interdisziplinäre Gesundheitsversorgung/ Physiotherapie in Deutschland

Hallo liebe Lage,

ich schreibe euch hier als ehemalige Physiotherapeutin, die sich frustriert vom System abgewandt hat.
Das Thema ist sehr komplex und hat viele Ebenen, die ich einmal hier versuche anzuschneiden.
Daher wird es trotzdem viel Text - ich hoffe, es erschlägt die Lesenden nicht allzu sehr. Ich freue mich, sollte Interesse bestehen und gehe bei Rückfragen gerne genauer darauf ein.

  • Prekäre Umstände:
    Nach meiner Ausbildung hatte ich das Glück, bei einer Therapeutin zu lernen und arbeiten, die in den USA studiert hat und unter anderem deshalb Unglaubliches bewirken konnte. Dort habe ich erlebt, wie sie, um gute Behandlungen zu gewährleisten, 10 Minuten pro Patientin zusätzlich „verschenkt“ hat, da von Kassen in den meisten Fällen nur 20 Minuten (oft viel zu kurz) bezahlt werden. Das bedeutete für mich bei Vollzeit dennoch 15 Patientinnen pro Tag, ohne Pausen dazwischen (abgesehen von einer Halben Stunde Mittags). Als Therapeut*in kann man oft nur dann gut verdienen, wenn man sich selbstständig macht. Die Ausbildung ist unbezahlt, Weiterbildungen sind nötig/ verpflichtend und selbst zu bezahlen & in der Freizeit zu absolvieren (je nach Praxis oder Klinik sind diese Umstände mal besser, mal schlechter). Dennoch entscheiden sich viele aus Leidenschaft, diesen Beruf weiterzumachen.

  • Kaum interdisziplinäre Einblicke/ Absprachen
    Viele dieser Menschen haben einen sehr breiten Blick auf den Menschen und können daher Krankheitsbilder ganzheitlicher behandeln, als Ärztinnen es können (gilt auch für andere Professionen wie etwa Hebammen). Das führte nach meiner Erfahrung auch dazu, dass Patientinnen Vertrauen in die Ärzt*innen verloren haben. Das ist mit Sicherheit einer der Gründe, warum sich viele Menschen alternativen, oft auch zweifelhaften Heilmethoden zuwenden. Es führt auch zu Frust bei den Physios, die oft einen besseren Einblick in einige Zusammenhänge haben, als z.B Orthopäden und dennoch abhängig sind von deren Rezepten. In England/ Skandinavien/ den USA wird der Physio-Bereich als ebenbürtig anerkannt, oftmals diagnostizieren sie selbst. Allerdings gibt es dort auch eine bessere Ausbildung. Und damit kommen wir zu meinem dritten Punkt:

  • unklare Ausbildungen/ fehlende Zertifizierung:
    Es gibt Physios, die unglaubliche Arbeit machen und damit sogar Menschen vor Operationen bewahren können (bei Bedarf kann ich gerne aus dem Nähkästchen plaudern). Es gibt aber auch solche, die bei jeder Person ein Programm abspulen und neben ein wenig Entspannung kaum Mehrwert generieren. Es gibt eine Vielzahl Weiterbildungen - eine klare Bewertung der Qualität eher nicht. So gibt es Menschen, die 2 Jahre Osteopathie lernen und solche, die 2 Wochen absolvieren - beide können danach Therapien anbieten (jetzt allerdings nur noch mit Heilpraktikerausbildung). Die Lösung der neuen Studiengänge verschafft kaum Besserung, da der Beruf nunmal sehr viel praktisches Wissen/ Gefühl und Erfahrung erfordert.

  • Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Erfassung:
    Noch ein Problem will ich anschneiden: Anders als bei Medikamenten oder künstlichen Gelenken ist eine Heilmethode aus diesem Bereich erstens nicht so lukrativ und auch schwerer zu erforschen. Es ist einfach schwer, bei der Physiotherapie einzelne Wirkmechanismen zu extrahieren, da soziale Interaktion, körperliche Wärme, Bewegung etc. meist zusammenkommen. Das führte z.B. dazu, dass Ärzt*innen eine Methode als Humbug abgetan haben, an welcher meine Chefin in den USA an erfolgreichen Forschungen beteiligt war.

  • Gesellschaftliche Aufarbeitung? Fehlanzeige
    All das findet in den Medien kaum statt. Ich habe die Vermutung, dass dieser Berufszweig in Deutschland gegenüber einer mächtigen Ärztelobby kaum Gehör findet. Auch leidet der Bereich unter einem klassistischen und sexistischen Problem: Der Beruf ist sehr weiblich geprägt und war lange ein Ausbildungsberuf - damit ernst genommen zu werden, ist schwierig.

Ich freue mich über eure Meinungen! Liebe Grüße

Da ich grade eine frischgebackene Physiotherapeutin hier zu Hause habe, die jetzt in einer Praxis für Kinderphysiotherapie arbeitet, kann ich einiges bestätigen.

Die Ausbildung ist weitgehend noch unbezahlt/nicht vergütet, einige Schulträger beginnen langsam, Vergütungen zu zahlen.

In NRW übernimmt die bisherigen Schulgebühren, die zusätzlich zu zahlen waren, das Land NRW.

Aber nur mit Kindergeld und Nebenjob muss man schon rechnen.

Fortbildungen zahlt man später selbst, das können mittlere vierstellige Summen sein, auch mehr.
Hier ein Tipp: die Agentur für Arbeit übernimmt je nach Voraussetzungen bis 100% der Kosten, wenn der Arbeitgeber das beantragt. Stichwort lebenslange Berufsberatung der AfA.

Das Arbeitsfeld ist vielfältig, von sportorientierten Tätigkeiten über Fließbandarbeit in Praxis, über neurologische Kliniken und Einrichtungen für Behinderte Menschen bis hin zu Kindern.
Je nachdem was man will.

Ja, Physiotherapeuten sind keine reinen Masseure (auch der Masseur und med. Bademeister ist sehr anspruchsvoll mit anderem Schwerpunkt); das enorme Fachwissen über den ganzen Körper über Krankheitsbilder bis hin zu Therapieansätzen wird oft übersehen, das es sich um höchst kompetente Therapeuten handelt.

Der Fachkräftemangel in der Physiotherapie ist sicherlich hausgemacht.
Als meine Tochter den Abschluss hatte, klingelten die ehemaligen Praktikumsgeber an der Tür, um sie anzuwerben.

Aber man muss wissen wohin man will und was einen erwartet.

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Ich bin da nicht überzeugt. In ein online-Portal würde man auch nicht alle freien Termine einstellen, allein schon um Puffer für unerwartet längere Termine oder Notfälle zu haben. Wer schnell einen Termin wollen würde, würde also zum Hörer greifen. Und sofern man kein Neukunde ist, wäre spätestens mit dem Namen auch die Versicherung klar. Und nicht fragen dürfen bedeutet ja nicht, dass es der andere dir nicht trotzdem sagt.
Meine Oma hat immer Mal wieder länger auf Termine warten müssen als ihre Freundinnen, weil sie nicht von sich aus darauf hinwies, dass sie privat versichert ist.