Exakt, meine Erfahrung mit AfD-Wählern (u.a. Arbeitskollegen) ist, dass sie einfach auf der Ebene von Fakten gar nicht erreichbar sind. Es zählen fast ausschließlich die Gefühle. Da kann man noch so deutlich nachweisen, dass z.B. die Zahl der Tötungsdelikte permanent gesunken ist und Deutschland heute mindestens noch genau so sicher ist wie 1990, aber der AfD-Wähler wird da nur antworten: „Ich lese in der Zeitung aber was ganz anderes…“, daher er wird sich auf medial ausgeschlachtete Einzelfälle und ein abstruses Sicherheitsgefühl („Man kann ja nachts nicht mehr vor die Haustür gehen“) zurückziehen. Da kann man noch so viele Fakten vorweisen - es wird aus den Köpfen nicht rausgehen. Genau so wie schon seit Sokrates (davor eigentlich auch schon!) jede Generation alter Männer sagt, „die Jugend von Heute“ sei schlimmer, respektloser und gewalttätiger als die Jugend aus der eigenen Zeit. Witzig nur, dass es über die Jahrtausende unbestreitbar einen steten sozialen Progress gab - wie das zusammen passen soll kann kein AfD-Wähler logisch erklären, geglaubt wird es dennoch.
Ebenso könnten wir mit Themen aus den Bereichen Umweltschutz oder Migration weiter machen. Faktische Argumente, egal, wie stichhaltig sie sind, werden den überzeugten AfD-Wähler nicht erreichen. Er ist auf der Faktenebene einfach nicht erreichbar.
Jetzt geht es in dem Thread möglicherweise natürlich auch darum, wie man AfD-Argumentationen begegnen kann, um zu verhindern, dass bisher nicht von der AfD indoktrinierte Menschen sie durchschauen können. Das Problem ist auch hier: Die AfD appelliert auch bei ihren Wahlkampfveranstaltungen nicht an Rationalität, sondern an Emotionalität. Es werden postfaktische Narrative gesetzt und das kommt auch beim Durchschnittsbürger leider besser an, als Fakten. Fakten sind schwierig, sie erfordern Verständnis komplexer Zusammenhänge, sie erfordern vor allem auch Interesse an Sachthemen. Emotionen erfordern das alles nicht. Und genau deshalb erleben wir einen Siegeszug postfaktischer Parteien und Politiker. Trump macht es vor, die AfD macht es nach - die Wahrheit oder was „richtig“ und „faktisch“ ist, ist irrelevant. Die Verpackung der Botschaft scheint wichtiger als die Botschaft selbst.
Daher müssen wir uns die Frage stellen, ob wie es lieber nach Michelle Obama („When they go low, we go high“) machen wollen, oder nach Gavin Newsom, der versucht, Trump mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ich fürchte, der Affenzirkus, der Politik in den USA mittlerweile ist, hält auch in Deutschland Einzug - und dann scheint die Newsom-Strategie möglicherweise erfolgversprechender als die Obama-Strategie. Der Pessimist in mir ist daher mittlerweile auch an dem Punkt angekommen, an dem ich sagen muss, dass wir Feuer mit Feuer bekämpfen müssen - wenn ein erheblicher Teil des Wahlvolkes so kontrafaktisch lebt, dass er nicht mehr auf der Faktenebene, sondern nur noch auf der Showbiz-Ebene erreicht werden kann, müssen wir vielleicht den Zirkus, den die AfD veranstaltet, mitspielen, und uns auf das gleiche, niedrige Niveau begeben. Kotzt mich persönlich an, weil ich wünschte, dass die Wähler in der Demokratie die letzten 80 Jahre etwas im Vergleich zur Vorkriegszeit dazugelernt hätten, aber wir müssen mit den Wählern arbeiten, die wir haben, nicht mit denen, die wir gerne hätten, die aber nur in unserer idealistischen Theorie existieren.