Wenn man dann wieder an die Erklärung eines führenden CDU-Politikers zum Thema Co2 und Treibhaus-Effekt vor einer Schulklasse denkt …
Ihr Handeln seit Amtseinführung lässt für meine Begriffe jedenfalls nicht darauf schließen, dass sie die hellste Glühbirne im Kronleuchter des Bundeskabinetts ist. Die Dame ist mit Sicherheit nicht dumm, aber ich würde ihr auch keine politische oder intellektuelle Brillanz unterstellen. Dafür sind ihre Vorstöße dann doch zu plump. Beispielsweise ist sie offenbar angetreten, um Gaskraftwerken zu einer Rennaissance zu verhelfen. Schlussendlich darf sie dann wohl noch weniger Gaskraftwerke bauen, als noch unter dem grünen Wirtschaftsminister Habeck geplant war.
Einfältig vlt. nicht. Aber gefangen in ihrem “Weltbild”. Ich kenne Unionswähler, die sich nach Ausbruch des Irankrieges noch eine neue Gas Heizung eingebaut haben, in einem sowieso schon teilweise gedämmten Haus. Sie ist wie ein Großteil der Union im Kulturkampf gefangen. Transformation = grün = schlecht, teuer, Verbot, you name it… Folgekosten zählen für sie nicht, nur der aktuelle Preis. Ein System im großen und ganzen so weiter laufen zu lassen ist zudem die einfachste Form des Regierens. Keine Widerstand. Kein Gehirnschmalz für neue Ideen. Kein Risiko (vermeintlich). Der Iran Krieg hat ihr sicher in Teilen einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Wir kommen aber nicht umhin, auf ihre Argumente einzugehen:
Zur Faktenlage: Deutschland hat einen Gesamtenergiebedarf von 2.900 Terawattstunden für Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse.
Ein knappes Sechstel entfällt auf Strom, mehr als die Hälfte davon kommt aus erneuerbaren Energien. Der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch lag 2025 aber gerade einmal bei knapp einem Fünftel.
Tatsächlich liegt der Anteil der erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch für Wärme in Deutschland bei gerade mal 20%. Wärme (Raumwärme, Warmwasser, Prozesswärme) macht mehr als die Hälfte des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland aus, sodass der vergleichsweise niedrige Erneuerbaren-Anteil hier zentral für die Energiewende ist.
Das muss aber nicht so sein: In der EU liegt der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch für Wärme und Kälte derzeit bei knapp 30%. Spitzenreiter bei sind u. a. Schweden (2023: 67,1 %), Estland (66,7 %) und Lettland (61,4 %) - allesamt Länder, die im Winter kältere Temperaturen haben!
Aber wer das Gebäudeenergiegesetz mit Kampagnen torpediert und dann abschafft (einschl. des Ölheizungsverbot, das der CDU-Minister Altmeier mal eingeführt hatte), darf jetzt nicht Krokodilstränen weinen …
Außerdem das, was @thunfischtoast sagt.
Im Ergebnis bejammert die Ministerin, das, was sie selbst und ihre Partei durch deren Politik der letzten Jahrzehnten zu verantworten haben. Verlogen!
In zehn Jahren werden wir zurückschauen …
Da wird eine Ministerin, die Lobby-Interessen verfolgt, in dem sie den Ausbau der Erneuerbaren massiv ausbremst, längst vergessen sein.
Schweden ist ein denkbar schlechtes Beispiel, denn Verbrennung von Biomasse (“Biofuels”), in Schweden vor allem Nebenprodukte der Holzindustrie, ist zentral für die schwedische Energieerzeugung (noch stärker für Wärme) und wird als erneuerbare Energie gezählt. Ich bin mir aber sehr sicher, dass Holzverbrennung in vergleichbarem Ausmaß skaliert auf Deutschland weder möglich noch gewünscht ist.
Die schwedische Energiebehörde bietet viele Daten, ich habe ein Beispiel oben erstellt. Zur eigenen Forschung:
So hat halt jedes Land seine Stärken und Schwächen. Dafür kann Deutschland auf viel mehr Fläche, mehr Sonneneinstrahlung und insgesamt mehr Skaleneffekte setzen. Entscheidendes Problem ist einfach, dass die meisten (Unions-)Regierungen dieses Jahrhunderts nicht mit der gebotenen Entschiedenheit die nötigen Schritte bei Erneuerbaren und Netzausbau gehen wollten und wollen, rein populistische, kurzfristige wünsch dir was Energiepolitik gemacht haben und jetzt so getan wird, als wäre nicht mehr möglich, als müsste man stattdessen weiter Milliarden in Vergangenheitsstrukturen und -Industrien versenken.
Kleiner Nebenaspekt: die PR-Agentur die auch für Reiche arbeitet, FSG, hat mit der Fossil-Lobby-Klitsche KKR grade einen neuen Hauptanteilseigner gewonnen. Passt ja gut zur Fossil-Propaganda von Springer, wo KKR auch erhebliche Anteile hält. Nicht direkt Korruption, aber bemerkenswert inzestuöse Verhältnisse Finanzinvestor: KKR kauft für 775 Millionen Dollar Mehrheit an Beratung FGS Global
Schaut man sich die Rangliste der europäischen Länder bereinigt um Biomasse an, so ist die Reihenfolge:
Island ist mit 90-100% klar Spitzenreiter und nutzt fast ausschließlich Geothermie,
Norwegen ist mit 60-70% stark elektrifiziert
Dänemark liegt bei 50-60% mit riesigem Fernwärmenetz und Geothermie/Solartermie
Niederlande liegen bei 20-30% mit Wärmepumpe und Geothermie (historisch sehr Gaslastig, aber sehr schnell in der Transformation)
Frankreich liegen bei 25-35% (wenn man Kernenergie als klimaneutral sieht) mit einem großen Anteil an Elektroheizungen und Wärmepumpen
Deutschland ist bei 15-20% mit einem stark wachsenden Wärmepumpen-Markt und Fernwärmenetz
Länder wie Schweden, Finnland, Estland und Lettland fallen dann stark zurück da diese viel auf Biomasse setzen. Schweden und Finnland sind durch die starke Holznutzung allerdings nahezu unabhängig und können ihren Eigenbedarf sehr gut decken. Das funktioniert natürlich nur, solange ausreichend Biomasse verfügbar ist.
Um ganz Europa so mit Biomasse zu versorgen, wie Schweden und Finnland das tun können, wären ca. 3 Milliarden Kubikmeter Holz pro Jahr nötig. Das ist ungefähr das 3-fache des heutigen nachhaltigen jährlichen Waldzuwachses in der EU.
Auch auf Deutschland beschränkt würde das Modell nicht funktionieren können. Man würde dazu das fast 10-fache an Holzeinschlag oder gut 8-fache an Fläche für den Holzanbau benötigen.
In unserer Region wäre das überhaupt nicht rentabel oder sinnvoll, da Solar-PV auf Freifläche ungefähr die 50 bis 80-fache Energie im Jahr liefert gegenüber Wald. Pro qm Wald stehen pro Jahr ca. 1,6 kWh an Energie zur Verfügung, pro qm PV-Freifläche etwa 100 kWh! Bricht man das nochmal auf den Anteil der nutzbaren Wärme herunter, werden die Verhältnisse noch deutlicher, da der Wirkungsgrad eines Holzkessels so schlecht ist.
Malte Kreutzfeldt hat sich die Mühe gemacht, Reiches Artikel mal durchzugehen.
Als Text auch hier veröffentlicht: Faktencheck: Wie die Wirtschaftsministerin die Energiewende schlechtrechnet • Table.Briefings
Zusammenfassend:
- Die These von den explodierenden Strompreisen ist eine - mindestens - irreführende Charakterisierung, da die Strompreise für Privathaushalte im Verlauf der letzten Dekade grade um 25% gestiegen sind, für kleine und mittlere Industriebetriebe liegen die Preise aktuell nahe an einem 10-Jahres-Tief (wobei das Zwischenhoch nicht mit der Energiewende, sondern mit den Gasabhängigkeiten von Russland zusammenhing)
- Die Aussage zum Anteil der EE am Gesamtenergieverbrauch ist in mehrfacher Hinsicht problematisch, angefangen damit dass 20,8% nicht ein knappes, sondern ein gutes Fünftel ist, Wichtiger ist aber, dass der Primärenergiebedarf die falsche Bezugsgröße ist, weil darin auch die gesamte Energie berücksichtigt wird, die als Abwärme verloren geht (was aber ja annähernd nur durch fossile Energieproduktion in Kraftwerken und Verbrennern der Fall ist, weswegen diese Energie auch nicht durch EE ersetzt werden müsste)
- Die bessere Bezugsgröße wäre die tatsächlich benötigte Energie (Nutzenergie), da bleibt immer noch mehr als eine Verdopplung der Produktion erforderlich, aber keine verfünffachung.
- Und so wird noch eine längere Liste an weiteren unsauberen, bewusst missverständlichen Aussagen aufgelistet und erläutert.
Es bestätigt sich das Bild, das man von Reiche von Anfang an haben musste. Kein aufrichtiges Interesse an einer zukunftssicheren, klimaneutralen Energieproduktion in Deutschland. Kein Interesse an einer sachlich richtigen, aufrichtigen Diskussion.
Ins gleiche Horn stößt nun auch der Koalitionspartner in Person der energiepolitischen Sprecherin der SPD, die ergänzend auf eine Reihe von Maßnahmen hinweist, die längst in der Koalition geeinigt seien und von der Minsterin nicht umgesetzt würden.
Sieht so aus, als würde auch der “Frühling der Reformen” in einem ähnlichen Unwetter aus Lügen, Halbwahrheiten, Böswilligkwiten, Misstrauen und viel wortreicher Untätigkeit frühzeitig enden
nicht überraschend, trotzdem jedes Mal wieder enttäuschend.
Empfehlenswerter F.A.Z. Beitrag: Was Ministerin Reiche unterschlägt, verschweigt und unterlässt
Auch aus der FAZ der sicherste Hinweis, dass die Ministerin auf einem völlig falschen Kurs ist: “Lob für Reiche vom Gasverband” das kommentiert sich ja selbst.
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