Abschaffung §218 - doch genau das!

Zu dem Podcast zum Thema Abtreibung heute habe ich 3 Anmerkungen

  1. Scheint das Abtreibungsthema einer der wenigen Trends zu sein, den Deutschland nicht von den USA übernimmt. Das Thema bestimmt den Amerikanischen Wahlkampf seit 30 Jahren. EMILY’s List wurde 1985 (!) gegründet. Und hier ist es trotzdem nie wirklich hoch gekocht. Bis vor wenigen Jahren war es ja auch nicht nur Abtreibung sondern immer „Abortion und Gay Rights“ - und auch das hat unsere Politik nie in dem Maße beschäftigt.

  2. „Das ersatzlose Streichen von 218 kann ja keiner wollen.“ - doch genau das kann man wollen. Und zwar, weil Abtreibung solange sie unter „Male-Guidance“ und innerhalb traditioneller Geschlechtermodelle durchgeführt ist, straffrei ist. Googlet mal, wie künstliche Befruchtungen funktionieren bzw. bis vor wenigen Jahren noch funktionierten. Hier wurden der Frau bis zu drei Embryonen eingesetzt und dann, wenn wirklich alle 3 sich eingenistet hatten, 1-2 dieser drei Embryonen „vereinzelt“ (Reduktion im Fachjargon). Darüber gibt es ÜBERHAUPT keine Diskussion. Meiner Meinung - und auch nach Meinung einiger Historikerinnen - hat dies damit zu tun, dass die Reduktion innerhalb der Ehe stattfindet und damit unter Male-Guidance (bis vor kurzem wurde künstliche Befruchtungen nur bei verheirateten Paaren von der Kasse gezahlt, bis heute machen viele Ärzte dies nur bei heterosexuellen, verheirateten Paaren). Bei Abtreibung geht es aber um die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Daher: Wenn Reduktion keine Straftat ist, darf Abtreibung es auch nicht sein.

  3. Eine meiner Vorrednerinnen sagte es schon: Solange Abtreibung eine straffreie Straftat ist, wird es nicht an den Medizinhochschulen gelehrt. Euren Einwand, dann solle man doch die Curricula ändern statt des Rechts, halte ich für naiv. Wenn der Staat so eine seltsame Regelung schafft, kann er Universitäten nicht damit alleine lasse eine straffreie Straftat in die Ausbildung aufzunehmen, sondern muss die Bedingungen von Anfang an so setzen, dass diese Skills ohne weitere Erklärungen und Verdrehungen teil einer gynäkologischen Ausbildung sind.

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Aber nur zur Klärung: wenn man den §218 abschafft würdest du ihn doch trotzdem durch irgendein Gesetz ersetzen wollen, die zumindest eine zeitliche Begrenzung für die legale Abtreibung etabliert oder? Also sowas wie bis zur 12. Schwangerschaftswoche oder so. Oder geht es hier tatsächlich um die volle Straffreiheit jeglicher Abtreibung im Zweifel auch noch während der Wehen?

„Male Guidance“? Worauf beruht denn diese Behauptung? Gibt es auch irgendwelche Fakten dazu oder ist das einfach eine Interpretation?
Alternative (und m.E. plausiblere) Erklärungen wären ja zum Beispiel, dass der konservative Diskurs natürlich den Kinderwunsch einer heterosexuellen Ehe aus Tradition höher schätzt als das Recht einer Frau, kein Kind haben zu wollen.
Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, wenn das nachvollziehbar belegt ist…

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Begrenzung ist natürlich wichtig. Klar - aber eben kein „straffreie Straftat“ gewurstel bis dahin

Begrenzungen sind theoretisch auch in anderen Kontexten möglich, die eben nicht im StGB sind, z.B. im Recht der medizinischen Dienstleistungen oder in Sozialgesetzbüchern. Beispiele wie Kanada zeigen jedoch, dass es auch ganz ohne Fristen und Begrenzungen geht. Hier ist der Schwangerschaftsabbruch seit 1998 schon komplett legal und hat keine zeitlichen Begrenzungen. Trotzdem sind die Statistiken dieselben - hier finden 90% der Schwangerschaftsabbrüche vor der 12. Woche statt.
Bei diesen Sorgen um Fristen und Begrenzungen spielt immer eine gewisse Angst und Misstrauen mit, dass Frauen und ungewollt Schwangere das ja „ausnutzen“ würden und dann plötzlich im 9. Monat entscheiden, sie wollen jetzt doch nicht mehr schwanger sein. Fakt ist jedoch, niemand hat aus „Spaß“ oder „einfach so“ einen Schwangerschaftsabbruch. Die Entscheidung ist immer schwierig, aber eine Schwangerschaft ist auch eine schwere und anstrengende Zeit. Niemand macht das doch freiwillig länger mit, wenn es nicht gewollt ist! Ich glaube wir können ungewollt Schwangeren ruhig ein bisschen mehr Selbstbestimmung & Entscheidungsfreiheit einräumen.

Das halte ich für eine falsche Sichtweise. Natürlich sind die meisten Menschen, in diesem Falle vor allem Frauen, verantwortungsvoll und und vernünftig. Aber wir haben nunmal Gesetze, weil das nicht auf jeden zutrifft. Ein Schwangerschaftsabbruch im 9. Monat ohne triftigen medizinischen Grund finde ich schon etwas, was man durchaus verbieten sollte, einfach weil es unethisch ist. Dass die meisten Menschen von so einem Gesetz nicht tangiert werden ist schon klar, aber so funktionieren Gesetze halt.

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ja, aber Beispiele wie Kanada zeigen doch, dass diese Angst total unbegründet ist! Niemand treibt „einfach so“ oder „ohne medizinischen Grund“ im 9. Monat ab! Hier wird eine Angst repliziert und dies mit frühen oder Abtreibungen allgemein vermischt, die aber keine Grundlage hat.

Das mag ja sein, aber ich sehe darin immernoch kein Argument, warum es keine Fristenlösung geben sollte. Ist doch schön wenn sich jeder sowieso an das Gesetz hält, dann stört es ja auch keinen.

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