Also ich wollte zu dem Interview sagen, dass ich mich echt gefreut habe, dass ihr so differenziert über das Thema gesprochen habt und so tiefgründige Fragen gestellt und die Expertin wirklich objektiv über beide Seiten gesprochen hat.
Mein einziger Kritikpunkt betrifft, dass Ich finde, dass ein verzerrtes Bild entsteht, wenn man sagt, dass die Hamas die Zivilbevölkerung Israels beschieße und Israel lediglich Waffenarsenale und Tunnelsysteme zerstören wolle. Ich finde, es sollte mit erwähnt werden, dass Israel ebenfalls die Zivilbevölkerung bombardiert, u. A. Wohnviertel, medizinische Einrichtungen und Mediengebäude. Außerdem macht es einen Unterschied, dass Israel ein sehr effektives Raketenabwehrsystem hat, das 90 % der Raketen, die von der Hamas auf Israel geschossen werden, abfängt. Andersherum erreicht jede Bombe, die Israel über Gaza abwirft, ihr Ziel.
Das humanitäre Völkerrecht regelt diese Frage, aber die Auslegung von Art. 52 Abs. 2 des Ersten Zusatzprotokolls der Genfer Konvention ist keineswegs einfach.
Hierzu findet sich eine Erläuterung von Dörmann im Münchner Kommentar zu § 11 VStGB Rn 50, der auch viele Nachweise zum internationalen humanitären Völkerrecht enthält.
"Die Definition des „militärischen Ziels“ beruht auf einem zweitstufigen Test:
–Die Objekte müssen durch ihre Beschaffenheit, ihren Standort, ihre Zweckbestimmung oder ihre Verwendung wirksam zu militärischen Handlungen beitragen und
–ihre gänzliche oder teilweise Zerstörung, Inbesitznahme oder Neutralisierung muss unter den in dem betreffenden Zeitpunkt gegebenen Umständen einen eindeutigen militärischen Vorteil darstellen."
Das heißt bei einem nicht per definitionem militärischen Ziel muss begründet werden, warum es militärisch sein soll. Bei Wohnhäusern, Krankenhäusern oder Schulen spricht eine Vermutung für eine zivile Nutzung.
Es muss also bei einem solchen Ziel begründet werden, dass es aktuell militärischen Zwecken dient.
Einfach ist das wirklich nicht. Denn wenn ein Wohnhaus über einem Tunnel für den Waffenschmuggel steht, kann man sich schon fragen, ob das Haus militärischen Zwecken dient…
Wer hat denn gesagt, dass es einfach ist? Aber ich fürchte, den Leuten, die es sich einfach machen, und die sowieso behaupten, die israelische Armee zerstöre Häuser und töte Zivilist:innen aus Jux und Dollerei, werden auch diese Ausführungen egal sein, da die sich eh nicht davo überzeugen lassen werden, dass die Israelis ihre Ziele in Gaza mit Bedacht wählen.
Ähnliches an der Debatte über Antisemitismus im Kontext des Nahostkonflikts. Diejenigen, die behaupten jede „Israelkritik“ würde als Antisemitismus gebrandmarkt, sind diejenigen, die es sich einfach machen, weil sie sich nämlich nicht damit auseinandersetzen, was Antisemitismus ist, wo er auftritt, wie er funktioniert, wo Kritik am einzigen jüdischen Staat auf dieser Erde antisemitisch wird und wo sie es nicht ist, sondern weil sie diesen Vorwurf benutzen, um die Existenz von israelbezogenem Antisemitismus pauschal zurückzuweisen und de facto zu sagen: Wenn es um Israel geht, kann es ja kein Antisemitismus sein, denn das zu behaupten, sei nichts als Propaganda der israelischen Rechten und ihrer Helfershelfer. Der angebliche Vorwurf der Kollektivschuld dient also dazu, kollektive Unschuld zu behaupten. Einfacher geht’s nicht.
Habe gestern ein meiner Meinung nach sehr interessantes Interview (mit Omri Boehm zu Besuch bei Jung und Naiv) zum NahOstKonflikt geschaut: Wie ich finde einer der schlausten Beiträge, die ich seit langem dazu gehört habe.
Ich kannte Omri Boehm nicht. Es ist eine Bereicherung , den Konflikt aus der Sicht von einem Israelischen Philosophen zu verstehen. Er scheint einen sehr mutigen mann zu sein. Vielen Dank für den Tipp!
Ich fand das Interview auch ganz interessant, nur etwas langatmig (wie manchmal bei Thilo Jung - da würde ich mir anders als bei der Lage wirklich manchmal eine Kurzfassung wünschen). Letztlich fasst er die Kritik der israelischen Linken gut zusammen, etwa in der Analyse, warum die Zwei-Staaten-Lösung komplett unrealistisch geworden ist. Aber dabei bleibt er dann halt leider auch stehen. Er nenn nicht wirklich Argumente dafür, warum die von ihm favorisierte Einstaatenlösung realistischer ist. Es mag ja nett klingen, dass Menschen nach jahrzehntelanger Feindschaft auf einmal friedlich zusammenleben und gemeinsam einen Staat organisieren, der demokratischer ist, als das heutige Israel, aber realistisch ist das nicht. Dazu reicht schon ein Blick auf Bosnien-Herzegovina, das viel bessere Voraussetzungen hatte und wo die am grünen Tisch beschlossene Struktur des Staates in der Realität trotzdem komplett gescheitert ist.
Aber warum denkst Du, @Lua, dass Boehm mutig sein muss?
Hallo Kai. Weil man vor allem in der akademischen Welt große Nachteile haben kann, wenn man sich kritisch gegenüber der israelischen Politik äußert. Hier ist ein aktuelles Beispiel von der University of Toronto:
Ich finde es interessant, wie unterschiedlich in den USA und Deutschland über die Folgen des Krieges berichtet wurde. Die New York Times hat beispielsweise auf ihrer Titelseite die Fotos der 67 verstorbenen, palästinensischen Kinder veröffentlicht (und die Fotos der 2 israelischen Kinder) und auch online dazu eine Spezialseite eingerichtet:
Das größte amerikanische Videospielforum, ResetEra, hat sogar ihr Logo mit den Farben der Flagge Palästinas ausgetauscht. Etwas das sie davor nur mit der Regenbogenflagge gemacht haben.
In Deutschland wurde vor allem das Selbstverteidigungsrecht Israels betont, sowie die Solidarität mit Israel. Die Schuld an der Eskalation und den verstorbenen Zivilisten in Gaza wurde einseitig der Hamas gegeben und danach sich nicht weiter mit den Opfern auf palästinensischer Seite befasst. Die Korrespondenten leben alle in Israel und konnten in ihren persönlichen Schilderungen nur davon berichten wie sie den Krieg erleben. Menschen, die in Gaza leben, kamen bei ARD und ZDF nicht ausführlich zu Wort.
Vor allem junge Menschen in den USA scheinen einen anderen Blick auf den Krieg zu haben und kritisieren die israelische Regierung deutlich schärfer als es hierzulande der Fall ist.
Natürlich gibt es überall auf der Welt Fälle, in denen Wissenschaftler:innen aus politischen Gründen einen Job nicht bekommen (wenn das denn in Toronto so war, was ich nicht weiß). Aber das dies grundsätzlich besonders in Bezug auf Israel der Fall ist, halte ich schon für eine unzulässige Verallgemeinerung und konkret bezogen auf die New School, an der Boehm arbeitet, ist dieses Argument einfach nur absurd.
A propos: Wenn man israelischer Staatsbürger ist, kann man auch große Nachteile in der akademischen Welt haben, zumindest wenn man an eine der zahlreichen Universitäten gerät, an denen BDS zum guten Ton gehört und wo daher Israelis - egal ob jüdisch oder arabisch, egal wo sie politisch stehen - „boykottiert“ werden.
Die Süddeutsche Zeitung eine deutsche New York Times zu nennen wäre wahrscheinlich auf vielen Ebenen falsch. Aber dennoch kann man ja vielleicht darauf hinweisen, dass der Israel-Korrespondent der SZ, Peter Münch, auf der prominenten „Seite 3“ am 26. Mai ausführlich über das Leid in Gaza berichtet hat. [1] Mit mehr Zeit und nicht so ad hoc ließen sich reihenweise andere Beispiele anführen. Die These jedenfalls, dass in deutschen Medien einseitig ein pro-israelisches Narrativ befördert würde, scheint mir doch äußerst fraglich.