Arbeitsmoral

Das Thema Arbeitsmoral wurde ja bereits im Kontext der Viertagewoche besprochen. Hier ging es aber (zu Recht) eher darum die grundlegende These von Merz (Wohlstandsverwahrlosung) zu widerlegen. Bei Krankschreibungen ging es (ebenfalls zu Recht) vor allem um die fachliche Umsetzung und den Generalverdacht.

Ich fände es interessant, wenn tatsächlich noch mal der Kern von Merz‘ Aussage beleuchtet wird: Niedrige Arbeitsmoral bei einem Teil der Angestellten. Mir gehts weniger um die Bestandsaufnahme (wieviele) oder um false positives (triftige Gründe wie psychische Erkrankungen etc.), sondern viel mehr um die tatsächlichen Fälle von „kein Bock“.
Im Internet gibt es zig Memes/Witze zum „gelben Schein“ und Arbeitszeitbetrug wird teilweise glorifiziert.
Gerade Arbeitszeitbetrug wurde noch nicht wirklich behandelt und ich sehe dahinter schon ein gesellschaftliches Problem, wenn dieser - gerade in großen Konzernen - teilweise als Kavaliersdelikt gesehen wird. Liegt das an den hohen Abgaben, oder vielleicht daran, dass sich „die da oben“ ja gefühlt auch wo es geht bereichern, oder ist das tatsächlich Wohlstandsverwahrlosung?
Kann die Politik etwas dagegen tun, oder liegt das rein in der Verantwortung der Arbeitgeber?

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Sensibles Thema.
Wie definiert man „Arbeitsmoral“?

Geht man nüchtern von „Arbeitsmotivation“ aus, gibt es da ja verschiedene Faktoren, welche diese beeinflussen (Bezahlung, Führungsverhalten, sinnstiftende Tätigkeit, Entscheidungsfreiheit,…). Hier ist sicher zu einem hohem Maß der Arbeitgeber gefragt.

Geht man von „Arbeitszeit-Betrug“ aus, gibt es hier auch Abstufungen. Ist „Dienst nach Vorschrift“ schon Arbeitszeitbetrug?
Ist es Betrug seitens des Arbeitnehmers/in, wenn man eher nach hause geht, aber eher ausstempelt (rechtlich sicher) oder auch Betrug des Arbeitgebers hinsichtlich unbezahlter Mehrarbeit (die nicht vertraglich vereinbart ist)?
Eher eine rechtliche Frage.

Oder im Merz´schen Sinne eher, das die Arbeit zuwenig in den Mittelpunkt des Lebens gestellt wird?
Quasi „leben um zu arbeiten“?
Das Thema ist sicher noch vielschichtiger…

Kannst Du es noch etwas eingrenzen hinsichtlich Deiner Fragestellung?

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Ohne staatliches Überwachungssystem, was ohnehin äußerst problematisch wäre, liegt die Verantwortung bei den Arbeitgebenden.

Was das Wohlbefinden am Arbeitsplatz und die emotionale Mitarbeiter:innenbindung angeht, liegt Deutschland auf dem Niveau des europäischen Durchschnitts:

Warum sollte das bei hiesigen Erwerbstätigen auch anders sein?

Dass mehr Druck bessere Ergebnisse liefern würde, halte ich für unwahrscheinlich.

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Ich möchte dem Fragesteller nicht zuvorkommen. Nur etwas sortieren:

Das ist justiziabel und kann eine Ausdrucksform von schwacher Arbeitsmoral, aber auch ein Indiz für die Moral des Arbeitnehmers oder seiner kriminellen Energie sein.

Der Begriff „Dienst nach Vorschrift“ beschreibt eine Arbeitsweise, bei der Arbeitnehmer nur die Aufgaben erfüllen, die explizit in ihrer Stellenbeschreibung oder ihrem Arbeitsvertrag festgelegt sind, und dabei keinerlei freiwillige oder zusätzliche Leistungen erbringen.

Und ist daher i.a.R. kein Arbeitzeitbetrug.

https://www.mtrlegal.com/wiki/dienst-nach-vorschrift/

Intrinsische Motivation, meine Favorites und von vielen AGs so unverstanden.

Mir geht es wie gesagt nicht um eine Begriffsdefinition oder eine Bestandsaufnahme. Es geht um die Fälle in denen Verstöße vorsätzlich begangen werden und das gesellschaftlich eben oft auch gar nicht verurteilt wird. Du relativierst das Ganze ja auch bereits ein wenig.
Geh mal auf reddit und gib „Arbeitszeitbetrug“ oder „gelber Schein“ in die Suche ein. Da geht es um kreative Möglichkeiten die Arbeitszeit rum zu bekommen oder um „Top 5 Ausreden, um gelben Schein zu bekommen“. Teilweise wird dieser dort auch „gelber Urlaub“ genannt.
Also nein, mir geht es nicht um „ich bin mit meinen Aufgaben für heute durch, also checke ich jetzt aus und mache Feierabend“, sondern um ein allgemeines Motivationsthema und die gesellschaftliche Akzeptanz/Normalisierung schwindender Arbeitsmoral.

Gerade Arbeitszeitbetrug wurde noch nicht wirklich behandelt und ich sehe dahinter schon ein gesellschaftliches Problem, wenn dieser - gerade in großen Konzernen - teilweise als Kavaliersdelikt gesehen wird.

Da könnte man auch die deutlich größere gesellschaftliche Frage nach Bullshit-Jobs aufgreifen. (Ob das jetzt in der LdN gut verankert wäre, sei mal dahingestellt.)

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Siehst Du hier also ein größeres gesellschaftlich und arbeitsmarktrelevantes Problem?

Auf welcher Grundlage?

Und wenn man Arbeitszeitbetrug als vorsätzliche Motivation bei Arbeitnehmern voraussetzen würde, relativiert man dann nicht mögliche „tatsächliche“ gesundheitliche Ursachen?
Quasi im Sinne von „die simulieren alle nur“?

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Als ehemaliger Arbeitgeber ist mangelnde Arbeitsmoral für mich so definiert: Der Arbeitgeber bekommt nicht das, wofür er seinen Mitarbeiter bezahlt. Unter Berücksichtigung aller Ansprüche von Arbeitnehmer, z.B. auf Urlaub, Lohnfortzahlung, etc.

Dazu gehört aber auch die Verantwortung des Arbeitnehmers, in seiner Freizeit alles Zumutbare zu tun, um seine Arbeitskraft nicht fahrlässig oder vorsätzlich zu beeinträchtigen. Wer Sonntagabend so lange im Club feiert, dass er am Montag sich krank fühlt …

Da wird es aber schon schwierig, die Grenze zu ziehen. Was ist mit der Gebirgswanderung, bei der man sich den Knöchel bricht? Das zu vermeiden, in dem man auf die Gebirgswanderung verzichtet, halte ich wieder für unzumutbar.

Dem gegenüber sollte man bei der Gelegenheit auch gleich so etwas stellen wie: „Arbeitgebermoral“. Hier wäre mangelnde „Arbeitgebermoral“ definiert als: Der Arbeitnehmer bekommt nicht das, wofür er gearbeitet hat. Beispiel Überstunden entlohnt oder ein Freizeit abgegolten.

Selbstverständlich hat der Arbeitgeber Einfluss darauf, wie motiviert seine Mitarbeiter sind. Ermöglicht die jeweilige Stelle, die zur Verfügung gestellten Arbeitmittel, etc. sich in dem Unternehmen selbstwirksam zu empfinden? Sind die Unternehmenszweck und -ziele kompatibel mit unseren gesellschaftlichen Zielen? Werden Mitarbeiter mit Respekt und Empathie behandelt? Erhält der Mitarbeiter eine angemessene Entlohnung für die Arbeit, die er leistet? Wenn die restlichen „Hygienefaktoren“, wie die weiter oben in diesem Absatz genannten, erfüllt sind, ist eine überdurchschnittliche Bezahlung m.E. gar nicht notwendig, damit Mitarbeiter zufrieden sind und gerne in die Arbeit kommen.

Arbeitgeber, die glauben, Mitarbeitern für viel und ätzend zu leistende Arbeit mit einem „Schmerzensgeld“ motivieren zu können, werden früher oder später scheitern.

Am Mitarbeiter selbst liegt es, eine wesentliche notwendige Bedingung für seine Motivation zu erfüllen: Habe ich mir eine Stelle und einen Arbeitgeber ausgesucht, mit denen ich meine individuellen Ziele in meinem Leben erfüllen kann?

Fortsetzung …

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… Fortsetzung:

Merz und viele andere verkennen vollkommen, warum es eigentlich gehen sollte:

Niemand, wirklich niemand arbeitet, um den gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten oder zu steigern.
Es geht immer um das individuelle Glück (in der Volkswirtschaftlslehre überflüssigerweise als „Nutzen“ versachlicht).

Menschen arbeiten

  • entweder, weil sie in der Arbeit Erfüllung und Selbstwirksamkeit erfahren wollen. Arbeitgeber, die solche Mitarbeiter suchen, müssen solche Stellen / Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.
  • oder, um Geld zu verdienen, damit sie ihr Leben neben der Arbeit finanzieren können. Letzteres verhalten sich wie viele Unternehmer: Sie sind nur vom Geld motiviert. Wenn sie Geld erhalten, ohne etwas dafür tun zu müssen, werden sie das versuchen.

Wir als Gesellschaft müssen endlich begreifen, dass wir eine Politik benötigen (und vermutlich auch alle wünschen), die uns optimale Rahmenbedingungen für unsere Erfüllung und Selbstwirksamkeit stellen.

Das ultimative Ziel ist daher eben nicht das Bruttosozialprodukt und dessen Wachstum. Diese sind lediglich eine notwendige, aber noch lange keine hinreichende Bedingung für Glück und Zufriedenheit, Mittel zum Zweck.

In der Politik sollte es um so viel mehr gehen.

Ich habe, angeregt durch jemanden hier im Forum (ich hab‘s leider nicht mehr gefunden - danke an den- oder diejenige) ein sehr interessantes Gespräch mit Prof. Hartmut Rosa gehört.

Was macht ein wirklich gutes, tief zufriedenes Leben aus – jenseits von „höher, schneller, weiter“?

Der Soziologe Prof. Hartmut Rosa, angeblich einer der einflussreichsten Gegenwartsdenker zu Beschleunigung und „Resonanz“, spricht hier darüber, wie der moderne Wachstumsimperativ unser Leben prägt: Wir arbeiten immer mehr, optimieren unser Privatleben und sogar unser Selbstbild, getrieben von Abstiegsängsten und permanentem Zeitdruck. Wir begegnen Natur, Mitmenschen und uns selbst vor allem als etwas, das verfügbar, kontrollierbar und optimierbar sein soll – mit Folgen: Ausbeutung der Natur, instrumentale Beziehungen zu anderen und gnadenlose Selbstoptimierung, bei der es am Ende nur noch darum geht, effizient zu funktionieren. Er nennt dieses Verhalten „Aggressionen“

Dem stellt Rosa eine andere Idee des guten Lebens gegenüber: gelingende Resonanzbeziehungen – zu Menschen, zu unserer Arbeit, zur Natur und zu Kultur/Sinnwelt. Momente, in denen uns etwas wirklich berührt und wir antworten, statt nur zu managen. Ein solches Leben braucht Räume, in denen diese Beziehungen lebendig und emotional erlebt werden können, Zeit und die Offenheit dafür, dass Wichtiges nicht plan‑ oder machbar ist, sondern „unverfügbar“ bleibt und wir offen dafür sind, uns davon überraschen zu lassen.

Zentral ist dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: das Gefühl, durch eigenes Handeln etwas Sinnvolles bewirken zu können – nicht bloß Vorgaben zu vollziehen, sondern echten Handlungsspielraum zu haben. Arbeitgeber sollten darauf achten. Wir benötigen gesellschaftliche Strukturen, die Resonanz ermöglichen und unsere „Aggression“ (s.o.) zurückfahren, damit wir nachhaltige Zufriedenheit statt erschöpfende Gehetztheit erreichen.

Treibt mich ziemlich um.

Ich bin überzeugt davon, dass das gar nicht im Widerspruch steht zu Effizienz, Management, eine soziale und ökologische Marktwirtschaft und schon gar nicht Demokratie. Ich glaube, dass wir vielmehr sehr viel mehr erreichen können, wenn wir solche Konzepte zu den primären Zielen der Politik machen, sie als vor oder über die konventionellen Ziele von Merz & Co. stellen

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Mir geht es wie gesagt hier NICHT darum das Problem zu quantifizieren. Warum? Weil daraus zwangsläufig konkrete politische Handlungsschritte abgeleitet würden und wir uns dann im Klein-Klein der unschuldigen edge cases verheddern. Im Prinzip sind eh nur drei Möglichkeiten relevant:

  1. 100% der Arbeitnehmer betreiben Arbeitszeitbeutrug => es muss etwas getan werden
  2. es gibt keinen Arbeitszeitbetrug => das Thema existiert nicht
  3. manche betreiben mutwillig Arbeitszeitbetrug => es ist schwierig sowas gesetzlich zu regeln, weil hinter nicht ideal erbrachter Leistung nicht immer Böswilligkeit steckt.

Ich denke es herrscht Konsens, dass wir bei 3 sind. Ich habe dargelegt, dass es Angestellt mit entsprechender Einstellung gibt und diese sogar irgendwo glorifiziert wird. Es ist m.M.n irrelevant wie viele das konkret sind. Es ist schlimm genug, dass es salonfähig ist und ich würde gerne wissen warum das so ist und was wir vielleicht gesellschaftlich tun können, um diese Moral steigern zu können. Mir ist bewusst, dass man Moral nicht erzwingen kann. Ein gesellschaftliches Phänomen allein auf die Rahmenbedingungen bei den AGs zu schieben ist mir aber auch zu billig.

Aus „gib mal bei reddit ein“ und Internet-Memes ein diskutables Problem für die LdN zu konstruieren, scheint mir ein ziemlich sonderbares Unterfangen. Dabei noch Relevanzkriterien ausschließen macht das noch fern liegender. Ein Thema vorschlagen, dass man nur selbst (vielleicht gemeinsam mit „unserem“ Kanzler) subjektiv wichtig findet, ohne eine intersubjektiv verhandelbare Relevanz herstellen zu wollen… wirkt eher so, als wolltest du das Thema gern mal besprechen. Es gibt aber aus Gründen keine „was ich immer schon mal sagen wollte…“ Kategorie im Forum. Warum das gut so ist, zeigen auch einige Beiträge, die jetzt im von dir geworfenen Nebel stochern, um vielleicht doch auf Substanz zu stoßen.

Also was konkret sollte die Lage aus deiner Sicht beim Thema Arbeitsmoral warum (noch)mal aufgreifen? Was wäre eine denkbare Überschrift/Fragestellung? Ggf. Mit welchen Experten oder auf Grundlage von welchen Quellen?

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Da triffst du den Nagel für viele Fälle auf den Kopf.

Eine andere Art entfremdeter Arbeit, als Marx sie im Sinn hatte.

Was deine Alternative angeht, bin ich allerdings relativ skeptisch. Denn viele Arbeit ermöglicht die Spielräume nicht, die du dir wünscht.

Auch wenn die Automation uns schon von allerhand unangenehmen Jobs befreit hat.

Obwohl ich die Gedanken von Rosa bzgl. Unverfügbarkeit und Resonanz eigentlich ganz spannend finde, wird m.E. nicht mitbedacht, dass insb. Arbeit im Sozialen oftmals psychisch besonders belastend ist.

Aber ich lasse mich gern eines Besseren überzeugen.

Ganz genau.

PS: Das Arbeitsrecht ist ausreichend.

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Da müssen wir die Kirche schon mal im Dorf lassen: Nicht ich, sondern Prof. Hartmut Rosa :wink:

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Wenn man nur wenige Einzelfälle heranziehen soll, statt sich auf breitere statistische Daten zu beziehen, müsste man einen Einzelfall recherchieren, evtl. Interviewen. Was wäre der über den Einzelfall hinaus weisende Mehrwert dieses Ansatzes?

Das bräuchte zum einen irgendeinen greifbaren Beleg, zum anderen bleibt mir rätselhaft, warum das, falls es so sein sollte, kein klassisches, internes Thema eines Unternehmens, sondern gleich ein gesellschaftliches Problem sein sollte.

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Du verwechselst quantitativ mit qualitativ. Ob das ein Problem über weite Teile der Gesellschaft ist, müsste man tatsächlich statistisch belegen. Ich habe aber dargelegt, warum das in diesem Fall irrelevant ist. Das Thema scheint zumindest in bestimmten Bevölkerungsgruppen zu existieren und ich würde gerne mehr darüber lernen.
Ich weiß aus meinem Umfeld heraus z.B. auch, dass die beschriebene Einstellung zu Krankmeldung und Arbeitszeitbetrug definitiv ein AG übergreifendes Thema sind. Mein Verweis auf Reddit belegt das. Nicht umsonst sind Memes auch immer ein Spiegel der Gesellschaft.
Ob das Thema relevant für ldn ist, müssen die Macher beurteilen. Zumindest in der Forschung hat jedenfalls auch qualitative Forschung seine Berechtigung und nicht nur quantitative.

Wenn du wissen willst, wie Reddit-Postende ticken, frag sie doch einfach.

Wenn du dagegen wissen willst, ob das ein gesellschaftlich relevantes Thema ist, recherchiere Studien bzw. Statistiken, die darüber Auskunft zu geben geeignet sind.

Nö. Auch Bot-Armeen verbreiten massenhaft Memes.

Und selbst wenn reale Personen diese liken, heißt das noch nicht zwingend, dass sich diese Einstellung auch in Verhalten gegenüber Arbeitgebenden übersetzt.

Arbeitszeitbetrug ist grundsätzlich ein vielfältiges Thema, während hier meist über Extreme diskutiert werden. Die Pause regelmäßig um ein paar Minuten zu überziehen ist theoretisch schon Arbeitszeitbetrug. Würde ich einen Kollegen dafür anschwärzen oder ihm auch nur Vorwürfe machen, wenn er statt 30 ganz 40 Minuten Pause macht? Nope, never.

Warum? Weil sich dieser „Arbeitszeitbetrug“ in der Regel durch unbezahlte Überstunden ausgleicht. Wie oft sind die Kollegen schon 10 Minuten vor der Arbeitszeit da, weil sie einen Puffer für den Stau einplanen müssen? Wie oft bleiben sie eine halbe Stunde länger, weil die Übergabe im sozialen Bereich dann halt doch mal länger gedauert hat, als der Dienstplan es angibt (und natürlich hat man keinen Bock darauf, dem Arbeitgeber das zu erklären und eine Anerkennung als Überstunden zu fordern…).

Arbeitszeitbetrug im sehr kleinen Umfang (ein paar Minuten früher nach Hause („großzügiges Aufrunden“, vor allem bei Gleitzeit) oder etwas überzogene Pausen) halte ich für absolut Sozialadäquat und moralisch problemlos zu rechtfertigen.

Ich zum Beispiel nehme fast immer längere Pausen, als mir technisch zustehen. Warum? Weil der Arbeitgeber den Rauchern ständige Raucherpausen erlaubt, die in der Summe weit, weit über 30 Minuten gehen, da reden wir eher über 45 bis 60 Minuten am Tag. Das ist für mich dann eine Frage der Gerechtigkeit und Gleichbehandlung, dass die Nichtraucher nicht weniger Pause bekommen, als die Raucher (und nebenbei wäre das gerichtlich sogar durchsetzbar, daher würde ich es nicht mal als Arbeitszeitbetrug werten)

Für solche Fälle gibt es zumindest bei mir im sozialen Bereich wenig Verständnis, weil damit immer eine Mehrbelastung der Kollegen einhergeht. Daher: Wer krank ist, ist meist peinlich bemüht, sich dafür bei den Kollegen, die diese Dienste dann übernehmen müssen und dadurch Überstunden anhäufen müssen, zu entschuldigen. Wer im sozialen Bereich ständig krank ist (ohne, dass eine medizinische Nachvollziehbarkeit gegeben ist), ist in der Regel im Kollegenkreis nicht sehr beliebt, weil das jedes Mal den Dienstplan umwirft und den Kollegen jede Planbarkeit nimmt.

Im klassischen Bürojob ohne Vertretung sieht das vermutlich anders aus. Da wäre es mir als Kollege relativ egal - meine Erfahrung als Bilanzbuchhalter (in Abgrenzung zur Erfahrung als Sozialarbeiter von oben) im Bürojob ist da eher, dass man sich halt wenn man krank ist die nächsten Tage zur Hölle macht, weil die Arbeit eben schlicht aufläuft. Wenn jemand krank feiert, aber seinen Scheiß dennoch erledigt bekommt, soll mir das Recht sein, weil es mich nicht beeinflusst. Wenn es natürlich irgendwann heißt, dass ich die Arbeit des Kollegen zusätzlich zu meiner machen soll, weil er mit seiner Arbeit wegen ständiger Krankheit nicht hinterher kommt, sehe ich das natürlich anders.

Kurzum:
Auch hier kommt es wirklich sehr auf den Kontext an.

Insgesamt glaube ich nicht, dass durch „krank feiern“ ein größerer Schaden auf der Seite der Arbeitgeber entsteht, als die Arbeitgeber durch „unbezahlte Überstunden“ an Vorteil erhalten. Und wenn Arbeitnehmer ständig krank sind gibt es ja immer noch die Möglichkeit für den Arbeitgeber, den medizinischen Dienst der Krankenkassen einzuschalten und im Extremfall direkt die Krankschreibung durch den Amtsarzt zu fordern. Aber sowas sind wieder dieser 0,01% der Extremfälle, ähnlich wie der Grundsicherungsempfänger in Florida…

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Um festzustellen, ob mangelnde Arbeitsmoral ein Problem ist, über das es sich zu reden lohnt, ist eine Einschätzung der Häufigkeit doch elementar.

Dieser Absatz ist eine Einschätzung zur Häufigkeit des Phänomens, also das was du vorhin als „Bestandsaufnahme“ abgelehnt hast.

Du lehnst wiederholt ab, eine Diskussion über die Häufigkeit zu führen, forderst dann aber, dass man deine Einschätzung (Arbeitszeitbetrug ist salonfähig, es gibt eine breite gesellschaftliche Verbreitung und Glorifizierung) übernimmt. Wenn du der Meinung bist, die Verbreitung dieses Problems ist so eindeutig und offensichtlich, dass man darüber gar nicht zu diskutieren braucht, musst du das aber besser belegen als mit „gib mal auf reddit Arbeitszeitbetrug ein“.

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Ich hab glaube ich die Kernfrage dieses Threads noch nicht ganz erfasst.

Es geht um (qualitative) individuelle Gründe bzw. Motive von Arbeitnehmern, die vorsätzlich Arbeitszeitbetrug betreiben, indem sie unbegründet krank feiern und damit dem Arbeitgeber schaden?

Da müsste man wohl (anonyme) Interviews mit Betreffenden führen, die ihre Motive darlegen.

Sonst bleibt eine Diskussion doch arg spekulativ.

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Die sind wohl eher schwer herauszufinden, aber es gibt für den Arbeitgeber Möglichkeiten. Privatdetektive, Vetrauensartzt…

Der Gesetzgeber hat da schon einiges getan: ArbZG, NachwG, StGB.

Der Arbeitgeber muss sich natürlich kümmern. Ladendiebstahl ist eine strafbare Handlung, das hat die „die Politik“ geregelt. Dass das angewendet wird, ist Sache des Ladenbesitzers.

Der Arbeitgeber ist auch in der Pflicht, die Basics im Umgang mit Menschen zu kennen (Z.B. Experten und Arbeitspsychologen wie Frederick Herzberg unterscheiden zwischen Hygienefaktoren (dissatisfiers) und Motivationsfaktoren (satisfiers)) und diese nicht mit (Human)-Ressourcen zu verwechseln.

Der Arbeitnehmer muss sich natürlich auch verantwortlich zeigen und ergründen, ob der ihm der Job überhaupt liegt und es womöglich Alternativen gibt.

Am Ende steht und fällt es mit dem Dialog zwischen AG und AN. Ob er geeignet geführt wird oder nicht.

Die Basics gibt es z.B. hier: Arbeitsmoral steigern: Beispiele für mehr Motivation

Diese Skills und must haves sind, denke ich, hinreichend diskutiert und weithin bekannt. Es hapert stets am Willen und der Fähigkeit, sie umzusetzen.

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