Du hast mich da falsch verstanden. Es ging mir nicht um die Zeit, die ein Kind insgesamt im staatlichen Betreuungssystem verbringt. Natürlich ist die geringer, wenn das Kind ein Kalenderjahr früher eingeschult wird.
Aber um in der Schule den selben pädagogischen Effekt zu erreichen brauche ich bei jüngeren Kindern im Durchschnitt mehr Betreuungs- und Lehrpersonal als bei älteren. Es hat ja Gründe, warum wir Kinder mit ca. 6 Jahren einschulen und nicht mit 4. Ich kann auch einem vierjährigen Lesen und Schreiben beibringen, wenn ich eine 1 zu 1 Betreuung habe. Aber das ist dann sehr viel aufwändiger als bei den meisten 6-jährigen, wo auch 1 Lehrer auf 20 Kinder reicht, um damit erfolgreich zu sein.
Wenn ich Kinder also immer jünger in das Schulsystem bringe, erwachsen daraus zwei Szenarien mit entsprechenden Konsequenzen:
- Ich stelle entsprechend mehr Lehrpersonal zur Verfügung. Dann kann ich auch mit im Durchschnitt jüngeren Kindern die selben Lernerfolge erzielen. Die mögliche Kosteneinsparung ist dann aber stark reduziert oder sogar gar nicht mehr vorhanden (Lehrer:innen sind deutlich teurer als Erzieher:innen)
- Ich stelle nicht mehr Lehrpersonal zur Verfügung. Dann spare ich tatsächlich im Betreuungssystem Geld, weil ein Teil der Kinder unterm Strich ein Jahr weniger betreut wird. Aber ich reduziere auch die durchschnittlichen Lernerfolge. Daraus erwachsen dann erhebliche Folgekosten für die Sozialsysteme.
Ich bin bei uns in der Grundschule (in einem ländlichen westdeutschen Kreis) sehr in der Elternvertretung und lokalen Schulpolitik aktiv. Das Feedback aus den Kitas und Grundschulen ist schon jetzt eindeutig: Kinder werden eher später als früher Schulreif, da viele Elternhäuser (bis weit in das “Bildungsbürgertum” hinein) nur noch unzureichend grundlegende Kompetenzen vermitteln.
Es gibt die zunehmende (durch die staatlich gewollte oft doppelte Berufstätigkeit der Eltern nicht ganz unangemessene) Erwartungshaltung, dass Kita und Schule einen immer größeren Teil der Erziehung und Kompetenzvermittlung leisten. Diese Einrichtungen sind aber dafür nicht ansatzweise finanziell, räumlich und personell ausgestattet.
In dieser Situation Kinder immer früher in immer schlechtere Betreuungsituationen zu bringen ist absurd und eine Katastrophe mit Ansage. Dass Boris Palmer solche Vorschläge macht, ohne die offensichtlichen Probleme damit offenzulegen, ist verantwortungslos und passt ganz gut zu seinem sonstigen Auftreten.
Gerade das soll ja nicht passieren. Palmer will damit die kommunalen Haushalte entlasten. Das Geld soll also nirgendwo für Verbesserungen eingesetzt werden. Es gibt meiner Ansicht nach auch keinen Bereich, wo 1 Euro zusätzliche Ausgaben mehr langfristigen positiven Effekt haben als in der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Mehr “Effizienz” kann durch kürzere Betreuungszeiten in der Kita also auch nicht erreicht werden. Nur weniger Schulden im finanziellen Sinne.
Das von Palmer regierte Tübingen hat übrigens mit einem Gewerbesteuer-Hebesatz von 405% und einem Grundsteuer-Hebesatz von 350% im deutschlandweiten Vergleich durchschnittliche bis leicht unterdurchschnittliche Hebesätze. Da wäre für die Förderung der Kinder also durchaus noch finanzielle Luft nach oben.
Die langfristige Lösung liegt aber natürlich in einer Reform der Bund-Länder-Kommunen Finanzen. Die Bundesregierung sollte mit zusätzlichen Pflichten auch zusätzliche Finanzmittel an die Kommunen übertragen bzw. den Kommunen mehr Instrumente für die Finanzierung ihrer Haushalte an die Hand geben. Wie wäre es zum Beispiel mit einer ernsthaften bundesweiten Erbschaftssteuer, deren Erträge aber pro Kopf auf die Kommunen verteilt werden?