DISCLAIMER
Hier soll nicht der 153. Thread zum Gaza-Krieg entstehen. Stattdessen handelt es sich hier um einen Service-Post, der das Forum auf eine äußerst interessante Doku hinweisen soll. Ich glaube Diskussionen zu Israel kranken oft daran, dass wir unterschiedliche Bilder der Motive der israelischen Regierung im Kopf haben. Hier kann die Dokumentation sehr erhellend sein wenn man sich darauf einlässt.
Ich würde mich freuen wenn die Hosts die Doku in zukünftigen Beiträgen berücksichtigen und anhand dessen bewerten, ob man Israels Regierung gegenüber nicht viel entscheidender entgegentreten sollte. Auch im Sinne einer Staatsräson gegenüber der israelischen Demokratie und des Rechtsstaats.
Allen, die sich ein Bild von Benjamin Netanjahu und seiner ideologischen wie persönlichen Welt machen möchten, sei die ARD-Dokumentation „The Bibi Files – Die Akte Netanjahu“ wärmstens empfohlen:
Innenansichten aus dem Machtzirkel
Die Dokumentation beginnt mit Korruptionsvorwürfen gegen den Premierminister. Sie nutzt dafür nicht nur Aussagen von Weggefährten und Prozesszeugen, sondern auch Originalaufnahmen aus Verhören, die dem Investigativteam zugespielt wurden.
Daraus entsteht ein Bild, wie Netanjahu (Bibi) und sein direktes Umfeld ticken:
- Bibi und seine Frau Sara betrachten kritische Medien als Bedrohung für das Land.
- Ermittlungen gegen einen Premierminister empfinden sie als Skandal.
- Es gab einen Vermittler für Geschenke, an den man sich wenden konnte, um Gefallen vom Premier zu erwirken
- Geschenke wie wöchentliche Zigarren- und Champagnerlieferungen oder Luxusschmuck bis zu 40.000 € stehen ihnen einfach zu, sagt Sara Netanjahu.
- Der Sohn, ein rechtsextremer Influencer, wirft dem Vater Schwäche gegenüber Gegnern im In- und Ausland vor. Innere Gegner sind aus Sicht der Familie Netanjahu die Medien, Linke und laut Sohnemann die israelischen Araber.
Politische Folgen und fragwürdige Allianzen
Mit der 2020 folgenden Anklage wenden sich Mitte-Links-Parteien von Netanjahu ab. Dieser bleibt dennoch im Amt, auch, um die Verfahren hinauszuzögern. Seine neuen Partner: Rechtsextreme wie
- Bezalel Smotrich (Finanzminister) – einst unter zionistischem Terrorverdacht inhaftiert
- Itamar Ben Gvir (Innenminister) – vom Militärdienst ausgeschlossen wegen extremistischer Vergangenheit und Sympathisant des Mordes an Jitzchak Rabin
Die Doku zeichnet kurze Porträts beider Politiker und beleuchtet ihre Agenda – die Parallelen zu autoritären Denkweisen sind nicht zu übersehen. Gemeinsam mit Bibi treiben sie die umstrittene Justizreform voran, die für Netanjahu vor allem als Schutzschild gegen das Gefängnis wahrgenommen wird.
Strategien und ihre fatalen Folgen
Ein zentrales Thema: Netanjahus langjährige Palästinenser-Strategie.
Sein Kalkül:
- PA im Westjordanland durch Repression schwächen
- Hamas im Gazastreifen indirekt stärken – u.a. durch Geldtransfers aus Katar, explizit genehmigt und unterstützt durch Netanjahu.
Über die Jahre flossen so über eine Milliarde Dollar an Hamas-Funktionäre. Ein Vorgehen, das fatal an das Schicksal der Taliban erinnert. Bekanntlich wurde auch die Taliban von den USA mit Waffen beliefert, um gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Später richteten sich die Waffen aber gegen die Afghanen selbst, die USA und die westliche Welt.
Medieninszenierung und persönliche Ambitionen
Netanjahu vergleicht sich mit Marlon Brando in Der Pate:
Freunde nah halten, Feinde noch näher – um dann im richtigen Moment zuzuschlagen.
Die Doku bespricht die Gräueltaten der Hamas – ebenso wie die strategielose Reaktion der israelischen Regierung.
Die Doku kritisiert auch die mediale Inszenierung der Geiseln:
- Sara Netanjahu soll Familien mehrfach aufgefordert haben, öffentlich ihre Unterstützung für sie und ihren Mann zu bekunden
- Im Gegenzug setze sich Netanjahu für deren Angehörige ein
Israels Weg weg von der Demokratie
Zum Abschluss berichten Wegbegleiter, der stolze Bibi habe ihnen erklärt, er sehe in seinem Sohn – dem rechtsextremen Influencer – einen potenziellen zukünftigen Premierminister. Die Qualifikation: Er habe das Zeug dazu. Der Interviewte verstand es so als plane Netanjahu ihn als Nachfolger aufzubauen. Netanjahu habe ein monarchistisches Verständnis von der israelischen Demokratie. Bibi plane seinen Sohn aussichtsreich zu platzieren.