Sehr schöne und spannende (!) Zusammenfassung des Status Quo unseres Rentensystems:
TL;Dw: Wir müssen unbedingt privat vorsorgen. Das wusste eh schon jeder aber hier wird deutlich vor Augen geführt warum das so ist und auch, dass uns keiner retten wird. Auch, dass die Beiträge für die junge Generation nicht ins unermessliche steigen können, da wir sonst bei 50% - 60% Abgabenlast liegen werden, was die Bevölkerung nicht mittragen wird.
Skizziert ist auch die historische Entwicklung und Entscheidungen die zur aktuellen Situation geführt haben. Witzig ist, dass das Problem seit den 80er Jahren mathematisch klar ist, dass zwischendurch tatsächlich eine Reform probiert wurde (Rente mit 67) aber wenig später aus Angst vor schlechten Wahlergebnissen wieder auf 63 gesenkt wurde.
Es wird so klar wie selten zuvor dargelegt, dass die aktuelle und jetzt in Rente gehende Generation die Wahlergebnisse stark im Griff haben. Ebenso wird ein Blick in unsere Zukunft geworfen, nämlich nach Japan, wo die Rentner teilweise bis über 90 arbeiten.
Ebenso kommt Schweden zu Wort und man schaut dort sehr ratlos nach Deutschland, warum wir bislang keine Aktienrente umgesetzt haben.
Alles in allem sehr erhellend, es werden viele Probleme als auch Lösungen aufgezeigt.
Ich halte immer weiter steigende Renteneinstiegsalter für die schlechteste Lösung.
Klar sind nicht alle Dachdecker und Maurer, aber auch in vielen Dienstleistungsberufen sehe ich nicht, wie die Leute noch mithalten sollen.
Anekdotisch, kenne ich vielfach mehr Beispiele von Anfang 60Jährigen, die im Beruf total abgehangen sind, als positiv Beispiele.
Sei es die Sparkassenmitarbeitein, die unsicher ist was die technischen Neuerungen angeht und damit auf Unverständnis der Kunden trifft (persönliches Familienumfeld),
die Kassiererin an der Supermarktkasse die deutlich langsamer ist oder einfach der Lehrer, der sich nicht mehr pädagogisch Fortgebildet hat.
Klar kann man sagen, dass das alles eher den gesellschaftlichen Umgang miteinander betrifft, als das arbeitende Individuum. Nichtsdestotrotz ist mit einem einfachen länger Arbeiten nicht getan.
Dazu kommen erst Körperliche und psychische Leiden.
Ich glaube, das ist sehr viel mehr Menschen bewusst als oft suggeriert wird. Das Problem ist teilweise durch die Politik verursachte Unsicherheit durch die Riesen Versicherersubvention Riester und schlicht fehlende finanzielle Mittel. Meine Frau und ich gehen beispielsweise zusammen 73 Stunden arbeiten trotz 2 kleiner Kinder und fast keiner familiärer Unterstützung. Mehr als 50,-€ können wir pro Monat nicht in unser privates Altersdepot schießen. Wenn man will, dass die Bürger vorsorgen, müssen die finanziellen Mittel da sein. Wenn aber die KV immer weiter steigt, damit die gesetzlich versicherten die Krankenhausreform für alle finanzieren müssen, die Kosten für die Güter des täglichen Bedarfs immer weiter steigen und Kindergeld weniger als der mögliche Kinderfeibetrag ist wird das nichts werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber deren Klientel hat sicher ihre Schäfchen im Trocknen.
Bitte dabei sagen, dass hier die Arbeitgeberbeiträge zur SozVers mit drin sind, um auf über 50% zu kommen.
Ich denke, die meisten Menschen schauen auf ihren Gehaltszettel, und haben ihr persönliches Brutto und Netto vor Augen. Da sind es dann eher 45 % , die weggehen. Da ist diese Meldung mit den 50% dann ggf irreführend.
Das stimmt nicht ganz. Die Rente mit 63 gab es nur für besonders langjährig Versicherte. Inzwischen sind für diese Gruppe bei 64. Das reguläre Renteneintrittsalter steigt für jeden Jahrgang an und liegt für alle ab 1964 Geborenen bei 67. Aber danke für den Hinweis, die Doku werde ich mir anschauen.
Aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Thema, das die Lage mal beleuchten sollte. Welche Ideen haben die Parteien bei der Rente und sind die realistisch?
Der Bund der Steuerzahler ist für mich keine seriöse Quelle, allein schon wegen dem Taschenspielertrick der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung,um auf über 50% zu kommen. Ganz selten kommen hier Vorschläge, die mehr soziale Gerechtigkeit bedeuten würden. Beispiele die Beiträge gerechter zu verteilen gibt’s genug, liest man aber nix von.
Beeindruckend fand ich in der Doku die Reaktion der Rentner, ob diese bereit seien Abstriche zu machen damit die jüngeren Generationen weniger Abgabenlast haben. Da gab es ein kategorisches „Nee“. Das Geld reiche so schon nicht aus.
Komisch dabei hat diese Generation noch sehr üppige Renten mit hoher Chance auf Betriebsrenten. Daher ist die Armutsquote bei den Rentnern auch so gering, verglichen mit den Menschen im Berufsleben. Fast 50% der Rentnerehepaare hatten 2019 Einkommen von 2500-5000 € pro Monat. Seitdem wurden die Renten mehrfach kräftig erhöht.
Sehe ich problematisch. Es wird zwar immer mal wieder überlegt, bei geringen Einkommen einen Rentenpunkt höher zu bewerten als bei hohen Einkommen.
Nach der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgericht sind Rentenanwartschaften als Eigentum grundgesetzlich geschützt.
(nach Art. 14 Abs. 1 GG)
Damit sollte auch das Äquivalenzprinzip zwischen eingezahlten Beiträgen und ausgezahlten Renten nicht angetastet werden, sonst wäre ja das Eigentum des einen weniger wert als Eigentum des anderen.
Vielleicht auch ein umdenken in der Ausgestaltung.
Hier in Schweden wird die zu erwartende Renterhöhung vorgezogen, heißt bei Renteneintritt wird eine höhere Rente (in Bezug auf Kaufkraft) ausgezahlt dafür gibts dann im weiteren Verlauf des Rentenbezugs keine bzw. nur sehr geringe Erhöhungen was bedeutet, dass die Kaufkraft mit der Zeit sinkt.
Gemacht hat man das nach der Erkenntnis, dass man bei Rentenantritt noch aktiv ist bzw. noch einige Anschaffungen anstehen während dann im späteren Verlauf nichts mehr groß angeschafft wird oder noch viel verreist wird man also auch nicht mehr so große Kaufkraft benötigt um den restlichen Lebensabend noch zu genießen.
Ich verstehe nicht, was daran falsch ist. Auch die Beiträge, die von den Arbeitgebern beigesteuert werden sind letztendlich bei den Arbeitskosten mit eingerechnet und müssen vom entsprechenden Arbeitnehmer erarbeitet werden. (Sonst rechnet sich der Arbeitsplatz nicht)
Eigentlich ist es ein Nullsummenspiel und völlig egal, ob der Arbeitgeber die Beiträge hälftig übernimmt oder mir die Arbeitgeberanteile mit überweist und ich zahle den vollen Sozialversicherungsbeitrag.
Zumindest die Bemessungsgrundlage ändert sich, da der Arbeitgeberanteil damit faktisch Lohn wird. Die Prozentzahlen müssen also insgesamt entsprechend reduziert werden.
Dass der Bund der Steuerzahler den Begriff „Gesamteinkommen“ verwendet, wenn es sich um Arbeitnehmer Brutto+ Arbeitgeber Zahlung für SozVers handelt, ist absichtlich irreführend.
Da wird ja absichtlich der Eindruck erweckt, dass es sich um die Abgabenlast des Einkommens des AN handelt.
Der Taschenspielertrick findet ganz im Gegenteil auf Seiten der Politik statt. Der volle Umfang der Sozialabgaben eines Arbeinehmers werden durch die paritätische Aufteilung zumindest verschleiert.
Der Arbeitgeberanteil IST faktisch Teil des Lohns. Wer von Euch bekommt denn die Rente für den AG-Anteil an der Rentenversicherung?
Ich finde es erschreckend wie viele hier im Forum anscheinend der Ansicht sind, dass der Arbeitgeberanteil nicht Teil Ihres Erwerbseinkommens/ Ihrer Arbeitsleistung wäre. Wer profitiert denn von den Sozialabgaben? Der Arbeitgeber hat davon (in den meisten Fällen) gar nichts, der bekommt nämlich als Selbstständiger Unternehmer oder als Kapitalgesellschaft weder Arbeitslosengeld, noch Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung.
Die Berechnungsgrundlage basiert auf der Vorgehensweise der OECD, also einer durchaus seriösen Organisation. Hier zitiert aus den Berechnungen der Bundesbank für das Jahr 2024 (S. 55)
Die OECD ermittelt für verschiedene Fallkonstellationen Abgabenlasten auf
Arbeitseinkommen. Die Abgabenlast ist hier die Relation der Abgabenzahlungen zu
den Arbeitskosten.
[1] Die Abgabenzahlungen bestimmt die als Einkommensteuern aufOECD
Arbeitseinkommen (im Folgenden: Lohnsteuer) zuzüglich Sozialbeiträgen von
Beschäftigten und Arbeitgebern abzüglich einschlägiger Sozialleistungen. Welche
Beträge die OECD bei den Abgabenzahlungen ansetzt, hängt von der jeweiligen
Fallkonstellation ab.
[2] Die Arbeitskosten setzen sich aus dem Bruttolohn plus Arbeitgeberbeiträgen zu
den Sozialversicherungen zusammen.
Was die Bundesbank (und die OECD?) im Gegensatz zum BdSt. nicht einbezieht sind diverse Steuern und Abgaben (beim BdSt. alles ab der Umsatzsteuer). Daher kommt die Bundesbank von
48,5 % für den Single
31,5 % für den 4 Personenhaushalt (Alleinverdiener)
41,5 % für den 4 Personenhaushalt (100 % + 67 % Verdiener)
Für die Fälle 1 und 3 liegt Deutschladn beim zweithöchsten Wert nach Belgien. Im Fall 2 liegt Deutschland auf dem 5. Platz. Im zweiten Fall liegen die Werte aus bekannten Gründen deutlich niedriger.
Ehegattensplitting, Kindergeld und beitragsfreie Krankenversicherung für
die nicht erwerbstätige Person entlasten in Deutschland beträchtlich
Edit:
Disclaimer: Ich möchte trotzdem betonen, dass auch ich den BdSt. generell nicht für eine vertrauenswürdige Quelle halte.
Ich bin der letzte, dem du das erklären musst.
Wenn du aber 4.127€ brutto verdienst und der Arbeitgeber 770€ SV-Beiträge drauflegt, beträgt dein realer Bruttolohn 4.897€.
Die Rechung des Bundes der Steuerzahler ist reiner Lobbyismus und nicht ernst zu nehmen. Deutlicher kann man doch nicht zeigen, dass man die Berechnung sich so hinbiegt, wie man sie am besten verwerten kann.
Edit: warum nennen die das eigentlich Steuerzahlergedenktag? Sollten sie es nicht Abgabenzahlergedenktag nennen? Die SV macht mehr als 50% der Abgaben aus, obwohl so Dinge wie Tabak- und Umsatzsteuer mit reingerechnet wurden. Trotzdem reden alle nur von Steuersenkungen. Wie beschränkt ist das eigentlich?
Und dabei sind die SV-Beiträge besonders fies: voll fällig ab 2.000€ Euro Monatsverdienst. Keine Progression, sondern Beitragsdeckelung für Gutverdiener. Möglichkeit, Teile der Einkünfte abgabenfrei zu stellen durch abhängige Beschäftigung oder Flucht aus dem System durch nichtabhängige Beschäftigung. Mindestbeitrag für Geringverdiener, unabhängig vom Einkommen. Keine Möglichkeit, durch Anrechnung von Werbungskosten Betrag zu senken, je höher der Steuersatz, kann aber durch Ansetzung der Beiträge entsprechend mehr seiner Beiträge zurückholen.
In der Studie des BdSt. passiert doch aber genau das? Sie rechen:
4.127 € Arbeitnehmer Brutto
94 € selbststädnige Arbeit
887 € AG Beitrag zu SV
= 5.108 € Gesamteinkommen
An Gesamtabgaben werden 2.716 € berechnet
2.736 € / 5.108 € = 53,6 %
Würde man nach OECD Vorgabe rechnen dürften nach meinem Verständnis die indirekten Steuern und Quasisteuern nicht mit einbezogen werden.
2.321 € / 5.108 € = 45,4 %
Die Bundesbank errechnet nach meiner Quelle
also irgendwie dazwischen. Deutlich stärker fällt die Differenz bei Paaren mit Kindern aus, weil der BdSt. anscheinend erhaltene staatliche Leistungen (Kindergeld, beitragsfreie Krankenversicherung für nicht erwerbstätige Partner) einfach mal komplett unterschlägt. Also ja! Der BdSt. ist ein Lobbyverein, dem man nicht einfach so vertrauen sollte. Aber das ändert nichts daran, das die Abgabenlast in Deutschland im EU Vergleich sehr hoch ist. Und darum geht es ja primär in diesem Thread.
@der_Matti kann es sein, dass wir teilweise aneinander vorbeireden? Ich hatte nicht das Gefühl, dass du die Einbeziehung des AG Anteils in die Berechnung an sich ablehnst? Stört dich eher die oben aufgeführte Quelle durch den BdSt.?
Edit: Falls mir jemand erklären kann, warum beim BdSt. deutlich niedrigere Beträge für den AN - Beitrag als den AG - Beitrag entstehen wäre ich dankbar. Am PV Zuschlag kann es ja nicht liegen. Oder werden da doch Leistungen gegengerechnet?
Ja, ich hätte es wirklich nachrechnen sollen.
Ich bin mit der Berechnung des Bundes der Steuerzahler unzufrieden, weil sie verzerrt. Wie Christian Lindner, als er im letzten Wahlkampf die OECD-Studie zitierte, um danach niedrigere Steuern zu fordern.
Was mit Politikern passiert, die die SV-Beiträge kritisieren, sieht man an Habeck.
Edit: die höheren AG-Beiträge sind die Umlagen, die der Arbeitgeber für Schwangerschaft, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie bei Insolvenz trägt
Edit2: spannend ist ja etwas ganz anderes: nämlich, dass die Abgaben dann durch die Bemessungsgrenze auch gar nicht mehr so stark steigen. Mag der Bund der Steuerzahler nicht die gleiche Rechnung noch mal für 2000€ und 10.000€ Einkommen machen? Das gäbe doch eine gute Diskussionsgrundlage.
Da gebe ich dir vollkommen Recht, aber es ist ja nicht der Bund der Abgabenzahler
Das stimmt ja nicht ganz, denn in diesem Thread geht es ja explizit um die Rente. Die einzigen „Steuersenkungen“ die in diesem Zusammenhang vorgeschlagen werden sind die Abziehbarkeit von privater Vorsorge (Stichwort 401(k)), wofür man ja zunächst die tote Riesterrente einstampfen könnte.
Des Weiteren gibt es den CDU Vorschlag über 2.000 €/Monat Lohnsteuerfreiheit für Rentner, der ja wiederum andere Sozialkassen entlasten könnte(!) wenn dadurch zusätzliche Arbeit geleistet wird, auf die dann wieder SV-Beiträge entrichtet werden.
Edit: Ok Lindner, aber die FDP würde, wenn sie könnte, doch am liebsten zurück zur Kopfsteuer (100 €/Person sollten reichen) und davon noch die Bundeswehr bezahlen und maximal noch die Schlaglöcher in den Straßen ausbessern. (Achtung Polemik!)
Das dachte ich auch immer. Eine Wirtschaftsweise (Fr. Schnitzer?) hat aber genau das in der Lage vorgeschlagen. Leider wurde da nicht nachgehakt, aber seitdem sehe ich das nicht mehr in Stein gemeißelt.