Die taz hat im Juli über eine zunächst intern geplante Kampagne gegen die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne berichtet. Inzwischen ist sie öffentlich: „Berlin denkt weiter“, getragen von IHK Berlin, Handwerkskammer, UVB und VBKI und unterstützt von einem breiten Netzwerk aus Immobilien-, Wohnungs-, Banken-, Bau- und Wirtschaftsverbänden.
Die öffentliche Botschaft lautet unter anderem: „Neubau, nicht Enteignung.“
Spannend finde ich dabei weniger die Kampagne selbst als einen Widerspruch in ihrer Argumentation.
Berlin-denkt-weiter sagt: Berlin braucht Investitionen, Planungssicherheit, funktionierende Unternehmen, Arbeitsplätze und natürlich sehr viel mehr Wohnungsbau.
Dem kann man eigentlich vollständig zustimmen.
Aber warum folgt daraus, dass Wohnungen dauerhaft privaten Investoren gehören müssen?
Eine Bank kann den Bau finanzieren und Zinsen bekommen, ohne die Wohnungen zu besitzen. Ein Pensionsfonds kann Anleihen kaufen. Ein privates Bauunternehmen kann Tausende Wohnungen bauen und daran verdienen. Handwerksbetriebe, Architekturbüros und Baustoffhersteller brauchen Aufträge - aber keine dauerhaften Eigentumsrechte an den fertigen Wohnungen.
Man könnte die Argumentation von Berlin-denkt-weiter deshalb fast umdrehen:
Wenn Planungssicherheit so wichtig ist, warum garantiert Berlin nicht über 15 oder 20 Jahre ein massives öffentliches Wohnungsbauprogramm? Wenn Investitionen wichtig sind, warum bezahlt man Kapital nicht für die Bereitstellung von Kapital, statt ihm dafür dauerhaft Eigentum an Wohnraum und Boden zu übertragen?
Dann verschwinden private Unternehmen überhaupt nicht. Sie bauen, planen, finanzieren und verdienen weiterhin Geld. Nur die Wohnungen könnten anschließend stärker öffentlichen Unternehmen, Genossenschaften oder anderen gemeinwohlorientierten Trägern gehören.
Damit wird auch „Neubau statt Enteignung“ fragwürdig. Neubau und Vergesellschaftung lösen schließlich unterschiedliche Probleme: Neubau schafft zusätzliche Wohnungen. Vergesellschaftung verändert Eigentum, Marktmacht und die Frage, wer langfristig über Mieten und Wertsteigerungen verfügt.
Vielleicht müsste es also heißen:
Neubau und Vergesellschaftung. Investitionen ohne Investorenabhängigkeit.
Interessant ist dabei auch das Netzwerk hinter Berlin-denkt-weiter. Viele der beteiligten Verbände und Unternehmen begegnen sich seit Jahren in Mitgliedschaften, Beiräten, Aufsichtsräten, Senatsbündnissen und politischen Anhörungen. Das ist zunächst normale Interessenvertretung. Aber die Kampagne zeigt, wie aus dieser bereits bestehenden wirtschaftlichen Infrastruktur politische Mobilisierung werden kann.
Und damit lande ich bei der Frage, die ich für die Lage besonders spannend fände:
Wie demokratisch ist politische Gestaltung eigentlich, wenn eine gewählte Regierung zwar beschließen kann, dass dringend Wohnungen gebaut werden sollen, die Umsetzung aber wesentlich davon abhängt, ob private Kapitalgeber die erwartete Rendite attraktiv genug finden?
Müssen wir diese Abhängigkeit akzeptieren? Oder könnte man wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und privates Kapital weiterhin nutzen, während Eigentum und Entscheidungsmacht über zentrale Daseinsvorsorge stärker demokratisiert werden?
Vielleicht liegt der eigentliche Gegensatz also gar nicht bei Staat gegen Wirtschaft, sondern bei einer viel interessanteren Frage:
Brauchen wir private Investoren als dauerhafte Eigentümer? Oder brauchen wir wirklich private Investitionen?
Gerade vor der Berliner Wahl und der wieder sehr konkreten Debatte über DWE und Art. 15 GG fände ich es großartig, wenn ihr diese Frage einmal ökonomisch, politisch und juristisch auseinandernehmt.