Es stimmt nicht, dass in keinster Weise darüber nachgedacht wird. Die Kommission setzt sich damit in ihrem Bericht auseinander, empfiehlt aber keine Zusammenlegung der Kassen.
Die Verwaltungskosten sind relativ gering (4% der Ausgaben) und wachsen seit Jahren eher unterdurchschnittlich (geringer als die Ausgaben insgesamt, meist auch geringer als die Einnahmen). Die Kommission vergleicht das mit Österreich, wo eine Zusammenlegung zur Einheitskasse 2020 umgesetzt wurde. Seitdem sind die Verwaltungskosten in Österreich um 25% gestiegen, in der deutschen GKV jedoch nur um 7%.
Aus meiner Sicht macht man sich gemeinhin ein falsches Bild, wenn man die Zahl von knapp 100 Krankenkassen hört. Ein erheblicher Teil davon sind sehr kleine BKKen, die betriebsbezogen sind, also nur den Mitarbeitenden eines einzelnen Unternehmens offen stehen. Ca. 85% der Versicherten konzentrieren sich schon heute auf die TOP 20-Krankenkassen.
In vielen Bereichen sind die Aktivitäten der Kassen schon übergreifend - nicht jede Kasse kümmert sich einzeln um alles. Verträge mit Leistungserbringern, Vergütungsverhandlungen, Budgetverhandlungen mit Krankenhäusern, Zulassungen von Heilmittelerbringern - all das und vieles mehr läuft weitgehend über die Kassenverbände. Auch bei IT und Digitalisierung wurden Synergien schon weitgehend genutzt. Im Kernbereich - also der Verwaltung der Versicherten und ihrer Leistungen - gibt es heute nur noch drei große Systeme, die fast alle Kassen nutzen. Die Digitalisierungsmaßnahmen der letzten Jahre (wie eRezept und eAU) laufen stark über diese Systemhäuser.
Die wettbewerbliche Situation durch zahlreiche Krankenkassen führt gerade bei den Verwaltungskosten zu erheblichem Spardruck. Denn der Beitragssatz ist bei fast vollständig identischem Leistungskatalog der wichtigste Faktor bei der Kassenwahl. Bei Einnahmen und Leistungsausgaben hat eine Kasse kaum Spielraum, Vergütungen werden meist zentral festgelegt, Ansprüche sind gesetzlich geregelt. Wer es schafft, die gleiche Anzahl an Versicherten mit weniger Mitarbeitenden zu betreuen, kann sich damit die entscheidenden Vorteile beim Zusatzbeitrag verschaffen.
Heißt das, dass es keine Möglichkeiten zu Optimierung gibt? Natürlich nicht. Die gibt es in jeder Organisation und bei einigen Kassen sicher mehr als bei anderen. Der Konzentrationsprozess der Kassen läuft seit Jahrzehnten (in den 90er gab es noch über 1000 Kassen) und sollte unbedingt weitergehen. Kurzfristige Zwangsfusionierungen hätten aber vermutlich sehr wenig Einsparungen zur Folge, würden aber auf Jahre Ressourcen in der Umsetzung dieser Zusammenlegung binden, die dringend für Weiterentwicklungen des System, insbesondere für die Digitalisierung, gebraucht werden.
Im Ergebnis: BRAUCHEN wir 100 Kassen? Ganz sicher nicht! Aus historischen Gründen haben wir sie aber. Und radikale Zusammenlegungen (Einheitskasse) würden kurzfristig wenig Probleme lösen und viele verursachen.