Interessanterweise haben sich die Isländer gegen eine Wiederaufnahme der Gespräche zu einer EU-Mitgliedschaft entschieden (wenn auch relativ knapp).
Die globale Unsicherheit und wirtschaftliche Probleme Islands haben nicht dazu geführt, dass die EU attraktiv erscheint, sondern es haben sich wohl Sorgen bzgl Verlust von Souveränität (Insbs. bzgl Fischfang) durchgesetzt.
Ist das ein Verlust für die EU?
Wenn ja, was müsste man tun um attraktiver zu sein?
Hat jemand weitere Einblicke wieso die Entscheidung negativ ausfiel?
Ich lese zu dem Thema aktuell in sozialen Netzwerken, dass mal wieder die „konservativen“ und „rechten“ so viel Stimmung gegen den Beitritt gemacht haben und das Referendum gegen Beitrittsverhandlungen aus ging. Ich finde es falsch wieder diese Keule zu schwingen: „irgendwelche Leute haben Stimmung gegen das „beste“ politische und wirtschaftliche System der Welt gemacht und nur deshalb haben 52% der Isländer mit Nein gestimmt“ Finde ich einfach zu plump.
Wie gut kennen wir die Isländer? Wie gut kennen wir deren Gesellschaft? Deren Wirtschaft? Deren Kultur? Der Politik? Deren Probleme und deren Errungenschaften? Ich persönlich und ich schätze mal die meisten anderen nicht genug um das wirklich seriös einzuschätzen.
Es kann einfach sein, dass 52% der Isländer aus irgendwelchen Gründen gegen einen Beitritt sind. Egal wer wie stimmung gemacht hat. Es gab bestimmt auch parteien die für einen beitritt stimmung gemacht haben. Die EU mag aus demokratischen, wirtschaftlichen Gesichtspunkten für die aktuellen Mitglieder eine gute Idee sein (sehe ich genauso!), das muss aber nicht für bspw. Die Isländer, die Norweger, die Schweiz oder die Türkei gelten (in der Schweiz gab es auch schon mal ein Referendum). Und dabei sollte man es einfach belassen.
Sorry @Christian_B1 das soll deine Frage nicht delegitimieren. Ich wollte einfach mal meine Meinung zu dem Thema schreiben und dein thread hat gepasst. ich lese dazu leider zu oft, das Referendum ist aus x Gründen „gescheitert“ und die Isländer wurden einfach nur von den Rechten/konservativen „geblendet“. Man kann es auch einfach als demokratische Abstimmung sehen und das Ergebnis so stehen lassen wie es ist. Die Isländer sind damit keine EU Feinde oder antidemokraten.
Ich habe bei der Weltausstellung in Hannover die Isländer als sehr stolzes und sich seiner Größe und Besonderheiten sehr bewusstes Volk erlebt.
Ehrlich gesagt war ich überrascht über das Referendum und die richtige Aussage müsste sein:
Die globale Unsicherheit und wirtschaftliche Probleme Islands haben dann doch nicht dazu geführt, dass die EU attraktiv erscheint
Schwer zu sagen. Wir reden ja von einem sehr kleinen, wirtschaftlich aus Sicht der EU eher unbedeutendem Land. Auf der anderen Seite wäre es eine Stärkung der Region um Grönland gegen USA und Russland.
Wenn es nach mir ginge, würde ich sowieso aus EU-Sicht alle Beitritte aussetzen, bis die Einstimmigkeit abgeschafft wurde. Mit jedem neuen Beitritt wachsen die Stimmen, die für die Abschaffung gebraucht werden.
Einerseits wäre ein Interesse an der EU ein starkes Statement für die Attraktivität des Bündnisses gewesen. Andererseits sehe ich ebenso die Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung innerhalb der EU. Und ich fände es ehrlicherweise auch mal ganz gut neue Nettozahler aufzunehmen - sofern solche Interesse an einem Beitritt haben (Kanada geisterte die Tage mal durch die Presse).
Im DLF wurde in den Informationen am Abend berichtet, es sei für die Nein-Stimmen vor allem um den Schutz von Sonderrechten im Agrar- und Fischereibereich gegangen. Die Stimmen wären entsprechend ziemlich Stadt-Land verteilt gewesen.
Es ändert sich damit allerdings erstmal nichts am Status Quo, Island ist auch eher geostrategisch interessant gelegen als ökonomisch bedeutsam. Von daher weiß ich nicht, ob das Thema in sicher reichlich gefüllten Lage-Folgen der nächsten Wochen dringend besprochen werden müsste.
In einigen Podcasts kam auch durch, dass die Finanzierung - u.a. auch von OECD-Wahlbeobachtern - kritisch gesehen wurde. Gerade beim Nein-Lager wird davon ausgegangen, dass es da zu massivem ausländischen Einfluss kam, aber mangels Transparenz kann man nix genaueres sagen.
Die Werbung war jedenfalls alles andere als „gleichverteilt“ - ich weiß nicht mehr, in welchem Podcast es war, aber dort berichtete die Island-Korrespondentin davon, dass die Werbung für „Nein“ omnipräsent sei im Vergleich zur Werbung für „Ja“. Und machen wir uns nichts vor, bei so einem knappen Ausgang hat das durchaus einen Einfluss. Irgendwo muss das Geld für diese ganze Werbung hergekommen sein - dass auch Russland, die USA und möglicherweise gar China da investiert haben würde niemanden verwundern.
Es dürfte jedenfalls klar sein, dass alle Großmächte sich über das „Nein“ freuen.
Ansonsten kann man auch noch einen „Nein“-Voter zitieren, der sinngemäß sagte: „Wir sind schon in der NATO, wir haben schon Freihandel mit der EU, also warum sollen wir noch beitreten?“. Und da ist natürlich was dran - Island hat einfach schon jetzt, ohne offiziellen EU-Beitritt, nahezu alle Vorteile der EU-Mitgliedschaft, ohne viele der Nachteile im Hinblick auf die Souveränität. Insofern kann ich die Nein-Stimmen rein rational sogar verstehen - die Vorteile des Beitritts sind möglicherweise wegen dieser Sondersituation tatsächlich geringer als die Nachteile. Island ist einfach schon Teil des europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) und des Schengen-Raumes. Das gleiche gilt übrigens für Norwegen - auch die Norweger haben vor diesem Hintergrund wenig Gründe, der EU beizutreten. Wie Island ist auch Norwegen ein Gründungsmitglied der NATO, sodass, so lange die NATO besteht, die EU auch nicht als Verteidigungsgemeinschaft für notwendig erachtet wird.
Euro ist erstmal etwas weniger naheliegend, da selbst ein Beitritt zur EU ja noch lange nicht hieße, dass man den Euro als Währung annähme. Ich habe in einem Medienbericht vor dem Referendum zwar gehört, dass die Kosten des Unterhaltens einer eigenen Währung als Argument pro Beitrittsverhandlungen eine Rolle gespielt hätten, allerdings werden in den meisten Medienberichten Sicherheit und Fischereiwirtschaft als wichtigste Themen rund um das Referendum identifiziert. Hast Du andere Quellen?
Insgesamt sieht es nach einem Gewinn für die isländische Demokratie aus, da 80 Prozent Beteiligung und die Beilegung eines Streitthemas durchaus nicht zu verachten sind. Allerdings weckt das, was @Daniel_K schreibt, dann ein paar (Rest-)Zweifel. Die Tagesschau zitiert auch jemanden, der die Debatte als „aggressiv“ empfand, was aber noch sehr vage bleibt und nicht viele Schlüsse erlaubt.
Jetzt aufgrund des Votums in einem kleinen, sehr besonderen Land eine allgemeine EU-Debatte bezüglich der Attraktivität für neue Beitrittskandidaten aufzumachen, halte ich für völlig überzogen und unklug. Man sollte sich auf Reformen besinnen, die ohnehin sinnvoll sind (gibt sicher einige, der Draghi-Report fällt mir spontan ein). Zugleich wäre es sicher klug, Island zeitnah ein Sicherheitsabkommen zu unterbreiten (und, leider Gottes, die USA über dieses so weit wie möglich zu täuschen bzw. es zu verschleiern).
Sicherlich hat man sich auch und vor allem gegen die empfundene oder tatsächliche Brüssel Hegemonie entschieden. Die EU ist ein Gebilde, das kleinen Staaten zu wenig das Gefühl von Selbstwirksamkeit oder Eigenständigkeit geben kann. Das Subsidiaritätsprinzip fühlt sich dann oft nur wie eine Floskel an.
Ich habe Verständnis und Sympathie für die Entscheidung der Isländer*innen - und dennoch war es vermutlich die falsche in der heutigen Zeit.
Bemerkenswert finde ich ja, dass man sich hier grade nicht gegen etwas konkretes entschieden hat, sondern schon Verhandlungen abgelehnt hat, die am Ende ohnehin ein Referendum erfordert hätten. Dass man eine Verhandlung ablehnt, deren Ergebnis nicht bekannt ist, anstatt das Ergebnis abzuwarten und dann zu entscheiden, ist schon eine sehr spezielle Entscheidung, finde ich.
Die „Ja“-Kampagne hat vor allem auch mit dem Euro geworben (Senkung der Inflation). Dies deshalb, weil eine EU-Mitgliedschaft mit der Pflicht zum (möglicherweise zeitverzögerten) Euro-Eintritt verbunden (außer bei Ausnahmen wie Dänemark).
Offensichtlich hat dieses Argument auch nicht gezogen, daher ist meine Schlussfolgerung, dass sich mehrheitlich dagegen entschieden wurde.
Ach, spannend, das war mir nicht bewusst, da ja so viele Mitgliedstaaten (dann: noch) nicht den Euro eingeführt haben. Ergibt dann insgesamt Sinn und ein stimmiges Bild.
Das war mir bisher auch nicht bewusst, danke für den Hinweis. Ich habe mich mal auf Quellensuche begeben und es scheint sich zu bestätigen, dass mindestens eine starke Erwartungshaltung bezüglich eines Euro-Beitritts besteht.
All EU member states are in principle obliged to introduce the euro once they fulfil the convergence criteria. The only exception is Denmark, which has an ‚opt-out clause‘ in the EU treaties, exempting the country from the obligation to adopt the euro.
Denmark may, however, apply for euro area membership if it ever chooses to do so.
Es gibt allerdings keine Regeln, wie schnell ein Land den Euro einführen muss. Daher können Mitglieder den Prozess beliebig lang verzögern (Polen) oder sogar völlig stoppen wie bspw. Schweden mit seinem Referendum 2003.