Ich fände es sehr spannend, wenn ihr mal einen Deep Dive zum ÖRR machen würdet, um eine differenzierte Einschätzung zu bekommen, welche Kritik berechtigt ist und welche nicht.
Stimmt es z.B. das früher ein breiteres Spektrum an Meinungen im ÖRR abgedeckt wurde? Wie staatsnah bzw. (partei-)politisch beeinflusst ist der ÖRR in der Praxis wirklich? Warum liefert ausgerechnet der ÖRR teilweise eher reißerische Formate wie z.B. Markus Lanz?
Die Debatte um den ÖRR ist eine der zentralen Auseinandersetzungen um die Institutionen unserer Gesellschaft. Sie ist durchsetzt von Desinformation und Kulturkampf, aber gleichzeitig würde ich persönlich sagen, gibt es auch viel berechtigte Kritik am ÖRR, die ich teile. Außerdem habe ich für mich festgestellt, dass ich gar keine klare Vorstellung davon habe wie die Strukturen des ÖRR reformiert werden könnten, um die tatsächlichen Pathologien des Systems zu überwinden.
Ihr beiden seid nah genug am ÖRR, um genau Bescheid zu wissen was dort los ist, aber gleichzeitig weit genug davon weg um kritische Distanz zu waren und habt dennoch kein ausgeprägtes wirtschaftliches Motiv den ÖRR in ein schlechtes licht zu rücken. Mit anderen Worten, niemand ist so prädestiniert für eine wohlwollend kritische Analyse des ÖRR wir die Lage der Nation.
Ich halte Markus Lanz für einen lupenreinen Opportunisten, aber gemeinsam mit Tilo Jung gehören sie meiner Meinung nach fast zu den einzigen Journalisten, denen es regelmäßig gelingt, Politiker zum „Verplappern“ zu bringen. Also ihnen Dinge zu entlocken, die sie eigentlich nicht preisgeben wollten. Das ist immens wichtig.
Bitte eben nicht wohlwollend sondern knallhart ehrlich.
Wenn das Thema aufgegriffen wird würde mich auch nochmal der Blick auf die Rundfunkräte interessieren - wer sitzt da drin und wie kommen die Leute dorthin?
Aktuell ist da ja noch viel vom Verständnis der alten BRD, mit Gewerkschaften und Kirchen als den Träger:innen der Zivilgesellschaft, heute wären vielleicht geloste Bürger:innenräte die representativeren Rundfunkräte (keine Ahnung ob besser oder schlechter) und damit auch die Frage warum Leute wie Dr. Florian Herrmann in so einem Gremium sitzen, also dass er da viel Zeit für hat mag ich bezweifeln Rundfunkrat: Mitglieder des Rundfunkrats | Rundfunkrat | Der BR | Inhalt | Unternehmen | BR.de
Ich meinte mit “wohlwollend” eine Kritik, die sich der grundsätzlichen Vorzüge eines Mediensystems, das neben privaten Anbietern auch ein öffentliches Angebot enthält bewusst ist. Wohin ein größtenteils privates Mediensystem führen kann sieht man ja in den USA. Dabei kann dass konkrete System, was wir im Moment haben natürlich trotzdem absolut sachlich bewertet werden.
Meist empfindet man reißerische Inhalte vor allem als solche, wenn man deren Meinung nicht teilt.
Gerade Lanz ist für mich ehrlich gesagt eher ein positives ÖRR Beispiel, da bei ihm nach wie vor progressive wie konservative Meinungen respektiert werden. Der ÖRR sollte für mich viel öfter „Devils advocate“ spielen.
Zum Thema: Ich finde das Thema auch interessant. Vor allem die Frage, inwiefern sich der ÖRR an die geänderte Mediennutzung und online Medien anpassen sollte. Ich denke da vor allem an Funk, welches viele ohnehin schon existierende Formate bestehender YouTuber einfach nur übernommen und finanziell aufgeblasen hat.
Mai Think X ist inhaltlich z.B. sehr ähnlich zu den alten Videos nur jetzt halt mit Studio und Publikum. Zudem ist mir z.B. schleierhaft welche Kriterien für die online Machenschaften angewandt werden. Während sich manche Funk Kanäle inhaltlich doch sehr überschneiden, hat man sich z.B. entschieden von Game two zu trennen, obwohl das Medium Videospiele sonst kaum bzw sehr erfolglos im ÖRR behandelt wurde
Reißerisch ist wahrscheinlich nicht der richtige Begriff.
Was ich meine ist, dass man Lanz’ Moderation anmerkt, dass er eher aus der Unterhaltung kommt und selber nicht besonders tief in den politischen Inhalten steckt. Die Sendung ist ja auch ursprünglich nicht als politische Talkshow gestartet.
Er sucht häufig im Gespräch nach auf der menschlichen bzw. emotionalen Ebene, statt der Sachebene anschlussfähigem.
Er versucht Politiker eher dadurch zu stellen, dass er “gotcha!”-Momente erzeugt, was manchmal auch gut sein kann, wie jüngst bei Beatrix von Storch, aber den Zuschauer auf inhaltlicher Ebene wenig schlauer zurücklässt als vorher und eine Debattenkultur befördert, die weniger auf inhaltliche Verständigung als auf den Versuch abzielt, zu beweisen, dass der Andere etwas zu verbergen versucht oder ein Idiot ist.
Ich wollte mich aber auch gar nicht zu sehr speziell an Lanz aufhängen. Er war jetzt v.a. als ein etwas drastischeres Beispiel von mehreren möglichen gedacht, da seine Sendung auch viele Probleme, die sich nicht an seiner Art zu moderieren aufhängen, mit anderen teilt. Z.B. die häufig zu hohe Zahl von Gästen, die es kaum möglich macht, dass die Teilnehmer mal in der Tiefe argumentieren bzw. die Moderatoren ausreichend nachsetzen können. Oder die u.a. daraus folgende Neigung eher Meinungen abzubilden statt den Zuschauer inhaltlich aufzuklären. Man merkt diesen Sendungen häufig an, dass alle beteiligten wissen, dass in kurzen Schnippseln kommunizieren müssen, die mit möglichst wenig kontext und erklärung funktionieren können.
Die Zusammensetzung der Rundfunkräte würde mich auch interessieren. Warum müssen dort Politiker sitzen? Wie kann die journalistische Distanz gewahrt bleiben, wenn Politik die Inhalte bestimmt?