Baden-Württemberg: Spahn fordert Teilung der Ministerpräsidenten-Amtszeit

Liebe Lage-Freund*innen,

Ich melde mich hier heute mal zu Wort, weil ich mal wieder fassungslos darüber bin, wie machtzentriert-strategisch die CDU selbst nach der relativen Wahlniederlage gegen die Grünen agiert.

Heute Nachmittag hat Jens Spahn im Namen des CDU-Vorstands eine Debatte darüber lanciert, dass aufgrund des knappen Ergebnisses (beide Parteien, CDU und Grüne, werden im kommenden Landtag 56 Mandate haben) die Amtszeit des BaWü-Ministerpräsidenten in zwei Hälften geteilt werden sollten. Demnach soll Özdemir nach 2,5 Jahren an Hagel übergeben.

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik wurde die Amtszeit einer Regierungspitze an die Stimmverhältnisse der regierenden Parteien gekoppelt. Der Grund dafür ist, dass im Ergebnis völlig instabile Verhältnisse herbeigeführt würden: Eine Regierungskoalition müsste sich nach der Logik quasi - drastisch ausgedrückt - ein datiertes Misstrauensvotum in den Koalitionsvertrag zimmern. Wie man es auch dreht und wendet - eine Regierung, in der die Richtlinienkompetenz mitten in der Amtszeit von der einen auf die andere Seite des Verhandlungstisches wandert, spaltet sich selbst in regierende und wartende Fraktion. Wer darauf wartet, selbst an der Reihe zu sein, und damit auch aufgrund des Koalitionsvertrags fest damit rechnen darf, hat ein Interesse daran, wichtige Entscheidungen so lang zu verhandeln, bis die eigene Amtszeit beginnt. Diese politische Arithmetik ist koalitionsvertraglich nicht aufhebbar und führt so eine Anreizdynamik des Verzögerns ein. Eine im Vorhinein gelähmte Regierung.

Dieser Vorschlag entspringt der bereits viel kritisierten Vorstellung, dass die Partei, die die Wahl gewinnt, auch den Ministerpräsidenten stellen sollte. Gleichstand in den Stimmen bedeutet in dieser Logik auch Aufteilung der Amtszeit. Nun haben die Grünen die Wahl eindeutig gewonnen, wenngleich daraus die gleiche Fraktionsgröße für Grüne und CDU resultiert. Man muss dem Vorschlag folgende Frage entgegensetzen: Wie “knapp“ muss ein Ergebnis sein, um - mit der Koppelung von Stimmanteilen und MP-Amt - so eine drastische Veränderung in der parlamentarischen Regierungsbildungskultur zu rechtfertigen? Warum sollte ein knappes Ergebnis die Amtszeit-Stimmanteil-Koppelung begründen, aber ein eindeutiges Ergebnis nicht? Wenn sich aus der Logik von Stimmanteilen ein direkter Anspruch auf das MP-Amt ableitet (eine Sicht, die zu Recht kritisiert wird), dann ist die beschränkte Anwendung dieses Denkens auf Fälle “knapper“ Ergebnisse nicht zu rechtfertigen.

Wie absurd dieser Vorschlag letztlich ist, wird konkret, wenn man diese Logik auf den Bund überträgt. Der Anteil der SPD an den Stimmen in der Regierungskoalition beträgt mit 120 von 328 stimmen ca. 37%. Wenn Stimmanteil jetzt das ausschlaggebende Kriterium für Amtszeitanteil ist, und wir die Logik der CDU kaufen, stünden der SPD ca. 1,5 Jahre Kanzlerschaft zu.

Hier wird deutlich: Das Absolutsetzen des stimmanteilich begründeten Anspruchs auf Amtszeit wäre eine Zäsur für die parlamentarische Kultur. Die Stabilität von Koalitionen gründet - wie wir nicht zuletzt an der Ampel gesehen haben - auf einem Vertrauensverhältnis der regierenden Akteure. Dieses Vertrauensverhältnis umfasst die innerkoalitionäre Anerkennung der sich selbst gesetzten personalen Ordnung - inklusive der Frage, wem die Richtlinienkompetenz namentlich des Ministerpräsident*innenamts zukommt. Hier, und nur hier, ist die Frage des Stimmgewichts ein politisch-kulturell begründbares Moment; in der Frage, wer die Wahl gewonnen hat, findet sich auch die Anerkennung, welche Gewichtung die programmatischen Vorstellungen der koalierenden Parteien erhalten. Indem diese personale Ordnung ein Ablaufdatum erhält, wird auch die Anerkennung der durch die Wahl geschaffen Verhältnisse mitten in der Regierungszeit zur Revision gestellt. Das kann wirklich niemand ernsthaft wollen. Es ist letztlich ein vergiftetes Angebot.

Gerade mit Blick auf den anstehenden Wahlen dieses Jahr, in denen die AfD als Siegerin hervorgehen könnte, ist das Absolutsetzen der Mär vom Regierungsanspruch qua Stimmanteil eine Erzählung, welche die demokratischen Parteien vermeiden sollten. Die Umgehung der schieren stimmlichen Macht der AfD in kommenden Parlamenten wird so geschwächt. Gut, dass Cem Özdemir diesen Vorschlag deutlich zurückgewiesen hat.

Abschließend ist nur noch die Frage zu stellen, wie die CDU auf diesen Vorschlag im Falle eines eigenen Wahlsiegs reagiert hätte, wäre er vonseiten der Grünen gekommen. Ich möchte behaupten: Wir kennen alle die Antwort.

Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema in der Wahlanalyse besprochen wird. Vielen Dank fürs Lesen!

Herzliche Grüße
Gregor

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Ich schlage vor, die CDU macht da bei der nächsten Gelegenheit den Anfang und bietet das an, wenn sie mehr Stimmen geholt hat.

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Ich stimme komplett zu, dass kein aufrechter Demokrat das ernsthaft wollen kann. Aber den rechten Hardlinern in der CDU traue ich das leider zu und würde sich einreihen in Handlungen der CDU, die der Demokratie geschadet haben (z.B. Abstimmung mit AfD im Bundestag 29.01.25, Verhinderung der Verfassungsrichter:innenwahl, sich über Verwalrungsgerichtsurteile zu Abweisungen an Grenzen hinwegsetzen etc.).

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Bin da voll bei dir. Zudem das Absolutsetzen des “Wählerwillen”-Mythos hier auch dazu dienen könnte, die Umgehung der AfD in Zukunft zu schwächen und mögliche Koalitionen zu rechtfertigen. Das freie Mandat und die parlamentarische Eigendynamik spielt in dieser Logik nämlich überhaupt keine Rolle. Die Regierungsbildung gegen eine stärkste Fraktion AfD wird so per se zum wahlverfälschenden Akt. So kann man auch die Schwächung demokratischer Institutionen vorbereiten.

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Diese Vorstellung ist doch etwas irreführend. Die Partei, die die meisten Stimmen gewonnen hat, soll zuerst über eine Regierungsbildung verhandeln können. Wenn Cem Özdemir keine Koalition zusammenbringt, könnte die CDU ja mit der AFD koalieren und dann Baden-Württemberg regieren.

Spahn würde das sicherlich gefallen.

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Das ist einfach nur Vorbereitungsgetöse für die Koalitionsverhandlungen. Die Grünen sollen verstehen, dass die Union ein harter Brocken wird und fertig. Nix dahinter, außer ein bisschen markiges Blabla von Spahn.

Sein Ziel hat er längst erreicht: weil nun aufgeregt darüber debattiert wird, ist jedem sehr deutlich bewusst, dass Grüne und Union fast das gleiche Wahlergebnis eingefahren haben.

Ich würde vorschlagen, nicht über jedes hingehaltene Stöckchen zu springen.

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Für mich ist dies ein gutes Beispiel einer Schmutzkampagne, die Spahn aber den Grünen vorwirft.
Die CDU hat weniger Stimmen. So weit so klar. Stellt jetzt aber nie dagewesene Forderungen und delegitimiert das Ergebnis dieser Wahl, weil sie es als ein „unentschieden“ darstellt. Es ist respektlos gegenüber den Grünen und Özdemir. Es untergräbt übliche Prozesse und wäre die Lage nicht ernst, müsste man die CDU eigentlich nur auslachen. Nun beschäftigen sich aber diverse Medien, Journalisten und Institutuinen mit diesem absurden Vorschlag und eine unnötige Diskussion nimmt Fahrt auf, die niemals hätte begonnen werden sollen. Das Abbringen der CDU von diesem Vorschlag wird dann bereits Eingeständnisse der Grünen fordern und die Grenzen des sagbaren haben sich wiedermal verschoben.

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Ich persönlich freue mich schon auf September 2027, wenn Friedrich Merz die Regierungsgeschäfte an Olaf Scholz übergeben wird, damit er die 1,5 Jahre noch Kanzler sein kann, die ihm gemäß der Stimmverteilung zwischen CDU/CSU und SPD zustehen!

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Zusatzlich tritt die CDU gerade eine weitere „Schmutzkampagne“ los, dass sie ja Opfer von den bösen Grünen seien und spielen jetzt beleidigt und fordern von den Grünen Wiedergutmachung für diese arglistige Kampagne. Es ist alles komplett hirnrissig.

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Es ist vor allem einfach machtpolitisches Min/Maxing. Nutzenmaximierung einer verlorenen Wahl, größtmöglicher Schaden für politische Gegner, ohne sich dabei zu stark selbst zu beschädigen. Es ist absolut typisch Union und erinnert mich stark an die Verweigerung der Schuldenbremse-Reform, um die Ampel scheitern zu lassen, nur, um im Moment der eigenen Wahl noch vor Konstituierung des neuen Bundestages ebenjene Reform durchzuführen - mit denselben Mehrheiten des alten Bundestags. Dieses Muster kennen wir jetzt schon zur Genüge.

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Es gab das schon mal. Kohl durfte nochmal antreten, um mit Adenauer gleichzuziehen. Nach zwei Jahren hätte er dann an einen Nachfolger übergeben sollen. Hat er nicht gemacht. Wer garantiert, dass es dieses Mal anders kommt?

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das ist ja partei-internes Gehabe… das ist schon was anderes als eine Abmachung zwischen zwei Parteien, dass die Spitze der Regierung wechselt
Schon allein weil wie oben bereits beschrieben daran ja viel mehr hängt - was motiviert die Partei die gerade nicht den MP stellt an der Koalition mitzuarbeiten? Welches Druckmittel hat die wartende Partei wenn es nach zwei Jahren doch nicht zur Übergabe des Amtes kommt? usw. - all das ist schon eine Forderung die es im deutschen Diskurs so noch nicht auf Landes- oder Bundesebene gab

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Aber auch das kann man mit oder ohne Stil betreiben. Die Merz-Union kennt Stil leider nur als das Ende des Besens, mit dem besser nur die brave Frau daheim zu arbeiten hat. Wenn die nicht grade gebraucht wird, um den Gatten dran zu erinnern, dass man sich nicht an Schülerinnen aufgeilen sollte.

Wie man mit einem schnarchigen Wahlkampf binnen Jahresfrist einen zweistelligen Vorsprung verbummeln kann und dann dafür irgendwen anders verantwortlich zu machen, als sich selbst, da fällt mir auch nix zu ein. Etwas Selbstachtung würde einem das eigentlich verbieten.

Ergänzend: Schlau ist, sich selbst als harten Brocken zu präsentieren. Nicht so schlau: Es der Verhandlungsführung auf der anderen Seite möglichst schwer zu machen, Verhandlungsergebnisse und Zugeständnisse den eigenen Leuten zu verkaufen.

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Dieser Artikel gibt nochmal ein paar Beispiele für wirklich atemberaubende Entgleisungen/Forderungen der BW-CDU nach der Wahl

Özdemir-Sieg in Baden-Württemberg: CDU-Mann Bäumler stellt Forderung

z.B:

„Wenn er erwartet, dass wir ihm als Ministerpräsident eine Chance geben, dann muss er das Regierungsprogramm eins zu eins übernehmen“

Oder

Auch müsse festgelegt werden, dass die CDU in der künftigen Regierung nach Ressortverantwortung Beamte und Richter ernennen könne – unabhängig von den Grünen.

Jetzt könnte man sagen: gut, die CDU ist halt hart aufgeprallt mit dieser Wahlniederlage und hat sie noch nicht verwunden bzw. will den Preis für eine Koalition nach oben treiben.
Ich sehe hier aber auch ein weiteres Indiz für immer weitere Abdriftungs-Tendenzen zumindest in Teilen der CDU in Richtung eines deutschen Trumpismus.
Vllt. wäre es gut mal ausführlich in der Lage als gesondertes Thema den Zustand und die Richtung der CDU insgesamt zu besprechen. All diese Ausfälle, autoritären Anmaßungen, eigenen Schmutzkampagnen (Brosius-Gersdorf, Heizhammer,..), Trump- und Meloni-Kuschelei (in Teilen), Wolfram Weimer, Rechtsbruch an den deutschen Grenzen usw.
Oder in der provokanten Frage formuliert: welche Demokratie ist mit der Union eigentlich noch zu machen? Braucht es die AfD um die Demokratie zu beschädigen, oder macht das die Union auch von allein?

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Ganz genau diese Frage treibt mich dabei auch um. Dazu kommen ja auch noch die ethnisch-kulturellen Volksbegriffs-Konnotationen und andere rechtspopulistischen Narrative, die Merz beispielsweise in der Stadtbilddebatte, den “kleinen Paschas“ oder den Äußerungen zu Zahnarztterminen eingebracht hat. Das ist nur die inhaltliche Ebene.

Auf der strategischen Ebene erleben wir unter Merz eine Union, die - meiner Ansicht nach - nicht nach der Maxime des Gemeinwohls, sondern der nutzenmaximierenden Logik relativer Vorteilnahme agiert. Das Recht und die Wahrhaftigkeit sind dabei nicht etwa leitender Rahmen, sondern bestenfalls Instrumente, die sich - sofern es denn nützt - auch biegen lassen. Der gemäßigte Konservatismus in Deutschland scheint sich in den vergangenen Jahren in gewisser Weise radikalisiert zu haben. Hinsichtlich der Rolle, die dem Konservatismus im Kampf gegen die Antidemokraten einnehmen, höchst beunruhigend - schließlich strategische Ausrichtung der Union die zentrale Stellschraube für jede realistische Machtoptionen der AfD.

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