Es geht nicht darum, Kinder früher im Schuljahr einzuschulen. Tatsächlich soll lediglich der Stichtag verschoben werden. In Baden-Württemberg gilt derzeit: Eingeschult wird, wer vor dem 30.06. eines Jahres sechs Jahre alt wird. Bei einem hypothetischen Ferienende am 01.09. wäre das älteste Kind einer Klasse also 7 Jahre und knapp 2 Monate alt, das jüngste etwa 6 Jahre und 2 Monate.
Andere Bundesländer, etwa Brandenburg, Berlin, Bayern, Niedersachsen und NRW, nutzen dagegen den 30.09. als Stichtag. Dort ist das älteste Kind bei Schulbeginn rund 6 Jahre und 11 Monate alt, das jüngste sogar nur etwa 5 Jahre und 11 Monate.
Dieser Unterschied wirkt auf dem Papier gering. In der Realität kann er enorm sein. Ein Kind mit Geburtstag am 16.09. wird in einem Bundesland mit fast 7 Jahren eingeschult, im anderen mit unter 6 Jahren. Wer Kinder im Umfeld hat, weiß, wie groß die Umstellung für einen jungen Sechsjährigen ist: neue Gesichter, neue Bezugspersonen, deutlich strengere Anforderungen an Disziplin, weniger freie Spielzeit und mehr strukturiertes Üben und Lernen.
Selbst Kinder, die deutlich über sieben Jahre alt sind, kämpfen manchmal noch mit dieser Umstellung. Drei zusätzliche Monate Entwicklungszeit können daher im Einzelfall einen erheblichen Unterschied für das seelische Empfinden und die Einstellung zur Schule eines Kindes machen.
Grundsätzlich habe ich nichts gegen eine Verschiebung des Stichtags. Entscheidend ist jedoch, dass er nicht dogmatisch angewandt wird, sondern der individuelle Entwicklungsstand des Kindes stets berücksichtigt bleibt.
Bei uns in Brandenburg hat das gut funktioniert: Die Schüchternheit und Verspieltheit beim Einschulungsgespräch wurde ernst genommen, und mein Kind wurde um ein Jahr zurückgestellt. Mit fast 7 war es zwar noch immer sehr verspielt und wenig diszipliniert, konnte aber immerhin schneller Freunde finden und hat nach einem harten halben Jahr mit der Klassenlehrerin ab 7,5 Jahren eine erstaunliche Wandlung durchgeführt. Seit Klasse 2 unterstützt es nun leistungsschwächere Schüler im Unterricht als „Assistenzlehrer“. Bei Einschulung mit unter 6 Jahren hätten vermutlich alle nur gelitten.
Ich kenne allerdings auch andere Kinder, die mit 5,5 Jahren schon dringend auf die Schule mussten(!), da sie die nötige Reife und intellektuelle Fähigkeiten aufwiesen. Ein Jahr mehr Kita hätte sie völlig unterfordert.