Der "Wert" von Kindern

Aktuell gibt es in BW, unter anderem angestoßen von Boris Palmer, eine Diskussion darüber, ob man das Alter für die Einschulung von Kindern um 3 Monate reduziert um durch die frühere Einschulung Geld bei der Kindergartenbetreuung zu sparen. Obwohl das erst vor einigen Jahren aus pädagogischen Gründen geändert wurde.

Städtetag, AfD, FDP und andere Gruppen befürworten das, da somit Kosten in angeblich dreistelliger Millionenhöhe gespart werden können.

Mal ganz davon abgesehen, dass ich es fragwürdig finde hier Finanzen über die Entwicklung der Kinder zu stellen, frage ich mich, ob die Argumentation gesamtgesellschaftlich gesehen überhaupt stimmig ist.

Es wird zwar Geld für die Kinderbetreuung gespart, aber dafür wird in den Grundschulen mehr Förderung nötig, es steigt das Risiko für zu früh eingeschulte Kinder für Sitzenbleiben oder schlechtere Abschlüsse. Kinder die schulische Probleme haben neigen meines Wissens nach auch eher dazu auch außerhalb der Schule Probleme zu haben.

Ist hier also wirklich ein Einsparpotential oder kostet eine solche Maßnahme nicht langfristig eher viel Geld? Es heißt ja immer, dass sich Investitionen in Bildung enorm rechnen. Vielleicht gibt es hier geeignete Gesprächspartner die auch mal Zahlen nennen können. Wie wirkt sich die Investition in Bildung aus? In welchem Alter hilft es am meisten? Wie könnte mehr Geld für die schulisch schwächeren Kinder sich langfristig auswirken?

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Ich finde es immer sehr gut Kinder und Kosteneinsparung in einem Satz zu nennen. Vielleicht können sie ja dann schon mit 14 zum Bund… Landesverteidigung und so!

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Es gibt einige Bundesländer, die bereits den Stichtag am 30. September haben wie von Palmer vorgeschlagen.

Meine Erfahrung damit: Das führt nur dazu, dass mehr Kinder auf Bitten der Eltern zurückgestellt werden und dann ein Jahr später eingeschult werden. Uns hat man diesen Schritt damals jedenfalls sehr leicht gemacht. Da fragte uns die Schulleitung bei der Zwangsmusterung aka Schulanmeldung nur, welchen Grund sie für die Rückstellung vermerken solle. Wir durften uns dann was ausdenken und das wurde abgeheftet.

Ich kenne auch kaum im späten Sommer geborene Kinder, die nicht zurückgestellt wurden.

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Wobei ja zumindest in Bayern eine Übergangszeit ist, wo die Eltern entscheiden können. Und in meinem Umfeld entscheiden sich bestimmt 80% dafür das Kind erst im Folgejahr einzuschulen.

Wir haben uns dagegen aufgrund des Entwicklungsstands bewusst für die Einschulung direkt nach dem 6. Geburtstag entschieden.
Generell finde ich müsste es vor allem mehr Flexibilität bezugnehmend auf die individuelle Entwicklung geben.

Die Frage muss aber lauten welche Kinder in deren Rechnung dann früher eingeschult werden. Ich denke vor allem die, die z.B. auch die Kosten eines weiteren Kindergartenjahres sparen wollen/müssen oder die, die einfach nicht wissen, dass es die Möglichkeit gibt zurückzustellen und da sind überdurchschnittlich viele dabei, denen ein Jahr länger gut tun würde. Am Ende belastet man dann vor allem die Schulen mehr.

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Die Kinder müssen doch auch in der Schule betreut werden. Die Betreuungskosten entstehen also trotzdem. Entweder beim Schulträger und dem Bundesland, oder bei den Eltern (wenn die Nachmittagsbetreuung durch Elternbeiträge finanziert werden muss oder die Eltern Einkommenseinbußen hinnehmen, um die Betreuungszeit aufzubringen).

Im besten Fall verschiebt man die Kosten also auf einen anderen Akteur. Das mag dem Städte- und Gemeindetag entgegenkommen, die durch Kitakinder stärker finanziell belastet werden als durch Schulkinder. Aber das ist doch eine Milchmädchenrechnung.

Selbst wenn also keines der Kinder von den Eltern zurückgestellt wird, bleiben keine Kostenersparnisse übrig. Und wenn doch, dann gibt es die finanziellen Ersparnisse wohl kaum ohne pädagogische Zusatzkosten. Wir sollten für die Betreuung und Förderung von Kindern deutlich mehr Geld ausgeben, als wir das aktuell tun. Vielleicht kann sich Herr Palmer ja mal darüber Gedanken machen.

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Während der Schulzeiten nicht der Kommune. Lehrerinnen sind Landesbeamte.

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Hatte ich genauso geschrieben, einen Satz weiterlesen :wink:

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Aber mit einem anderen Personalschlüssel. Etwas günstiger wird es dann sein.

Aber das ist einer der Punkte die ich ansprach. Mag sein, dass Kommunen Millionen sparen, aber wie viel davon wird direkt (Betreuung in der Schule) wieder anderweitig benötigt und wie viel wird indirekt wieder benötigt, weil zu früh eingeschulte Kinder später weitere Probleme haben, wenn sie nicht ausreichend gefördert werden

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Da bin ich mir ehrlich gesagt nicht mal sicher. Ja, im Durchschnitt werden Kita-Kinder von mehr Erwachsenen pro Kind betreut als Grundschulkinder. Aber im tatsächlichen Alltag ist der Personalaufwand für ein gleichaltes (denn darum geht es ja) Schulkind wohl nicht niedriger als für ein Kitakind. Vielleicht sogar höher, denn ein paar Monate jüngeres Kind wird im Schnitt wohl mehr Unterstützung von Erwachsenen brauchen, um lesen und Schreiben zu lernen. In der Kita läuft ein Vorschulkind dagegen weitgehend auf “Autopilot” mit den Gleichaltrigen mit, es besteht ja kein Lernziel.

Was Palmer also fordert ist eine Einsparung durch qualitative Verschlechterung. Das könnte er auch in der Kita haben, indem er einfach dort den Personalschlüssel verschlechtert. Er möchte es nur nicht so deutlich sagen bzw. dafür Verantwortung übernehmen.

Ich weiß jedenfalls, dass die Lehrer:innen sich bei Palmer bedanken würden. Unsere Schulleitung klagt schon jetzt, dass die Schulreife der Kita-Kinder immer weiter abnimmt.

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Es fällt mir schwer, einen politischen Vorschlag zu imaginieren, der besser zusammenfasst, warum unser Bildungssystem kaputt ist. Weil Erwachsene unfassbar falsche Prioritäten haben. Die Verantwortungslosigkeit, Ahnungslosigkeit und Kurzsichtigkeit ist wirklich atemberaubend.

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Die Rechnung ist falsch bzw nur für das Jahr der Umstellung des Stichtags richtig: Die Kinder sind ja (im Allgemeinen) nicht länger in der Schule wenn sie früher eingeschult werden. Das Vorziehen des Stichtags verkürzt dadurch für die betroffenen Kinder in der Regel die Zeit in der sie staatlich betreut werden müssen um ein Jahr und spart damit ziemlich sicher Geld. Ganz davon abgesehen sind die Kinder entsprechend früher fertig mit der Schule und womit sie dann auch tendenziell früher Geld verdienen, Steuern zahlen usw.

Das darf aber nur der eine Aspekt der Diskussion sein. Natürlich müssen die Kommunen die Finanzierung stemmen können, gleichzeitig ist Bildung (vor allem die frühkindliche) eine der wichtigsten staatlichen Aufgaben. Das gesparte Geld sollte daher auf jeden Fall in die Verbesserung der Bildung im Kindergarten gesteckt denn hier gibt es definitiv noch Potenzial für Verbesserungen. Vor allem müsste eine übergeordnete Prüfung der Qualität der Kitas stattfinden, denn ich habe den Eindruck, dass es sehr große Unterschiede zwischen den verschiedenen Einrichtungen gibt. Es bringt nämlich nichts, wenn Kinder einfach nochmal ein Jahr länger dort “verwahrt” werden und sich langweilen, es muss aus meiner Sicht wesentlich mehr und bessere Angebote geben um die Kinder zu fördern und auch für Kinder aus bildungsfernen Familien die Schulreife sicherzustellen. Und damit einhergehend sollte auch das verpflichtende Kindergarten-Vorschuljahr eingeführt werden, um insbesondere die Sprachfähigkeiten bei allen Kindern auf ein Niveau zu bringen, welches sie befähigt am Unterricht teilzunehmen.

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Du hast mich da falsch verstanden. Es ging mir nicht um die Zeit, die ein Kind insgesamt im staatlichen Betreuungssystem verbringt. Natürlich ist die geringer, wenn das Kind ein Kalenderjahr früher eingeschult wird.

Aber um in der Schule den selben pädagogischen Effekt zu erreichen brauche ich bei jüngeren Kindern im Durchschnitt mehr Betreuungs- und Lehrpersonal als bei älteren. Es hat ja Gründe, warum wir Kinder mit ca. 6 Jahren einschulen und nicht mit 4. Ich kann auch einem vierjährigen Lesen und Schreiben beibringen, wenn ich eine 1 zu 1 Betreuung habe. Aber das ist dann sehr viel aufwändiger als bei den meisten 6-jährigen, wo auch 1 Lehrer auf 20 Kinder reicht, um damit erfolgreich zu sein.

Wenn ich Kinder also immer jünger in das Schulsystem bringe, erwachsen daraus zwei Szenarien mit entsprechenden Konsequenzen:

  • Ich stelle entsprechend mehr Lehrpersonal zur Verfügung. Dann kann ich auch mit im Durchschnitt jüngeren Kindern die selben Lernerfolge erzielen. Die mögliche Kosteneinsparung ist dann aber stark reduziert oder sogar gar nicht mehr vorhanden (Lehrer:innen sind deutlich teurer als Erzieher:innen)
  • Ich stelle nicht mehr Lehrpersonal zur Verfügung. Dann spare ich tatsächlich im Betreuungssystem Geld, weil ein Teil der Kinder unterm Strich ein Jahr weniger betreut wird. Aber ich reduziere auch die durchschnittlichen Lernerfolge. Daraus erwachsen dann erhebliche Folgekosten für die Sozialsysteme.

Ich bin bei uns in der Grundschule (in einem ländlichen westdeutschen Kreis) sehr in der Elternvertretung und lokalen Schulpolitik aktiv. Das Feedback aus den Kitas und Grundschulen ist schon jetzt eindeutig: Kinder werden eher später als früher Schulreif, da viele Elternhäuser (bis weit in das “Bildungsbürgertum” hinein) nur noch unzureichend grundlegende Kompetenzen vermitteln.

Es gibt die zunehmende (durch die staatlich gewollte oft doppelte Berufstätigkeit der Eltern nicht ganz unangemessene) Erwartungshaltung, dass Kita und Schule einen immer größeren Teil der Erziehung und Kompetenzvermittlung leisten. Diese Einrichtungen sind aber dafür nicht ansatzweise finanziell, räumlich und personell ausgestattet.

In dieser Situation Kinder immer früher in immer schlechtere Betreuungsituationen zu bringen ist absurd und eine Katastrophe mit Ansage. Dass Boris Palmer solche Vorschläge macht, ohne die offensichtlichen Probleme damit offenzulegen, ist verantwortungslos und passt ganz gut zu seinem sonstigen Auftreten.

Gerade das soll ja nicht passieren. Palmer will damit die kommunalen Haushalte entlasten. Das Geld soll also nirgendwo für Verbesserungen eingesetzt werden. Es gibt meiner Ansicht nach auch keinen Bereich, wo 1 Euro zusätzliche Ausgaben mehr langfristigen positiven Effekt haben als in der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Mehr “Effizienz” kann durch kürzere Betreuungszeiten in der Kita also auch nicht erreicht werden. Nur weniger Schulden im finanziellen Sinne.

Das von Palmer regierte Tübingen hat übrigens mit einem Gewerbesteuer-Hebesatz von 405% und einem Grundsteuer-Hebesatz von 350% im deutschlandweiten Vergleich durchschnittliche bis leicht unterdurchschnittliche Hebesätze. Da wäre für die Förderung der Kinder also durchaus noch finanzielle Luft nach oben.

Die langfristige Lösung liegt aber natürlich in einer Reform der Bund-Länder-Kommunen Finanzen. Die Bundesregierung sollte mit zusätzlichen Pflichten auch zusätzliche Finanzmittel an die Kommunen übertragen bzw. den Kommunen mehr Instrumente für die Finanzierung ihrer Haushalte an die Hand geben. Wie wäre es zum Beispiel mit einer ernsthaften bundesweiten Erbschaftssteuer, deren Erträge aber pro Kopf auf die Kommunen verteilt werden?

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Ein Jahr weniger Betreuungszeit geht aber ja nicht direkt einher mit ein Jahr früher arbeiten.

Ein Teil der Leute ist oft zu Jung für die Wunschausbildung. Da wird dann einfach ein Jahr überbrückt. Ein anderer Teil ist nicht reif für die Schule und muss zurückgestellt werden oder frühzeitig ein Jahr wiederholen. Ein weiterer Teil ist nicht reif für die Schule und baut dadurch schon früh Lücken auf, die dann Ballast auf dem gesamten weiteren Bildungsweg sind, bis hin zum Schulabbruch und den damit verbundenen sozialen Folgen.

Insbesondere sind wir ja in Deutschland in der Situation, dass mehr und mehr sehr einfach Jobs wegfallen und der Anteil an Jobs die gute Bildung bedürfen steigt.

Und selbst bzw. vielleicht eher gerade im Handwerk ist es schwierig, wenn dann die Azubis gerade erst 15 sind wenn sie von der Mittelschule kommen und ihre Ausbildung starten.

Edit:
Deswegen fände ich mal einen Experten interessant, der z.B. auch beziffern kann wie sich diese Effekte langfristig auswirken. Wie wirkt es sich volkswirtschaftlich aus, wenn man mehr Fachkräfte und weniger Hilfskräfte (die potentiell oft auch in der Arbeitslosigkeit landen) hervorbringt?

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Ich denke wir sind uns einig, dass mehr Geld in die frühkindliche Bildung investiert werden muss. Ich würde hier aber weniger Herrn Palmer die Schuld geben sondern sehe das Problem an der generellen Finanzierung durch die Kommunen was für mich nicht mehr zusammen passt mit dem Anspruch den die Gesellschaft mittlerweile (zu Recht) an die Bildung und Betreuung im Kindergarten hat. Hier sind dringend die Länder und/oder der Bund gefragt, auch damit dieses Thema nicht an der (sehr unterschiedlichen) Kassenlage der Kommunen hängt. Für die sind die Betreuungskosten aktuell ein riesiger Ausgabenposten und der Versuch dort zu sparen ist nicht überraschend.

Für mich klingt das als ob du einen früheren Schulbesuch mit geringerem schulischen Erfolg gleichsetzen würdest. Ich möchte zu bedenken geben, dass es auch Kinder gibt die “zu spät” eingeschult werden. Unterforderung ist ähnlich schlimm wie Überforderung und führt ebenfalls zu schlechten Leistungen. Hier ist es wirklich wichtig auf das jeweilige Kind zu schauen.

Und die Schulfähigkeit wird auch maßgeblich durch den Kindergarten beeinflusst und sollte dort durch gute pädagogische Konzepte verbessert werden. Dies könnte idealerweise dazu führen, dass das Leistungsniveau zu Beginn der ersten Klasse homogener wird, was für Kinder und Lehrer ein enormer Gewinn wäre.

Im Durchschnitt ist das aber einfach so. Bei ansonsten gleichen Bedingungen sinkt die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Schullaufbahn mit früherer Einschulung, die Nebenwirkungen schulischen Misserfolgs kommen noch oben drauf und verursachen Folgekosten bis ins Erwachsenenalter. Für den Betroffenen und für die Gesellschaft, die - mal wieder - schnell gespart hat, um dann langfristig ein Vielfaches zu bezahlen. Es gibt dazu eine ganz gute Befundlage, exemplarisch hier https://www.pedocs.de/volltexte/2014/4584/pdf/bf_2009_2_Hagemeister_Statistische_Ergebnisse_Einschulungsalter.pdf

oder auch hier

Das wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass für einzelne Kinder eine frühere Einschulung nicht schädlich sein mag.

Es mangelt weder den Grundschulen, noch den Kitas an Wissen/Konzepten, was sie tun könnten, um den Bildungserfolg der Kinder zu verbessern. Es fehlen - mal wieder - Personal und Geld, um die Informationen in Erträge verwandeln zu können. Grund dafür ist eine Bildungs- und Familienpolitik, für die Palmers Vorschlag exemplarisch ist. Wenn jeder nur in den Grenzen des jährlichen Haushalts und bis zum eigenen Geldbeutel denkt und entscheidet, haben Bildungskarrieren, die sich über Jahrzehnte erstrecken, keine Chance.

Deswegen bekommen wir ständig saudämliche Scheinlösungen oder verkümmerte Teillösungen angeboten. Siehe Kopfnoten, siehe Gesamtschulen, siehe Inklusion, die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Aber solange niemand gewählt wird, der bei etablierten, aber nutzlosen bis schädlichen Privilegien kürzt, um hier und an anderen Stellen langfristig zu investieren, bekommen wir nicht nur die Regierungen, sondern auch die Bildungspolitik, die wir bestellen. Dann wird halt weiter da am meisten Geld investiert, wo der Hebel für den Bildungserfolg besonders kurz ist (Gymnasium), statt da, wo erwiesenermaßen die größten Erträge anfallen (Frühkindliche und frühe Bildung).

Nicht nur, aber auch in der Bildungspolitk sind wir mMn zu doof und zu faul/geizig, um einfach bei denen abzuschreiben, die es richtig machen. Da haben ideologische Idiotie und Besitzstandswahrung der Erwachsenen im Zweifel immer Vorfahrt vor den guten Lösungen für die Kinder, die halt auch kein Wahlrecht haben.

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Nein, tue ich nicht, siehe oben:

Meine Tochter wurde auch mit ganz frisch 6 Jahren eingeschult und gehört zu den Klassenbesten. Sie konnte aber zu diesem Zeitpunkt auch schon lesen, etwas schreiben und in Mathe den Schulstoff der ersten Klasse.

Ich sehe aber die Gefahr, dass vor allem die Kinder die eh schon benachteiligt sind zu früh eingeschult werden, weil deren Eltern oft auch nicht das Wissen haben das selbst richtig zu entscheiden und die Anträge für eine spätere Einschulung zu stellen. Am deutlichsten trifft das auf Kinder zu die auch keinen Kindergarten besucht haben. Und genau die sind es dann, die später die Extremen Karrieren (im negativen Sinne) hinlegen. Die extrem viel Aufmerksamkeit der Lehrkraft in der Grundschule binden, die dann auch den anderen Kindern fehlt. Eine Erhöhung der völlig überforderten Kinder in einer Grundschulklasse von (ganz aus der Luft gegriffen) heute 1 auf dann 2, würde die Art wie der Unterricht aussehen würde schon massiv verändern.

Und ich sehe, dass jüngere Kinder eben generell auch schwerer zu unterrichten sind. Weniger Aufmersamkeit, weniger Fähigkeiten die sie schon mitbringen etc. Das erschwert auch bei sonst gleicher Zusammensetzung den Unterricht.

Das weiß ich nur zu gut. Unterforderung wird aber vor allem auch durch gute Differenzierung vermieden. Und je mehr überforderte Schüler es in einer Klasse gibt, je schwerer es die Kinder aufgrund ihrer Grundlagen generell haben, desto weniger Zeit bleibt für die unterforderten Schüler. Die Lehrerin meiner Tochter sagt selbst, dass ihr dafür quasi keine Zeit bleibt. Meine Tochter erklärt halt derweil ihren Nachbarn die Aufgaben und fängt dann erst selbst an. Finde ich erstmal gut, da sie so auch sozial vieles lernt und solange sie sonst zufrieden ist passt das. Für andere Kinder funktioniert das vielleicht weniger gut.

Deswegen finde ich es auch falsch, dass Palmer hier darüber diskutieren möchte wie man weniger Geld in dieser Altersklasse ausgeben kann, statt darüber zu diskutieren wie man Förderung erreicht. Ich selbst befürworte ja deshalb eine Kindergartenpflicht von mindestens zwei Jahren und ggf. eine gezieltere Förderung in diesem Alter durch mehr Personal.

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Mal ganz naiv gefragt: Ist diese Erwartung der Eltern denn falsch? Oder anders gefragt: Auf was bezieht sich „Erziehung und Kompetenzvermittlung“ hier alles? Ist es nicht auch sinnvoll hier möglichst viel zu professionalisieren, angesichts der realen Lebensbedingungen (ökonomische Notwendigkeit, dass beide Elternteile arbeiten müssen, oftmals sogar in Vollzeit) und angesichts der Tatsache, dass viele Eltern aus unterschiedlichen Gründen (also nicht nur wegen mangelnder Zeit) nicht wirklich in der Lage sind, ihren Kindern das Notwendige beizubringen (ich meine damit nicht nur Lesen und Rechnen, sondern auch Dinge wie Sozialverhalten, Umgang mit Konflikten, Selbstorganisation etc.)?
Ich denke wir sind uns einig, dass der Staat hier in der Verantwortung ist, die Ressourcen massiv aufzustocken. Mir geht es hier eher um den Aspekt der steigenden Erwartungen von Eltern (so habe ich dich zumindest verstanden).

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Mal ein anderer Aspekt: wieviel „Erziehung“ trauen wir Eltern noch zu? Bzw können wir ihnen zeitlich zumuten, wenn beide Elternteile ja im Idealfall Vollzeit arbeiten sollen?
Was qualifiziert jemanden eigentlich zum Eltern-Sein?
Und speziell zum Thema: sind Eltern grundsätzlich in der Lage zu entscheiden, wann ihr Kind wo eingeschult wird und später auf welche Schule es geht? Können da Eltern eigene Erwartungen an das Kind überhaupt realistisch einschätzen?
Also insoweit, das man da pauschalisierte Regeln und Gesetze machen kann?

Gedanke ist so in die Richtung, das man Gefahr läuft, sowohl Eltern, Kinder und auch das Betreuungssystem zu sehr finanziell betrachtet und ggf. Keinem gerecht wird…

Es wäre schon viel gewonnen, wenn es einen Konsens gäbe, dass wir so viel zu wenig ins Bildungssystem investieren und der individuelle Nutzen sowie die externen Effekte erfolgreicher Bildungspolitik für für die ganze Gesellschaft so groß sind, dass man da kein Geld spart, wenn man spart, sondern die mit wirkungsvollsten staatlichen Investitionen verweigert.

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