geht oder gänzlich ohne Konsequenz bleibt ist nicht klar geworden, aber in jedem Fall scheint es keine Zwangsmittel zu geben, die Untersuchung bei Verweigerung durchzusetzen. Gerade in diesem Fall würde ich mir schlicht wünschen, dass das Verfahren von „Wir machen das jetzt mit dir, wenn du nicht laut schreist und dich dagegen wehrst“ auf „Wir klären dich über den Sinn der Untersuchung auf und lassen dich ganz ergebnisoffen entscheiden, ob du diese Vorsorgeuntersuchung annehmen möchtest“ geändert wird. That’s all. Und bisher konnte mir niemand sagen, warum das schlecht sein soll. Es geht gerade darum, junge Menschen bei der Musterung mit Respekt zu behandeln, das kommt gerade durch solche Fragen des Umgangs zum Ausdruck.