In der Sendung scheint mir konzeptionell sehr viel durcheinander zu gehen, und ich will einmal ein paar Beispiele nennen, die mir besonders ins Auge (oder besser gesagt: ins Ohr) gesprungen sind.
„Ein Femizid ist ein Mord an einer Frau weil sie eine Frau ist.“ Femizide seien, so wird weiter ausgeführt, solche wegen des Motivs des Täters. Soweit, so verständlich. Wenn es nun aber um die Ausbuchstabierung des Motivs geht, wird es wirr:
„Femizide werden diese Art von Partnerschaftstötungen genannt, weil da geht es um das Motiv, also: Der Mann glaubt, über das Leben der Frau bestimmen zu können.“
Das trifft erstmal auf jeden Totschlag und jeden Mord zu. Man zeige mir den Totschläger, der nicht glaubt, über das Leben des Opfers bestimmen zu können. Es kann sich dabei nicht um ein femizidspezifisches Merkmal handeln. Es geht dann weiter mit:
„Das ist ganz stark verbunden mit männlichem Kontroll- und Besitzdenken.“
Was heißt hier „ganz stark verbunden“? Ist Kontroll-und Besitzdenken eine Ursache für Femizide? Korrelliert es damit? Geht jeder Mann, der eine Frau tötet, davon aus, das diese ihm gehöre? Je nach dem, was gemeint ist, kommt man bei ganz unterschiedlichen politischen Implikationen raus.
Weiter folgt:
„Und das kann man auch relativ einfach erklären, dass das [das Besitzdenken] sozusagen ein Hauptmotiv sein kann oder sein muss. Wenn man das nämlich umdreht bei Partnerschaftstötungen sich anguckt, wie viele Männer werden denn von ihren Frauen getötet, da sind es 10 % zu 90 %.“
-
Zunächst ein Kommentar zur Modalität: Es liegt ein Riesenunterschied zwischen „Es könnte ein Motiv sein“ und „es muss ein Motiv sein“ (der Zwischenschritt: „Es ist ein Motiv“ wurde ganz übersprungen). Was ist hier gemeint?
-
Das ganze klingt jetzt wiederum eher nach einem begrifflichen Argument: Aus der Tatsache, dass mehr Männer Frauen töten als umgekehrt, soll folgen, dass Männer aufgrund von Besitzdenken Frauen töten (töten können, töten müssen?). Warum denn das? Es mag sein, dass Männer Frauen aufgrund von Besitzdenken töten, aber das folgt doch nicht aus der Tatsache, dass Männer mehr Frauen in/nach Beziehungen töten als umgekehrt. Da könnten allerlei Motive am Werk sein.
Für den Kampf gegen die Tötung von Frauen wäre meines Erachtens sinnvoll, sich konzeptionell klar zu machen, um was es geht: 1. Was ist ein Femizid? Das ist eine begriffliche Frage, die man unabhängig von der Empirie beantworten kann. 2. Was sind Ursachen für einen Femizid? Das ist eine empirische Frage, für die man sich die Studienlage in Soziologie und Psychologie anschauen muss. 3. Was können wir politisch gegen Femizide tun? Wenn 1. und 2. durcheinandergehen, dann wird die Beantwortung von 3. schwer.