ich fände einen Themenblock zu diesen Stichpunkten sehr interessant, weil ich glaube, dass diese Dynamiken einen nicht unwesentlichen Anteil am Zulauf zu Rechtsaußenparteien haben.
Warum gelingt es Rechtspopulisten oft besser, Themen zu skandalisieren und dauerhaft in der Debatte zu halten? Beispiele, bei denen AfD (bzw CDU/CSU) deutlich erfolgreicher skandalisieren, gibt es viele: Brosius-Gersdorf, das Heizungsgesetz, die Atomkraftdebatte, Verbrenneraus usw. Gleichzeitig gelingt es den anderen Parteien oft nicht, problematische Vorgänge im rechten Spektrum ähnlich wirksam und dauerhaft zu thematisieren, zB die Anstellung von Familienangehörigen in Parlamentsbüros. International scheint diese Dynamik in den USA noch extremer zu sein (vgl. zB Obamas „Tan-Suit-Gate“).
Hier könnte man vor allem darauf eingehen, inwiefern die klassische wie auch die soziale Medienlandschaft zu dieser Dynamik beiträgt etwa durch False Balance: Warum sitzen immer noch regelmäßig Klimawandelleugner in Talkshows, obwohl die wissenschaftliche Evidenzlage eindeutig ist? Und warum gibt es so viel unchallenged misinformation, beispielsweise bei Pressekonferenzen oder Interviews mit Politiker:innen, ohne dass Falschbehauptungen konsequent eingeordnet oder korrigiert werden sondern sogar in Zeitungen/Nachrichtenshows verbreitet werden? Und was kann man dagegen tun?
Genau diese Frage kam auch in der letzten Folge von „Jung und Naiv“ vor:
Eigentlich geht es um die Critical Race Theory, aber die hatte ja auch genau dieses Problem: dass sie mit falschen Informationen von Rechts massiv diskreditiert wurde, bis daraus, wie die Interviewpartnerin es sagt, „a thing“ wurde, und normale Medien, ohne es tiefer zu recherchieren, über dieses „thing“ berichtet haben - basierend auf den Fehlinformationen.
Ihr These lässt sich ganz gut auf die Causa Brosius-Gersdorf übertragen: Aus der rechten Ecke kommen die krudesten Behauptungen, wofür Brosius-Gersdorf stehen würde, oftmals mangelhaft (durch Snippets) oder gar nicht belegt, und mit diesem Unsinn wird die Zone durch rechte Medien so lange mit Scheiße geflutet, bis es für die regulären Medien ein Zwang wird, darüber zu berichten. Und dann starten die regulären Medien schon mit einem rechten Framing in die Berichterstattung. Was da auch in regulären Medien an Fehlinformationen übernommen wurde… ähnlich beim Heizungsgesetz und eben in den USA (und geringer auch in Deutschland) bei der Critical Race Theory…
Für die seriösen Medien hierzulande halte ich deine Vorwürfe, trotz schwindender Qualität in einzelnen Bereichen, für überzogen, auch wenn die Entwicklungen keineswegs unproblematisch sind.
Für mich stellt sich die Lage zumindest ein Stück weit anders dar.
Es gibt neue Player (Nius, Apollo News, Tichys Einblick, OAZ etc.), die Desinformation verbreiten und manipulativ skandalisieren, wie es die Springer-Presse schon immer getan hat. Auch wurden einst seriöse Medien von fragwürdigen Gestalten aufgekauft und umgemodelt (z.B. die Schwäbische Zeitung), schon länger am Markt befindliche Rechtsdraußenmedien (JF, Compact & Co.) konnten sich neue Lesende/Nutzer:innen erschließen. Dagegen kann man nichts machen (s. Art. 5 GG).
Algorithmen sorgen dafür, dass Leute, die sich ins Rabbit Hole verirrt haben, schlechter wieder herausfinden. Das Internet an sich verschärft den Confirmation Bias über selektive Kontakte. Man findet schnell jemanden, der den gleichen Blödsinn glaubt, wie man selbst.
Öffentlich-Rechtliche lassen sich zum einen von Kampagnen einschüchtern und deuten zum anderen die Situation in eine Repräsentationslücke um, was dazu führt, dass schon seit Längerem so genannte Konservative massiv ins Programm geholt werden. Auch andere Medien verfallen diesem Wahn, so z.B. die Zeit, die wohl auf ‚Teufel, komm raus!‘ so genannte Konservative sucht, um sich journalistisch anders aufzustellen:
Negativ hervor stechen u.a. Talkformate wie Lanz:
Was man m.E. auf jeden Fall auf dem Schirm haben sollte, ist allerdings, dass eine fragmentierte, selektive Mediennutzung deutlich zugenommen hat.
Viele Leute erreicht man schon gar nicht mehr. Und falls doch noch, was die reine Nutzung bestimmter Medien angeht, ordnen viele das Gesehene/Gehörte/Gelesene anders ein bzw. ziehen ganz andere Schlüsse daraus.
Das heißt nicht, dass ohnehin alles egal ist. Natürlich müssen die seriösen Medien wieder deutlich besser werden, um wenigstens die noch Nicht-Abgedrifteten mit solider Berichterstattung und Einordnung aufklären zu können.
Es ist allerdings heute sehr viel schwerer geworden.
@Daniel_K , das von dir verlinkte Gespräch ist wirklich sehr empfehlenswert.