Ich finde es verständlich, wenn sich Menschen, deren Beruf es ist, anderen Menschen zu helfen, auf ihre Kernaufgabe konzentrieren und ihre Zeit nicht mit Assistenzdiensten vertun möchten. Ich glaube aber, dass die Lösung nicht in weniger, sondern mehr Digitalisierung liegt. Ich erlaube mir, eine Gegenrede zu versuchen.
Dass Digitalisierung nicht inklusiv sein soll, halte ich für ein typisch deutsches Missverständnis. Immer wieder heißt es, Digitalisierung schließe verschiedene Menschengruppen aus, darunter alte Menschen, Menschen mit Behinderung oder eben Menschen, denen es an Technik, Infrastruktur oder Kompetenz fehle. Ich finde das furchtbar. Menschen in schwierigen Lagen verdienen vor allem eins: schnelle und unbürokratische Hilfe. Gut gemachte Digitalisierung kann Bürokratie massiv abbauen und Verwaltungsvorgänge unglaublich beschleunigen.
Inklusion bedeutet nicht Steinzeit für alle und Digitalisierung für einige. Inklusion bedeutet, allen Zugang zu modernen, zeitgemäßen Abläufen zu ermöglichen. Ansätze gibt es viele: Warum schicken wir Jugendliche los, Werbemüll in Briefkästen zu stopfen, statt sie mit Seniorinnen und Senioren zusammenzubringen, denen sie den Umgang mit Smartphones, Tablets und Notebooks näherbringen? Warum quälen wir uns mit einer trägen, teuren Papier-Bürokratie, wenn wir mit einer effizienten digitalen Verwaltung so viel Geld sparen könnten, dass wir uns problemlos hervorragende Anlaufstellen für Menschen, die persönliche Betreuung benötigen, leisten könnten? Ein Blick nach Estland zeigt, dass die Rechnung aufgeht: Die Verwaltung ist so effizient, dass die persönlichen Betreuungsstellen, die es weiterhin gibt, Menschen, die Hilfe benötigen, ohne Wartezeiten rascher helfen können, als wir beim Nachbarn nach einer Briefmarke fragen können. Die Lage ist nicht nur für digitalaffine Menschen um Längen besser, sondern gerade auch für Menschen, die es nicht sind.
Ich habe letztens persönlich den Fall eines Menschen mitbekommen, der in eine schwere Krise geraten war. Er war arbeitslos und hatte psychische Probleme. Er hatte seine Ausweise, seine Bankkarten und seine Wohnung verloren. Der Zwang zur Postabwicklung war ein Albtraum für ihn. Da er abwechselnd in verschiedenen Notunterkünften und psychischen Einrichtungen untergebracht war, gab es für ihn kaum eine Möglichkeit, Dokumente sicher und zuverlässig zu empfangen. Dokumente kamen nicht oder zu spät an (und mussten erneut angefordert werden). Anschriften wurden nicht anerkannt, weil sie vorübergehend waren. In psychischen Einrichtungen konnte er für die Dauer seines Aufenthalts teilweise gar keine Briefe aufgeben. Das wäre für ihn wichtig gewesen, um seine Zeit nach dem Aufenthalt vorzubereiten. Und ohne die wichtigsten Dokumente konnte er viele Vorgänge, die seine Lage verbessert hätten, gar nicht erst angehen. Ein furchtbarer Teufelskreis. Tagein, tagaus hat er versucht, Probleme online oder durch Telefonate zu lösen. Leider vergeblich, denn das gilt in Deutschland immer noch als eine überaus seltsame Idee.