Kürzungen bei Integrationskursen/ Sprachkursen

Ich bin seit über 30 Jahren Lehrerin und Fortbildnerin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, habe Linguistik, auch Neurolinguistik, studiert. Ich habe mich gefreut, dass die Kürzungen bei den Sprach- und Integrationskursen angesprochen wurden. Ein Aspekt wird dabei nie thematisiert: Der Spracherwerb lässt sich nicht später nachholen.Wenn man Menschen, die bereits in deutschsprachiger Umgebung sind, den Zugang zum Sprachkurs verwehrt, werden sie dennoch im Alltag Deutsch hören und sprechen (müssen). Dabei konzentrieren sie sich dann auf Inhaltswörter ( Nomen, Verben, Adjektive). Unbetonte Wörter und Silben, die grammatische Informationen transportieren, überhören sie und lassen sie beim Sprechen weg. Lernen hat eine biologische Basis. Dabei werden Nervenverbindungen ausgebildet. Je öfter sie eine falsche, deutsche Formulierung benutzen, desto stärker wird die Verbindung im Gehirn. Wenn das über Jahre so passiert, bilden sich hochautomatisierte Strukturen, die sich in der Regel nicht mehr korrigieren lassen (und schon gar nicht mit den üblichen Sprachlehrmethoden). Oft sprechen die Leute sehr flüssig, sind gut integriert, bekommen aber bei der Arbeit häufig zu hören: „Ich würde Sie ja gerne auf Position XY einsetzen. Aber da müssten Sie erst mal ihr Deutsch verbessern…“ Die Leute besuchen dann z.T. endlos Sprachkurse und verzweifeln, wenn sie merken, dass nichts mehr zu retten ist. Die Personen entwickeln das, was man früher „Gastarbeiterdeutsch“ genannt hat - mit fatalen Folgen. Sie bleiben in schlecht bezahlten Hilfsjobs gefangen, weil ihnen für qualifizierte Tätigkeiten die sprachlichen Grundlagen fehlen. Für die Menschen eine persönliche Katastrophe, für die Gesellschaft ein irrer Verlust an Potential!

Und ein weiterer Gedanke: Früher sagte man: Erst kommt das Goethe-Institut, dann kommt die Wirtschaft. Sprache und Kultur wurden als Türöffner für wirtschaftliche Zusammenarbeit gesehen. Demnach ist - unabhängig davon, wie lange jemand bleibt - jeder Euro Sprachförderung ein Gewinn. Wir hoffen auf Frieden in der Ukraine, Stabilität in Syrien. Dann geht es um den Wiederaufbau, wo deutsche Unternehmer:innen mit dabei sein wollen. Wie viel einfacher ist das mit deutschsprachigen Partnern?

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