Jan Böhmermann (ZDF und Zeit) haben den rechten YouTuber Clownswelt „enttarnt“.
In einer Recherche veröffentlichten sie nicht nur Namen und Wohnort des Youtubers, sondern befragten auch seine Eltern.
Über den kruden Inhalt von Clownswelts Videos muss man offensichtlich nicht diskutieren.
Mich würde die rechtliche Einschätzung dieses Enttarnens interessieren. Ist das Argument von Böhmermann, dass die Positionen von Clownswelt Mainstream seien und damit die Betreiberanonymität nicht mehr schützenswert, wirklich legitim?
Letztlich können das nur die Gerichte beantworten, weil es ein typischer Fall einer komplexen Abwägung ist. Ob der YouTuber gegen die Zeit und das ZDF klagen wird, bleibt abzuwarten.
Grundsätzlich sind wir hier im Konfliktbereich zwischen dem Recht auf Anonymität auf der einen Seite und dem Recht des Journalismus, bei hinreichendem öffentlichen Interesse über solche Dinge berichten zu dürfen, auf der anderen Seite.
Die Frage ist: Besteht bei einem politischen YouTuber mit über 200.000 Subscribern ein öffentliches Interesse, zu erfahren, wer dahinter steckt? Hier reden wir ja über eine Person, die zumindest substanziellen Einfluss auf die politische Willensbildung vieler Menschen hat. Ich denke schon, dass in solch einem Fall das öffentliche Interesse eher überwiegt als bei eher unpolitischen Künstlern (man denke an Daft Punk), wobei selbst da irgendwann das öffentliche Interesse überwiegt.
Ich habe jetzt nur das ZDF Magazin Royale gesehen und nicht den hinter einer Paywall versteckten Zeit-Artikel. Zumindest bei Böhmermann wurde der YouTuber zumindest nur mit Namen genannt, aber der konkrete Wohnort wurde nicht genannt, nicht mal die Stadt, nur das Bundesland. Anyways, wer sich eine eigene Meinung bilden will, hier die Episode aus der Mediathek:
Edit:
Eine kurze weitere Recherche zum bei Böhmermann genannten Vornamen „Marc Philip“ ergibt: Seine Band hat sich wegen der Sache von ihm getrennt:
Das zeigt, dass durch die bei Böhmermann genannten Daten eine Identifikation möglich ist, aber auch nur, weil die Person mit ihrem richtigen Namen öffentlich an anderer Stelle in Erscheinung getreten ist. Auch das muss man bei der juristischen Einschätzung berücksichtigen. Wer als Musiker in einer zumindest regional bekannten Band agiert muss es wohl akzeptieren, dass Dinge, die er anderswo anonym betreibt, mit ihm verknüpft werden. Ähnlich wie ein Politiker es akzeptieren muss, dass die Medien darüber berichten, wenn er mit 97 km/h durch eine 50er-Zone fährt ![]()
Ich verstehe die Argumente, ich frage mich allerdings, ob das wirklich als Veröffentlichungsargument ausreicht. Vlt bekommen wir ja Ulfs Perspektive dazu ![]()
Das ist letztlich weniger eine juristische als eine gesellschaftspolitische Frage, daher: Es wird sich langfristrig eher die juristische Meinung der gesellschaftspolitisch gewünschten Position anpassen als umgekehrt. Denn das Phänomen, über das wir hier sprechen, ist schlicht „Neu“, unsere Gesetze sind da noch nicht wirklich auf dem Stand der Realität.
Grundsätzlich gibt es bei passiven politischen Prozessen ein Recht auf Anonymität - daher: Niemand hat das Recht, zu erfahren, was ich wähle und wie ich politisch über etwas denke.
Ebenso grundsätzlich gab es vor der „Social Media Revolution“ bei aktiven politischen Prozessen nie ein Recht auf Anonymität, weil das technisch einfach nicht möglich war. Klar, man konnte anonyme Leserbriefe einschicken und auf Veröffentlichung hoffen, vielleicht gab es sogar irgendwo anonyme politische Kolumnen - aber das war alles immer dann durch den Filter des Journalismus.
Dass nun nach der „Social Media Revolution“ plötzlich Einzelpersonen ohne diesen Filter des Journalismus ein Millionenpublikum erreichen und damit starken Einfluss auf den öffentlichen politischen Diskurs nehmen können ist einfach ein neues Phänomen und wir müssen uns gesellschaftspolitisch fragen, ob wir das wollen oder nicht. Für mich gilt hier ganz klar: Wer austeilen will, muss auch einstecken können. Wer sich aktiv öffentlich an ein 6-bis 7-stelliges Publikum wendet, um dieses politisch zu beeinflussen, hat kein Recht darauf, das Anonym zu tun.
Besonders interessant wird es natürlich, wenn Straftaten wie Volksverhetzung im Raum stehen. Dann besteht eigentlich ohne Frage ein überwiegendes öffentliches Interesse an investigativem Journalismus. Ob das bei Clownswelt der Fall ist, kann ich nicht einschätzen, dazu reichten die Snippets bei Böhmermann nicht.
Valide Punkte - aber vermutlich nicht allgemeingültig. Man stelle sich einen Fall vor bei dem ein Whistleblower Strafrechtlich relevant an ein Millionenpublikum Inhalte kommuniziert. Ist da auch die Offenlegung gesellschaftlich UND juristisch gewünscht?
Soweit ich das sehe sind die Inhalte von Clownswelt strafrechtlich bisher nicht relevant?
Schwieriger Vergleich.
Es geht wie gesagt um die Abgrenzung von „Recht auf Anonymität“ und „Öffentlichem Interesse“.
Bei Whistleblowern ist das „öffentliche Interesse“ durchaus auch der Schutz des Whistleblowers, weil wir als Gesellschaft es ja eigentlich fördern wollen, dass Menschen problematisches Verhalten in ihren Unternehmen (oder Behörden) melden - und wenn der interne Meldeweg scheitert, weil abgeblockt wird, muss eben der Journalismus die Funktion erfüllen. Das „Öffentliche Interesse am Schutz des Whistleblowers“ überragt hier daher schon das „Öffentliche Interesse zu erfahren, wer der Whistleblower ist“, sodass wir es gar nicht mehr gegen das „Recht auf Anonymität“ des Whistleblowers abwägen müssen.
Und das ist bei Fällen politischer Influencer eben grundsätzlich anders.
Ok, einverstanden, der Vergleich hinkt vermutlich.
Ich bin jedenfalls gespannt ob der Doxing Vorwurf der nun im Raum steht weiter verfolgt wird, oder ob sich das verläuft. Das eigentlich Ärgerliche ist ja, dass die Aktion mutmaßlich das Opfernarrativ der rechten Seite weiter unterfüttern könnte.
Mein Problem mit der Aktion ist eher, dass damit diesen rechten Pfosten extrem viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich kannte vorher keinen dieser Kanäle - und das war vielleicht auch besser so.
Da nun alle Medien von dieser Böhmermann-Aktion berichten gehe ich davon aus, dass wir sehen werden, dass die Subscriber- und Viewer-Zahlen dieser Kanäle eher hoch als runter gehen. Ich bin mir daher nicht sicher, ob solche Recherchen letztlich unter’m Strich ein positives Ergebnis liefern.
Genau das meinte ich gerade und wenn man Reddit Glauben schenken will ist exakt das nun bereits passiert.
Hatte gestern einen Duschgedanken.
Was, wenn Böhmermann den Clown gar nicht enttarnt hat? Er hat Namen und Details genannt, aber muss das denn Stimmen?
Es würde ja reichen, wenn Name und Details fiktiv genug sind um Anonymität zu gewährleisten, aber genau genug um dem Clown zu signalisieren, dass die wahre Identität bekannt ist. In dem Fall könnte der Clown auch nicht dagegen angehen, weil wenn er sich bewegt um das richtig zu stellen, dann würde er enttarnt werden.
Wäre nicht der erste Medienhack vom Neo Magazin.
Ja, sieht man auch bei den Kommentaren auf YouTube. Zigtausende neue Follower beim Clown.
Wobei das auch Voyeure sein können. Das Motto der Sendung war, willkommen im Mainstream. Die Leute wurden in die breite Öffentlichkeit geholt, dazu gehört ab jetzt auch eine breitere und diverser Followerschaft.
Nebenbei hat Böhmermann einige Verbindungen von AfD und rechter Szene offengelegt und damit dem Verfassungsschutz etwas Munition in die Mappe gelegt. Anschubhilfe für ein Verbotsverfahren?
Fällt mir schwer die Veröffentlichung der Privatadresse durch öffentliches Interesse zu begründen. Gefühlt geht der Fall für mich schon in Richtung Doxing. Unabhängig von der juristischen Einordnung halte ich es für zweifelhaft, ob wir gesellschaftlich davon profitieren würden, wenn Böhmermann mit dieser Aktion durchkommt. Das würde dann auch für Rechtsextreme die Hürden für Doxing verringern. Und das ist ja heute schon kein unerhebliches Problem.
Naja, Böhmermann sagte in der Sendung, dass man mit seinem ganzen Umfeld gesprochen hat und sogar einen in der Kriminalistik verwendetes Stimmerkennungsverfahren hat laufen lassen und man nach allen Informationen extrem sicher ist, den Richtigen erwischt zu haben. Würde sich das als falsch rausstellen würde das sehr teuer für das ZDF, aber ich gehe doch sehr stark davon aus, dass man da sauber gearbeitet hat. Auch Böhmermann hat kein Interesse daran, jemanden falsch zu verdächtigen, schon aus eigenem Interesse.
Wurde das denn getan? Zumindest in Böhmermanns Sendung nicht, es wurde lediglich der Name und das Bundesland genannt, dazu, dass er aus einer kleinen Stadt in besagtem Bundesland kommt (wovon es in NRW Tausende gibt…). Ich weiß ja nicht, was die Zeit hinter der Paywall noch rausgehauen hat, aber irgendwie glaube ich nicht, dass dort die Adresse genannt wurde. Warum sollte man das tun?
Also hier müssen wir vorsichtig sein, nicht irgendwelche rechten Narrative nachzuplappern, die einfach nicht stimmen. Bevor ich daher weitere Beiträge zulassen, die behaupten, seine Privatadresse sei genannt worden, verlange ich dazu eine Quelle.
Ich kann am Ende auch nur auf das verweisen, was Zeitungen schreiben [1], die nicht allgemein dafür bekannt sind, Fame-News zu verbreiten.
Es ist natürlich möglich, dass falsch recherchiert wurde. Das ist für mich dann trotzdem etwas anderes als „rechte Narrative nachzuplappern“.
[1]
Edit: der Artikel wurde inzwischen korrigiert (s.u.)
Aus dem Artikel geht gerade nicht hervor, dass die Adresse gedoxxt wurde, sondern eben nur Vorname, Bundesland und ein paar Details aus seinem Leben. Identifizierbar wurde er für mich eigentlich nur durch seine Metal-Band.
Der Unterschied ist jedenfalls gewaltig - die Adresse zu nennen wäre ein klarer Verstoß gegen jede journalistische Sorgfaltspflicht. Nicht mal die Privatadresse von Friedrich Merz, Angela Merkel und ähnlich im öffentlichen Leben stehenden Personen werden in den Medien genannt, daher hätte es mich sehr gewundert, wenn das hier anders gewesen wäre.
Daher nochmal zur Klarheit: Die Behauptung, seine Adresse wäre genannt worden, ist falsch und wird auf Rechtsaußen-Seiten verbreitet, um Stimmung zu machen. Das sollten wir hier nicht unterstützen!
Nenne mir einen Fall.
Um das zu verdeutlichen: Es geht hier wirklich um falsche Beschuldigungen. Also die Behauptung Person X habe etwas getan, aber in Wirklichkeit stellt sich heraus, dass es Person Y war.
Es geht nicht um Fälle, in denen Vorwürfe, die Böhmermann gemacht hat, möglicherweise zu scharf waren (und dann vor Gericht ein Rückzieher gemacht werden musste), also nicht um Fälle, in denen die Interpretation der Vorwürfe unterschiedlich ist, sondern wirklich um falsche Beschuldigungen im Sinne von „Karl Meier hat das getan!“, wenn es in Wirklichkeit „Lieschen Müller“ war. Zumindest spontan fällt mir kein derartiger Fall ein.
Auch hier, das gleiche wie oben zum Vorwurf der Adresse:
Er hat nicht mal den vollen Namen genannt. Er hat den Vornamen (einen Doppelnamen!) genannt, nicht den Nachnamen. Ich habe mir das Ganze jetzt extra nochmal angeschaut, um auch ganz sicher zu sein, dass ich es nicht nur überhört habe. Nein, er hat NICHT den vollen Namen genannt (der inzwischen auch auf der Wikipedia-Seite der Band zu „Marc-Philip L.“ anonymisiert wurde), sondern nur den Vornamen „Marc-Philip“. Auch hier also die Bitte, nicht die rechtsextremen Narrative nachzuplappern, die das, was Böhmermann tatsächlich genannt hat (Vorname, Bundesland, „Kleinstadt“, Studium, Metal-Band) völlig übertreiben, um es besser skandalisieren zu können. Böhmermann hat weder den Nachnamen, noch die Adresse genannt. Das sind die Fakten, die jedermann in der ZDF-Mediathek selbst nachprüfen kann.
Schon blöd, dass dieser ganze Rant auf einer falschen Annahme beruht… ich kann deine Kritik an Böhmermann verstehen, ich finde es auch manchmal teilweise grenzwertig, aber es wäre schön, wenn du einsehen könntest, dass du in diesem Fall falsch liegst und Böhmermann Unrecht getan hast.
Die Band hat sich aber schon vor der Sendung und der Veröffentlichung von ihm getrennt (der Post dazu ist älter) (edit: Aus dem Wikipedia Artikel: „ Die Band distanzierte sich bereits kurz vor der Veröffentlichung „aufgrund unüberwindlicher persönlicher Differenzen“ von L. und gab die Trennung von diesem bekannt.[5]“). (Edit2: genau genommen am 28.04 https://www.facebook.com/story.php?story_fbid=1221028250032404&id=100063757205054) Mutmaßlich weil wohl sein persönlichen Umfeld, Band, Familie etc. mit der Recherche konfrontiert wurde. Letzteres ist zumindest fragwürdig: ja er ist eine Person des öffentlichen Lebens, seine Familie aber nicht. Dadurch das sein Nachname durch leichte „Google“ Recherche bekannt wurde (böhmermann weißt sogar drauf hin), kann man jetzt auch leicht die Familie identifizieren.
Ist schon passiert. Er hat knapp 100k Abonnenten hinzugewonnen. Und die viewer Zahlen sind auch hoch: https://socialblade.com/youtube/handle/clownswelt
Wer nicht gänzlich auf den Kopf gefallen ist, findet seinen vollen Namen weiterhin praktisch aufwandsfrei bei Wikipedia.
Ich finde es falsch, was dort abgelaufen ist, unabhängig von dem konkreten Inhalt des Youtube Kanals. Menschen aus seinem Umfeld kontaktieren, bei den Eltern klingeln etc., Daten mitliefern, die sicher zur Identifizierung genügen aber eventuell gerade noch rechtlich durchgehen. Ja wo sind wir denn hier?
Ich hab zuvor übrigens noch nie von Clownswelt gehört und anscheinend kannte auch aus meinem Umfeld niemand diesen Kanal. Um es besser nachvollziehen zu können, habe ich in ein paar der Videos reingeschaut: für mich erscheint es grundsätzlich weit rechtsaußen, aber Radikalisierung oder Verbreitung strafbarer Inhalte kann ich nicht erkennen. Ich lasse mich gerne durch konkrete Inhalte vom Gegenteil überzeugen.
Der größte Effekt dieser Aktion war wohl nur die Bekanntmachung und Verbreitung sowie weitere Verrohung im Umgang miteinander. Bärendienst.