Interview mit Putin

Für alle die auch das Interview Carlson / Putin suchen. here you go!

Ich würde tatsächlich empfehlen, das mal anzuschauen, denn man kann einiges dabei lernen:

  • Erstmal ist der Moment, wo Tucker Carlson erkennen muss, dass er jetzt die nächsten Stunden da sitzen und die ganze Putin-Geschichtsstunde anhören wird, schon sehr lustig.
  • Als Propaganda-Idee ist das Interview wahrscheinlich kein gutes Mittel gewesen. Putin kann das einfach nicht rüberbringen. Putins Ziel hätte sein müssen, sich als ernsthaften Verhandlungspartner zu präsentieren der ja eigentlich nur Ausgleich und Frieden will, stattdessen verfällt er wieder in seinen typischen Russland-Ukraine-Irredentismus, der selbst härteste Putin-Fans im Westen eher abschrecken dürfte.
  • Man erkennt sehr gut, warum Anfang 2022 die diplomatischen Bemühungen des Westens zum Scheitern verurteilt waren. Man kann mit Putin einfach nicht vernünftig reden.
  • Jedem der jetzt fordert, man müsse sich einfach nur mit Putin an einen Tisch sitzen und verhandeln, muss man eigentlich nur das Video vorspielen. Man wird erkennen, dass die Forderung absurd ist.
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Es gibt auf YT ein Video mit deutscher Übersetzung, das scheint allerdings aus AfD naher Quelle zu kommen, die Übersetzung - man hört russisch englisch und deutsch - scheint aber korrekt zu sein.

Ich bin ca 3/4 durch. Ein Faktencheck - soweit überhaupt möglich - wäre natürlich sehr interessant, aber
der würde auch als „SonderLage“ wahrscheinlich Stunden dauern.

Ich selbst war immer auf Seiten der Ukraine. Mit einem Punkt habe ich jedoch gewisse Schwierigkeiten und das nicht erst seit dem Interview jetzt und zwar, dass alle vom Überfall so überrascht waren. Wie kann das sein? Es gab seit Jahrzehnten wegen der Nato Ost Erweiterung Spannungen und seit 2014 Krieg. Wie können Politiker, Militär und Geheimdienste da im Februar 22 überrascht gewesen sein?

Weil niemand glaubte, dass Russland so einen massiven taktischen Fehler begehen würde.
Ich sagte vor dem Krieg auch immer, Russland könne unmöglich so - sorry - blöd sein, anzunehmen, dass sie die Ukraine einnehmen könnten - nicht, nachdem sich Russland ewig an Tschetschenien abgemüht hat. Alle Experten im Westen hatten die korrekte Einschätzung, dass ein Krieg in der Ukraine aus russischer Sicht irrational sei, weil der Preis an Menschenleben, aber auch an internationaler Isolation, einfach zu hoch sei.

Das Problem war nun, dass Putin und seine Berater aus irgendwelchen größenwahnsinnigen Gründen davon ausgingen, dass man ihnen in der Ukraine den roten Teppich ausrollen würde. Was daraus wurde konnte man sehr schön verfolgen. Und danach war Russland in der Situation, dass es den Krieg weiterführen musste, koste es, was es wolle, weil man keine Niederlage eingestehen kann (Putins Karriere wäre sonst eben sofort vorbei). Deshalb ist man nun bereit, einen mörderischen Blutzoll zu zahlen und die ganze russische Wirtschaft zu ruinieren, indem man auf Kriegswirtschaft umstellt (was kurzfristig zu tollen Kennzahlen führt, langfristig aber massiven Schaden hinterlassen wird!) und hofft, zumindest mit ein paar Fetzen Land aus der Sache zu gehen, damit man es noch irgendwie als Erfolg verkaufen kann.

Der Ukraine-Krieg wurde damals daher von allen Experten für unwahrscheinlich gehalten, weil er irrational war. Leider waren die russischen Entscheidungsträger aber eben extrem irrational.

Und die NATO-Osterweiterung ist unter Anderem eine Antwort auf das imperialistische russische Streben, das z.B. zum Georgien-Krieg geführt hat. Der größte Fehler war meiner Meinung nach daher eher, dass man die Ukraine nicht früher in die NATO aufgenommen oder zumindest formell unter den Schutz der NATO gestellt hat, denn dann hätte Russland sich diesen Angriffskrieg definitiv nicht getraut.

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Die 20 größten Fakes hat The Insider schonmal gelistet (leider nur auf russisch, aber mit diversen Übersetzungstools kommt man bestimmt auch gut weiter).

Insider ist eine russische Zeitung, die in Russland mittlerweile als „unerwünscht“ gilt. Die arbeiten gernr mit Bellingcat zusammen, sitzen mittlerweile in Riga und haben zur Aufklärung der Nawalny-Vergiftung beigetragen.

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Das stimmt in dieser Pauschalität m. E. nicht. Sicherlich haben nur die wenigsten so einen Totalangriff auf die Ukraine wirklich erwartet, einmal weil er für Putin eben ein größeres Risiko darstellt und einmal weil es ein Abweichen von seiner bisherigen Strategie war, die er in Moldau, Georgien, der Krim und im Donbas gefahren hat. Aber es gab viele Experten, Militärs und Politiker, die es für möglich gehalten haben und immer wieder davor gewarnt haben. Aber in Deutschland war man ja auch nach 2014 noch mehrheitlich der Meinung, dass Minsk II, Nordstream etc. super Ideen sind. Und im Winter 21/22 war mehreren Geheimdiensten ziemlich klar, dass Russland tatsächlich einen Angriff auf die Ukraine durchführen wird - es gab auch entsprechende Warnungen an die Ukraine und Vorbereitungen - der BND-Chef wurde hingegen 24.2.2022 in Kyjiw von dem Angriff überrascht…

Zur Rolle der NATO-Osterweiterung empfehle ich diesen Podcast mit der Historikern Mary Sarotte, die sich im Unterschied zu vielen selbsternannen Experten mal tatsächlich dazu geforscht hat und unzählige Akten ausgewertet hat. Das Gespräch ist eine gelungene Zusammenfassung ihres letzten Buches:

Noch kurz zum Thema Faktencheck: Wenn ich weiß, dass jemand notorisch lügt, brauche ich dann für jede seiner Äußerungen einen Faktencheck?

Sie und ich und andere wissen das schon, aber dennoch finde ich es sehr gut, wenn im Netz auch Faktenchecks kursieren, auf die man hinweisen kann. Sie können jetzt wieder antworten: „Die Verblendeten sind doch eh längst faktenresistent“ oder ähnliches, ich finde es dennoch wichtig, dass die andere Sicht der Dinge auch festgehalten wird.

In meinem Bekanntenkreis gibt es - wie wahrscheinlich überall - mittlerweile 2 Diskussionsstrategien:
Entweder jedes heiße Thema vermeiden und auf die (Rest-)Gemeinsamkeiten konzentrieren. Oder diskutieren, aber dann braucht es dazu auch Grundlagen.

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Ich fände es wesentlich sinnvoller, wenn nicht jede Aussage eines notorischen Lügners wie Putin - etwa in Nachrichten - so dargestellt würde, als handle es sich um ernst zu nehmende und diskussionswürdige Beiträge.
Ich habe nichts dagegen, dass Putins Lügen richtiggestellt werden, ich bezweifle nur, dass diejenigen, sie sich von seinen Talking Points angesprochen fühlen, große Energie (= Lesezeit) darauf verwenden, sich im Einzelnen mit der Überprüfung seiner Aussagen auseinanderzusetzen.