Die Frage, wie der Erfolg der AfD insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern zu erklären ist, beschäftigt die Lage immer wieder. Nach den anstehenden Wahlen wird sie sich erneut stellen.

Einen Erklärungsansatz dafür, wie AfD Politikerinnen, die sozio-kulturell überwiegend zur westdeutschen Elite gehören, einen sehr hohen Grad an Identifikation mit ostdeutschen Wählerinnen erreichen, könnte ein Blick in die USA liefern. Dort hat es Donald Trump geschafft, arme weiße Arbeiter*innen, die traditionell demokratisch gewählt haben, als seine größten Unterstützer für sich zu gewinnen. Arlie Russel Hochschild erkennt darin folgende Strategie: „Viele Konservative schämen sich für ihr Scheitern bei der Verwirklichung des amerikanischen Traums und für den Spott, der ihnen von den „Küsteneliten“ entgegenschlägt. Ich glaube, Trump vollzieht fast täglich ein halbbewusstes dreiteiliges Entschämungsritual. a) Er tut oder sagt etwas Grenzüberschreitendes. b) Öffentliche Kommentatoren tadeln ihn dafür. c) Er schimpft trotzig gegen die Tadelnden - eine Geste, die symbolisch die Scham beseitigt und die seine Anhänger als befreiend/heilend empfinden.“ (Russell Hochschild, A. (2019) Emotions and society, Emotions and Society, vol 1 no 1, 9–13, DOI: 10.1332/263168919X15580836411805)

Dieses Ritual wird von der AfD mit großem Erfolg in Reden und Interviews kopiert. Dabei spielt sie die Emotionen der in weiten Teilen von der Wende traumatisierten Generationen aus. Viele Ostdeutsche fühlen sich in der BRD nicht gehört oder vertreten. Sie haben ihre nationale Identität verloren, auf die sie einst stolz waren. Sie haben Jobs verloren bei Betrieben, auf die sie einst stolz waren. Dies weiß die AfD für sich zu nutzen. Sie empfinden Scham für den Spott, dem sie als „Deutsche zweiter Klasse“ im Alltag sowie in den Medien ausgesetzt sind. Nachdem ein AfD Politiker, z.B. Herr Höcke, eine grenzüberschreitende Aussage tätigt und von der Öffentlichkeit (zurecht) dafür „geshamed“ wird, führt dieses Shaming zu einem Identifikationsmoment mit all jenen, die sich auch „geshamed“ fühlen. Dann brüllt Herr Höcke gegen die ihn Beschämenden zurück: Die Medien, das politische Establishment, Intellektuelle – genau jenen, von denen sich auch viele Ostdeutsche Bürgerinnen nicht gesehen, übergangen und erniedrigt fühlen. Daher stellt das Zurückbrüllen in diesem Kontext eine gefühlte Möglichkeit dar, sich der erfahrenen Abwertung und Demütigung entgegenzusetzen, nicht ohnmächtig zu sein. Das Zurückbrüllen wird also als eine „Befreiung von der Scham“ empfunden. Die Befreiung von der Scham wird verstärkt, wenn die Aussage der ersten Phase sich inhaltlich gegen andere Minderheiten wendet. In den USA fühlen sich die Menschen in den traditionellen Arbeiterregionen im Inland der USA im Zuge der Globalisierung im Vergleich zu den prosperierenden Küstenregionen auf der Strecke geblieben, was dazu geführt hat, dass sich weite Teile der weißen Arbeiter insgeheim als Fremde im eigenen Land fühlen (siehe Hochschild, Strangers in their own Land: Anger and Mourning on the American Right). Analog kann dieses Gefühl auch auf viele Ostdeutsche Bürgerinnen übertragen werden. Sie fühlen sich als Verlierer der Nachkriegs- und Nachwendezeit; und darin insgeheim selbst als diskriminierte Minderheit.

Festzuhalten ist: Das Entschämungsritual lebt von Emotionen, die politische Botschaft ist austauschbarer Katalysator.

Schließlich kann diese Beobachtung nicht dazu führen, kritikwürdige Aussagen politischer Parteien nicht mehr zu kritisieren; ein respektvollerer Umgang mit Ostdeutschen, gar eine Kampagne der gelebten Einigkeit und Wertschätzung hingegen könnte einigen die Scham nehmen und sie nicht mehr empfänglich für ein Entschämungsritual machen. Dass die Politiker der AfD nichts mit ihren Wählern gemein haben, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass sie vorgeben es mit denen aufnehmen wollen, von denen sich die Wähler erniedrigt fühlen.

2 „Gefällt mir“

Dass die rechtsextreme AfD Vorurteile wie das vom „kleinen Mann“ vs. „die Eliten“ aufgreift, bestreitet ja niemand. Z. B. das Konstrukt der sogenannten einfachen Leute “:

Diese Leute haben eine abgeschlossene Ausbildung, aber keinen Universitätsabschluss, sie sind fleißig, hegen aber keine größeren Führungsambitionen. Sie haben keine Zeit für ökologische Spinnereien, aber ein sozialpartnerschaftlich großes Verständnis für Unternehmer, die ihnen keinen Mindestlohn zahlen wollen. Der Gedanke, dass es sonst gleich gar keine Jobs mehr gibt, hat ihnen über Jahrzehnte ebenso eingeleuchtet, wie ihnen nun intuitiv der Gedanke einleuchtet, dass die Schwäche der Wirtschaft allein auf die ökologische Transformation zurückzuführen ist. […]

Im derzeit überhitzten Diskursraum ist diejenige, die all das anders sieht, gar kein Mensch mehr, den es einzubeziehen gilt, sondern wahlweise Teil einer urbanen Elite, Insassin eines akademischen Elfenbeinturms oder schlicht wohlstandsverwahrloste Göre, die zum Bruttoinlandsprodukt nichts beiträgt und nur sinnlos Fördergelder für woken Genderwahnsinn abgreift. Unter Umständen ist sie auch eine sogenannte Hartz-IV-Versagerin oder Teil einer jungen Generation, die – zumindest im Rahmen dieser Rhetorik – sofort einen Nervenzusammenbruch kriegt, wenn sie eine Eisenstange oder einen Stapel Akten von A nach B tragen soll. Man sieht: In identitätspolitisch aufgeladenen Situationen wird der Korridor des Menschseins sehr schmal in diesem Land der kleinen Leute.

Dass solche Mythen ausbeutbar sind, ist keine neue Erkenntnis.

Da du Trump als Analogie ins Spiel bringst:

Was soll aber daraus folgen? Die völlige Scham- und Rücksichtslosigkeit, weil einige Extremist:innen tabula rasa machen und das System stürzen wollen?

Bei Trump spielen übrigens noch weitere Aspekte eine Rolle. Denn es handelt sich z. B. um einen Personenkult:

(Originalstudie im Artikel verlinkt, wie auch die folgende, die zum Ergebnis kommt: „The comparison shows that only Trump and Putin have a cult on both dimensions.“)

Our results illustrate Trump’s off-the-charts personality and campaigning style and suggest that even when compared with other abrasive, narcissistic, and confrontational political figures, he stands out as an outlier among the outliers.

(Hervorhebung von mir)

Weirde Debatiertaktiken wie die folgende dürften allerdings bei der rechtsextremenn AfD gleichermaßen zu finden sein:

Im Übrigen wird die rechtsextreme AfD überwiegend wegen ihren Forderungen gewählt:

Apropos Schamlosigkeit. Dazu gibt es allerlei Forschung - auch speziell für den Osten:

Im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studien befragten die Forscher von Mai bis Juli 2018 insgesamt 2.344 Personen im Alter zwischen 18 und 91 Jahren zu ihren politischen Einstellungen. Sie fanden unter anderem heraus, dass bei Wählern der AfD ein höherer tradierter Antisemitismus zu finden ist. Zudem seien in keiner anderen Wählergruppe rechtsextreme Einstellungen und Muslimfeindschaft weiter verbreitet als unter den Wählern dieser Partei, sagt der Leiter der Studie, PD Dr. Oliver Decker.

Aus den Ergebnissen lasse sich ableiten, dass ein Großteil der Anhänger die AfD nicht trotz, sondern wegen ihrer antidemokratischen Positionen wähle, ergänzt die an der Studie beteiligte Wissenschaftlerin Julia Schuler. Jene Bundesbürger, die zwar schon lange extrem rechte Einstellungen teilten – sei es Chauvinismus, Befürwortung einer Diktatur, Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit – aber bis 2014 SPD oder CDU wählten, stimmten jetzt für eine Partei, die eine Programmatik entsprechend ihrer Einstellung umsetzt. Sie hätten in der AfD eine politische Heimat gefunden, so Decker.

Das bestätigt erst einmal, dass diese Einstellungen keineswegs neu sind.

Eine Parallele zu Trump-Wählenden ist die folgende:

https://www.washingtonpost.com/news/monkey-cage/wp/2017/04/17/racism-motivated-trump-voters-more-than-authoritarianism-or-income-inequality/

Nun speziell zu Ostdeutschland:

Die Studie ergab […] eine hohe Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen in den ostdeutschen Bundesländern. Chauvinistische und ausländerfeindliche Aussagen würden nur von einer Minderheit der Befragten abgelehnt, betonten die Projektleiter. […] Ausgeprägt sei die Zustimmung in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. „Hier ist damit das Potential für extrem-rechte und neonazistische Parteien, Wähler zu finden, besonders hoch. Jeder zweite wünscht sich eine ‘starke Partei‘, die die ‚Volksgemeinschaft‘ insgesamt verkörpert. Statt pluralistischer Interessensvielfalt wird eine völkische Gemeinschaft gewünscht“, erläuterte Brähler. Decker fügt hinzu: „Unsere Untersuchung zeigt, dass sich derzeit viele Menschen in den ostdeutschen Bundesländern nicht mehr demokratische Teilhabe und Sicherung der demokratischen Grundrechte wünschen, sondern die scheinbare Sicherheit einer autoritären Staatlichkeit.“

Gegenüber den Vorjahren bleibt der generelle Unterschied zwischen Befragten aus Ost- und Westdeutschland unverändert. Dabei geht die Angabe, überwiegend im Osten aufgewachsen zu sein, durchgehend mit häufigerer Zustimmung zum kulturellen (41 zu 28 %) wie auch klassischen Rassismus (19 zu 7 %), zum Antisemitismus (15 zu 8 %), zum Hetero-/Sexismus (15 zu 11 %) und Klassismus (23 zu 16 %) einher.

Wahrscheinlich wird man auch in weiteren Merkmalsbereichen Übereinstimmungen zwischen Trump- und AfD-Wählenden finden.

Aber das jetzt ursächlich auf „Beschämung“ zurückzuführen halte ich für mindestens fragwürdig.

Stimmt. Mir geht es auch nicht um Personenkult oder weirde Debattiertaktiken.

Ich glaube, dass, das Phänomen, das ich beschreibe, darüber hinaus geht. Es behandelt die Instrumentalisierung einer Emotion, die ostdeutsche Wähler exklusiv empfinden. Das Motiv Kleiner Mann vs. Eliten kann diese gerade nicht erfassen. Das gibt es auch in Westdeutschland.

Das Entschämungsritual dient der Identifikation mit potenziellen Wählern, die Scham und Trauer über ihre Situation in Deutschland nach der Wiedervereinigung empfinden. In der Tat wird die Taktik zunehmend rücksichtslos angewendet. Um die Erfolgsstrategie der AfD zu brechen, müssen Westdeutsche und Ostdeutsche einen respektvollen Umgang miteinander finden. Hier ist die Ebene der Emotionen der Schlüssel. Ohne Scham kein Entschämungsritual.
Was die politischen Forderungen betrifft sind rechtsextreme Positionen natürlich weiterhin strikt abzulehnen und zu bekämpfen.

Eben.

Mir ist aber ohnehin nicht klar, was du hier unter „Scham“ verstehst.

Du zitiertest (übers. nehme ich an):

Also, die Scham besteht dann ja erst einmal darin, versagt zu haben.

Und in der Tat ist es so, dass konservativ, genauer gesagt, rechtsreaktionär regierte US-Bundesstaaten, also die, in denen die Republikaner:innen das Sagen haben, deutlich schlechter abschneiden. Das lässt sich sozialräumlich auch noch präziser bestimmen:

Trump’s characterization of “American carnage” in our urban centers aside, cities now generate the vast majority of America’s wealth — the cities, that is, where blue folks live.

Wird man daran wesentlich etwas ändern können? Ich denke, Nein.

Wird man die Nachwende-Traumata vieler Ostdeutscher aufarbeiten können? Mir scheint es dazu mittlerweile zu spät zu sein.

Hilft öffentlich bekundete Respektsrhetorik gegen oftmals schon verfestigte rechtsextreme Einstellungen? Dafür sehe ich - ehrlich gesagt - keine überzeugenden Hinweise.

Der Populismusforscher Cas Mudde hat im sehenswerten Interview den Kern des Rechtsextremismus benannt, es ist der Nativismus:

Insofern sehe ich in deinen auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbaren Überlegungen kein „Zaubermittel“ gegen den in Ostdeutschland besonders ausgeprägten Rechtsextremismus.

Auffällig ist übrigens, dass fragwürdige Einstellungen im Osten deutlich übers AfD-Klientel hinausgehen:

Besonders überrascht habe die Sozialforscherin Neele Eilers aber, „wie hoch die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen bei BSW-Sympathisierenden war“. In der Studie hatte d|part zum Beispiel gefragt, wie man zu der Aussage stehe: „Die meisten Flüchtlinge kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.“ Rund 80 Prozent der BSW- An­hän­ge­r:in­nen stimmten zu, lediglich bei der AfD waren es mehr. Ähnlich bei dem Satz: „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.“ Dem stimmten 67 Prozent der BSW-Sympathisant:innen zu, 87 Prozent der AfD.

Und die „Entschämungsrituale“ eines Donald Trump nachzuahmen und eine genauso entsicherte Krawallrhetorik mitsamt all der Grenzüberschreitungen aufzufahren wird sicherlich nur zu massiven Kollateralschäden führen.

Verstehe ich das richtig? Früher hat der Mann in der Midlife-Crisis sich scheiden lassen, ein Cabrio gekauft und eine 20 Jahre jüngere Blondine geheiratet.
Heute schämt er sich, dass er sich kein Cabrio leisten kann/oder im Hinblick auf das Klima uncool ist, stellt fest, dass die 20 Jahre jüngere Blondine lieber eben gerade dieses Klima retten will als den jung gebliebenen Macker anzuhimmeln und sucht Trost bei einer Partei, die ihm versichert, dass das alles Schuld des woken Weltbildes sei?
Ja, da weiß ich keine Lösung, da wird es keine Entschämung geben, denn wir werden die Zeit nicht zurückdrehen können - und, ehrlich gesagt, ist das auch gut so.

1 „Gefällt mir“

Genau das ist die Gefahr.

1 „Gefällt mir“

Den von @BEsser eingeführten - für viele sicher ganz neuen - Blickwinkel halte ich für erkenntnisfördernd - ist für mich jedenfalls gut nachvollziehbar und erweitert die Sicht auf die besprochenen Phänomene. @Schnackerio, wieviel erwartest du von einem Erkenntnisgewinn dass er ein Problem zu verstehen und zu lösen hilft? Ich denke, das darf auch sehr wenig sein, denn wenn man das verschenkt, hat man halt weniger, womit vielleicht erst später ein vielleicht gut brauchbarer Teil zu einer Problemlösung gefunden werden kann. Du beschreibst die Dinge aus deiner Sicht ganz richtig mE, aber das steht nicht im Widerspurch zur These von @BEsser.

1 „Gefällt mir“

Bin auch immer für breite Hypothesenbildung und -testung. Allerdings frage ich mich schon, wie eine „Entschämung“ ostdeutscher Rechtsextremer in der Praxis aussehen soll und ob das dann was bringt. Diesbezüglich hege ich eine erhebliche Skepsis.

Ich glaube, du hast es falsch verstanden. Die beschriebene Entschämungsritual ist eine Taktik von Trump, und nach mE auch der AfD, und dient dazu einen Identifikationspunkt zwischen sich und neuen Wählern zu schaffen.

2 „Gefällt mir“

Nehmen wir mal an, dass es so ist, was ich nicht ausschließe, dann stellt sich doch die Anschlussfrage, wozu diese Erkenntnis verhilft. Verhindern, dass sich die rechtsextreme AfD sowas zunutze macht, kann man ja schließlich nicht.

Aus einer Psychose muss man sich selbst herausziehen. Andere können da nur Hilfestellung leisten. Und nur, wenn derjenige auch dazu bereit ist.
Gerade bei den Heranwachsenden muss man da ansetzen. Sie dürfen die Traumata ihrer Eltern und Großeltern sich nicht zu eigen machen, sondern müssen einen eigenen Stolz entwickeln.
Ich hörte in einem Podcast einen interessanten Satz: „zum Ossi wurde ich erst als ich den Osten verlassen hatte“
Keiner von uns Wessis kann sich hineinfühlen, welche Themen hier eine Rolle spielen, wir können nur sagen, dass auch woanders viele das kennen, wenn man mit 40/50 plötzlich merkt, das nun das halbe Leben vorbei ist und man bei weitem nicht dort steht, wo man es sich mit 20 mal vorgenommen hat und man irgendwie das Gefühl nicht los wird, dass da unfaire Startbedingungen durchaus eine Rolle spielen könnten.

3 „Gefällt mir“

Auf jeden Fall könnte die Erkenntnis einer von wahrscheinlich mehreren Startpunkten sein für eine Immunisierung gegen das Gift der Rechten. Aber wie gesagt, zum Zeitpunkt eines vielleicht überraschenden Erkenntnisgewinns muss man noch längst keine Vorstellung von einer durchdachten Strategie haben,