Bürokratie

Mich hat Frau Hausen nicht überzeugt.
Zunächst mal möchte ich anerkennen, dass Frau Hausen als Betroffene in Personalverantwortung zurecht eine andere Sicht auf die Dinge hat.
Nichts desto trotz ist ihre Sicht nur die Halbe Wahrheit, denn folgende Argumente waren aus meiner Sicht nicht konsequent zu Ende gedacht.

  1. nur weil das Pareto Prinzip tatsächlich zu gelten scheint in vielen Bereichen der Compliance im Arbeitsalltag von Frau Hausen, ist die Pauschale Ableitung daraus, dass deswegen 80% völlig ausreichen noch lange nicht wahr, insbesondere wenn man weitergehend, wie Frau Hauser es getan hat, dann die Konsequenz daraus zieht, dass das Risiko der nur zu 80% durchgeführten Sicherheitsmaßnahmen die Allgemeinheit zu tragen hat, in Form der Berufsunfallgenossenschaft…. Hätte sie gesagt: Unternehmen sollte selbst eine Risikoabwägung vornehmen dürfen, dann aber auch zusätzlich anfallende Kosten im Zweifel selbst tragen, sollte sich diese als falsch herausstellen, könnte man ihr zustimmen.
  2. Ein großer Teil ihrer Argumentation schien sich darauf zu belaufen, dass sie aus Anekdotischer Evidenz heraus die Vertrauenswürdigkeit „des Ehrbaren Kaufmanns“ beschworen hat. Und hier würde ich mitgehen und sagen, dass ich ebenfalls nicht glaube, dass die große Mehrheit der Unternehmen absichtlich in Kauf nimmt ihre Mitarbeiter zu gefährden oder andere Vorschriften die aus guten Gründen existieren zu missachten, aber es gibt schlicht einen Interessenkonflikt, also eine Abwägung die ein Unternehmen immer vornimmt und ich brauche weniger Fantasie dafür mir vorzustellen, dass die Abwägung im Zweifelsfall immer auf Seiten der Kostenersparnis, oder der Profitmaximierung liegt, auch wenn dafür Risiken in Kauf genommen werden, als an das Ideal des Ehrbaren Kaufmanns zu glauben… und das ist wie gesagt Garkein Vorwurf, es ist die innere Logik von Kapitalistischen Unternehmen.(Stichwort Externalisieren von Kosten) Insbesondere mit dem Punkt 1, der Haftung in Kombination gesehen, sehe ich das äußerst Kritisch. Ein: Trust me, bro. Genügt mir schlicht nicht.
  3. Standards gerade im Bereich der Wirtschaft sind meiner Ansicht nach eine zivilisatorische Errungenschaft und diese sind eben in erster Linie über das Mittel der Bürokratie weitflächig zu erreichen. (Dies scheint mir Frau Hausen auch grundsätzlich anzuerkennen.)
    Entscheidend zur Beurteilung ob eine Bürokratie gut oder schlecht ist, ist aus meiner Sicht daher nicht ob ein Unternehmen (oder Privatperson) sich gegängelt fühlt oder nicht, sondern ob das Gesetz auf dem Sie basiert 1. ein tatsächlich existierendes Problem erkennt und
  4. ob die Bürokratie die dieses Recht durchsetzt Mittel einsetzt die dazu geeignet und verhältnismäßig sind diese Problem zu beheben, auch kann man drüber reden ob das Gesetz den Aufwand die eine Umsetzung zur Folge hat angemessen berücksichtigt und ggf. nicht nur von Unternehmen Compliance einfordert, sondern auch Hilfestellungen, zum Beispiel durch automatisierte oder digitalisierte Prozesse zur Verfügung stellt, damit Compliance leistbar ist… meinetwegen auch eine steuerliche Begünstigung zur Anerkennung der Mehrkosten des Unternehmens.

Erfüllt ein Gesetz, welches Bürokratie schafft diese Kriterien, ist es ein gutes Gesetz und dann ist auch die Bürokratie gut, erfüllt sie sie nicht, gehört das Gesetz und die damit verbundene Bürokratie abgeschafft.
Natürlich kann es sein, dass Gesetze die in der Vergangenheit mal einen Zweck erfüllt haben im Laufe der Zeit obsolet werden, um dies zu vermeiden scheint es mir sinnvoll einen Mechanismus zu entwickeln der die Sinnhaftigkeit von Gesetzen nach ihrem Erlass überprüft.

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Aus meiner Erfahrung sind komplexe Regeln oft schlechter als einfache.

Denn schnell setzt eine gewisse „fake Korrektheit“ ein.

Beauftragte und Behörden sind damit beschäftigt den ganzen Tag irgendwelche Zettel auszufüllen und zu kontrollieren.

Was hingegen in der Realität passier, das kontrolliert dann niemand mehr.

Schnell bürger sich durch den Leistungs- und Zeitdruck ein, dass die Mitarbeiter Dinge unterschreiben, die sie nicht wirklich befolgt oder korrigiert haben.

Das Unternehmen kann so das Risiko super auf die einzelnen Mitarbeiter auslagern.

Daher müsste viel starker das Prinzip der Unternehmensverantwortung greifen.

Wenn der LKW Fahrer die Lenkzeiten reißt oder illegal auf der Autobahn parkt, dann muss das für das Unternehmen weh tun, nicht für den einzelnen Fahrer.

Wenn an Unis irgendwelche Phantasie-Arbeitszeiten in Excel Tabellen erfasst werden, dann muss dort mal eine saftige Strafzahlung erfolgen.

Die Idee, Verantwortung über Bürokratie und Komplexität zu regeln, führt zwangsläufig strukturell zu einer Benachteiligung der „kleinen Leute“.

Wenige klare Regeln, die streng kontrolliert und geahndet werden, sind immer besser, als ein Wust aus Regelungen und Verantwortlichkeiten.

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Mir kommt in der Diskussion über Bürokratie zu kurz, dass die meiste Bürokratie sich die Firmen selbst und untereinander schaffen.

Das kommt meist im Mäntelchen von Standards, die Firmen oft immense Dokumentations-, Nachweispflichten und Schriftführung aufbürden. Das bekannteste Beispiel dürfte ISO9001 sein.

Darüber wird haarklein Regeln aufgeschrieben, wer was wann darf. Kommt eine neue Situation ist man erst mal paralysiert. Im Zweifelsfall macht man nichts, weil es ja keine schriftliche Anweisung gibt.

Wieso wird das gemacht oder so gelebt oder interessanter Weise sogar von vielen Mitarbeitern eingefordert?

Meine Theorie hier:

  1. Keine Bereitschaft persönliche Verantwortung zu übernehmen. Hält man sich an die Regeln und geht etwas schief, sind die Regeln schuld. Entscheidet man etwas persönlich, wird man selbst zur Verantwortung gezogen. Das mag nicht jeder.

  2. Der - sehr deutsche - Glaube ein Problem mal „richtig und für immer“ lösen zu können. Also jede beliebige Situation antizipieren zu können und dafür normative Regeln aufzustellen. Das funktioniert in unserer VUCA Welt immer weniger und führt zu enorm komplexen Regelwerken.

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Liebes Lageteam,
Ich kann euch nur raten euch mal ganz genau mit der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) auseinander zu setzen. Diese verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung hat zum Ziel die Unternehmen in Europa zukunftsfähiger auszustellen, indem sie sie dazu verpflichtet sich ganzheitlich mit ihrer Rolle auseinander zu setzen. Mit der CSRD werden ökologische, soziale und governance Themen mit der finanziellen Berichterstattung auf eine Stufe gestellt indem sie im Konzernlagebericht maschinenlesbar veröffentlicht werden müssen. Dies ermöglicht es Finanzinstitutionen und Kunden sich bewusst für ein Unternehmen und sein Produkt zu entscheiden. Damit wird Nachhaltigkeit zu einem echten Wettbewerbsfaktor und nicht nur zu einer Marketingmaßnahme.
Aus meiner Sicht wird die CSRD bspw. maßgeblich zur Zielerreichung der europäischen THG Ziele beitragen, da die Unternehmen im Rahmen der CSRD eine THG Bilanz aufstellen müssen, darstellen müssen, welche Chancen und Risiken sich daraus für ihr Geschäftsmodell ergeben, welche Strategien, Ziele und Maßnahmen sie verfolgen und ob sie damit mit den Pariser Klimaschutzzielen im Einklang sind.
Klar kann man die CSRD als massives Bürokratiemonster betrachten. Ich würde sie aber eher als Chance begreifen unsere Form des Wirtschaftens anzupassen und unsere Zielsetzungen und Steuerungsinstrumente in der Wirtschaft weiter zu entwickeln. Der Blick über den Tellerrand lohnt sich.

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Ich würde dir grundsätzlich zustimmen, dass eine zunehmende Komplexität an Regeln es tendenziell schwerer macht Sie so umzusetzen wie sie mal gedacht waren und ich bezweifle auch nicht, dass es vorkommt das Regeln mit der Zeit auch nicht mehr unbedingt ihren Zweck erfüllen, wenn sie so überbordend werden, dass am Ende keiner mehr weiß was am Anfang mal der Grund gewesen ist sie einzuführen.
Deswegen würde ich auch Philip und Ulf und dir zustimmen, wo möglich und angemessen, sollte man zusammenfassen, pauschalieren und eben insgesamt vereinfachen und auch unsinnig gewordenen Vorschriften überprüfen und ggf. abschaffen. Bürokratie ist kein Selbstzweck und schlechte Bürokratie untergräbt auch die Akzeptanz für gute Bürokratie.
Mir ist nur wichtig hervorzuheben, dass es komplizierter ist als: Bürokratie=schlecht nur weil sie einige Leute nervt.
Und ab und zu ist es auch absolut richtig und vernünftig, dass sich eine komplexer gewordene Welt in komplexer gewordenen Regeln widerspiegelt.

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Ich kann die Kritik von Frau Hausen vollständig nachvollziehen und ich bin ein glühender Verfechter des Pareto-Prinzips, weil es einen pragmatisch veranschaulicht, wie katastrophal sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis entwickelt, wenn es zu Übertreibungen kommt.

Allerdings muss ich sagen, dass der Arbeitsschutz vermutlich ein schlecht gewähltes Beispiel ist, um Bürokratie zu beschreiben. Mit der Einführung des Arbeitsschutzgesetzes wurden tatsächlich viele Detailvorschriften abgeschafft und die Verantwortung erheblich mehr in die Hände der Unternehmen gelegt. Die neuen Gesetze und Verordnungen geben in der Regel tatsächlich wie, von Frau Hausen zu Recht gefordert, hauptsächlich Ziele vor und lassen den Unternehmen den Weg zur Zielerreichung in vielen Fällen offen. Hinzu kommt, dass nur ganz wenige Regelungen im Arbeitsschutz wirklich bußgeldbewährt sind und Bußgeldverfahren im Arbeitsschutz eine absolute Ausnahme sind. Eine große Anzahl der der klein- und mittelständigen Unternehmen kann bei Betriebsbesichtigungen keine geeignete Dokumentation vorlegen. Da arbeiten die Arbeitsschutzbehörden und die BG’en vor Ort eher unterstützend als bestrafend - was nach meiner Einschätzung auch auch gut ist.

Die meisten Detailregelungen finden sich heute im untergesetzlichen Regelwerk, z.B. den technischen Regeln für Betriebssicherheit. Direkt zu Beginn dieser Regeln steht allerdings immer - sozusagen als Disclaimer - dass diese Regeln dazu bestimmt sind, eine Musterlösung zur Anwendung der Gesetze (bei den Leitern z.B. TRBS 2121 als Konkretisierung zur Betriebssicherheitsverordnung) zu liefern. Sie sollen den Unternehmen also helfen, die Ziele zu erreichen. Sie sind aber keine Gesetze und die Nicht-Einhaltung technischer Regeln stellt auch nicht automatisch eine Ordnungswidrigkeit dar.

Die Regel lösen vielmehr eine sogenannte Konformitätsvermutungswirkung aus. Das bedeutet, Arbeitgeber, die ihren Betrieb so organisieren, wie die Technische Regel es empfiehlt, können sich sicher sein, dass sie das Ziel des Gesetzes, das die Regel konkretisiert, erreicht haben. Unternehmer können das Ziel des Gesetzgebers aber auch anders erreichen, müssen dann aber bei einer Kontrolle erläutern können, wie ihre individuelle Lösung das gleiche Schutzniveau für die Beschäftigten erreicht.

Dieses Regelungskonstrukt ist allerdings so komplex, dass dies vermutlich nur ein kleiner Teil der Unternehmer und sogar selbst der Fachleute im Arbeitsschutz wirklich versteht.

Auch nach einem Unfall ist es nicht so, dass Unternehmen von Berufsgenossenschaften in Regress genommen werden, nur weil die Dokumentation nicht vorliegt. Diese einfache Mechanik wird oft unterstellt, in der Praxis schauen sich die Aufsichtspersonen der BG’en und die staatliche Arbeitsschutzaufsicht aber sehr genau die Kausalketten an, die tatsächlich zu einem Unfall geführt haben. Niemand übernimmt in Deutschland die Haftung für einen Leiterunfall, nur weil die Dokumentation der Prüfung einer nachweisbar einwandfreien und betriebssicheren Leiter nicht vorgelegt werden konnte.

Diesen Weg der Zielvorgaben im Arbeitsschutz und der Bereitstellung von Musterlösungen finde ich prinzipiell sehr gut. Leider wird das oft anders gelebt und nicht so verstanden. Der Ansatz kann aber vielleicht sogar als Beispiel für andere Bereiche herangezogen werden, die dereguliert werden sollten.

Das Gefahrgutrecht ist übrigens anders organisiert. Die aufgezeigten Absurditäten mit den Handschuhen und den Temperaturfühlern an Gefahrguttransportern sind nach meiner Kenntnis so zutreffend.

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Ich bin ein wenig enttäuscht, daß Ihr das „übliche“ Framing bzgl. Bürokratie so unreflektiert übernehmt, ohne weitere Aspekte zu berücksichtigen.
Konkret: Bürokratie ist nicht allein aus sich selbst motiviert oder ein Ausfluss der Staatsgewalt, sondern ganz klar Interessenschutz wirtschaftlich handelnder Akteure. Vieles, was heute als Bürokratie gescholten den Gesetzgebern in Berlin und Brüssel angelastet wird, hat seinen Ursprung in der Lobbyarbeit einheimischer Industrieen, die sich gegen ausländische Konkurrenz abgrenzen wollen, und steht damit in der Tradition von mittelalterlichen Zunftordnungen.
Interessant finde ich, daß diese Verbindung trotz eines nur Minuten davor stattfindenden Beitrags über Korruption und Lobbyismus nicht auffällt.
Mein zweiter Punkt wäre, die ständige deutsche Selbstbeschimpfung als regulierungswütige Bürokratenhorde geht zumindest an meiner Lebenserfahrung deutlich vorbei.
Wer einmal im Angelsächsischen Raum gearbeitet hat, wo der Zugang zu einer Baustelle eine Sicherheitsqualifikation erfordert, die man mit einem Multiple-Choice Test erlangt, bei dem man besteht, wenn man jedes Mal „ask your manager“ ankreuzt, weiß, daß die Idee, Know How von den Handelnden in den Prozess zu verlagern keine deutsche war.
Immerhin ist es plausibel, daß deutsche Gründlichkeit, diese, von angelsächsischen Unternehmensberatern hier eingeschleppte Unart zu ungeahnten Blüten gebracht hat.

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Das mit ISO9001 sehe ich nicht so.
Die ISO 9001 versucht ein System hinsichtlich kontinuierliche Verbesserung festzustellen. Da ich selbst Auditor bin und auch regelmäßig auditiert werde, habe ich (außer die Zeit beim Audit selbst) das nicht als Bürokratie erfahren. Häufig zeigt es tatsächliche Mängel in der Unternehmenskultur auf.

Wenn ein Auditor wirklich etwas finden möchte, muss er sich nur im Arbeitsschutz auskennen und dann findet man immer etwas, was nicht passt. Die ISO 9001 sagt nur, dass alle Anforderungen (gesetzliche, Kunden, interessierte Parteien) erfüllt werden müssen. Also sind eher die ausufernden Gesetze die Bürokratie, nicht die ISO 9001 an sich.

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Hallo allerseits, hallo Lageteam,
Paretoprinzip im Bereich des Arbeitsschutzes anzuwenden ist nicht in Ordnung. Es geht um die Gesundheit und evtl. das Leben der Kolleginnen und Kollegen. Die Bestimmungen (Arbeitsschutzgesetz, DGUV’s, etc.) sind das Ergebnis jahrelanger Kämpfe der Belegschaften vertreten durch Betriebsräte und Gewerkschaften. Auch wenn die Regeln ab und an über das Ziel hinausgehen (Leiterbeauftragter) sichern sie ein Arbeitsumfeld, das ohne Einsatz der persönlichen Unversehrtheit, zu bewältigen ist. Die Gesundheit (auch die psychische) gehört nicht zum Einsatz, der für den Arbeitslohn gebracht werden muß!
Bürokratieabbau wird leider zum Vehikel, um sinnvolle Regeln, die mühevoll erkämpft wurden, zu schleifen. Bitte geht bei Eurem Pragmatismus nicht nur von Euren Büroarbeitsplätzen aus und denkt auch an die vielen Malocher in den Fabriken!
Und nein, die Personalchefin eines Industriebetriebes weiß nicht am allerbesten, was gut für ihre Arbeiter ist, sie weiß lediglich, was am billigsten (für ihren Betrieb) zu realisieren ist. Und nicht von ungefähr werden kontrollierende Instanzen und Behörden personell ausgedünnt. Wird ja in manchen Bundesländern sogar als Standortvorteil beworben.

Gruß vom erfahrenen Betriebsrat aus Stuttgart
Tom

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Zumal der
CsRD dazu führt dass sich z.b. chinesische unternehmen jetzt schon drauf vorbereiten die Anforderungen zu erfüllen. Das ist also Bürokratie, die einen weltweiten Effekt hat. Auf der anderen Seite kann man deneuten ja dann auch nicht mehr glauben, wenn sie meinen „wenn wir in Deutschland keine Autos mehr bauen wird das irgendwo auf der Welt zu niedrigeren Standards gemacht“. Was denn nun?!

Hier auch eine Korrektur. Habeck wollte das deutsche Lieferkette Gesetz aussetzen, bis das europäische gilt. Er ist also nicht grundsätzlich dagegen. Das deutsche ist wohl etwas strenger als das europäische. Andererseits vlt auch nicht sinnvoll, den Prozess wieder abzuwürgen, so hätten die deutschen Unternehmen ja einen Vorsprung bei der Umsetzung.

Ich finde euer Rasenmäher Beispiel zeigt schön, dass hinter Bürokratie oft auch Lobbyismus steckt. Ich spekulieren mal, dass die Versicherer da ein kleines Interesse dran gehabt haben.

Wie die 0.2%/Umsatz an unnötige Bürokratiekosten jetzt den Standort Deutschland oder Europa retten sollen verstehe ich auch nicht. Ich bin nicht dagegen unnötiges abzuschaffen, aber sehe an dem Beispiel den Booster nicht

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Das basiert ja aber auf der Annahme, dass diese Regeln das Arbeiten realiter sicherer machen. Das tun sie aber nicht notwendigerweise.

Im Gegenteil, es führt es dazu, dass die Verantwortung auf Verantwortliche abgeschoben wird. Unternehmen machen gerade so viel Sicherheit, dass Versicherung und Staatsanwalt ihnen keine Fahrlässigkeit unterstellen können. Das tun sie unabhängig davon, wie das Regime um sie herum aussieht. Momentan wird ein Leiterbeauftragter bestimmt, der (seien wir ehrlich) seine Arbeit nicht machen wird, weil er dafür keine Zeit hat. Er wird einfach nur regelmäßig unterschreiben, dass alles stimmt. Ist das jetzt wirklich besser?

Servus und danke für den Kommentar,

wenn der Beauftragte die Prüfung bestätigt ohne sie gemacht zu haben, übernimmt er (ohne Not) die Verantwortung. Warum sollte er das tun?

Gruß aus Stuttgart
Tom

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Den Verweis auf den gesunden Menschenverstand finde ich sehr gut.
Der ist - so erscheint es mir - in sehr vielen Bereichen abhanden gekommen.

Liebe LdN: Bitte an dem Thema Bürokratie(Abbau) dran bleiben. Das kann viel Energie frei setzen, die Deutschland dringend braucht.

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Das ist die Idee dahinter. Das funktioniert auch in Unternehmen und Unternehmensbereichen gut, die Tätigkeiten gleichermaßen immer wiederholt ausführen.
Durch kontinuierliche Verbesserungen kann man die Varianz immer weiter reduzieren, bis perfekte Wiederholungen dieser Prozesse möglich sind. Bei der Produktion von Medikamten werden hoffentlich solche Optimierungen durchgeführt.

Aber in unserer ausdifferenzierten Wirtschaft gibt es viele Tätigkeiten, die sich nicht wiederholen, bzw. die Wiederholungen mit sehr unterschiedlichen Rahmenbedingung agieren müssen. Beispiele sind Sondermaschinenbau, Softwareentwicklung oder Marketing.

Man kann natürlich einige sehr abstrakte Regeln aufstellen, die zwischen den Projekten oder Wiederholungen gültig sind. Die sind dann aber so allgemein, dass sie keine praktische Relevanz besitzen.

D.h. nicht, dass die Tätigkeiten dann komplett adhoc ausgeführt werden. Man braucht mindestens ein Teammitglied, dass die richtigen Regeln für die Situation und den Kontext aufstellt, zeitlich weiterentwickelt, Regeln auch wieder eliminiert, die sich nicht bewährt haben und in der Lage sind den Aushandlungsprozess im Team zu moderieren. Dads ganze ist sehr fluide und informell. Wenn man eine solche Person nicht hat, ist man verloren. ISO9001 hin oder her. Mit Prozessen macht man aus Anfängern oder Dummköpfen keine effizienten Fachkräfte.

Theoretisch könnte man diese fluiden Prozessen auch mit ISO9001 steuern. Dafür steht meiner Erfahrung nach aber der starke Fokus von ISO9001 auf Dokumente im Weg. Diese Dokumente müssten ständig aktualisiert werden und hätten auch keine sinnvolle Wiederverwendung.

Meine Erfahrung mit ISO9001 Audits ist folgende: Es wird geprüft, ob Dokumente vorhanden sind. Ob diese korrekt versioniert sind. Ob diese freigegeben wurden. Ob die Dokumente den Personen in der richtigen Version bekannt sind. Ob der Inhalt dieser Dokumente aber überhaupt der Situation angemessen ist, kann überhaupt nicht sinnvoll auditiert werden.

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Doch. Eben weil es um die Gesundheit und das Leben der Kolleginnen geht.

Es geht ja nicht darum, an der Sicherheit an sich zu sparen, sondern um die von außen oktroyierten Berichtspflichten. Ein gewisses Maß ist ja in Ordnung. Abhängig von der Gefahreneinschätzung des Arbeitsplatzes auch durchaus etwas mehr.
Wenn die Regeln sich aber nicht in konkrete Situationen berücksichtigen, können sie durchaus auch Schaden anrichten. Zur Einhaltung der Regeln sind mentale Kapazität und auch Ressourcen notwendig. Die fehlen dann eventuell bei der realistischen, lokalen Lagebeurteilung und die Aufstellung individueller Regeln. Es gilt das Gesetz des diminishing returns: Ab einem bestimmten Punkt ist jede investierte Stunde oder Euro kaum mehr ein merklicher oder nachweislicher Gewinn. Es wäre dann besser, diese Kapazitäten an anderer Stelle zu investieren, um den Arbeitsplatz sicher und attraktiv zu gestalten (z.B. in die Invention neuer, und sicherer Maschinen).

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Da das Thema CSRD kurz angesprochen wurde und da meiner Meinung nach mit Themen wie dem Leiterbeauftragten auf eine Stufe gestellt wurde, wollte ich euch an ein paar Aspekten aus der Praxis teilhaben lassen.

Disclaimer: ich schreibe aus der Perspektive von zwei Personen, deren Job durch die CSRD geprägt ist. Eine von uns verfasst als Beraterin Nachhaltigkeitsberichte, der andere prüft solche Berichte bei einer der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Wir sind also finanziell abhängig von dieser Richtlinie, profitieren von ihrer Komplexität und sind ggf. voreingenommen. Uns ist allerdings das Thema Nachhaltigkeit privat sehr wichtig, daher haben wir kein Problem damit, an vielen Stellen anzuerkennen, dass die CSRD über das Ziel hinausschießt.

Zunächst: was ist das überhaupt? Die CSRD soll die Nachhaltigkeitsberichterstattung bei großen Unternehmen auf eine Stufe mit der Finanzberichterstattung heben. Dies soll durch eine Standardisierung mittels europäischer Berichtsstandards, sowie die Pflicht der externen Prüfung geschehen. So können Unternehmen bspw. Ihre Gender Pay Gap oder THG-Emissionen nicht mehr nach einer beliebigen Methodologie berichten, sondern müssen sich an verpflichtende Standards halten, die die Angaben vergleichbar machen sollen. Die Richtlinie greift auf Konzernebene, sodass Daten international erfasst, aggregiert und berichtet werden müssen.

Die Standards sind dabei recht kleinteilig und zwingen Unternehmen neben quantitativen Indikatoren auch zu umfassenden qualitativen Angaben. Die meisten Berichte sind daher 100-200 Seiten lang. Qualitative Angaben umfassen hauptsächlich Unternehmens-Policies, Maßnahmen, Zielen und Kennzahlen zu relevanten Themengebieten. Hier liegt auch einer der validen Kritikpunkte an der Verordnung: die Berichte sind mit qualitativen Informationen von absehbar begrenztem Mehrwert so überladen, dass sie für einen normalen Menschen kaum lesbar sind. Zudem steht der absehbar geringe Nutzen einiger der quantitativen Angaben in keinem Verhältnis zum Aufwand, den die Datenerfassung erfordert.

Gleichzeitig sollte man aber auch zwei andere Aspekte anerkennen:

1) Warum schreiben Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte?
Letztendlich soll das Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit in ihren Tätigkeiten bewegen, weil über die regelmäßige und standardisierte Veröffentlichung ihrer Performance Druck aus Öffentlichkeit, Journalismus und Politik aufgebaut wird. Die Berichterstattung ist mühselig, ja, die Alternative kann aber nicht sein, sie einfach ersatzlos zu streichen, weil damit ein Kernbestandteil des Green Deals wegfallen würde. Man müsste dann auf ordnungspolitische Maßnahmen zurückgreifen, um Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen. Wenn man das politisch durchsetzen kann, wäre es nachvollziehbar, über eine Abschaffung der Berichtspflichten reden, andernfalls sind sie ein Minimalkompromiss, um zumindest Transparenz herzustellen.

2) Welche positiven „Nebenwirkungen“ erzielt die CSRD?
Häufig beobachteter Punkt: Es gibt bei den meisten Unternehmen aktuell keinen vernünftigen Datenhaushalt für diverse Themen, von denen man das eigentlich erwarten würde, um ihrer Relevanz für Umwelt und Gesellschaft gerecht zu werden. Nehmen wir als Beispiel die simple Angabe, ob alle Mitarbeitenden des Konzerns über dem jeweils gültigen Mindestlohn bezahlt werden. Man würde meinen, ein globaler Konzern hat zu solchen fundamentalen Themen eine Datenbank und kann das ohne weiteres auf Knopfdruck auswerten. Dem ist oft nicht so und Daten müssen von internationalen Töchtern manuell zugeliefert und konsolidiert werden, wobei in einigen Fällen auffällt, dass es Mitarbeitende gibt, die unter lokal gültigem Mindestlohn bezahlt werden.

Genauso zwingt die Richtlinie Konzerne auch, sich mit ihren Tochtergesellschaften auseinanderzusetzen. Da nach HGB einige sehr kleine Unternehmen aus Kosten-Nutzen-Gründen von der Finanzberichterstattung ausgeschlossen werden können, sind diese nicht regelmäßig Teil der durchgeführten Prozesse, und die zuständigen Konzernabteilungen können oft nicht mal genau sagen, was einzelne Töchter überhaupt tun. Die rufen dann einzeln dort an, bspw. auf den Cayman Islands, und fragen ab, was das Geschäftsmodell ihrer eigenen Tochtergesellschaft ist und ob man aus ökologischer / sozialer Perspektive nicht mal draufschauen müsste.

Das sind nur zwei Beispiele, man könnte hier viel mehr solcher Punkte aufführen. Die CSRD ist für viele Unternehmen ein Weckruf, einen vernünftigen Datenhaushalt für diverse Themen zu erstellen. Dies ermöglicht dann auch eine interne Nutzung und Steuerungsrelevanz von Nachhaltigkeitsdaten. Die erste Berichterstattung bleibt natürlich mühsam, sobald man als Unternehmen aber ein entsprechendes Datenmanagement aufgesetzt hat, kann man hier mE viel gewinnen und sollte das als Unternehmen eher als eine Art verpflichtende Investition, als als lästige Pflicht betrachten.

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Die Annahme, dass ein Großteil des Erfolgs schon mit einem Bruchteil des Aufwands erreicht werden kann, kann nicht mit einem Verweis auf das Pareto-Prinzip begründet werden. Das Pareto-Prinzip ist ja nur der Name für eine solche Aufteilung und kein immer geltendes mathematisches Gesetz oder Naturkonstante.

Das Pareto-Prinzip kann für sich genommen daher auch nichts veranschaulichen, wenn nicht für den konkreten Fall dargelegt wurde, warum es überhaupt gilt.

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Und trotzdem ist der Arbeitsschutz ein schlechtes Beispiel eben weil man sich da sehr viel Arbeit sparen kann wenn man sich mit dem Thema richtig auseinandersetzt. Paredo kann ich vielleicht nicht ganz erreichen, kann aber die notwendigen Dinge so in die bestehenden Prozesse einbinden dass es gar nicht wie zusätzliche Bürokratie wirkt.

Was die meisten Unternehmen machen, und dann unter der Last der Bürokratie jammern, ist das umsetzten von DGUV Regeln und technischen Regeln zu 100%. Dabei sind diese 1. nicht rechtsverbindlich und 2.meisten überkonkret geschrieben um alle Fälle abarbeiten zu können. Man kann sich jetzt also die Regeln nehmen, gucken was passt zu uns, das ist die vorhandene Aufbauorganisation mit einbauen und hat trotzdem alle Vorschriften erfüllt. Ich kann gerade bei dem Thema Arbeitsschutz durch Mitdenken und vor allem durch das Kennen der schon vorhandenen Ressourcen im Unternehmen ganz viel Bürokratie einsparen.

Die Regeln im Arbeitsschutz erzeugen bei Anwendung eine Vermutungswirkung. Deshalb muss ich trotzdem nicht jede einzelne Regel auf einem extra Blatt Papier umsetzten sondern kann Bündeln, kann gucken was machen wir vielleicht eh immer.

Beispiel: Macht die Instandhaltung eh einmal im Monat eine Runde und guckt sich den Betrieb an? Sie erzeugt dabei ein Protokoll oder arbeitet eine Checkliste ab? Warum da nicht gleich die Leitern aufs Monatsthema setzen. Dann haben auch alle was davon weil die Wichtigkeit des Themas auch an die Menschen herangetragen wird und die Leiterprüfung auch wirklich alle Leitern erwischt.

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Ich bin im Sondermaschinenbau bzw. in der Großprojektplanung tätig und meine Erfahrung mit ISO Audits und den Auditoren ist eine andere. Dass nur der QMB alle Antworten hat, ist seit ISO9001:2015 nicht mehr der Fall. Hier hat sich die ISO deutlich weiterentwickelt. Allerdings gibt es wohl durchaus Firmen, die das noch versuchen in der alten Art zu leben.

Und meiner Erfahrung nach schaut ein Auditor nach einem in sich schlüssigen System (und so wurde ich auch geschult), das kann stichprobenartig Dokumente/Prozesse beinhalten, oder eben Datenbanken, Vorgehensweisen etc.

Ich stimme dir zu, kein Tool oder Prozess definiert die Fähigkeit einzelner Leute oder die Unternehmenskultur.

ISO ist Auslegungssache, und sie erlaubt auch anhand eines risikobasierten Ansatz etwas nicht zu tun. Der Auditor wird dich halt nach dieser Risikoeinschätzung und evtl Minimierung fragen.

Um zurück zum übergeordneten Thema zu kommen. Standards auf die sich die Unternehmen einigen können hilfreich sein. Und manchmal werden sie zum Gesetz oder einer Verordnung. (Z.B. Airbag, 3-punkte Gurt, Steckdosen, Lampenfassungen, sogar die gerade Gurke).

Manchmal können sie aber auch hinderlich sein, wenn ein Unternehmen erfolgreich lobbyiert hat, dass nur sein Standard gilt, um andere Mitbewerber temporär auszuschließen und somit Innovationskraft verloren geht.

Ansonsten stimme ich @sulu zu, viel passiert in Unternehmen auch durch Unwissen und sich selbst 120% absichern zu wollen. Dann brauche ich mich auch nicht wundern, dass es so viel Zeit kostet. Man muss die entsprechenden Sachverhalte halt kennen, interpretieren und schlank umsetzen können. Da unterscheiden sich gute von weniger guten Unternehmen.

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Ich fand ihre Beispiele aus dem Gefahrgut bezeichnend.

Zum einen müssen ihre Lagerarbeiter da nichts prüfen, weil man ja ne Fachfirma beauftragt hat, aber gleichzeitig gilt zum anderen, dass es den osteuropäischen Speditionen ja auch an Fachkräften mangelt. Es kann doch nicht beides stimmen.

Warndreiecke oder Handschuhe sind bei einem Unfall mit Gefahrgut keine Nice to Have Items.

Wieso kann niemand die Temperaturfühler prüfen, bei der Kontrolle auf der Autobahn können sie dann aber plötzlich ein Mangel sein? Kann doch nicht beides stimmen.

Wieso kann überhaupt etwas bei der Kontrolle fehlen, wenn es doch 3fach geprüft wurde und die Firma sogar von Alleine den sicheren Gefahrguttransport garantieren würde?

Nein, hier will man Transportaufträge an den billigsten vergeben dürfen und will dabei komplett aus der Haftung sein. Wenn dann der selbständige rumänische Fahrer mit dem falschen Material im Wasserschutzgebiet unumkehrbare Millionenschäden verursacht, will man einfach nichts damit zu tun haben.