Berufsarmee vs. Wehrpflicht

Deine Argumentation beruht auf mehreren fragwürdigen Annahmen und falschen Analogien.

1. Zahlenfetisch ersetzt keine Militärstrategie
Die Vorstellung, Sicherheit lasse sich durch „Soldaten pro Meter Grenze“ herstellen, ist militärisch überholt. Moderne Kriegsführung entscheidet sich nicht im lückenlosen Besetzen von Linien, sondern durch Aufklärung, Luftüberlegenheit, Präzisionswirkung, Drohnen, Sensorik und schnelle, vernetzte Reaktionskräfte. Wäre es ein reines Zahlenspiel, wäre die Ukraine ja überrollt worden.

Deswegen hat ja die NATO auch hier NATO Force Model entwickelt. 800.000 Soldaten, davon 300.000 als schnelle Eingreiftruppe…

2. Wehrpflicht schafft Masse, aber keine Kampfkraft
Wehrpflichtige mit wenigen Monaten Ausbildung sind im Gefecht nur eingeschränkt einsetzbar. Der Ukraine-Krieg zeigt nicht, dass Masse allein gewinnt, sondern dass schlecht ausgebildete Truppen enorme Verluste erleiden -siehe russische Verluste.

3. Aktuelle Mobilisierung
Die Annahme, Deutschland müsse im Ernstfall allein Millionen Soldaten stellen, ignoriert die Realität der NATO, auch ohne USA. Bündnisverteidigung bedeutet Arbeitsteilung, nicht symmetrisches Spiegeln russischer Mobilisierungszahlen. In einem anderen Thread haben wir bereits mal Zahlen und Herleitung des Bedarfs hier diskutiert. Die NATO hat schon heute - auch ohne die USA - ein deutlich größeres Gesamtpotenzial: rund 2,1 Mio. aktive Soldaten (mit USA 3,4 Mio.) gegenüber 1,3 Mio. in Russland. In einem Podcast von t-online sagt NATO-Forschungsdirektorin und Expertin für Sicherheitsfragen Florence Gaupp „Wir brauchen die Wehrpflicht nicht zu sehr aus operationellen Gründen.“ und geht dann auf Punkte wie Abschreckung und Selbstwirksamkeit der Bevölkerung ein.

4. Wehrpflicht löst kein Zeit-, sondern überdeckt ein Qualitätsproblem
Das Argument, man könne im Krieg „nicht mal eben ausbilden“, spricht gerade gegen Wehrpflicht. Für das NATO Force Model hat Deutschland zusätzliche 35.000 Soldaten zugesagt. Seit Jahren ist die Bundeswehr wegen ihrem schlechten Zustand in der Kritik, jede Comedy Show macht darüber Witze. Für die Bundeswehr hieß es nur 50% der 181k Soldaten in „materielle Einsatzbereitschaft“, was hoffentlich allein durch das “Sondervermögen” besser wird. Der Wehrbeauftragte beklagt die Langeweile als größtes Problem in der Bundeswehr. Gut 1/4 der Zeitsoldaten bricht wieder ab, was also gut 5.000 Soldaten pro Jahr entsprechen müsste. Auf der anderen Seite werden Bewerber für die Reserve abgelehnt . Der Landesvorsitzende des Reservistenverbands spricht von 5.000 Ausbildungsplätzen die leicht zu füllen wären. Kurzausgebildete Wehrdienstleistende sind im Ernstfall schneller überfordert als hilfreich und auch hier berichten viele aus ihrer Wehrpflichtszeit vor allem von Langeweile. Als Zwischenfazit tut sich die Bundeswehr also einfach derzeit schwer, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, aber das hat strukturelle Gründe. Und die Hoffnung ist, das die Wehrpflicht diese Lücke stopft statt an diesen strukturellen Gründen zu arbeiten (siehe unten).

Gleichzeitig wird die Wieder-Einführung der Wehrpflicht Kosten in Milliardenhöhe verursachen (sieh z.B. Ifo). Das Geld fehlt dann wieder bei anderen Stellen - im Zweifel sogar bei der besseren Ausrüstung der Bundeswehr.

Professionelle Streitkräfte mit durchgängiger Ausbildung, funktionierenden Ersatz- und Ausbildungsstrukturen und klaren Karrierepfaden sind reaktionsfähiger. Und in Sachen Reserve: Länder wie die USA, Großbritannien oder Frankreich zeigen, dass freiwillige Reserve- und Nationalgarde-Modelle mit klaren Anreizen, guter Bezahlung und moderner Ausbildung deutlich leistungsfähiger sind.

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