Ich sehe das ähnlich. Mich verwundert die These, die Grundmandatsklausel sei ein Bruch mit dem Verhältniswahlrecht. Eine Partei, die dank dreier Direktmandate mit 39 Sitzen einziehen darf, wird nicht übervorteilt, es werden ihr lediglich die ihr nach Zweitstimmenergebnis zustehenden Sitze nicht weggenommen. Die GMK verringert ein Stückweit den Effekt des eigentlichen Systembruchs, der 5%-Hürde. Über die 5%-Hürde wird scheinbar gar nicht diskutiert.
Ich bin mir sicher, jede Partei, die mit 4,5% an der 5%-Hürde scheitert, scheitert weil mehr als 0.5% der Wähler*innen aus Angst vor einer verlorenen Stimme eine andere Partei gewählt haben.
Ich verstehe auch, dass es in einem intrinsisch zu Polarisierung neigenden Politiksystem(*) notwendig ist, einer zu starken Zersplitterung des Parlaments entgegenzuwirken. Aber es gibt doch auch Mittelwege zwischen Abschaffen der 5%-Hürde und ersatzlosem Verfall der Stimmen, z.B. die Ersatzstimme.
Wenn die Ersatzstimme zu kompliziert ist, wie wäre es wenn einfach die Parteien, die an der 5%-Hürde scheitern, (vor der Wahl verkündet) entscheiden dürfen, welcher (stimmenmäßig) größeren Partei(en) ihre Stimmen zugerechnet werden sollen? Dann würden die Stimmen der NPD der AfD, die Stimmen der Klimaliste und der Tierschutzpartei den Grünen, die Stimmen der freien Wähler der CDU, etc zugerechnet. Oder halt auch auf mehrere nahe Parteien aufgeteilt. Dann würde die Linke, falls sie dann immernoch unter 5% liegt, ihre Stimmen irgendwie auf SPD und Grüne aufteilen. Die Probleme der CSU mit der GMK wären weiterhin da, hier hätte das die spannende Konsequenz, dass die Landesliste der CDU in Bayern plötzlich mutmaßlich alle CSU-Stimmen bekäme, sodass die CSU-Direktkandidaten immernoch nicht im Bundestag vertreten wären, aber zumindest wären die Stimmen nicht plötzlich irrelevant.
Damit hätte ich als Wähler*in erstmals tatsächlich die Freiheit, die Partei zu wählen, die ich tatsächlich am besten finde, wissend dass wenn es mit den 5% nicht klappt, meine Stimme an die (eine der) nächstbeste(n) Partei(en) geht, statt kleine Parteien von vornherein in meiner Entscheidungsfindung ausschließen zu müssen (was, da alle Wähler*innen von kleinen Parteien vor der gleichen Misere stehen, effektiv bedeutet, dass die kleinen Parteien nicht de jure, aber doch de facto ihrer Chance beraubt werden, Einfluss zu nehmen).
(*) es gibt auch demokratische Entscheidungsverfahren, die weniger polarisierend wirken (um dem Shitstorm vorzubeugen: Es geht niemandem darum, Wahlen durch Lose zu ersetzen, wenn überhaupt, zu ergänzen!)