Das neue "Energy Sharing" - verschenktes Potential?

Die nicht-steuerbaren PV-Anlagen haben zu Strompreisen von -499€/MWh geführt, gegen so ein destabilisierendes Überangebot wird auch Energy Sharing kaum etwas ausrichten.

Ich habe auch nicht „staatlich“ sondern „volkswirtschaftlich“ geschrieben. Die privaten Mittel wären besser in Beteiligungen an Windkraftanlagen und Flächen-PV etc. investiert worden.

Und das ist auch gut so! Aber genau das wird ja vom OP (und z.B. auch dem Akkudoktor) kritisiert. Ich habe nichts per se gegen Energy Sharing oder Dach-PV. Nur soll beides nicht subventioniert werden (sollen die Leute mit ihrem Geld machen, was sie wollen und wenn sie zu viel davon haben, dann gerne lieber eine steuerbare Dach-PV als einen Drittwagen kaufen).

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Dass reines Energy Sharing ohne Speicher oder Lastverschiebung einen bundesweiten PV-Überschuss nicht beseitigt, ist richtig. Es verteilt zunächst nur Strommengen bilanziell auf andere Verbraucher. Ein sinnvoll ausgestaltetes Modell müsste deshalb zeitgleiche lokale Nutzung, Speicher, steuerbare Verbraucher und gegebenenfalls Abregelung belohnen. Genau dadurch könnte es zumindest einen Teil zusätzlicher Flexibilität erschließen.

Die −499 €/MWh beweisen allerdings keine Destabilisierung des Stromnetzes. Ein negativer Börsenpreis ist zunächst ein wirtschaftliches Marktsignal für ein Überangebot – nicht gleichbedeutend mit einer unbeherrschten Netzfrequenz oder einem unmittelbar instabilen Netz. Am 1. Mai kamen hohe PV-Erzeugung, besonders niedrige Feiertagsnachfrage, unflexible Erzeuger und zu wenig flexible Nachfrage zusammen. Welcher Anteil des Extrempreises konkret auf nicht steuerbare kleine PV-Anlagen entfiel, lässt sich aus dem Preis allein überhaupt nicht ableiten.

Bei den privaten Investitionen bleibt außerdem das Problem der angenommenen Austauschbarkeit: Der Hauseigentümer, der 15.000 Euro in seine eigene PV-Anlage investiert, hätte dieses Geld nicht automatisch in einen Windpark oder eine Freiflächenanlage gesteckt. Dach-PV mobilisiert privates Kapital mit überschaubarem Risiko, unmittelbarer Kontrolle und eigenem Nutzen. Beteiligungen an Wind- oder Solarparks haben andere Risiken, Laufzeiten, Mindestgrößen und Transaktionskosten. Man kann deshalb nicht einfach unterstellen, ohne Dach-PV-Förderung wäre derselbe Betrag volkswirtschaftlich optimaler in Großanlagen gelandet.

Hinzu kommt: Auch Windparks und Freiflächen-PV entstehen nicht in einem vollkommen subventionsfreien Markt. Sie erhalten regelmäßig EEG-Marktprämien beziehungsweise über Ausschreibungen abgesicherte Vergütungen. 2025 lag der durchschnittliche relevante Zuschlagswert bei Freiflächen-PV beispielsweise bei 5,48 ct/kWh, bei Windenergie gelten ebenfalls EEG-gestützte anzulegende Werte. Wer Dach-PV wegen jeder Förderung ablehnt, müsste konsequenterweise auch diese Absicherung ablehnen. Bundesnetzagentur zu den EEG-Fördersätzen

Bei den Netzentgelten würde ich ebenfalls keine pauschale Befreiung fordern. Aber zwischen „volle Netzentgelte“ und „Subvention“ gibt es eine dritte Möglichkeit: eine verursachungsgerechte Bepreisung. Wenn lokal erzeugter Strom zeitgleich lokal verbraucht wird und dadurch höhere Netzebenen tatsächlich nicht beansprucht werden, kann ein geringeres variables Entgelt sachgerecht sein. Für die dauerhafte Bereitstellung und Dimensionierung des örtlichen Netzes müsste weiterhin ein Grund- oder Leistungspreis gezahlt werden.

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Wenn eine Lösung also nur einem Teil der Armen hilft, dann ist sie automatisch wertlos? Und wie gesagt: Der Erhalt und Ausbau des Stromnetzes sollte nicht durch die Nutzer, schon gar nicht arme Nutzer, sondern durch den Staat (und damit das allgemeine Steueraufkommen) finanziert werden. Ich wäre ansatzweise noch dafür zu haben, dass Netzendgelte gestaffelt nach Gesamtverbrauch der jeweiligen Vertragspartei erhoben werden. Aber dann fangen irgendwelche Milliardäre bestimmt an, ihre Villen in 10 Stromkreise mit jeweils eigenen Zählern, vermietet an Briefkastenfirmen aufzuteilen, damit sie ein paar Euro bei der Stromrechnung sparen, während gleichzeitig das Jobcenter den Bürgergeldempfängern nur noch den Einstiegstarif zahlt …

Das ist doch absurd. Wir haben unsere PV-Anlage als Teil unseres Hausbaus per Kredit finanziert. Die Bank möchte ich sehen, die mir meine private Investition in einen Windpark per Konsumkredit vorstreckt. Sowas kann man machen, wenn man den gesamten Windpark projektiert. Aber eben nicht als Privatmensch. Genau das war ja der Kniff an dem EEG.

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…und in dieser Größenordnung auch ein physikalisches Alarmsignal. Nur wer nicht anders kann (oder keinen Anreiz verspürt), speist bei negativen Strompreisen ein. Die Einspeisung war am 1. Mai wortwörtlich außer Kontrolle, aber zum Glück kam es dieses Mal noch nicht zu PV-induzierten Netzabschaltungen.

Dem stelle ich ein Förderregime entgegen, in dem private Investitionen in Windparks eine höhere Rendite und ein gleiches oder kleineres Risiko bedeuten würde als bei Dach-PV. (Dieses Regime gab es nicht, aber man hätte es alternativ einführen können.) Bleibt der nicht-monetäre Nutzen (z.B. die unmittelbare Kontrolle oder das Statussymbol).

Auch diese Förderregime sollten auslaufen, ebenso wie andererseits alle Subventionen für CO2-Emissionen.

Die einfachste Lösung wäre es, den Arbeitspreis abzuschaffen. Alle Hausanschlüsse zahlen einfach den gleichen, hohen Grundpreis. Die historischen Gründe für den Arbeitspreis sind inzwischen weitestgehend obsolet bzw. werden durch diesen sogar untergraben. Und wir müssten diese Diskussion nicht führen und OP könnte nicht kritisieren, dass man auch beim Energy Sharing einen Arbeitspreis zahlen soll. :wink:

Meine Kritik ist, dass sie einem (dem größeren) Teil der Armen aktiv schadet.

Das ist ja kein Konsum. Der Anteil an dem Windpark (sowie das Haus) wäre ja als Sicherheit hinterlegt. Bleibt natürlich die Frage, ob man sich als Privatperson kreditfinanziert an der Energiewende beteiligen sollte (falls man damit nicht einfach nur Subventionen abgreifen möchte).

Nein, auch −499 €/MWh sind zunächst kein physikalisches Alarmsignal. Der Börsenpreis wird durch Gebote in einer Auktion ermittelt – beim Day-Ahead-Markt bereits am Vortag. Der physikalische Netzzustand zeigt sich dagegen in Echtzeit an Frequenz, Spannung, Engpässen, Regelenergieabrufen und Notmaßnahmen. Ein am Vortag festgestellter Preis kann daher schon begrifflich keine Messgröße für eine aktuell „außer Kontrolle“ geratene Einspeisung sein.

Der extreme Preis war zweifellos ein scharfes ökonomisches Warnsignal: zu viel unflexible Erzeugung traf auf geringe Feiertagsnachfrage und zu wenig flexible Verbraucher, Speicher und Exportmöglichkeiten. Das ist ein ernstes Problem des Marktdesigns und der fehlenden Steuerbarkeit. Daraus folgt aber nicht, dass die physikalische Leistungsbilanz außer Kontrolle war. Wäre tatsächlich dauerhaft mehr Leistung ins Netz geflossen als verbraucht und exportiert werden konnte, wäre die Netzfrequenz gestiegen. Dafür wären Frequenzdaten, Regelenergieabrufe oder dokumentierte Notmaßnahmen der Beleg – nicht der Börsenpreis.

Dass ein Teil älterer PV-Anlagen unabhängig vom Preis einspeiste und nicht fernsteuerbar war, ist unbestritten. Die Bundesnetzagentur bezeichnet die unzureichende Steuerbarkeit deshalb zu Recht als Risiko. Sie behauptet aber nicht, am 1. Mai sei die Einspeisung „wortwörtlich außer Kontrolle“ gewesen. Für diese konkrete Aussage und eine angeblich nur knapp vermiedene PV-bedingte Netzabschaltung bräuchte es einen Bericht der Netzbetreiber. Ohne einen solchen Beleg ist das eine dramatisierende Vermutung.

Für das derzeitig geplante Energy-Sharing nach § 42c EnWG trifft das überhaupt nicht zu, da Teilnehmer die regulären Netzentgelte in vollem Umfang zahlen.
Aber selbst bei einer pauschalen Vergünstigung der Netzentgelte bei Energy-Sharing betrifft es nicht „den größeren Teil der Armen“, wenn das Gesetz sinnvoll gestaltet wäre.
Mein großer Kritikpunkt daran ist, dass mit mit den Voraussetzungen jede sinnvolle Nutzung im Keim erstickt, Energy-Sharing wird so wie es jetzt geplant ist für kaum jemanden sinnvoll zu betreiben sein und somit weder dem Erzeuger noch dem möglichen Abnehmer etwas sparen.

Ich persönlich finde das schade. Aber man sieht ja auch an dieser Diskussion schon ein großes Problem, was wir in Deutschland haben. Eigentlich gute Ansätze werden solange zerredet und die Gesetze/Vorschriften derart verkompliziert, dass man es sich am Ende hätte sparen können. Es könnte ja sein, dass irgendjemand von irgendetwas profitiert, was ich nicht haben kann (Stichwort Subventionen abgreifen).

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Mein „außer Kontrolle“ bezog sich (zugegebenermaßen mehrdeutig) auf die nicht steuerbare und damit nicht kontrollierte PV-Einspeisung. Die Netzbetreiber hatten offensichtlich die Netzstabilität „unter Kontrolle“ (und hätte sich im Notfall auch via Brownout weiterhin unter Kontrolle gehalten).

Mein Punkt war, dass diese ungesteuerte PV-Einspeisung eben nicht nur volkswirtschaftliches Kapital vernichtet („wirtschaftliches Warnsignal“), sondern auch ein Risiko für die Netzstabilität („physikalisches Alarmsignal“) darstellt.

Die Thematik hatten wir schon hier:

Des Weiteren scheinen wir beide und die BNetzA ein ähnliches Verständnis von den Wirkmechanismen und Herausforderungen des Stromsystems zu haben. :wink: