Die falsche Mär des Fachkräftemagels und das wahre Problem des Arbeitsmarkts

Darum versuchen auch Unternehmen Investitionen immer ins Anlagevermögen zu schieben und nur als sofortige Ausgabe zu deklarieren, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, richtig?
Dass Laien manchmal Begriffe durcheinander bringen, kann man kritisieren, man kann aber auch kurz darauf hinweisen und ansonsten großzügig darüber hinwegsehen.
Man kann sich aber auch zum 554. mal Volker Pispers Beitrag über Nutto und Bretto geben.

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Es gibt ziemlich konkrete Vorschriften, welche Aufwendungen man aktivieren kann und welche nicht. Da gibt es ziemlich wenig Wahlrechte. Innerhalb des verbliebenen Graubereichs hast du recht.

Ich meinte das gar nicht kritisierend. Ich möchte aber auf den sehr weit verbreiteten Irrtum / Denkfehler hinweisen, dass „etwas von der Steuer absetzen“ oder „Steuervermeidung“ für den Unternehmer tatsächlich ein Vorteil ist, wenn diese Steuervermeidung mit höheren Aufwendungen „erkauft“ würde: Schlussendlich kommt immer weniger für den Unternehmer raus als wenn er die Aufwendungen einfach gar nicht getätigt hätte.

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Dein Originalkommentar war:

Als Antwort auf:

Ob etwas aktiviert werden kann oder nicht, ist eine andere Frage als die nach der steuerlichen Absetzbarkeit.

Fortbildungskosten und die Lohnfortzahlung währenddessen sind in der Regel nicht aktivierbar, sondern gelten als sofort abzugsfähiger Aufwand.

Die Aussage „kann man aber nicht“ bezieht sich auf die Aktivierung, nicht auf die Möglichkeit der steuerlichen Absetzbarkeit an sich – denn die ist natürlich gegeben, nur eben nicht über mehrere Jahre verteilt, wie bei einer Maschine.

Die ursprüngliche Aussage, die ich kommentiert hatte, war (Markierung von mir):

Es kommt darauf an. (Sehr) einfaches Beispiel:

Kaufe ich eine Maschine fuer 100 € in 2024, habe ich ja erstmal eine Ausgabe von 100 € die meinem Unternehmen in 2024 entsteht, oder anders, der Kontostand ist jetzt um 100 € geringer.

Nun sagt aber Vater Staat, das ist ja schoen und gut, aber diese Maschine wirst du ja 10 Jahre lang nutzen, deswegen darfst du jaehrlich nur 1/10 des Kaufpreises von deiner Steuer abziehen.

D.h. in 2024 vermindert sich der Steuerbetrag (bei einem Steuersatz von 30%) nur um 3 € (10 € weniger absetzbare Kosten, multipliziert mit dem Steuersatz). Obwohl du ja eine Ausgabe von 100 € hattest, das ist ggf. nicht hilfreich.

Dafuer kann ich nun insgesamt 10 Jahre lang, jeweils 3 € fuer diese Maschine von meiner Steuerlast abziehen, obwohl ich ueberhaupt keine Ausgaben mehr hatte.

Das kann man verhindern, wenn man gute Arbeitsbedingungen, vernünftiges Gehalt und unbefristete Verträge bietet. Dann schauen sich Arbeitnehmer in der Regel nicht woanders um.

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Die Zahl ist sogar sehr hoch im Bereich Langzeitarbeitslosigkeit, weil das größtenteils Menschen sind, die psychische Erkrankungen haben/hatten und die nie ernsthaft therapiert wurden. Es fehlt in Deutschland massiv an niederschwelligen Therapieangeboten und die Jobcenter haben weder das geeignete Personal, noch Interesse, diese Menschen da zu begleiten. Es gibt in der Regel in jedem Jobcenter eine handvoll Angestellte mit Sozialarbeiter/Psychotherapeutischem Hintergrund, die sich um die extrem schlimmen Fälle (psychische Erkrankung, Alkoholmissbrauch, chronische Krankheit) kümmern, aber die kriegen auch nur die bereits diagnostizierten Fälle. Das heißt alle anderen Fallen durch die Raster beim Jobcenter, aber auch in der Gesellschaft.
Wenn man die vermitteln wollen würde, müsste man Therapieplätze schaffen, berufsbegleitende Angebote machen und würde dann vielleicht einige irgendwie eingliedern können.
Zusätzlich verliert man wegen des „Fördern und Forderns“, wo die Forderung im Mittelpunkt steht, nicht wenige bereits an die " Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung" (das sind die ehemaligen 1€-Jobs). Da werden viele aus dem Bürgergeld raus geparkt und fallen aus der Statistik und kommen da oft nicht mehr raus - aus eigener Kraft sowieso nicht.
Und die Unternehmen wollen in der Regel Menschen mit 10 Jahren Berufserfahrung, nicht über 25, usw.

Kurz: Das würde Geld kosten, ein Umdenken erfordern und vor allem ein Gesundheitssystem, wo du nach zwei Wochen Akut-Therapie nicht auf die Straße geworfen wirst.

Erfahrungsbericht aus der Praxis. Wir betreuen ehrenamtlich Langzeitarbeitslose (Hilfe bei Anträgen, Kontakt mit dem JC, usw) und haben dadurch auch viel Kontakt zu den lokalen Jobcentern.
Und da kreist einem der Hut. Die Jobcenter haben sehr viele Langzeitarbeitslose, die willig, fähig und motiviert sind bestimmte Ausbildungen abzuschließen, die vom Jobcenter auch begleitet und querfinanziert werden. Da sind Leute dabei, die beispielsweise programmieren können, aber durch langjährige Krankheit aus ihrem alten Job in die Arbeitslosigkeit gefallen sind. Das Jobcenter würde denen auf Wunsch eine Ausbildung „Softwareentwickler“ finanzieren, aber die Arbeitgeber wollen nur Leute mit universitärem Abschluss in Informatik.

Was soll man da noch sagen.

Ich arbeite selber im Sozialwesen und kann deine Beobachtung nur bestätigen. Deine Darstellung, dass etwa 2 Mio. Arbeitslose eben nicht „mal eben“ 700.000 Stellen, teile ich genau so. Wir vergessen bei solchen Diskussionen schnell die Menschen hinter diesen Zahlen.

Ja, das ist so wunderbar deutsch. Auch wenn dieser Zettel 30 Jahre alt ist, wird er immer noch irgendwie als Qualifikation angesehen. Lustigerweise gelten Arbeitslose, die nach 10 Jahren Berufserfahrung, nach einer Zeit als „berufsentfremdet“ oder schlimmer „ungelernt“. In anderen Ländern wirst du probeweise für 2 Wochen eingestellt und geschaut ob du lernfähig bist und in den Bereich passt und im Normalfall dann fest eingestellt.
Ich kenne abseits von „DACH“ kein Land, das so dermaßen auf irgendwelche Urkunden oder Abschlüsse schaut. Natürlich gibt es auch da die natürlich vorhandenen Grundqualifikationen; du wirst also kein Chirurg ohne entsprechenden Nachweis.

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Laut Agentur für Arbeit zählt man nach mehr als 4 Jahren, die man nicht im erlernten Beruf gearbeitet hat, als ungelernt.

In Unternehmen scheint diese Frist je nach Fachrichtung deutlich kürzer zu sein.

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Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Holzverarbeitung und im Möbelhandel kann ich berichten, dass sich die Lage für kleine, beratungsstarke Möbelhändler in den letzten Jahren deutlich verschärft hat – nicht etwa wegen mangelnder Nachfrage, sondern aufgrund fehlender Nachfolger. Zahlreiche inhabergeführte Betriebe, oft mit jahrzehntelanger Kompetenz und engem Kundenkontakt, finden keine jungen Menschen mehr, die bereit sind, die nötige Flexibilität im Arbeitsalltag mitzubringen.

Insbesondere Arbeitszeiten am Abend, Freitagnachmittag oder samstags werden zunehmend abgelehnt – selbst dann, wenn sie mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung, Kundennähe und langfristiger Perspektive verbunden sind. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich im handwerklichen Bereich: Auch hier scheitert die Betriebsnachfolge weniger an der Wirtschaftlichkeit der Unternehmen, sondern am fehlenden Interesse junger Fachkräfte.

Viele junge Menschen zieht es stattdessen in Industrie- oder Dienstleistungsberufe, die mit geregelten Arbeitszeiten bis Freitagmittag, großzügigen Pausenregelungen, Firmenwagen, Homeoffice-Optionen und attraktiven Gehältern werben – und dabei eine klare Work-Life-Balance in Aussicht stellen.

Diese Entwicklung stellt nicht nur die Nachfolgefrage, sondern auch die Versorgungssicherheit im handwerklichen und beratungsintensiven Einzelhandel grundlegend infrage. Die gesellschaftliche und politische Debatte über den Fachkräftemangel sollte daher nicht allein auf Zuwanderung oder Ausbildungskapazitäten fokussieren, sondern auch die veränderten Wertvorstellungen in der Arbeitswelt und deren Auswirkungen auf traditionelle, aber systemrelevante Branchen stärker in den Blick nehmen.

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in der ARD lief 2014 ein Doku mit dem Titel " Das Märchen vom Fachkräftemangel".
Ein Argument, das mir in Erinnerung blieb: der in Rede stehende Mangel ist u.a. mit einen statistischen Kniff herbeigeführt, in dem trotz höherer Bewerberzahlen um eine Stelle, von einem Mangel gesprochen werden darf

Film von Ulrike Bremer

„Ingenieursmangel! Ärztemangel! Zu wenig IT-Spezialisten!" und „Wenn wir nicht gegensteuern, geht es bergab mit Deutschland." Das sind alltägliche Schlagzeilen, mit denen Politik gemacht wird. „Der Arbeitsmarktreport" deckt die Hintergründe des seit Jahrzehnten beklagten Fachkräftemangels auf. Tatsächlich lenkt der lautstarke Hilferuf bewusst ab von gewichtigen Problemen: Lohndumping und Arbeitslosigkeit.

Akteure in diesem Spiel sind Lobbyverbände der Wirtschaft, die zusammen mit den Politikern und der Bundesagentur für Arbeit den Arbeitskräftemarkt in Deutschland gestalten.
Kaum ein Lobbyverband hat sich so vehement dafür eingesetzt, ausländische Fachkräfte ins Land zu holen, wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Ingenieure selbst sind es, die dem Verein vorwerfen, er lasse sich von Unternehmen instrumentalisieren und drücke das Mindestgehalt. Weil der Ingenieursverband regelmäßig mit Horror-Zahlen aufwartet, hat man den Ingenieursberuf zum Mangelberuf erster Klasse erklärt und erlaubt Unternehmen jetzt, hochqualifizierte ausländische Fachkräfte einzustellen, zu einem Mindestlohn von 32.500 Euro im Jahr. Früher lag diese Grenze bei 66.000 Euro. Mit Blue Card und europäischer Freizügigkeit sollen Fachkräfte aus Spanien, Griechenland, Rumänien und Bulgarien auf den deutschen Arbeitsmarkt strömen. Deutschland ist stolz darauf, Krisenstaaten zu unterstützen, indem es ihnen Arbeitslose abnimmt.
Offene Stellen ohne Bewerber? Tatsächlich kommen derzeit sechs passende Bewerber auf ein Jobangebot.

Provozieren Unternehmer also ein bewusst Überangebot an Fachkräften, um trotz anziehender Konjunktur geringere Löhne zahlen zu können? Die Bewerber von heute sehen sich nicht mehr als Bittsteller. Sie fordern, anstatt schlechte Bedingungen zu akzeptieren, nur um einen Job zu bekommen. Am Ende entpuppt sich der behauptete Fachkräftemangel als Strategie, die sich für Politik und Wirtschaft durchaus lohnen kann.

Wenn das ein Massenphänomen ist, interessiert mich, wie gesagt, besonders:

Was sind die Ursachen dafür? Warum gibt es so viele psychisch beeinträchtigte Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, zu arbeiten? Wie sind sie da reingeraten? Was ist ihnen widerfahren?

(Wie) Können wir als Gesellschaft verhindern, dass Menschen diese psychische Beeinträchtigung entwickeln?

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Einer der Gründe ist tatsächlich Langzeitarbeitslosigkeit und der Umgang mit arbeitslosen Menschen durch Jobcenter und Gesellschaft und ein anderer die Arbeitslosigkeit selbst.
Da kommt zusammen, dass du von der Gesellschaft ausgegrenzt wirst, keinerlei Aussicht auf „normale“ Beschäftigungsverhältnisse hast (fehlende Wertschätzung deiner Leistung in Form von Arbeitsbedingungen, Bezahlung, Befristung), damit die fehlende Zukunftsperspektive, die Stigmatisierung der gesamten Gruppe durch Medien und Politik (siehe Florida-Rolf, siehe aktuelle Diskussion über „Faulenzer“)
Die Problematik beginnt eigentlich schon mit dem Menschenbild in Deutschland mit Beispielen: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ oder der Selbstdefinition der Leute über ihren Job. Wenn dieser Job dann wegfällt und man nicht direkt wieder in einen neuen Job kommt, setzt diese typische Downward Spiral ein, die häufig in Depressionen führt. Denn es muss klar an einem selbst liegen, wenn man keinen Job hat.
Das ist auch relativ gut erforscht, hindert aber die Politik nicht daran, es Langzeitarbeitslosen zusätzlich schwer zu machen oder die Probleme mal anzugehen.
Auch die Arbeitswelt muss sich dahin ändern. Befristete und/oder schlecht bezahlte Arbeit sind eben nicht nur ein Problem für die Sozialkassen, sondern auch für die Menschen in diesen Jobs und im Endeffekt für die Gesellschaft.

  1. Arbeitslosigkeit: Das sind die psychosoziale Folgen | therapie.de
  2. https://www.uni-kassel.de/fb05/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=2235&token=73a2c790e5e04a312b406990443343db716a7e44
  3. Gesundheitliche Situation von langzeitarbeitslosen Menschen – Deutsches Ärzteblatt
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@schokelmei absolut, kann ich bestätigen

eventuell weitere Aspekte ergänzend:

Zum einem macht es was mit Dir, wenn Du lange arbeitslos bist, „außen vor“ bist, du den ganzen Tag nicht weisst was Du machen sollst, und Du das Gefühl hast Du wirst nicht mehr gebraucht. Das macht man ein paar Tage mit, aber wenn es um Monate oder Jahre geht, hat das nachhaltige Folgen.

Zudem ist unser Arbeitsleben schon enger getaktet als früher, ständige Erreichbarkeiten, viele Informationen gleichzeitig, etc. Da kommt nicht jeder mit klar, wenn Du dann mal deswegen länger krank wirst, bist Du firmenintern schnell raus. Auch Mobbing ist ein Riesen-Thema.
Bei uns kommt ein großer Teil der Menschen mit psychischen Erkrankungen aus dem kaufmännisch-verwaltenden Bereich.

Auch haben Führungskräfte oft kein Auge mehr für die Mitarbeiter (Fürsorgepflicht); da müssen Untergebene nur noch funktionieren, und wenn einer strauchelt oder die Hand hebt, ist er unfähig, nicht belastbar oder unwillig.

Also viele Gründe.

Mal aus meinem Arbeitsalltag

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Ist es nicht auch so, dass bei vielen die Probleme schon seit der Kindheit bestehen, teils von den Eltern „geerbt“ weswegen schon die schulische Karriere problematisch ist.

Oder ist diese Gruppe dann zahlenmäßig doch vernachlässigbar? Ich bekomme das nur mit durch die Kontakte zu Mittelschullehrern.

Das würde für eine frühzeitige Intervention mit viel mehr sozialpädagogischen Maßnahmen an Schulen, insbesondere Grund und Mittelschulen sprechen.

gibt es sicher auch.

Manches ist aber tatsächlich erst im Arbeitsleben akut. Ob da psychische Vorerkrankungen in der Kindheit einfach nicht diagnostiziert wurden, ist schwer zu sagen. Kenne da keine Untersuchungen zu.

Und psychische Erkrankungen bei Eltern führen nicht zwangsläufig zu ähnlichen „vererbten“ Erkrankungen bei den Kindern.

Hab oft Menschen mit guten Schulbildungen und meist problemlosen, teils hochwertigen beruflichen karrieren, wo es plötzlich „Peng“ im Kopf macht. Meist bedingt durch verschiedenartigen zu hohen Druck.

Jeder hat Grenzen

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