In diese Richtung denke ich auch. Es sind ja nicht nur Studenten, die Jena erreichen wollen, sondern auch Mitarbeiter von Unternehmen…
Wie definierst du Katastrophal? Man ist mit der Bahn in etwa so schnell wie mit dem Auto. Es gäbe sogar eine Verbindung ab 4.18 Uhr mit Ankunft Frankfurt um 8:14 Uhr. Man muss ja auch die Distanz vor Augen halten. Tut man das nicht müsste man sagen, dass von Lübeck aus, was ungefähr doppelt so groß ist, sogar ein Flug um 12 Uhr ab Frankfurt unrealistisch ist oder eine Rückkehr nach 18 Uhr.
Für deinen Anspruch bequem um 8 in Frankfurt zu sein bräuchte es auch nicht irgendeinen ICE sondern es bräuchte dann schon fast eine ICE Direktverbindung zum Flughafen Frankfurt. Ich glaube da kommen wir aber ziemlich schnell an die Grenzen dessen was der Fernverkehr überhaupt leisten kann. Es kann einfach nicht von überall hin nach überallhin ICE Direktverbindungen geben.
Da stimme ich dir vollkommen zu.
Genau hier liegt bei vielen auch der Denkfehler: Man erkennt, dass der Fernverkehr nicht beliebig Direktverbindungen von überall nach überall leisten kann und schließt daraus aber fälschlich, man müsse nur an anderer Stelle ein neues „Drehkreuz“ definieren, etwa in Jena.
Ein ICE‑Drehkreuz entsteht jedoch nicht dort, wo es geografisch mittig wirkt oder persönlichen Reisewünschen entgegenkommt, sondern dort, wo mehrere leistungsfähige Hauptachsen, Infrastruktur und Umleitungsfähigkeit zusammentreffen. Altenbeken wird nicht wegen seiner Ortsgröße angefahren, sondern wegen seiner netzstrategischen Funktion. Jena erfüllt diese Voraussetzungen nicht.
Wer akzeptiert, dass es keine ICE‑Direktverbindung von überall zum Frankfurter Flughafen geben kann, muss auch akzeptieren, dass Drehkreuze nach Netzlogik entstehen und nicht nach subjektivem Komfort oder Kartengefühl.
Und dann gelten halt Dörfer wie Jena oder Chemnitz mit 100k bzw 250k Einwohnern als “Auf dem Land“.
Ist das ein Strohmann oder ein ernsthafter Beitrag zum Thema?
Denn ich finde keine Stelle an der hier jemand Chemnitz oder Jena als „auf dem Land“ bezeichnet hat.
Das bezog sich auf das “Weniger Autos“ - “Aber auf dem Land…”
Jena und Chemnitz haben beide eine schlechte Fernverkehrs-, dafür aber eine sehr gute Autobahnanbindung. Entsprechend hoch ist die Motivation, sich in diesen Städten ein KFZ zuzulegen.
Der Punkt von pbf85 ist aus meiner Sicht genau der richtige Ansatz und zugleich zeigt er, warum pauschale Lösungen („weniger Autos“, „mehr Bahn“) so problematisch sind.
Was du zu Jena und Chemnitz schreibst, lässt sich im Grunde 1:1 vom Großen ins Kleine übertragen. Auch innerhalb von Städten (bzw. Einzugsgebieten) erleben wir genau diesen Bruch:
Im dicht angebundenen Kern wird „Auto raus, Bahn rein“ propagiert, während am Stadtrand oder in eingemeindeten Ortsteilen die Menschen oft ähnlich schlecht angebunden sind wie im ländlichen Raum. Dass Immobilien mit fußläufiger Bahnanbindung 25–40 % (oder mehr) Aufpreis erzielen, ist ja gerade ein objektiver Beleg dafür, wie stark Erreichbarkeit das Verhalten prägt .. nicht Ideologie.
Genau deshalb finde ich den konstruktiven Vorschlag von pbf85 so wichtig:
Nicht „die eine Lösung“, sondern eine fachliche Analyse, die beantwortet:
1.) Wo braucht es im Fernverkehr Neubauten, wo Ausbau, wo Entflechtung von Knoten?
2.) Welche Städte liegen abseits der Hochgeschwindigkeitstrassen und wie bindet man sie sinnvoll an, ohne überall ICE‑Neubaustrecken zu fordern? (+ Analyse ob man sie anbinden muss)
3.) Wie geht man vom Fernnetz in die Fläche: Bahn, Bus, Tram, U‑Bahn .. abhängig von Nachfrage, Topografie, Siedlungsstruktur?
4.) Und wo lässt sich durch moderne Leit‑ und Sicherungstechnik, Knotenmanagement oder bessere Taktabstimmung überhaupt Kapazität gewinnen, ohne Beton zu gießen?
Das Entscheidende dabei: All das ist hochgradig individuell.
Nicht nur von Region zu Region, sondern selbst innerhalb einer Stadt. Der eine Stadtrand braucht eine S‑Bahn‑Taktverdichtung, der andere Expressbusse, der nächste vielleicht weiterhin das Auto .. schlicht weil es keine realistische Alternative gibt.
Deshalb beißt sich das Mantra „Warum ist das im Großen anders als im Kleinen?“ nicht nur rhetorisch, sondern inhaltlich:
Es ist im Großen nicht anders. Mobilität folgt überall der tatsächlichen Erreichbarkeit. Und genau deshalb scheitert jede Debatte, die versucht, eine einheitliche Lösung für historische, gewachsene Netze und sehr unterschiedliche Räume zu erzwingen.
Was wir brauchen, ist weniger Moral und mehr Netz‑Denken. Genau das steckt im Vorschlag von pbf85 und genau darüber lohnt sich die Diskussion.
Ich finde auch, dass heute mit Bezug auf Jena über die Entscheidung der Trassenführung der VDE 8 zu diskutieren, verschüttete Milch ist. Die Landesfürsten betreiben seit über 30 Jahren eine Infrastruktur- und Wirtschaftspolitik, die klar auf Erfurt ausgerichtet ist. Mit den Folgen muss man umgehen und sich daher für die Zukunft Verbündete suchen.
Infrastrukturell würde ich aus Jenaer Sicht daher auch weniger den Verlust der Nord- (vor allem nach Leipzig) und Südverbindung (das funktioniert via Erfurt jetzt schneller als früher) beklagen als auf eine (weitere) Stärkung der Städtekette Erfurt-Weimar-Jena-Gera-Chemnitz-Dresden drängen. Denn während die Autobahnverbindung gut ausgebaut ist, sorgt dort das Flickwerk der Bahnverbindungen dafür, dass die Nutzung des Fernverkehrs in den Rest von Deutschland umso weniger als Option wahrgenommen wird, je weiter man sich in der Mitte der Kette befindet. Das Einzugsgebiet der Strecke sollte eigentlich groß genug für regelmäßigen IC-Verkehr sein (z.B. durchgebunden in Richtung Kassel oder Göttingen) und Abstände haben, die ein Abheben vom Regionalverkehr zulassen.
Ich stimme dir hier zu, diese Verbindung ist super wichtig. Ich fahre regelmäßig zwischen Gera und Dresden hin und her und brauche dafür mindestens doppelt so lange wie mit dem Auto, und das mit prekären Umsteigezeiten und teilweise 2h-Takt. Eine Fernverkehrsanbindung von Jena wäre cool, wie hier so viel diskutiert wurde, aber noch viel abgehängter ist Ostthüringen und das Vogtland. Von Jena nach Chemnitz kommt man nur alle zwei Stunden und es dauert ewig, obwohl da Gera auf der Strecke liegt. Auf dieser Strecke muss es einfach eine durchgehende Verbindung geben, und zwar eine einigermaßen schnelle und elektrifizierte. Alles weitere (IC oder RE, Verlängerung bis Dresden) ist aus meiner persönlichen Erfahrung verhandelbar.