Gasetagenheizungsersatz

  1. Der Bestand wird ja auch “zunächst bei Gas gelassen", denn die Bestandsheizungen können ja auch weiterlaufen. Aufgrund der langen Nutzungszyklen musste man nur vor 5-6 Jahren mal langsam gesetzlich regeln, dass bald keine neuen mehr eingebaut werden, damit Klimaziele irgendwie erreicht werden können. Kein Reduktionspfad ist realistisch, wenn 2030 noch in relevanter Zahl Gasheizungen eingebaut werden, die dann bis 2050 oder 2055 laufen, das ist doch wirklich offensichtlich, wenn die Reduktionspfade alle Klimaneutralität spätestens 2045 vorsehen.
  2. Wir werden auch 2045 noch einen riesigen Gebäudebestand haben, der ohne WP gebaut wurde und zu großen Teilen auch vor jeglichen Dämmvorgaben. Nur über den Neubau zu gehen, dauert viele Jahrzehnte zu lange.
  3. 105.000.000 t CO2eq pro Jahr ist keineswegs wenig, es geht hier um gute 30 % der Emissionen. Die kann man nicht einfach als geringes Einsparpotenzial abtun.
  4. Die Kosten sind zweifelsohne in einigen Fällen nicht ohne. Aber wenn man das mal mit den Betriebskosten auf den Lebenszyklus einer Heizung mit den steigenden Kosten von Gas vergleicht, sieht die Option, an Gas festzuhalten ganz schnell noch teurer aus. Der Fehlschluss bei Behauptungen zu CO2-Vermeidungskosten wie du sie aufstellst, liegt meist darin, dass sie einfach mit Extrapolation heutiger Kosten als Referenzwert den Vermeidungskosten gegenübergestellt werden. Es ist aber völlig illusorisch zu glauben, dass Gas 2035, 2040, 2045 ähnlich viel kostet wie heute.
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Bei Gas nicht definitiv gegeben.

Ich denke wir haben ein gleiches Verständnis von den Herausforderungen. Aber kommen zu komplett gegensätzlichen Schlüssen daraus. :smiley:

Erstmal ist das GEG ist die Fusion von eegwärme und EnEV gewesen. Die EnEV ist von 2002 und hat damals die Wärmeschutzverordnung von 1977 abgelöst. Was du forderst gab es also schon sehr lange. Nur eben zu lasch was den Bestand betrifft.

Das GEG gibt es nur wegen dem Klimaschutz. Wenn wir uns darum nicht kümmern müssten, bräuchte es diese Gesetze nicht. Deshalb habe ich das oben als Rahmen definiert. Also ist das die Basis und das Ziel. Der Gebäudebestand ist für 1/3 der Emissionen verantwortlich und davon das meiste für heizen. Somit kann man das nicht einfach weiter laufen lassen. Je später man die weichen hier stellt, umso teurer.

Ein einfach weiter so ohne im Gesetz Rahmen zu schaffen die zur Klimaneutralität führen braucht man also gar nicht diskutieren. Wann wollen wir denn anfangen mit der Sanierung? Die Handwerker werden nicht mehr. Wir hätten vor 25 Jahren schon strengere Vorgaben machen sollen wie in Skandinavien. Es weiter zu verschieben bringt nix. Wenn wir feststellen, dass wir Fachkräfte brauchen, dann müssen wir uns um Einwanderung kümmern, nicht die Ziele komplett verwerfen. Das ist ambitionslos und aus meiner Sicht eine Regierung nicht wert.

Neubau schafft zudem viel CO2 der in der Substanz gebunden ist. Sanierung spart also mehr als nur das CO2 aus dem Betrieb.

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Heizbedarf sind ca. 15 %. Da kannst du nicht den kompletten Gebäude Sektor nehmen.

Das Gas teuer wird senkt halt nicht die Oppertuntätskosten. Wann und wie sich Strom- und Gaspreise realistisch entkoppeln sollen. Das wird zwar politisch behauptet, ist technisch und ökonomisch aber nicht absehbar.

Der zusätzliche Strombedarf durch Elektrifizierung steht langfristig nicht aus erneuerbaren Energien zur Verfügung und wird im Zweifel durch Gaskraftwerke gedeckt. Damit verschiebt sich das CO₂Budget vom Gebäudesektor in die Stromerzeugung. Netto ergibt sich je nach Wirkungsgrad und KWK-Anteil allenfalls eine Effizienzverbesserung von etwa 20–30 %.

Die Annahme, Gas werde einfach teuer und Strom davon unabhängig günstiger, ist falsch. Gas setzt weiterhin häufig den Grenzpreis im Strommarkt. Steigende Gaspreise führen daher unmittelbar zu steigenden Strompreisen. Eine strukturelle Entkopplung ist weder technisch umgesetzt noch zeitlich absehbar.

Gleichzeitig entstehen massive Opportunitätskosten durch den politisch induzierten Umbau und Rückbau der Gasinfrastruktur. Diese Kosten verschwinden nicht, sondern werden letztlich vom Steuerzahler oder von verbleibenden Nutzern getragen. Letzters wird das Arme Drittel der Bevölkerung sein, was keine ausweichmöglichkeiten hat, also ist Steuer Finazierung wahrscheinlicher. * (Mutmaßungen)

Das eigentliche Problem ist nicht der politische Wille, Gas zu verteuern, sondern das Fehlen eines tragfähigen Alternativsystems, das langfristig günstiger oder zumindest kostenstabil ist. Die Einnahmen aus dem ETS werden das nicht kompensieren, während eine zentrale staatliche EEinnahmequelle Fossille Energie entfällt. Der Finanzierungsbedarf bleibt hoch, da Steuern nicht zweckgebunden sind.

Man kann diesen Umbau politisch wollen. Man darf aber nicht so tun, als sei er kostenneutral oder folgenlos. Ein früher Umstieg kann für Einzelne sinnvoll sein und kurzfristig Kostenvorteile bringen, funktioniert unter den aktuellen Rahmenbedingungen aber nicht als gesamtgesellschaftliches Modell. Das ist auch meine Kritik.

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Fair, Gebäudesektor ist nicht gleich Heizbedarf. Aber auch die 15 % sind noch gute 50 Mio. Tonnen pro Jahr. Insofern steht mein Argument diesbezüglich weiterhin.

Der Gaspreis für Haushalte ist systematisch ein völlig anderer als der für Kraftwerke (also Strom und Fernwärme): Bei der absehbaren Explosion der Gaspreise für Haushalte geht es ja “nur” zu einem kleinen Teil um den CO2-Zertifikatehandel. Das ist aber der einzige Teil, der in gleicher Weise Kraftwerke betrifft. Der weitaus größere Teil des Preisanstiegs liegt ja in den auf immer weniger Verbraucher umzulegenden Netzkosten und das betrifft Kraftwerke so gut wie gar nicht. Insofern ist selbst unter der Annahme, dass der Gaspreis weiterhin über den Grenzpreis den Strompreis bestimmt, deine Prognose unplausibel, dass eine Entkopplung von (Haushalts-) Gaspreisen und Strompreisen nicht erfolgt.

Aber auch die Annahme, dass Gas mittelfristig so eine große Rolle für den Strompreis spielt, halte ich für wenig belastbar. Der extreme Preisverfall bei EE und Stromspeichern bei gleichzeitig steigenden CO2-Zertifikatekosten auf Gas (+ evtl. handelsbedingten Gaspreiszunahmen) lässt den Anreiz für Zubau von EE+Speicher derart steigen, dass die entweder so profitabel sind, dass sie Gas bis auf wenige dutzend Laststunden im Jahr aus dem Markt drängen - oder dass das Merit-Order-System insgesamt über Bord geworfen werden muss.

Aktuell probiert unsere Wirtschaftsministerin zwar alles, diesen Marktmechanismus zu untergraben und Gas künstlich langfristig durchzusubventionieren. Aber das EU-Beihilferecht stellt sich dem ja schon in den Weg. Insofern halte ich es für realistisch, dass hier ausnahmsweise mal wirklich “der Markt regelt”, wenn man ihn politisch lässt.

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Die Einnahmen aus fossilen Energieträgern klingen auf den ersten Blick nach ner Menge Geld. Aber ein paar Dinge werden gern vergessen. Ich klammer für’s erste mal Klima sowohl bei Kosten als auch bei Einnahmen/vermiedenen Kosten aus, das kommt am Ende gesondert. Also erstmal nur mit Energiesteuern:

  1. Die Substituion durch Strom bringt eine teilweise Kompensation der entfallenden Energiesteuereinnahmen durch Mehreinnahmen aus der Stromsteuer. Beim Verkehr ist das nur ein überschaubarer Teil, der kompensiert wird (ca. 14 % - Annahmen: durchschnittliche 17 kWh Strom/100 km ersetzen 7 L Diesel/100 km, bei LKW gleiches Verhältnis, aktuelle Energiesteuersätze). Bei Gasheizungen gibt es sogar eine Überkompensation, wenn sie durch WP ersetzt werden (124 % - Annahme: durchschnittliche COP von 3 ersetzt 100% Brennwertheizung, bei geringerer COP entsprechend noch höhere Überkompensation.) Aktuell liegen die Energiesteuereinnahmen aus Heizstoffen bei 3,7 Mrd. pro Jahr. Das heißt, die vollständige Elektrifizierung bisher fossil geheizter Wärmeversorgung brächte im Betrieb knapp eine Milliarde mehr zusätzliche Stromsteuer als Energiesteuer wegfällt.
  2. Schauen wir uns mal die gut 33 Mrd. Energiesteuereinnahmen aus Kraftstoffen für Fahrzeuge genauer an. Davon würden mit einer vollständigen Elektrifizierung ungefähr 14 % (s.o.) durch Mehreinnahmen bei der Stromsteuer ausgeglichen. Bleiben 28 Mrd. Mindereinnahmen.
  3. Die Gesundheitskosten durch Abgase des Straßenverkehrs liegen im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr (~ 18-19 Mrd., basierend auf durchschnittlich 1250 € pro Jahr und Kopf durch Luftverschmutzung, Straßenverkehr hat ~18% Anteil an der Luftverschmutzung). Die würden bei der Elektrifizierung weitestgehend wegfallen. Bleiben also etwa 9-10 Mrd. Mindereinnahmen nach Abzug der gesparten Gesundheitskosten.
  4. Die indirekten öffentlichen Kosten für die Sicherstellung der permanenten Zufuhr fossiler Energieträger gibt es auch, die sind allerdings extrem schwer zu beziffern. Es geht dabei u.a. um Diplomatie und Militär - etwa zur Sicherung von Handelswegen, aktuell etwa vor Somalia und Jemen. Dabei geht es auch um Containerschiffe aber ganz wesentlich bei der Transportwegsicherung ist die Sicherstellung der kontinuierlichen Versorgung mit fossilen Energieträgern (Fun Fact am Rande: Gut 70-75 % der der Transportleistung der weltweiten Hochseeschifffahrt entfällt auf Kohle, Öl und Gas.) Etwas eindeutiger zu beziffern sind ad-hoc Krisenmaßnahmen wie zuletzt LNG-Terminals, von deren Kosten (niedriger zweistelliger Milliardenbetrag) der größte Teil aus Steuermitteln finanziert wird.
    Insgesamt kann man vielleicht grob schätzen, dass ein niedriger einstelliger Milliardenbetrag pro Jahr für die Sicherung der fossilen Energieimporte draufgeht.
  5. Nimmt man all diese einsparbaren Kosten und teilweise Kompensation durch Mehreinnahmen bei der Stromsteuer mal zusammen, bleiben so zwischen 6 und 10 Mrd. Mindereinnahmen. Das ist nun wirklich nicht existenziell für den Bundeshaushalt.

Und das beste kommt noch:
Für Importe fossiler Energieträger fließen rund 80 Mrd. € (gute 2 % des BIP) jährlich ins Ausland. Mit der Umstellung auf erneuerbaren Strom bleiben die Betriebskosten dann in der Binnenwirtschaft, generieren hier Gewinne/Einkommen und damit Steuereinnahmen und Kaufkraft und damit wiederum weitere Steuereinnahmen usw.
Allein die Umleitung dieser 80 Mrd. in den Binnenmarkt entsprechen ungefähr 30 Mrd. Mehreinnahmen bei Steuern und Sozialabgaben.
Damit wären wir dann mit 20-24 Mrd. im Plus.

Bleibt noch Wegfall der CO2-Steuer als Kostenpunkt und vermiedene Klimafolgekosten als Nutzen. Die externen Kosten je Tonne CO2 werden je nach Zeithorizont mit 300-800 € berechnet. Die aktuellen CO2-Preise im ETS1 und bei der CO2-Steuer (ab 2027 ETS2) liegen WEIT darunter. Wird am ETS nicht noch munter rumsabotiert, könnten sich die Preise bis 2030 dem unteren Wert von 300 € annähern. Insofern muss man den Wegfall der Einnahmen aus CO2-Bepreisung infolge des Entfalls der Emissionen sogar als deutlich überkompensiert durch vermiedene Folgekosten betrachten.

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Ich will das jetzt gar nicht komplett im Detail besprechen, aber deine Rechnung ist schon sehr vereinfachend und wohlwollend

  • Eine WP mit COP3 anzusetzen ist schon sehr wohlwollend. Q1, Q2. Auch beim Diesel/100km vs. Strom/100km halte ich das Verhältnis für sehr optimistisch, da habe ich als Quelle aber nur meine eigene anekdotische Evidenz die sich um rund 30% unterscheidet.

  • Ich halte es für falsch gesparte Gesundheitskosten vom Bundeshaushalt abzuziehen, da diese über die Krankenverischerungen laufen. Der Bundeshaushalt 2025 sieht überhaupt nur 17Mrd. für den Posten Gesundheit vor, du willst sogar 18-19Mrd. einsparen.

  • 80Mrd. Energieimporte werden zu 30Mrd. Mehreinnahmen durch Kaufkraft. Gibts ein Fundament für diese Schätzung?

Wie gesagt, ich will hier überhaupt nicht so aussehen als wäre ich gegen die Energie- oder Wärmewande. Das Gegenteil ist der Fall. Nur sehe ich halt auch die Probleme und stimme da @Dominik2 zu, dass die Umsetzung nicht gut ist. Insbesondere da man den ärmeren Bevölkerungsteil einfach im Stich lässt und die Sanierung des Gebäudebestands in ihrer Komplexität anscheinend nicht ernst nimmt.

Mir kann das auf individueller Ebene realtiv egal sein, da ich nicht betroffen bin. Ich fände es super wenn Strom noch günstiger ist und sich vom Gaspreis entkoppelt. Nur überzeugt es mich einfach nicht wenn das Argument ist, dass man nur feste dran glauben muss und dann alles viel günstiger wird. Beziehungsweise, dass man die Realität ignoriert, die da ist, dass es bisher eben keine flächendeckende Lösung ist Klimaanlagen als Gasetagenheizung einzusetzen, auch wenn es Situationen gibt in denen das funktionieren kann.

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Ich will auf den Rest nicht unbedingt eingehen, wenn dich mein Standpunkt interessiert, erstell gerne einen neuen Thread. Die Themen sind wild durcheinader Handlelsbilanz, Steuern, Wohlfahrtskosten und modellierte Klima und Gesundheitskosten.

Ich kritisiere nicht die Elektrifizierung, sondern die Ausführung. Beim Heizen geht es um reale Investitionskosten, Strompreise und soziale Tragfähigkeit im Bestand. Die Abschaffung der EEG-Umlage, die geplante Stromsteuersenkung und die Finanzierung steigender Netzentgelte aus Steuermitteln zeigen, dass das System aktuell nicht günstiger wird, sondern Kosten verschiebt. Ohne das einkommensschwache und ältere Drittel mitzunehmen, wird diese Umsetzung scheitern unabhängig vom langfristigen Ziel. Gleichzeitig sind genau dies die Menschen die Co2 Kosten nicht vermeiden können.

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