Aus meiner Sicht ist das eines der wichtigsten Signale für die Digitalisierung in Deutschland seit Jahren. Es bleiben freilich Fragen offen:
Wie leistungsfähig wird die App?
Wann wird sie veröffentlicht?
Wie einfach wird sie zu bedienen sein?
Wie sicher wird sie sein?
Gibt es alternative Zugangsmöglichkeiten ohne App, etwa per Browser?
Mich würden Hintergründe interessieren. Immerhin: Allein die Ankündigung stimmt mich positiv, weil sie ein Bewusstsein für den Bedarf zeigt. Hoffentlich kommt endlich Schwung in die Angelegenheit.
Dem Bericht nach handelt es sich um eine „KI-basierte Verwaltungsplattform“ der Bundesregierung. […] So solle es „lernende KI-Agenten“ geben, die Nutzer durch Anträge führen und Verwaltungsprozesse automatisieren. „KI führt und unterstützt bei der Antragstellung. Komplexität der Prozesse rückt in den Hintergrund“
Man könnte ja auch erstmal versuchen, die Prozesse an sich vernünftig zu digitalisieren, bevor man KI draufschmeißt.
Die Plattform der Ukraine beruht meines Wissens stark auf Estlands Lösung. Dass Estland eine Vorreiterrolle einnimmt, ist kein Geheimnis. Schon zu Peter Altmaiers Zeiten ließ sich die Bundesrepublik von Estland beraten. Aber für Veränderung braucht es nicht nur Wissen, sondern auch Bereitschaft. Ansonsten volle Zustimmung: Digitalisierung müsste viel europäischer gedacht werden.
Die Deutschland‑App ist kein Allheilmittel .. aber sie ist ein längst überfälliger Schritt. Zum ersten Mal wird ernsthaft versucht, den Flickenteppich aus Portalen, Formularen und Zuständigkeiten zu einem zentralen Zugang zusammenzuführen. Dass so ein Vorhaben nicht vom ersten Tag an perfekt funktioniert, ist IMHO keine Schwäche, sondern bei einer strukturellen Umstellung dieser Größenordnung vollkommen normal.
Entscheidend ist: Es geht endlich voran! Statt weiterer Konzepte und Pilotpapiere wird jetzt gebaut, getestet und schrittweise ausgerollt. Probleme, Kinderkrankheiten und Nachjustierungen gehören dazu genauso wie bei Online‑Banking, elektronischer Steuererklärung oder nahezu jedem anderen Produkt aus der Privatwirtschaft. Schaut euch WhatsApp, Instagram, Spotify und Co an. Keine dieser Lösungen war beim Start fehlerfrei, aber heute möchte sie kaum jemand missen.
Wer ernsthaft eine moderne, handlungsfähige Verwaltung will, muss akzeptieren, dass Fortschritt nicht ohne Übergangsphase kommt. Stillstand aus Angst vor Fehlern hat uns jahrelang zurückgeworfen. Die Deutschland‑App ist kein fertiges Produkt, sondern ein Startpunkt, an dem man messen wird müssen, ob Prozesse wirklich vereinfacht, Zuständigkeiten zusammengeführt und Nutzerinnen und Nutzer ernst genommen werden.
Kritik ist sinnvoll .. Zerreden vor dem ersten Praxistest nicht. Wenn man Digitalisierung will, muss man ihr auch die Chance geben, in der Realität zu wachsen.
Ich bin sicher, sie wird viel Kritik ernten (auch hier im Forum). Es wird Probleme geben. Und ich bin froh und hoffnungsvoll, dass es damit trotzdem weiter geht.
Würde man alles sofort einstampfen (oder ganz sein lassen) nur weil es Probleme gibt, dann gäbe es viele gute Dinge nicht. ..
Ich glaube, E-Mail wird sich als Kommunikationsmittel für digitale Verwaltung nicht durchsetzen. E-Mail hat zwar zwei Vorteile: Sie ist anbieterneutral und weit verbreitet. Aber sie ist auch altmodisch. Ihre Unzulänglichkeiten lassen sich nur schwer nachträglich beheben. Ich glaube, ein sicherer, einfacher, moderner Kommunikationskanal wie Wire ist Voraussetzung für eine gelungene Digitalisierung. Was ich ebenso sehe: Wir benötigen dringend eine digitale Unterschrift. Estland hat berechnet, dass allein die digitale Unterschrift dem Land jährlich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts spart. Das wären in Deutschland rund 80 Milliarden Euro.
Der elektronische Personalausweis unterstützte schon seit Einführung 2010 elektronische Signaturen (=digitale Unterschriften). Man konnte damit zum Beispiel PDF-Dokumente signieren. Es wurde kaum verwendet und die Funktion dann 2017 wieder eingestellt, auch weil es wohl nicht mit der neueren eidas-Richtlinie kompatibel war
Der alte Personalausweis hatte zwar eine technisch mögliche Signaturfunktion aber fairerweise muss man sagen, diese war aber PC‑, Kartenleser‑ und zertifikatsgebunden, national begrenzt und praktisch nicht nutzbar.
eIDAS 2.0 und die EUDI‑Wallet stehen für einen grundlegenden Paradigmenwechsel: mobile Nutzung, EU‑weite Interoperabilität, nutzerzentriertes Wallet‑Konzept und Signaturen als integrierter Alltags‑Use‑Case.
Das ist keine Wiederholung, sondern ein komplett neuer Ansatz (der hoffentlich mehr Anklang findet).
Absolut, die alte Implementierung war nichts bei dem man hätte auf ewig stehen bleiben sollen. Ich wollte nur hervorheben, dass das Problem mit Digitalisierung in Deutschland nicht nur fehlende Konzepte und Funktionen sind, sondern auch, dass existierende Funktionen oft sehr unintuitiv und aufwendig gestaltet sind und von der Öffentlichkeit dann aber auch so lange wie möglich ignoriert werden. Der e-Perso konnte schon vor eIDAS und euid einiges, das aber kaum genutzt wurde, weder von Behörden noch von Unternehmen.
Das schweift jetzt ein bisschen aus, aber denkt Ihr eine digitale Signatur wäre niederschwellig und open source überhaupt möglich?
Ich versuche mein Problem in eine User-Story zu packen:
Vor einem Jahr habe ich einen neuen Arbeitsvertrag in Form einer digital signierten PDF bekommen. Acrobat hat mir damals gemeldet, dass die Signatur ungültig ist. Ursache war grob paraphrasiert, dass die Identität des Unterzeichners unbekannt war, und das verwendete Zertifikat sich nicht in der Liste der vertrauenswürdigen Zertifikate befand.
Nun bin ich technisch bissle versiert, aber das war für mich ein unlösbares Problem. Klar hätte ich Adobe sagen können, dass das Zertifikat vertrauenswürdig ist, aber das ist ja nicht im Sinne des Erfinders. Das verwendete Zertifikat selbst stammt vom Konzern also gab es auch keine Zertifizierungsstelle die ich hätte anschreiben können.
Meine Social Engineering Skills sind auch bei weiten nicht ausreichend, dass ich die Dame von HR telefonisch zu einem Fingerprint hätte führen können, ohne dass die meinen Arbeitsvertrag ausdruckt und anschließend schreddert.
Zum Glück waren damals die Fristen nicht knapp und ich konnte einfach auf das „Orginal“ per Post warten.
Was ich mir wünsche:
Ich öffne ein Dokument und ein Service der Bundesrepublik Deutschland sagt mir, dass es vom Inhaber des Ausweises signiert wurde.
Ich als Privatperson kann ein Dokument signieren, ohne das der Empfänger ein Nerd ist, der vorher den Fingerprint meines öffentlichen Schlüssels persönlich und in meinem Beisein abgeglichen hat.
Denkt Ihr das geht? Im Zweifel auch so, dass man dafür weder Android noch iOS braucht?
Stimme dir ja zu und genau da liegt aus meiner Sicht der Knackpunkt.
Der alte e‑Perso war ein gutes Beispiel dafür, dass „Funktion vorhanden“ nicht gleich „digital nutzbar“ ist. Die Signaturfunktion existierte technisch, aber sie war:
1.) stark hardware‑ und setupabhängig (Kartenleser, PC, Treiber, Zertifikate)
2.) für Nutzende kaum selbsterklärend
3.) für Anbieter und Behörden teuer und unattraktiv zu integrieren
4.) faktisch kein niedrigschwelliger Massen‑Use‑Case
Dass sie dann sowohl von Bürgerinnen und Bürgern als auch von Verwaltung und Wirtschaft weitgehend ignoriert wurde, war weniger Sturheit als eine rationale Reaktion auf hohe Hürden.
Genau deshalb empfinde ich eIDAS 2.0 / EUDI‑Wallet nicht als „Wir konnten das doch schon“, sondern als bewusste Reaktion auf diese Erfahrung:
Man geht weg von „Feature im Ausweis“ hin zu Alltagsfähigkeit .. also mobil, integriert, standardisiert, interoperabel und ohne Spezialhardware. Smartphones hat fast jeder.
Der entscheidende Unterschied ist nicht was signiert wird, sondern wie:
1.) Smartphone statt Kartenleser
2.) integrierte Identity‑ und Signaturflows statt isolierter Spezialfunktionen
3.) EU‑weite Nutzung statt nationaler Insellösung
4.) Anbieter‑Ökosystem statt rein behördlicher Perspektive
Dein Hinweis ist aber wichtig, weil er auch eine Warnung enthält:
Wenn EUDI wieder technisch korrekt, aber für Nutzende oder Integratoren unnötig komplex wird, wiederholt sich die Geschichte. Der Paradigmenwechsel funktioniert nur, wenn Usability und Einbindung diesmal wirklich ernst genommen werden.
Insofern sehe ich den alten e‑Perso weniger als „verpasste Chance“, sondern eher als Lernprojekt, aus dem eIDAS 2.0 entstanden ist .. hoffentlich mit einem anderen Ergebnis.