Mir ist schon häufiger aufgefallen, dass ihr, wie in der letzten Folge auch, immer so selbstverständlich sagt, dass das Umlagesystem ja nicht auf Dauer funktionieren kann, weil immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Ältere finanzieren müssen. Und dass deswegen eine aktienbasierte Rente ein No-Brainer ist. Das Ding ist doch aber, an der Alterspyramide ändert sich durch das Rentensystem nichts. Es muss immer noch bald eine Person im erwerbsfähigen Alter einen Rentner finanzieren. Die Aktien haben ihren Wert ja nur durch die wirtschaftliche Leistung der Unternehmen, die sie repräsentieren (wenn wir jetzt mal für einen Moment so tun als würden die Aktienmärkte die Realwirtschaft tracken).
Was man sagt, wenn man sagt, dass Rente nur mit Aktien geht, aber nicht mit dem Umlagesystem, ist eigentlich, dass die Lohnentwicklung sich schon lange weit von der Wirtschaftsleistung abgekoppelt hat und dass die beiden immer weiter auseinander klaffen.
Da kann man jetzt mit den Achseln zucken, sagen, dass es ist, wie es ist und dass wir wenigstens die Renten retten können, indem wir sie mit dem Markt wachsen lassen statt mit den Löhnen. Aber dabei muss einem doch klar sein, dass man hier an einem Symptom rumdoktort, das eine viel viel fundamentalere und zunehmend bedrohliche Ungleichheit in der Gesellschaft widerspiegelt. Und dass wenn man das nicht in den Griff kriegt, Altersarmut unser geringstes Problem ist.
Ich müsste lügen, wenn ich jetzt sicher ad hoc aus der richtigen FAZ pocast-Folge zitiere, die Quintessenz war jedoch, dass wir die Reformen zwar brauchen, aber in der Gänze aufgrund der zu erwartenden gesellschaftlichen Verwerfungen nicht (nie) von schlimm auf gut in einem Schritt kommen. Deshalb hat die Rentenkommision einige (gute) Punkte unter den Tisch fallen lassen, weil sie sowohl im Team, aber auch absehbar im politischen Diskurs nicht durchbekommen.
Das alte System funktionierte vor 140 bis 90 zurück in der Zeit sehr gut, aber jetzt eben nicht mehr, ohne es zu verändern.
Die Aktienrente (privat und gesetzlich) ist das Eingeständnis, dass die breite Bevölkerung und der Staat kein ausreichendes Eigentum am Gesamtvermögen (und damit auch nicht mehr an der Rendite) mehr haben, um grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen.
Das Rentensystem hat ja keine Probleme, weil es in Deutschland (oder weltweit) weniger Vermögen als noch vor 20 Jahren gibt. Das Gegenteil ist der Fall: das Vermögen ist drastisch gewachsen und die Rendite auf dieses Vermögen ist sehr ansehnlich (was sich in durchschnittlich ca. 8% langjährigen Kurszuwächsen am Aktienmarkt spiegelt).
Unabhängig davon, wie viele Menschen arbeiten, wäre auch ein umlagefinanziertes Rentensystem stabil, wenn die Löhne einen angemessenen Anteil an der Rendite spiegeln würden. Tun sie aber nicht, wie du selbst auch schreibst.
Es gäbe natürlich auch andere Wege, wie der Staat hier (Achtung, trigger warning:) umverteilen könnte. Hohe Steuern/Abgaben auf hohe Vermögen zum Beispiel.
Die Regierung hat sich anders entschieden und will das Rentensystem stabilisieren, indem der Staat (direkt oder durch Förderung) den aktuellen Vermögensbesitzern Teile ihres Vermögens abkauft. Nichts anderes ist es ja, wenn ein Staatsfond Aktien am freien Markt zu aktuellen Preisen aufkauft.
Das wird tendenziell dazu führen, dass der Vermögensaufbau für breite Teile der Bevölkerung noch schwieriger wird. Die Vermögenden werden das durch die Aktienrente bereitgestellte Kapital dazu nutzen, um wiederum andere Vermögenswerte aufzukaufen, z.B. Immobilien, was deren Preise wiederum in der Tendenz nach oben treibt.
Es wäre erheblich zielführender und effizienter, wenn der Staat einfach extreme Vermögensakkumulationen abschöpfen und die Rendite daraus zur Finanzierung staatlicher Ausgaben und Förderung breiter Vermögensbildung nutzen würde.
Ja, ich bin jetzt extra nicht darauf eingegangen, wie man hier Abhilfe schaffen könnte, weil das ein weiter Feld ist. Aber die Einsicht wäre schon wichtig, dass wenn wir das Problem bei der Rente haben, wir es natürlich auch schnell in allen möglichen anderen Bereichen haben, weil die Einkommensteuer eben immer noch die mit Abstand größte Säule im Staatshaushalt ist, neben der Umsatzsteuer.
Und mir geht eben immer dieses Selbstverständlichkeitsnarrativ auf die Nerven, dass das Umlagesystem am demografischen Wandel leidet. Nein, das Rentensystem leidet daran, aber solange die Produktivität der Gesellschaft Schritt hält, sollten wir eigentlich kein Problem haben. Haben wir es doch, ist es ein Problem der Umverteilung.
Das einzige, was eine Aktienrente an der Stelle leisten kann, das der Staat nicht prinzipiell auch zu leisten vermoegen wuerde, ist, Rendite aus dem Ausland abzuschöpfen. Sprich wenn es mit Deutschland langsam zu Ende geht, muss das den Rentner mit Aktienvermögen nicht unbedingt kümmern. Das aber meinte ich damit, dass wir dann ganz andere Probleme haben als unser Rentensystem nicht mehr finanzieren zu können.