Das ist nicht ganz korrekt. Neue Varianten - mal vorausgesetzt, man bekommt sie einigermaßen früh mit, aber das ist eh Grundvoraussetzung für eine Impfstoffanpassung - tauchen erst mal örtlich konzentriert auf (die britische z.B. in Großbritannien) und machen auch erst mal örtlich konzentriert echte Probleme. Weltweit sind sie zunächst unproblematisch, können aber im Verlauf eines halben Jahres zu echten Problemen werden, wenn sie sich großflächig verbreiten und dann in der jeweils nächsten witterungsbedingt zu erwartenden Welle auf breiter Basis beginnen, sich explosiv auszubreiten. Wenn man aber grob weiß, wo die fragliche Variante konzentriert auftritt, kann man den dafür bestimmten Impfstoff zunächst dort verimpfen und die restlichen Weltregionen erst im Laufe von Monaten auf das neue Mittel umstellen.
Polio und Masern sind nicht mehr viel mehr als ein Jucken auf der Haut der Menschheit. Beide Krankheiten sind derartig gut unter Kontrolle, dass man sich praktisch keine Gedanken mehr dazu machen muss (wenn man sich nicht gerade selbst Probleme macht, wie z.B. indem man Masernimpfungen aus schwachsinnigen Gründen ablehnt, aber das sind hausgemachte Schwierigkeiten, da kann das Virus nix für).
Diesen Zustand würde ich als „Sieg“ definieren. Ein Virus muss für mein Verständnis nicht vom Planeten getilgt sein, um es als „besiegt“ zu betrachten - mir persönlich reicht schon, wenn ich und meine Mitmenschen uns im Alltag praktisch keinen Kopf drum machen müssen. Und ich behaupte, dass das die Definition der meisten Menschen für einen „Sieg“ über eine Krankheit ist: sich nicht davor ängstigen zu müssen.
Und diesen Zustand werden wir mit Covid-19 definitiv erreichen. Werden wir das Virus auslöschen? Schwer zu sagen - kann sein, kann auch nicht sein. Müsste ich wetten, würde ich drauf wetten, dass wir das in absehbarer Zeit, also den nächsten paar Jahrzehnten, nicht schaffen. Aber das ist auch vollkommen egal, so lange wir uns als Menschheit nicht mehr davor ängstigen müssen, dass eine einstellige Prozentzahl unserer Bevölkerung dadurch in wenigen Jahren dahingerafft wird, bzw. individuell betrachtet davor ängstigen müssen, dass wir in ein paar Wochen auf einer Notaufnahme um Luft ringen.
Das ist doch genau der Punkt: Die Symptomatik einer gegen bestehende Impfungen resistenten Variante ist, dass sie bereits geimpfte Personen massenweise neu infiziert! Das WIRD auffallen, denn jeden Tag wächst der Pool an „Sensoren“ dafür durch weitere Impfungen enorm an. Du musst gar nichts auf breiter Front sequenzieren, um diese besonders gefährlichen Mutationen zu finden, du musst nur das Zeug sequenzieren, das geimpfte Personen, die theoretisch eine Immunität besitzen sollten, befällt.
Mein Eindruck ist, dass du die menschliche Intelligenz unterschätzt, siehe das Beispiel oben, wie man Varianten effektiv und schnell erkennt. Ein Virus ist ein ziemlich dummes Ding, es kann sich exponentiell ausbreiten, schön und gut, aber darüber kommt es halt nicht hinaus. Menschen sind nicht nur in der Lage, ebenfalls exponentielles Wachstum in der Produktion bestimmter Dinge zustande zu bringen, sondern können darüber hinaus auch noch Informationen kombinieren und Strategien intelligent anpassen, statt einfach nur mit dem Holzhammer auf irgendwas draufzuhauen.
Die Frage wäre dann aber a) wie wahrscheinlich es ist, dass eine solch weitreichende Mutation überhaupt auftritt und b) ob das dann nicht ein völlig neues Virus ist. Der Punkt an Viren-Mutationen ist ja, dass es, je umfangreicher sie werden, immer wahrscheinlicher wird, dass die Mutante im Ergebnis schlechtere Verbreitungs- und Überlebenseigenschaften hat als das „Original“. Denn das Original hat sich ja nicht grundlos so verbreitet, sondern ist schon das Ergebnis eines Optimierungsprozesses. Deswegen enthalten die meisten Varianten nur minimale Änderungen, und solche wie die beiden jetzt breit diskutierten Varianten, die ein paar mehr dieser Änderungen haben und das „Glück“ hatten, dass diese Mutationen nicht dazu geführt haben, dass sie direkt aussterben, sind schon echte Ereignisse.
Das unterschreibe ich uneingeschränkt.
Das ebenfalls.
Nun ja, in dem Punkt bin ich wie gesagt anderer Meinung. Ich halte es für extremst unwahrscheinlich, dass wir hier unseren Doomsday-Schlächter vor uns haben, der die Menschheit ausrottet. Die Wahrscheinlichkeit mag nicht null sein, aber klein genug, dass ich sie für meine Einschätzug der Situation auf null abrunde und mir daher im Alltag keine nennenswerten Sorgen um dieses Szenario mache.