Das habe ich mir lange auch gedacht und dies war für mich auch immer einer der wichtigsten Gründe für die Energiewende. Allerdings fand ich dann auch den Perspektivenwechsel erhellend: Wenn ich im Kreml säße und hörte, dass diese EU-Länder nun ernst machen mit der Energiewende dann würde mir das Sorgen machen. Denn dies bedeutet, dass ich nun Jahr für Jahr 5% weniger Einnahmen aus Gasexporten generiere. Projekte wie Nord Stream 2 werden für meinen wichtigen Steuerzahler Gazprom zur Investitionsruine und ich bin als Gaslieferant auf einmal nicht mehr relevant. Das ist eine existentielle Bedrohung für den Staat Russland in seiner jetzigen Form - vielleicht sogar noch viel größer, als die ganze Russland-NATO-Säbelrasselei. Eine derartige Destabilisierung sehe ich als problematisch.
Das bedeutet nicht, dass eine Energiewende Mist ist, da sie das Funktionsmodell des Staates Russland in Frage stellt, und ich habe keine gute Lösung, aber ich finde, dass eine konsequent zu Ende gedachte Energiewendepolitik diesem Aspekt zumindest Rechnung tragen sollte. Zumal auch alle mir bekannten realistischen Simulationen zur Treibhausgasneutralität 2035, 2045 oder 2050 (Wuppertal Institut, Fraunhofer ISE, Umweltbundesamt) davon ausgehen, dass Klimaneutralität in Deutschland bis zu diesen Zeitpunkten beträchtliche Energieimporte in Form von grün erzeugtem Wasserstof/Windgas bedürfen wird. Vielleicht wäre es ja eine Vision für 2040, dass Russland dann durch die bestehende Pipeline-Infrastruktur Windgas nach Europa exportiert. Platz für WKAs scheint es in Russland ja erst einmal zu geben und eine geeignete Infrastruktur ist auch vorhanden (im Gegensatz z.B. zu den in der Schublade gescheiterten Desertec-Plänen).