Biogas - zu unrecht vernachlässigt?

Hallo,
Biogas hat ja in D nach einigen Jahren Boom in den Nullerjahren ein schlechtes Image. Mais-Monokulturen haben zu Recht eine Diskussion unter dem Stichwort „Tank vs Teller“ ausgelöst. Seit einigen Jahren stagniert die Biogasproduktion weitestgehend und deckt aktuell ca 20% des deutschen Gasbedarfs.
Gut die Hälfte der deutschen Haushalte wird mit Gas beheizt. Ich bin mir der Problematik um die Klimawirksamkeit von Methan vollends bewusst, halte Gas als Energieträger dennoch nicht nur übergangsweise, sondern langfristig für unverzichtbar. Gas ist ganzjährig verfügbar und auch im Gebäudebestand problemlos umsetzbar. Setzt man das Gas in Kraft-Wärme-Kopplung ein, kann besonders im Winter Engpässen in der Stromversorgung hocheffizient entgegengewirkt werden.
Aktuell wird jedoch in der öffentlichen Debatte nur über synthetisches Methan berichtet, Biogas spielt praktisch keine Rolle mehr. Dabei sollte man bedenken, dass biologisches Material, das nicht zu Biogas umgewandelt wird, früher oder später zwangsläufig auf natürlichem Wege zu Methan, CO2 und im schlimmsten Fall Lachgas umgewandelt und direkt in die Atmosphäre freigesetzt wird.
Ich halte es daher für fahrlässig, dass diesem Thema kaum Beachtung geschenkt wird. Ich würde mir wünschen es gäbe eine Diskussion um gesetzliche Rahmenbedingungen (Anreize oder Vorgaben), um die Verwertung von biologischen Reststoffen (Erntereste, Bioabfall, Gülle etc) deutlich zu steigern, um die Abhängigkeit von fossilen Erdgas zu verringern und das unkontrollierte Entweichen von Treibhausgasen zu reduzieren. Laut Wikipedia (allerdings scheint der Artikel veraltet) besteht ein Potential, den Anteil am deutschen Gasmix mehr als zu verdoppeln.

Da würde mich interessieren was denn da im Detail zu Gas verarbeitet werden sollte.

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20%? Schön wär’s ja.

Hier aktuelle Zahlen und auch eine Abschätzung des (realistischen) Potentials: https://www.topagrar.com/energie/news/biomethan-koennte-40-des-deutschen-gasverbrauchs-decken-12365566.html

Viel wird Biomasse nicht beitragen können zur zukünftigen Energieversorgung.

Da sprichst du genau den wunden Punkt an. Die Anreize bzw. der gesetzgeberische Rahmen ist offenbar aktuell nicht richtig gesteckt, um derartige Fehlentwicklungen abzufangen. Hier sehe ich Nachbesserungsbedarf und wollte daher die Diskussion hier anstoßen. Eine Möglichkeit wäre ja bspw., dass als „ökologische Dienstleistung“ gefördert wird, wenn statt Mais wenigstens zeitweise auf Blühflächen gesetzt und damit ein Beitrag zur Biodiversität geleistet werden würde. Das ist aktuell nicht wirtschaftlich, daher müsste hierfür durch Förderung ein Ausgleich geschaffen werden.

Die Diskrepanz zwischen den Zahlen kommt vermutlich durch die Begriffe Biogas und Biomethan zustande. So wie ich es verstehe kommt das 1% in dem von dir verlinkten Artikel dadurch zustande, dass hier nur das auf Erdgasqualität aufbereitete Biomethan gerechnet wird. Ich nehme an, dass ein großer Teil des Biogases vor Ort in KWK-Anlagen umgesetzt wird und nicht erst aufwändig aufbereitet wird. Zwischen den dort dargestellten 1% und bis zu 40% (realistisch werden 13% angegeben) liegen doch Welten und riesiges verschenktes Potential. In der öffentlichen Diskussion dreht sich aber alles um die Wärmepumpe, die für etliche Gebäude aber nie wirtschaftlich einsetzbar sein wird.

Schon vor 40 Jahren wurde das in den Kläranlagen so umgesetzt.
Die Biogasanlagen die ich kenne werden in 1. Linie nicht zur Einspeisung von Gas betrieben sondern zur Stromgewinnung/KWK aus eben diesem Biogas.

Genau. Aber wo ist da ein Potential? Es ist ja nicht so, dass wir ein Übermaß an Strom aus Biogas im Netz hätten. Die Biogasanlagen würden also lediglich mit großem Aufwand ins Gasnetz einspeisen und das nächste Gaskraftwerk verstromt das dann. Da ist die direkte Umwandlung in Strom und Wärme vor Ort effizienter.

Aber insgesamt muss man sich klarmachen, wie traurig gering das Biomasse-Potenzial tatsächlich ist: der Brennwert des gesamten deutschen Waldes (1/3 des Staatsgebiets bedeckend) reicht für ungefähr vier Jahre des deutschen Energieverbrauchs. Und für ein paar Prozent Deckung des Bedarfs an Strom und Treibstoffen benötigen wir bereits 20% der Ackerflächen des Landes.

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Eine direkte Alternative wäre es, ein Teil der Fläche mit Solarzellen zu bestücken und dann vollsynthetisch Wasserstoff mittels Elektrolyse zu erzeugen (und danach ggf. Methan). Da der Wirkungsgrad von Solarzellen (+ Elektrolyse + Methansynthese) deutlich höher ist als der von pflanzlicher Photosynthese (+ Fermentierung), würde dafür deutlich weniger Fläche benötigt werden und die überzählige Fläche könnte ganzjährig als Naturreservat ohne jegliche wirtschaftliche Nutzung Verwendung finden. Ökonomischer wäre dieses Vorgehen höchstwahrscheinlich auch. In meinen Augen sollte also keinerlei Flächen dafür verwendet werden um primär Biogas zu erzeugen.

Andersweitig anfallende Bioabfälle zu Biogas zu veredeln klingt hingegen plausibel. Allerdings sollte sich das Veredeln dann auch lohnen bzw. selbst tragen. Staatliche Subventionen würde ich an anderer Stelle im Energiesystem einsetzen.

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Der politische Vollfail war von Anfang an, Biogasproduktion NICHT strengstens auf die Vergärung von Abfällen zu beschränken.

Bei uns haben einige Bauern in wirklich grosse Biogasanlagen investiert aufgrund des totalen Fehlanreizes. Zur Maiserntezeit fahren Gespanne aus sehr schweren Traktoren und riesigen Kipperanhängern (die eigentlich nur für den Maistransport geeignet sind) wochenlang bis zu 30 km um das Material zu den Anlagen zu holen. Da hatte sich mal die CSU für „EE“ stark gemacht, in erster Linie aber, um die Bauern zufriedenzustellen. Traurig.

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