Klimaschutz und Wirtschaft

Ich habe Schwierigkeiten, folgende Argumentation diverser Entscheidungsträger zu verstehen. Kann jemand hier mir diese Gedankengänge erklären?

Und zwar geht es um die Themen Klimaschutz und Wirtschaft. Es wird immer wieder das Argument gebracht (beispielsweise von Friedrich Merz): „Klimaschutz ist natürlich voll wichtig, aber erst einmal müssen wir die Wirtschaft ankurbeln. Da muss das Klima halt erst mal warten“. Es wird also suggeriert, dass diese beiden Themen nichts miteinander zu tun haben und sich vielleicht sogar gegenüberstehen: Klimaschutz verhindert Wirtschaftswachstum.

Wenn ich aber versuche mir eine Fabrikhalle vorzustellen, in der bei 40 Grad Celsius knietief Wasser steht, dann kann ich mir nicht noch zusätzlich vorstellen, dass sie mordsmäßig Umsatz generiert. Ich halte diesen Gedankengang für einen absoluten Nobrainer.

Und auch, wenn man die Temperatur und die Wirtschaftsleistung der Länder gegeneinander darstellt, ist es offensichtlich (https://engnovatewebsitestorage.blob.core.windows.net/ielts-writing-task-1-images/b49acc73192c83c1; aus Understanding the Relationship Between GDP per Capita and Average Temperature (User-Written IELTS Writing Task 1 Topic) ; eine schönere Seite habe ich leider auf Anhieb nicht gefunden).

Eloquenter als ich hat das die Journalistin Frau Büüsker in ihrem vergangenen Üüberblick ausgedrückt: Klimafrust und wie wir ihn überwinden - der üüberblick

Und unter https://temperaturverlauf.pythonanywhere.com kann man sich anschauen, dass eigentlich hektisches Handeln angebracht wäre.

Wieso ist es also eine absolut gebräuchliche Argumentation zu sagen „Klimaschutz ist zu teuer, den können oder wollen wir uns nicht leisten“, obwohl das objektiv betrachtet eben nicht so ist? Und das sagt auch die Wissenschaft (mal exemplarisch Klimaschutz kostet - zu wenig Klimaschutz kostet mehr | tagesschau.de , Klimawandel: Jeder zweite Erwerbstätige weltweit leidet unter Hitze | DIE ZEIT und Studie von Ökonomin Claudia Kemfert: Klimaschutz zahlt sich richtig aus | taz.de)

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Wir könnten dazu den Bundeskanzler fragen.

Merz erinnerte daran, dass Deutschland etwa ein Prozent der Weltbevölkerung ausmache und zwei Prozent des Problems darstelle, was Kohlendioxidemissionen betrifft. „Selbst wenn wir alle zusammen morgen am Tag klimaneutral wären in Deutschland, würde keine einzige Naturkatastrophe auf der Welt weniger geschehen, würde kein einziger Waldbrand weniger geschehen, würde keine einzige Überschwemmung in Texas weniger geschehen. Wenn wir hier gemeinsam etwas erreichen wollen, dann müssen wir es gemeinsam und international tun“, betonte der Kanzler.
Deutscher Bundestag - Merz: Deutschland steht zu den vereinbarten Klimazielen

„Es nützt überhaupt nichts, wenn wir allein in Deutschland klimaneutral werden“, sagte Merz bei seiner Sommerpressekonferenz in Berlin. „Selbst wenn wir es heute am Tag wären, würde sich morgen auf der Welt nichts ändern.“
Der Tag: Merz wiederholt umstrittene Aussage zu Deutschland und Klimawandel - ntv.de

Die Welt ist so groß und Deutschland so klein. Das ist einfach nichts, womit man beim Wähler punkten kann. Sehr wohl aber wird er merken, wenn das BIP oder die Steuereinnahmen nicht den Erwartungen entsprechen.

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Ich habe zwar keinen Beleg dafür gefunden, aber im Wahlkampf hat er das exakte Gegenteil behauptet: Dass er dieses Argument zwar schon öfter gehört hat, es sich aber ausdrücklich nicht zu Eigen macht.

Außerdem halte ich es hier mit einem Ausspruch von Walter Scheel: „Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.“

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Hier ist übrigens eine Gegenüberstellung seiner Aussagen vor und nach der Wahl zum Anteil Deutschlands an der Klimakrise: https://youtube.com/shorts/2Bq48j8EqeU?si=kw4Zo3ssJaw3icn5

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Ich habe schon öfter hier im Forum die These vertreten, dass Ökologie die Ökonomie der Zukunft ist. Ob wir nun einen großen Einfluss aufs Klima haben ist dafür irrelevant, wir sind die dritt größte Volkswirtschaft und das soll für den Kanzler wahrscheinlich auch so bleiben. Deshalb frage ich mich wieso man sich diesem Markt so verschließt.
Betrachtet man rein den Aspekt des Weltklimas werden wir in Deutschland nicht viel reißen können, aber man kann ja auch Exportieren und zusätzlich machen erneuerbare Energien perspektivisch auch die Energiekosten günstiger was auch wieder unserer Wirtschaft zugute kommt.
Zuletzt noch meine ganz persönliche Meinung zum Kanzler: wieso versteht der Herr Merz beim Weltklima, dass große Verursacher auch eine große Verantwortung tragen, bei Themen die er aber direkt beeinflussen kann nicht? Gleiches sollte doch hinsichtlich Steuergerechtigkeit auch gelten. Oder beim Haushalt, wieso 100.000.000€ Euro beim Bürgergeld sparen wenn man auch 200.000.000.000€ mit weniger Aufwand bei Steuerhinterziehungen einnehmen könnte.

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Ich habe immer mehr Probleme, die Worte “Wirtschaftskompetenz” und “Unionsparteien” in Verbindung zu bringen.

Jüngstes Beispiel ist das Aus des Verbrenner-Aus: Ich denke nicht, dass das der deutschen Autoindustrie dauerhaft helfen wird. Sie werden halt 1 Jahr nach allen anderen fertig und wundern sich, wo alle sind. Sind sie vielleicht die Punkte am Horizont?

Die Solarbranche wurde zwar in Deutschland aufgebaut, dann aber von Herrn Altmeier (CDU) erfolgreich verscheucht.

Etc.

Mir drängt sich der Verdacht auf: Die Wirtschaftskompetenz bezieht sich lediglich auf ‘genau jetzt gerade”, aber nicht auf die Zukunft. Und sie bezieht sich auch nicht auf die Wirtschaft (was ja wir alle sind), sondern lediglich auf eine Hand voll Unternehmen.

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Naja, jetzt wird doch alles gut. :wink::zany_face:

Im Grunde ist es ganz einfach:

Die Gas-Lobbyistin Katherina Reiche führt jetzt das energiepolitische Zepter.

Auch der Altmaier-Knick war schon ein Vorgehen, um fossile Altindustrien zu schützen.

Sehr sehenswert ist noch dieser aktuelle Überblick von Professor Max Fichtner:

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Hier nochmal dieses Thema aus einer kabarettistischen Perspektive. Union unter Strom

Wobei ich immer noch eine Erklärung für dieses irrationale Verhalten suche.

Wenn ich die neuen und die bereits bekannten Argumente ansehe, wächst in mir die Frage heran, was genau den Ruf der besonderen Kompetenz der Unionsparteien in Wirtschaftsfragen bewirkt hat.

Weiss das hier jemand?

Du stellst ja Fragen… :wink:

Ich versuche halt, mich dem rational zu nähern (so bin ich halt). Und es gelingt mir eben nicht.

Oder gibt es hier keinen rationalen Grund? Kann man lediglich “Menschen sind halt so” anführen? Ist die Antwort auf “WARUUUM?” einfach “Psychologie halt”?

Es wird seit Jahrzehnten von der CxU öffentlich postuliert und von der Presse ständig so ohne Einordnung wiedergegeben. Irgendwann schleift sich das eben ein bei allen, wenn man damit aufwächst.

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Es gibt also einfach keine rationalen Argumente, nur psychologische.

Sie haben diesen Ruf, weil sie halt diesen Ruf haben. Punkt. Genau wie It-Girls. Die sind dafür berühmt, dass sie halt berühmt sind.

Gibt es eigentlich irgendeinen Weg, einen Zugang zur Realität zu schaffen, oder ist diese Meinung des Wahlvolks komplett immunisierend, so dass dieser Teil der Realität erst gar keinen Zugang zur Gedankenwelt bekommt?

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Naja, Wahlentscheidungen laufen selten auf rationaler Ebene ab.

Das Verbrenner-Aus hat man sich nicht selbst ausgedacht. Es ist auf Lobbyismus zurückzuführen und die Industrie wird schon wissen, für was sie ihrer Lobby soviel Kohle zuschiebt.
Ich kann die Meinung das Verbrenneraus würde nur kurzfristig helfen gewissermaßen nachvollziehen. Im Zweifelsfall traue ich dem 60h arbeitenden VW Manager mit Zugang zu allen Kennziffern, dann aber doch mehr strategische Kompetenz zu, als der ideologischen Lagemeinung von der Seitenlinie.

Hier wird ja hinterfragt, warum die Union als wirtschaftskompetent angesehen wird. Genau deshalb. Weil sie mit der Wirtschaft vernetzt ist und daher wirtschaftsfreundliche Politik macht. Hier wird suggeriert Wirtschaftspolitik könne nur kompetent sein, wenn sie grün ist. So funktioniert aber das BIP nicht und Klimawandel ist eben leider nur eine von vielen Baustellen. Auch soziale Themen sind letztlich auf sprudelnde Steuereinnahmen angewiesen. Vom Boom durch grünes Wachstum habe ich leider bisher wenig gesehen.

Ich bin kein Fan der Union, wir müssen aber wieder ins Handeln kommen. Das traue ich denen aktuell auf jeden Fall mehr zu, als z.B. der SPD oder den Linken. Da wird im Zweifelsfall alles zerredet und am Ende des Tages passiert nichts weil man Migräne hat. Wer es nicht hinbekommt die Stromversorgung zu gewährleisten, sollte sich nicht in Diskussionen verlieren, ob Herrentoiletten mehr Menstruationsartikel benötigen. Der Staat muss in seinen Kernaufgaben liefern damit ihm der Bürger vertraut. Wenn die etablierten Parteien nicht liefern, fürchte ich, dass Deutschland mit der nächsten Bundestagswahl ähnlich regierungsunfähig wie Frankreich wird.

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Bei Berufspolitikern wird immer gelästert das wären Fachidioten ohne Bezug zur Praxis. Wenn dann aber jemand mit Praxiserfahrung in Energieunternehmen „das energiepolitische Zepter führt“, wird sie nicht ernst genommen, weil sie Lobbyistin sei.

Ich hoffe, dass sie ihre Kompetenz bzgl. Gasversorger nutzt, um die Energietransformation möglichst wirtschaftsfreundlich zu gestalten. Dazu gehört eben nicht nur der besonders schnelle Umstieg, sondern auch Themen wie Versogungssicherheit und soziale Verträglichkeit. Wenn Gas wegen CO2 Steuer und Netzentgelte - wie von der Lage prognostiziert - bis 2030 wirklich doppelt so teuer wird, trifft das im Zweifelsfall nämlich nicht den Akku Doktor vom Frauenhofer Institut (vor allem der profitiert von Pv freundlicher Politik), sondern den Bürgergeldempfänger im Mietshaus.

Gerade bei einem Altherrenverein wie der Union, muss die Frau doch wirklich was auf dem Kasten haben, um überhaupt so hoch zu kommen.
Ich finde wir sollten Erfahrung aus der Wirtschaft nicht so negativ sehen und sie an ihren Ergebnissen messen. Nach nicht mal einem Jahr im Amt zu urteilen Frau Reiche hänge am Geldtropf der Lobbies, finde ich respektlos.

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Ich nicht. Der denkt genauso kurzfristig wie ein Politiker, der nur zur nächsten Wahl denkt. Der hat kurzfristige Ziele, die will er erreichen und wenn er die erreicht hat, streicht er seine Provision ein. Und sollte er das Unternehmen dabei gegen die Wand fahren, ist er der erste, der es weiß und der erste, der sich um seine berufliche Zukunft kümmern wird.
Hohe Managergehälter werden immer damit begründet, dass das eben nicht jeder kann. Und damit ist auch klar, dass sich ein Manager nie Sorgen machen muss, auf dem Arbeitsmarkt gäbe es nichts für ihn.
Dazu kommt:

Vielleicht ist das ja das eigentliche Problem der deutschen Wirtschaft: dass ihre Spitzen nicht durch Kompetenz, sondern durch Cousinenbesuch ausgewählt werden.
Prüfers Kolumne: Die deutsche Elite bleibt unter sich

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Wer wissenschaftliche Gutachten verfremdet und zusätzlich mutwillig fehlinterpretiert (s. o.), um eine bestimmte Politik damit pseudozulegitimieren, ist erwiesenermaßen unseriös.

Wer an teurer und klimaschädlicher Energieerzeugung zu lange festhält und die Transformation ausbremst, handelt kontraproduktiv und volkswirtschaftlich schädlich.

Wer kein Konzept zur sozialverträglichen Umverteilung (z. B. Klimageld) vorlegt, agiert nicht im Sinne der Bedürftigen.

Seriöse unabhängige Experten sind sich einig, dass Reiche gerade die Energiewende sabotiert.

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Das ist mir zu billig. Die meisten Manager bleiben durchaus länger im Unternehmen und müssen sich nicht zur Wahl stellen. Klar mag es schwarze Schafe geben, aber das wäre dann sicher kein rein deutsches Problem. Woanders, mit anderen politischen Rahmenbedingungen, wächst die Wirtschaft ja auch.