Ich fand diesen Beitrag in der FAZ großartig.
Der Autor schreibt über den Besuch der Bar-Mizwa des Sohnes seines Freundes Benjamin. Er schreibt über seine eigene Familiengeschichte und schuld als Nachkomme eines Wehrmachtsoffiziers. Und er schreibt über die Haltung des Kantors und seines Freundes Benjamin zum heutigen Israel und der deutschen Verantwortung.
Den Kantor zitiert er so, dass dieser Israel wegen des umfangreichen Rassismus gegenüber Arabern verlassen habe.
Es gebe in Israel eine Atmosphäre des Nationalismus und des Rassismus, sagt der Kantor und erzählt von seinem früheren Leben in Tel Aviv. „In unserem Viertel hatte jemand Plakate aufgehängt mit der Forderung, dass Juden nur Juden heiraten sollten.“ Er habe diese Plakate als anstößig empfunden. „Deutschland den Deutschen klingt doch auch wirklich übel, nicht wahr?“
Und angesprochen auf die Siedlungspolitik Israels heißt es:
Meine zurückhaltende Antwort, dass mir dazu kein Urteil zustehe, stößt auf Benjamins Missbilligung. „Viele Deutsche sind großartig darin, genau die falschen Lehren aus dem Holocaust zu ziehen – jene, die für euch am bequemsten sind und die euch nichts kosten. ‚Nie wieder‘ bedeutet nicht, dass man dagegen ist, dass 1943 Juden aus Breslau deportiert wurden. Es ist leicht, gegen etwas zu sein, was vor achtzig Jahren geschehen ist. ‚Nie wieder‘ muss heute gelten, wenn es etwas bedeuten soll.“
Ich werde meinem Vorsatz der politischen Enthaltsamkeit untreu und wende ein, man könne doch den Terror der Hamas nicht einfach ausblenden. Benjamin scheint auf eine solche Antwort nur gewartet zu haben: „Das Erste, was euch Deutschen einfällt, wenn man als Jude auf Verbrechen Israels hinweist, ist die Frage, ob man auch den Terror der Hamas verurteile.“ Natürlich verurteile er den. „Aber wer fünfzig Jahre lang zwei Schachteln Zigaretten am Tag raucht, sollte sich nicht über eine Krebsdiagnose beklagen. Es geht hier auch um Ursachen und Symptome.“ […]
„Die Verteidiger dieser Politik erinnern mich an Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, der noch für die übelsten Verbrechen des Stalinismus eine ideologische Rechtfertigung fand. Aber wer solche Untaten nicht ablehnt, ganz egal von und an wem sie begangen werden, dessen Gerede von ‚Nie wieder‘ ist nichts wert.“
Und weiter heißt es
Für ihn, sagt Benjamin, sei das heutige Israel eine solche Schande. „Aber wenn ich so etwas in Deutschland öffentlich sagen will, kommt sofort irgendein Florian oder eine Ingeborg und behauptet, das sei antisemitisch und dürfe nicht gesagt werden. Ich liebe es, als Jude von Deutschen des Antisemitismus bezichtigt zu werden“, spottet Benjamin, der gut Deutsch spricht und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.
Etwas ganz besonderes kommt gegen Ende
Benjamin, dem ich von mir und meinem Großvater [Anm: der Großvater des Autors war Wehrmachtsoffizier] oft erzählt habe, sagt: „Wenn du glaubst, wegen deiner Familiengeschichte schweigen oder Israel unterstützen zu müssen, hast du genau die falsche Lehre gezogen.“
Die deutschen Politiker sollten sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen.