Die gesamte Situation rund um Lobbyismus und Einfluss durch zB Unternehmen ist in den USA sicherlich nochmal deutlich kritischer ist als in Deutschland. Trotzdem mutet es manchmal etwas wohlfeil an, sich aus Deutschland zu sehr über die Probleme in den USA zu erheben. Es gibt auch hier ähnliche Fälle.
Ich habe versucht, verschiedene seriöse Quellen zu finden, um einen möglichen Bias so gut es geht vorzubeugen:
So berichtet zum Beispiel die FAZ über eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die sich mit Lobbyismus im Kontext der Position Deutschlands zum UNRWA auseinandersetzt - die FAZ steht weder den Linken nahe noch ist sie übermäßig israelkritisch:
Die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Auftrag gegebene Studie basiert auf der Beobachtung, dass es eine Reihe von Einrichtungen und Personen gibt, die durch das Ziel verbunden seien, UNRWA zu schwächen. International tätige Organisationen wie UN Watch oder ELNET sind ebenso darunter wie deutsche NGOs wie das Nahost Friedensforum (NAFFO), der Verein „Werteinitiative. jüdisch-deutsche Positionen“ oder die Deutsch-Israelische Gesellschaft.
[…]
Die Analyse ist dabei rein funktional: Das Advocacy-Netzwerk wird begründet durch gemeinsame Interessen und Methoden, zum Teil koordiniertes Vorgehen und durch Überschneidungen beim Personal und bei Finanzquellen – nicht durch explizite Absprachen oder eine sonstige zentrale Orchestrierung. Sahar versteht die Studie somit auch als Beitrag, antisemitischen Verschwörungsmythen entgegenzuwirken: Im Grunde handele es sich um „gewöhnliche Interessenpolitik“, schreibt er. Nur dass auf der politischen Ebene keine vergleichbar einflussreichen Netzwerke bestünden, um palästinensische Interessen zu vertreten. - Hat das Palästina-Hilfswerk UNRWA noch eine Zukunft? | FAZ
Insbesondere den zweiten Absatz (Hervorhebung von mir) finde ich wichtig. Es geht nicht um antisemitische Topoi a la Weltverschwörung und Strippenzieher im Hintergrund, sondern um Lobbyarbeit, die überdurchschnittlich gut finanziell aufgestellt ist und entsprechend viel Einfluss erreichen kann.
Die taz ( Lobbyorganisation Elnet: Meinungsbildungsreisen nach Israel | taz.de ) und le monde diplomatique ( Israels Lobby in Europa ) beschreiben, wie Elnet explizit als europäische Version von AIPAC konzipiert wurde, angepasst an die strengeren Lobby-Regeln, „in vollumfänglicher Koordination und Kooperation mit dem Außenministerium, dem Nationalen Sicherheitsrat und der Knesset“ und mit dem Ziel expliziter politischer Einflussnahme. Abgeordnete seien „rekrutiert“ worden, allein aus Deutschland sind in den letzten zehn Jahren über 100 Parlamentsabgeordnete mit Elnet nach Israel gereist. Laut eigener Aussage habe Elnet die Position Frankreichs (Sarkozy) zum Staat Palästina und die deutsche Position (Merkel) zu Boykottbewegungen erfolgreich im eigenen Sinne beeinflusst.
Das ganze ist auch nicht neu, der Spiegel schrieb bereits 2019 zum Nahost-Friedensforum (Naffo):
Zur Verwunderung mancher Unterhändler wusste der Verein früh über einen Entwurf des Koalitionsvertrags Bescheid. Und schaffte es, die Formulierung zu ändern, wie Naffo selbst im Protokoll der Mitgliederversammlung festhält: „Kurz vor der Unterzeichnung (…) hat Naffo durch eine gezielte Kampagne Dutzende MdBs auf die aus unserer Sicht verheerende Passage zu Nahost aufmerksam gemacht und konnte eine deutliche Verbesserung erreichen.“
[…]
Bereits im Bundestagswahlkampf 2013 seien Naffo-Vertreter auf ihn zugekommen, […] „Es kam das Angebot von zwei Vertreterinnen von Naffo, für meinen persönlichen Wahlkampf eine Summe zu spenden.“ Die „personenbezogenen Spenden“ seien für die Abgeordneten im Bereich der Außenpolitik vorgesehen, von denen sie sich wünschten, dass sie wieder in den Bundestag kämen, so hätten es die beiden erklärt. - Lobbyismus im Bundestag: Wie zwei Vereine die deutsche Nahostpolitik beeinflussen wollen - DER SPIEGEL
Laut Tagesordnungspunkt 1 erläuterte die damalige Vorsitzende „die wichtigsten Aktivitäten von ‚Naffo‘“, darunter unter anderem folgende drei Punkte:
April 2018: „In der Bundestagsdebatte zu ‚70 Jahre Staat Israel‘ konnten wir in den Reden etlicher unserer Kontakt-MdBs unsere Positionen wiederfinden.“
Juni 2018: „In der Bundestagsdebatte zum Atomabkommen mit dem Iran vertraten etliche unserer Kontakt-MdBs ‚Naffo‘-Positionen.“
Juni 2018: „Im Vorfeld der Bundestagsdebatte zur Verlängerung des Bundeswehrmandats im Rahmen von UNIFIL im Libanon wurden wir von einem hochrangigen MdB der FDP-Fraktion um unsere Einschätzung gebeten. Diese fanden wir – zum Teil wortgleich – in seiner Rede wieder.“ - Anmerkungen zu unserer Recherche für den Artikel "Gezielte Kampagne" - DER SPIEGEL