Ich finde, es wird eher zu viel über Kontaktnachverfolgung geredet. Denn Kontaktnachverfolgung ist bei diesem Virus nur gering bis gar nicht möglich. Das ist nicht nur ein Gefühl von mir, sondern ich kann dies auch mit empirischen Daten unterlegen:
(I) Hohe Dunkelziffer: Laut Schätzungen von Herrn Drosten und verschiedener Studien ist die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht erkannten Infizierten 2 bis 6 mal höher, als die von den Gesundheitsämtern gemeldeten Inzidenzen (1). Diese asymptomatischen Fälle können sehr schwer nachverfolgt werden, weil sie selbst meist nicht wissen überhaupt infiziert zu sein.
(II) Präsymptomatische Übertragung Es gibt einige Studien z.B. (2) die schätzen, das knapp 50% der Sars-CoV-2 -Übertragungen präsymptomatisch stattfinden, also bevor infizierte Menschen überhaupt Symptome haben.
(III) Integration von I und II Punkt I und II zusammengefasst bedeutet, dass selbst bei niedriger Inzidenz und bestmöglich ausgestatten Gesundheitsämtern, nur zwischen 5-25 % aller stattgefunden Infektionen überhaupt nachverfolgbar sind. Das dieser Anteil an überhaupt nachverfolgbarer Fälle so klein ist, legt auch folgende Studie aus dem JAMA dar (3). In der Studie wurde die Kontaktnachverfolgung in San Francisco wissenschaftlich begleitet, im Zeitraum von April bis Juni 2020. Die Fallzahlen in diesem Zeitraum lagen in San Francisco durchschnittlich bei etwa 45/100.000/Woche im genannten Zeitraum eher ansteigend, mit einem r-Wert von dementsprechend größer 1 (4). In der Studie wurden 791 Corona-Indexfälle von den Gesundheitsämtern befragt, diese Indexfälle gaben insgesamt 1214 nahe Kontakte an und es konnten nur 72 neue Corona Fälle (9%) nachverfolgt und identifiziert werden. Doch die Fallzahlen waren wöchentlich in der Tendenz eher steigen, also gab es tatsächlich sehr viel mehr Infektionen als vom Gesundheitsamt identifiziert. Das belegt meine These, dass selbst in einer Zeit mit geringer Inzidenz die Kontaktnachverfolgung wenig bringt, weil auch bei geringer Inzidenz überhaupt nur ein kleiner Anteil überhaupt nachverfolgbar ist.
Und nicht nur Studien zeigen das sondern mittlerweile auch der RKI Lagebericht. Denn auch im Sommer, wo es einstellige Inzidenzen gab, waren zwei drittel der Infektionen keinen Infektionsgeschehen zuordenbar, das heisst auch nicht nachverfolgbar(5) - siehe grauer Bereich der Balken in der Grafik.
Literatur:
(1)Dorsten; C. (2020) Skript zum Podcast Coronavirus Update, S.11https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript252.pdf
(2) Tindale, L. C., Stockdale, J. E., Coombe, M., Garlock, E. S., Lau, W. Y. V., Saraswat, M., … & Colijn, C. (2020). Evidence for transmission of COVID-19 prior to symptom onset. Elife, 9, e57149. DOI: 10.7554/eLife.57149
(3) Sachdev, D. D., Brosnan, H. K., Reid, M. J., Kirian, M., Cohen, S. E., Nguyen, T. Q., & Scheer, S. (2020). Outcomes of Contact Tracing in San Francisco, California—Test and Trace During Shelter-in-Place. JAMA internal medicine. doi:10.1001/jamainternmed.2020.5670
(4)https://coronalevel.com/.../Uni.../California/San_Francisco/…](https://coronalevel.com/.../Uni.../California/San_Francisco/
(5)RKI Lagebericht vom 02.02.2021, S. 11 https://rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Feb_2021/2021-02-02-de.pdf?__blob=publicationFile](https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Feb_2021/2021-02-02-de.pdf?__blob=publicationFile