LdN 258: Fazit des Wahlkampfrückblick

Hallo zusammen,

ich konnte der Quintessenz die Ihr zum Wahlkampf gezogen habt nicht folgen und fand insbesondere nicht ganz konsistent zu Eurer Betrachtung in einer anderen Sendung.

Zunächst kritisiert ihr ja, dass im Wahlkampf Themendiskussionen nicht, oder nur oberflächlich geführt wurden. Zunächst habt ihr Euch dabei auch kritisch mit der Frageauswahl in den Fernsehdebatten auseinander und kommt dann auch zu den Analysen von Medienwissenschaftler:innen die in einer hyperventilierenden Medienlandschaft das „im ungefähren bleiben“ als Erfolgsrezept identifizieren. Diese Analyse macht sich (wenn ich das richtig höre) zumindest Ulf explizit nicht zu eigen.

Stattdessen aber (ab ca Minute 18:30) kommt ihr zu Eurem Fazit, dass der Wahlkampf den Herausforderungen den sich Deutschland gegenübersteht nicht gerecht geworden ist, das die unangenehmen Wahrheiten den Leuten erzählt werden müssen.
Zitat Philip „Wir brauchen die Leute die die Kraft und den Mut haben einen Umbruch wirklich einzuleiten, zu erklären und auch durchzustehen“.
Ich finde das alles inhaltlich richtig.

ABER: Ich finde das eine unterkomplexen Blick auf den Wahlkampf. Denn - so traurig das ist - im Wahlkampf geht es ja nicht darum die richtigen Dinge zu sagen & zu thematisieren sondern darum ein möglichst gutes Wahlergebnis zu bekommen.
Und dafür ist natürlich die hyperventilierende Medienlandschaft (vorwärts gepeitscht vom Springerkonzern), und die strukturkonservative Einstellung der Mehrheit der Bevölkerung super relevant.

Man kann super viel über die Performance der Kandidat*innen diskutieren, und alle haben Dinge nicht so gut gemacht (und viel Dinge hätte ich persönlich mir anders gewünscht), aber die Kampagnenstrateg:innen (gerade von SPD und Grünen) werden genauso wie Ihr Journalist:innen letzten Herbst gewusst haben: Irgendwann werden die Bürger:innen merken, das Frau Merkel nicht mehr kandidiert.

Und ich finde es jetzt keine revolutionäre These zu sagen: Es gewinnt die Partei die Wahl, die es schafft, am meisten der Wähler:innen die wegen Frau Merkel CDU/CSU gewählt haben zu überzeugen. Und ich persönlich finde es völlig klar: Das schafft man nicht mit unangenehmen Wahrheiten.
Wahlgewinner (Stand Samstag vor der Wahl ;)) werden tendenziell SPD und FDP sein. Vor dem Hintergrund den Parteien und Spitzenkandidat:innen vorzuwerfen sie hätten sich nicht ausreichend klar bezüglich der großen Zukunftsfragen positioniert finde ich seltsam. Ich vermute, dass das (gerade bei den Grünen) eine sehr klare strategische Entscheidung war.

Zuletzt: Ich möchte nochmal auf unser Diskussion zu LdN 242 (Neubauer vs. Laschet - Talkshows und Sportkommentatorentum) verweisen, wo wir alle sehr kontrovers diskutiert hatten ob es gut ist in einem journalistischen Format allein die rhetorische Perfomance von Politiker:innen zu bewerten ohne dabei auch die inhaltliche Dimension ihrer Aussagen mindestens ebenso stark in die Wertung einzubeziehen.
[Und es gibt noch eine andere lagefolge, wo über die Performance" im Wahlkampf gesprochen wurde, und das Wort „Performance“ nicht die inhaltliche Perfomance meinte, da find ich aber gerade den Link nicht.

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Das wäre ein Missverständnis.

kein Dissens, deswegen haben wir das ja auch so breit diskutiert.

Ein Thema, was ja auch kurz angesprochen wurde, ist die Umsetzung des Wahlkampfes im Fernsehen.

Die Umsetzung als Triell fand ich grundsätzlich OK. Auch dass die CDU, SPD und Grünen eingeladen wurden ist ok. Ebenfalls, dass es 3 Trielle auf 3 Sendergruppen gab.
Was ich mir gewünscht hätte ist, dass nicht in allen Triellen über ,alle, Themen gesprochen wird. Die Sender hätten sich besser abstimmen sollen, und unterschiedliche Themen und Schwerpunkten setzten müssen. So wurden die Themen leider nur relativ oberflächlich besprochen, Tiefe hat oft gefehlt.
Mit dem Prozenteschwund bei den Volksparteien und dem breiteren Parteiensystem, sowie notwendigen 3er Bündnissen, werden wir in Zukunft noch mehr Parteien in den Sendungen haben. Wenn man spätestens dann nicht den Fokus auf einzelne Themen legt, enden wir endgültig beim Wahlkampf-Phrasen-Bingo.

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Also bei dem Fazit fand es auch etwas befremdlich, dass mehrfach gesagt wir, dass die jetzt anstehenden Aufgaben nichts mit Verzicht zu tun haben.

Das ist vielleicht aus Berliner Sicht so aber wenn man auch nur etwas ländlicher wohnt, sieht das schon anders aus (Stichwort wie so oft ÖPNV vs Individualverkehr).

Auch werden die jetzt anstehenden Umbrüche bei einigen zu sehr gravierenden Einschnitten in Ihren Leben führen. Ich habe als Kind noch die letzten Züge des Zechensterbens im Ruhrgebiet mitgemacht und die Auswirkungen des „Strukturwandels“ erleben wir zum Teil heute noch. Na klar werden Arbeitsplätze vermutlich durch neue Jobs in anderen Branchen ausgeglichen aber zur Wahrheit gehört in der Betrachtung doch auch, dass diese neuen Jobs auch durch andere Menschen gemacht werden und nicht durch die, die durch die Änderungen die jetzt Ihre Arbeit verlieren.
Und die Gefahr seine Arbeit zu verlieren, würde ich persönlich schon als ziemlich deutlichen Verzicht empfinden.
Natürlich bietet der Umbau auch viele Chancen aber so zu tun als ob das alles super wird, erscheint mir aus meiner Erfahrung etwas vermessen.

Aber wenn der Umbau einfach unausweichlich wird, ist die Frage ob super oder schwer nicht entscheidend. Da ist es doch das Beste, mit Optimismus und Kreativität an die Arbeit zu gehen, anstatt an oft zweifelhaften „Errungenschaften“ zu hängen. Es werden sich eine Menge Arbeitsplätze ergeben, auch für die Braunkohlearbeiter usw. Schwierige und als ungerecht empfundene Schicksale wird es auch eine Menge geben, die gibt es aber immer, nur dass sie in Umbruchszeiten besonders herausgehoben werden, auch von interessierter Seite.

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Also ob eine Errungenschaft zweifelhaft ist oder nicht, dass liegt doch sehr im Auge des Betrachters.

Mich wundern solche scheinbar lapidar hingeworfen Aussagen nur etwas, weil die einzelnen, die es betrifft nur vor den Kopf stoßen kann. Klar, die paar Kumpel etc. die sollen sich mal nicht so anstellen aber wenn man das so macht, dann darf man sich eben auch nicht wundern, wenn die Leute eben bei der nächsten Wahl Ihr Kreuz bei einer Alternative machen.

Nicht falsch verstehen, ich glaube auch das wir die Umbrüche jetzt einleiten müssen und ich folge auch der Intention die Ulf und Philipp mit Ihrer Aussage treffen aber der Stil ist aus meiner Sicht eben fraglich.

Und ob sich für die Kumpel wirklich neue Arbeit finden lässt, bezweifel ich weiterhin. Wo soll die auch her kommen in den Regionen. Vermutlich wird das wie im Ruhrgebiet laufen. 10%-20% finden neue Arbeit aber zu schlechteren Konditionen und der Rest wird in Transfergesellschaften mit Umschulungen etc. Querfinanziert. Die glücklichen können dann aus den Gesellschaften vielleicht noch in die Frührente und dem Rest winkt irgendwann Hartz 4.
Aber vielleicht irre ich mich ja auch. Und eigentlich hoffe ich das sogar.

Die Politiker, die den Bürgern gesagt haben, dass es schwer werden würde, wurden nie gewählt.
Natürlich haben die Änderungen mit Verzicht zu tun und das wissen alle drei.
Aber sie wissen auch, dass wer die richtigen Schritte einleiten will, erst mal die Unterstützung des Volkes braucht.
Und wenn das belogen werden weil, muss man sie belügen, ob man will oder nicht.
Am Wahlkampfstand trennt sich dann die Spreu vom Weizen, im Vier-Augen-Gespräch sind die Kandidaten dann wesentlich offener, vor allem wenn sie das Gefühl haben, dass der Gegenüber das verträgt.

Kleine Anekdote von einer Familien-Feier:
Er ist Vegetarier, fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, steigt alle drei Jahre mal in einen Flieger, gönnt sich ein Mini-Cabrio mit dern er gerne am Wochenende in die Berge fährt zum Wandern. Seine Frau tickt ähnlich.
Der meinte zu mir: wenn die Grünen an die Regierung kommen, dann können wir uns unser Leben eh nicht mehr leisten und ich zähle ihm obiges auf und meine: was soll sich für dich denn ändern?

Die Menschen sind geframed und wenn denen jemand sagt: “Dir wird was weggenommen“ gehen die Urinstinkte in die Verteidigung. Mit dieser Angst spielt die Union. Und darum haben sie lieber Panik geschürt, in Interviews bedauert, dass zu wenig über Inhalte geredet wird und vorsichtshalber selbst gar keine beigesteuert. Die Bild, das Handelsblatt haben dann gewettert und gewisse Regionalzeitungen (gerade in CDU/CSU starken Gebieten) ihren Direktkandidaten den ein oder anderen Gefallens-Bericht geschrieben, sie wissen, er wird sich bei Zeiten revanchieren. Bei der älteren Bevölkerung hat es wie erwartet gut funktioniert.

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Dann hat mich vermutlich der Spannungsbogen des Beitrags zu dieser Fehlinterpretation verleitet, sorry. :slight_smile:

Zum ersten Punkt: Ich hab jetzt mehrmals in Minute 15:28 gehört, und Da sagst Du
„und die These davon, und die finde ich persönlich („grummel“) so ganz plausibel“.
Und dieses „grummel“ höre ich am ehesten als „nicht“, (bei 1,25,1,und 0.75 Geschwindigkeit ;)) aber ganz sicher bin ich mir nicht :wink:

Ich hätte auf das Thema „Frauenkarte“ (von euch nicht so bezeichnet) verzichten können. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie häufig ich in Artikeln von Journalisten (absichtlich nicht gegendert) in den letzten Tagen lesen durfte, es sei ja klar, dass Baerbock die „Frauenkarte“ gespielt hätte bzw. hauptsächlich aufgrund ihres Geschlechts „ausgewählt“ wurde, als wären sie selbst bei der Entscheidung dabei gewesen. Und natürlich haben die meisten auch schon mindestens seit April gewusst, dass es die falsche Entscheidung gewesen sei, damals aber aus noch unbekannten Gründen diese prophetische Meinung zurückgehalten.
Ich finde, ihr habt im April schon nicht besonders gut darüber berichtet, weil es hieß, Habeck habe ihr die Position „überlassen“, als wäre es allein seine Entscheidung gewesen. Vielleicht hat auch einfach keine*r eine Frauenkarte gespielt und keiner etwas „überlassen“, sondern zwei erwachsene Menschen haben versucht, eine taktisch gute Entscheidung zu fällen.
Bei anderen Parteien ist das Geschlecht des Kandidaten witzigerweise nie Thema, obwohl doch Armin Laschet der erfolglose Nachfolger einer Frau ist. Vielleicht lag sein schlechtes Abschneiden ja gar nicht an seinem Auftreten, sondern an seinem Mannsein? Das könnt ihr dann ja auch mal thematisieren …

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