Kommunikation bei Thema Missbrauch

Rückmeldung

Erstmal vielen Dank für Euren Podcast. Ich höre ihn regelmäßig und gern und habe ihn schon oft weiterempfohlen.

Bei Eurem Podcast vom 8.10., genauer: bei dem Bericht über geplante Änderungen zur Verhinderung von Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen von Kindern und Cyber-Grooming, hatte ich an mehreren Stellen ein Störgefühl. Als Mutter von zwei Töchtern und als Frau, die sowohl versuchten Missbrauch selbst als Kind erlebt hat sowie sexuelle Nötigung im Erwachsenenalter, muss ich sagen, dass mich die genutzte Rhetorik sehr irritiert hat, da sie die beschriebenen Straftaten sprachlich verharmlost.

Ich finde es nicht gut, von „Schweinkram“ zu sprechen. Das hat für mich entweder die Konnotation von etwas Sexuellem im Allgemeinen und bagatellisiert sexuelle Gewalt (ähnlich wie es das Wort Sex-Skandal tut). Oder, wenn ich es eher auf dem Ohr höre, dass etwas „Dreckiges“ gemeint ist, beschämt es Opfer sexueller Gewalt. Genau das sind typische Gedanken von Opfern, dass sie „beschmutzt“ sind und sich in der Folge schämen.

Cyber-Grooming als „Kinder anflirten“ zu bezeichnen ist bagatellisierend. Hier handelt es sich um eine gezielte Manipulation von Kindern, um an ihnen Straftaten zu begehen. Diese Verharmlosung finde ich folgenschwer, wenn es doch darum geht, ein Problembewusstsein in der Bevölkerung dafür zu schaffen und damit den gesellschaftlichen Druck, dass dagegen vorgegangen wird (was da dann sinnvolle und nicht sinnvolle Mittel sind, steht auf einem ganz anderen Blatt, da verstehe ich Eure Kritik!).

Und dementsprechend hat es auch eine bagatellisierende Note, in dem gleichen Zusammenhang die Sorge zu benennen, das das eigene normale nette Gespräch mit einem verwandten Kind als Grooming gemeldet werden könnte.

Bitte nicht falsch verstehen; ich habe auch keine Lust darauf, dass meine eigenen Gespräche in einem Chat von einer KI analysiert werden und kann all die Kritik und Sorgen bei den benannten politischen Überlegungen verstehen. Ich finde aber megawichtig, dass bei der Diskussion über mögliche sinnvolle / nicht sinnvolle Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt nicht durch die Art der Sprache und Argumentation eine Verharmlosung stattfindet. Das schadet doch dem Anliegen! Und die Bekämpfung dieser Art von Kriminalität ist, das habe ich ja durchaus gehört und verstanden von Euch, auch ein echtes Anliegen von Euch selbst.

In diesem Zusammenhang finde ich es auch ungünstig, den vielfach kritisierten Begriff „Kinderpornografie“ zu benutzen. Als Jurist liegt dies vielleicht nahe, weil er im Strafgesetzbuch steht. Aber in vielen Bereichen Eures Podcasts habt Ihr ja auch eine sehr große Detailliebe, was ich toll finde. Der Begriff mag für Betroffene sehr verstörend wirken, da er die schwere Straftat, die da abgebildet ist, verharmlost und durch den Wortteil „-pornografie“ eine Täterperspektive einnimmt (durch die Inhalte erregt zu werden). Der Begriff Missbrauchsdarstellungen (z.B.) wäre genauer und richtig.

Ich bin überhaupt nicht der Mensch, der überkritisch Gespräche analysiert oder rezensiert und ich schreibe hiermit überhaupt erst zum zweiten Mal in meinem Leben eine kritische Rückmeldung. Ich finde Euren Podcast grundsätzlich sehr gut und höre ihn gerne, aber ich glaube, Ihr könntet wirklich noch ein bisschen nachschärfen bei Eurem Wissen und Eurer Kommunikation rund um das Thema sexuelle Gewalt. Ihr habt eine enorme Reichweite (wohlverdient!) und damit auch viel Verantwortung. Viele der Zuhörenden werden leider selbst sexuelle Gewalt erlebt haben. Und mit Eurer Kommunikation tragt Ihr selbst zu einer Gesellschaft bei, die diese verharmlost. Das hilft Menschen, die auf diese Weise straffällig werden, und das schadet Opfern. Und diese Verharmlosung von sexueller Gewalt in unserer Gesellschaft ist auch einer der Gründe, warum nicht effektiv dagegen vorgegangen wird.

Ich hoffe sehr, dass durch meine Kritik nicht bei Euch eine „Mauer hoch geht“, sondern sich eher ein Tor der Bereitschaft öffnet, in diesem Bereich mehr zu lernen, Euch weiterzuentwickeln und achtsamer zu kommunizieren - einfach, weil dies ein Themengebiet ist, dass für unglaublich viele Menschen traumatisch ist.

Vielen Dank.

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Ich bin ganz deiner Meinung! Ich möchte auch noch Hinzufügen dass das Wort Pornografie ja auch beinhaltet, dass alle Beteiligten im Einvernehmen handeln. Das ist natürlich bei Missbrauch von Kindern nicht der Fall! Dadurch wird die Straftat verharmlost, aber gleichzeitig auch Pornografie an sich in die Nähe von Straftaten gestellt. Ich finde, das lässt die Grenzen zwischen einvernehmlichem Sex und Übergriffen verschwimmen.

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Danke für diesen Beitrag @lage-die du sprichst mir aus der Seele! Ich hatte bei dieser Folge ebenfalls ein Störgefühl an den genannten Stellen, konnte es aber nicht so genau benennen. Danke, dass du es so differenziert ausgedrückt hast.

Ich wünschen mir beim Thema sexualisierte Gewalt ebenfalls eine bedachtere Wortwahl @vieuxrenard Ich denke, das kriegt ihr hin!