Das scheinen immer so Phasen zu sein. Mal macht die Politik den Menschen „raus auf’s Land“ schmackhaft, dann irgendwann wieder nicht, also ziehen sehr viele in die Städte, dann wieder doch.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Jugend erinnern in den 90ern, da war in der Stadt leben bei fast allen total verpönt, die Einzelhäuser vor den Städten in den sogenannten Trabenten wuchsen und wuchsen. Irgendwann hat man aufgehört das zu subventionieren, also zogen wieder mehr in die Stadt. Und seit Deutschland immer weniger Hände bei der Großindustrie benötigt (durch die Automatisierung und auch den Wegzug von vielen Fabriken), braucht man dort draußen halt auch weniger Arbeiter, also noch mehr in die Stadt.

Und jetzt? Wieder die Trabantenstädte subventionieren? Gut für’s Klima ist das sicherlich nicht.

Es ist auch immer eine Frage, was fühlt sich wie Stadt an und was nicht. Rede ich hier von München, ist alles gewissermaßen Stadt, was man bequem mit der S-Bahn erreicht. Man kann sehr schnell sehr viele Menschen motivieren aufs „Land“ zu ziehen, wenn das sich nicht wie Land anfühlt, weil die öffis zuverlässig funktionieren.

Ob man nun lieber auf dem Land oder einer Großstadt wohnen mag, hängt von den persönlichen Präferenzen ab.
Da gibt es kein eindeutiges besser oder schlechter.
An vieles kann man sich gewöhnen, anderes sind ggf völlige Ausschlusskriterien.
Muss jeder für sich entscheiden.

Die Frage war aber eigentlich, wie sinnvoll der Vorschlag von Frau Geywitz eigentlich ist, auch unter Berücksichtigung von den genannten Faktoren wie Arbeitsmarkt, Mobilität, Infrastruktur und Wohnungsmarkt.

Löst sowas tatsächlich bestehende Probleme?

Nun ja, auch in an München angrenzenden Kommunen ist Mieten extrem teuer. Das IW schreibt dazu:

Insgesamt ragt der Großraum München heraus: Unter den zehn teuersten Kreisen im Verhältnis zum Lohneinkommen finden sich noch fünf weitere aus der Metropolregion München.

Da können Stadtbewohnende wahrscheinlich keinen Vorteil draus ziehen, wenn sie etwas ländlicher wohnen, weil die Kosten für die Neumiete etwas außerhalb mutmaßlich nicht geringer sein werden als für die schon bestehende Miete in München.

In anderen Metropolregionen ist es ähnlich.

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Ich bin in einem Dorf groß geworden. 2000 Einwohner und damit das größte im Umkreis. 45 Minuten bis zur nächsten Autobahn und etwas mehr als 1 Stunde mit dem Auto in die nächste Großstadt. Du hast vermutlich Recht was hier die Definition von Land ist wäre interessant. Speckgürtel oder 20k Einwohner ist es für mich nicht.

Nach Corona wurde auf unserer Arbeit Homeoffice wieder massiv zurück gefahren weil der Chef das so wollte. Sinnvolle Begründung gab es keine. Wenn ich jetzt 2 Stunden am Tag pendeln müsste, müsste mein Chef mir entsprechend mehr bezahlen, weil ich ja dann im Endeffekt 10 Stunden mehr Arbeitszeit die Woche habe. Fahrzeiten sind keine Freizeit für mich. Oder anders gesagt. Ziehe ich wie gewünscht aufs Land findet meine Firma in mir keinen Mitarbeiter mehr, weil ich mich umschauen würde nach was anderem. Ob das die Lösung ist sei dahingestellt.

Ein unter Umständen auch noch zu berücksichtigender Aspekt ist, dass die Wohnfläche je Mensch in der Vergangenheit zugenommen hat:

Allein in den drei Jahrzehnten seit der deutschen Vereinigung ist diese Entwicklung deutlich sichtbar. Rein rechnerisch hatte eine Person Ende 2021 im Schnitt 47,7 Quadratmeter Wohnfläche und 2,3 Wohnräume zur Verfügung. 1991 waren es durchschnittlich noch 34,9 Quadratmeter Wohnfläche und 1,8 Wohnräume pro Person. Das entspricht einem Anstieg der durchschnittlichen Wohnfläche pro Kopf um rund 37 % binnen 30 Jahren. Die Durchschnittsgröße einer Wohnung ist in diesem Zeitraum von 82,1 Quadratmetern auf 92,1 Quadratmeter Wohnfläche gestiegen.

Allerdings ist die Wohnfläche pro Person im letzten Jahrzehnt annähernd unverändert geblieben.

Die durchschnittlich gestiegene Wohnfläche hat allerdings mutmaßlich mit Seniorinnen und Senioren in Eigenheimen zu tun, die in vielen Fällen noch das Familienhaus bewohnen, obwohl die Kinder längst ausgezogen sind.

Hier müsste es meines Erachtens attraktivere Angebote für ältere Menschen geben, sich wohnungsmäßig zu verkleinern.

Die Diskussion dazu hatten wir hier auch schon einige Male und sie hat sich immer wieder als recht schwierig erwiesen. Anreize und attraktive Angebote sind eine Sache, aber die meisten alten Menschen wollen leider in der Wohnung, in der sie den Großteil ihres Lebens lebten und in der sie ihre Kinder groß gezogen haben, wohnen bleiben, weil dort so viele Erinnerungen dran hängen. Vermutlich bräuchte es daher schon sehr attraktive Angebote - oder eben Druck.

Zur Diskussion stand dabei immer wieder, ob es sinnvoll ist, dass Altverträge i.d.R. so viel günstiger sind als Neuverträge. Denn dadurch ist die seit 40 Jahren bewohnte 120 m²-Wohnung eben oft nicht viel teurer als die neue 60 m²-Wohnung. Aber würde man das ändern wäre das Geschrei - aus gutem, sehr nachvollziehbaren Grund - extrem groß, denn dann würden viele Menschen finanziell gezwungen sein, in kleinere Wohnungen zu ziehen. Das würde den Wohnungsmarkt möglicherweise entlasten, weil die großen Wohnungen dann sinnvoller verwendet würden, würde aber auch zu großen sozialen Härten führen, die weder eine SPD noch eine CDU-geführte Regierung vertreten wollen würde.

Wirklich gute Angebote für ältere Menschen sind daher nur schwer denkbar. Gerade das alte Familienhaus will man dann doch lieber so vererben, wie es ist, statt es aufzugeben. Und die meisten Senioren wollen leider auch nicht im Alter Wohnraum teilen (im Sinne von Senioren-WGs), wobei das extrem sinnvoll wäre (dh. vier Senioren, die ein altes Familienhaus als WG bewohnen und sich gegenseitig unterstützen, wären natürlich ideal, weil dadurch auch der Pflegebedarf reduziert würde und mobile Pflegedienste effektiver arbeiten könnten). Aber wie gesagt, gegen den Willen der Menschen bekommt man das nicht durch… da helfen vermutlich auch finanzielle Anreize wenig.

Speziell auf dem ländlichem Bereich ist es eher so, das die Älteren im alten Haus wohnen, die Kinder haben eigene Häuser nah am Arbeitsort.
Mit schmaler oder zumindest überschaubarer Rente lässt sich das eine Weile halten, wenn Sohn oder Nachbar dennGarten pflegen oder Rasen mähen.
Meist stellt sich die Frage eher, wann überschreibe ich das Haus den Kindern oder verkaufe es, bevor ich ins Pflegeheim komme und es dann eh versilbern muss.
Aber ist glaube nicht der Tenor von Frau Geiwitz, die denkt eher an Arbeitnehmer

Bei der Forderung „Raus aufs Land!“ sollte man auch Mentalitätsunterschiede berücksichtigen:

In den Großstädten sind die Menschen eher linksliberal eingestellt, das nimmt aber ab, je weiter man sich von urbanen Gebieten entfernt. Von den Großstädten über die Vororte, Kleinstädte und Dörfer bis aufs platte Land werden die politischen Ansichten tendenziell immer konservativer und das Vertrauen der Menschen in die Demokratie und etablierte Parteien sinkt.

Auf Zeit Online sinniert Zacharias Zacharakis über eine Hinzugsprämie von 10.000 € für drei Jahre auf dem Land wohnen.

Außer Mitnahmeeffekten sehe ich darin keinerlei Vorteil.

Er gibt allerdings auch zu bedenken:

Städtische Regionen sind Wirtschaftszentren, sie bieten Arbeit und Infrastruktur, ärztliche Versorgung, Schulen und Kinderbetreuung, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote. Es mag also durchaus schöne, erschwingliche und bezugsfertige Wohnungen in kleinen Dörfern und Städten geben. Wenn aber viele andere, wichtige Bedürfnisse des Alltags nicht bedient werden können oder man dafür weite Fahrten in Kauf nehmen muss, senkt das eben die Attraktivität dieser Gegenden.

Damit hat er, denke ich, einen Punkt.

Doch was soll oder kann die Konsequenz sein?

Klar wären Infrastrukturinvestitionen in manchen Gegenden sinnvoll (besserer ÖPNV und bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten auf jeden Fall).

Doch sehr vielen Kommunen fehlt schlichtweg das Geld. Der ehemalige NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) sprach sich ehedem für „ein 57-Milliarden-Paket, um den Städten und Gemeinden bei Steuerausfällen und Altschulden unter die Arme zu greifen“ aus. Daraus wurde bekanntermaßen nichts.

So bleibt klammen Kommunen natürlich allenfalls, den Status quo zu verwalten.

Der Attraktivität ländlicher Räume ist es jedenfalls nicht zuträglich.

Und, so hart das klingt, letztlich müsste man entscheiden, bei welchen Kommunen es sich noch lohnt, sie zu entwickeln.

Es werden eher nicht die mit den jetzt schon höchsten Leerständen sein.

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Was ich bei diesen Beschreibungen immer skurril finde ist das Bild, das Menschen außerhalb von Grossstädten quasi noch in Höhlen hausen und Feuer mit kleinen Reisighäufchen machen.

Ich denke, so wie es in Grossstädten Unterschiede gibt, so auch im ländlichen Raum.

Beispiel: ich wohne in einem kleinem Ort mit rund 2000 Einwohner , vorn ein Stausee, drumrun nur Wald.
Wir haben Strom. Fließend Wasser. 5G-Netz. Glasfaser. Eine eigene freiwillige Feuerweht. Einen Kindergarten fussläufig. Eine Grundschule fussläufig. (Die Kinder gehen hier alle zu Fuß alleine). Einen Hausarzt, einen Zahnarzt, eine neurologische Fachklinik, viel Gastronomie, unzählige Freizeit- und Sportmöglichkeiten, oft in Vereinen, man ist halt viel draußen, eine gute Dorfgemeinschaft, in weniger als 15 Minuten ist man im Nachbarort mit Auto oder meist Fahrrad, da gibt alles andere. Das nächste große Krankenhaus ist 20 min entfernt mit Auto, ebenso der Bahnhof und eine üppige Fussgängerzone.

Ja. Wir haben seit kurzem keine eigenen Banken mehr, aber einen gut ausgestatteten Dorfladen (der auch sonntags geöffnet hat) der auch Bargeld auszahlt, samt Postfiliale.

Also so völlig verloren ist man selbst in kleinen Orten nicht.

Hab allerdings auch in Thüringen mal ein nettes Dörfchen kennenlernen dürfen, da gab es nur einen Supermarkt und einen Tierarzt….auch das gibt es….

Klar gibt es auch Kommunen und Ortschaften, die vergleichsweise gut ausgestattet sind. Aber dort sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch kaum Leerstände.

Die Ausgangsfrage war ja, ob Menschen aus größeren Städten in ländliche Gegenden, wo der Leerstand hoch ist, umsiedeln sollen bzw. würden.

Wenn der Nutzen nicht klar überwiegt, wird das nahezu niemand machen.

Und zunächst gibt es allerlei Einbußen, sodass der Nutzen noch größer sein muss, um diese mehr als aufzuwiegen.

In Gegenden mit hohem Leerstand wäre ich da, wenn ich mich in potenziell Umzugswillige hineinversetze, zumindest argwöhnisch.

Das wäre nun die Frage, was die Ministerin da konkret im Sinn hat.

Wohl auch eine Frage was man als Staat da investieren will

Für mich können 20k auch ländlich geprägt sein wenn das das Mittelzentrum ist und das nächste Oberzentrum entsprechend weit entfernt ist. Gerade in solch einem Kontext der Diskussion dürfte das ja eher heißen raus aus den aufstrebenden Städten rein in die, die aktuell eher rückläufige Einwohnerzahlen haben.

Ich finde man sollte sich nicht so auf den Wegzug von Leuten versteifen die in der Stadt arbeiten und am Land wohnen.

Es gibt noch immer Leute mit viel Remoteanteil, es gibt Arbeitskräftemangel auch in ländlichen Regionen, es gibt Menschen die ohnehin im Außendienst oder an mehreren Standorten arbeiten.

Es muss auch nicht jeder aufs Land. Ein Anfang wäre aber getan, wenn es Kindergartenplätze auch zuverlässig noch nach 14 Uhr gibt, wenn man Planungssicherheit hätte, dass wenn man dort schon hinzieht die weiterführende Schule noch existiert wenn die Kinder sie besuchen werden, wenn der Zug oder Bus ins nächste Oberzentrum zuverlässig im Stundentakt fährt, etc.
Denn aktuell beobachte ich, dass z.B. aus meiner Heimatstadt sogar Menschen wegziehen bei denen ein Elternteil dort arbeitet. Einfach weil die Gefahr, dass viele der Angebote in einigen Jahren wegbrechen zu hoch ist, obwohl der Ort Stand heute durchaus nicht unattraktiv wäre. Da möchte man mit Familie dann nicht den Lebensmittelpunkt haben.

Auch auf dem Land nicht so einfach mit dem Wohnraum:

Das Beispiel Winterberg ist jetzt aber auch nicht allgemeingültig. Hier reisen Leute aus ganz Deutschland hin und für viele Vermieter ist es wohl (so steht es auch im Artikel) lukrativer ihre Wohnung gelegentlich als Ferienwohnung zu vermieten als dauerhaft.
Zudem wie oft am Land gibt es eher große Wohnungen und EFH. Wenn es aber darum geht Familien denen genau diese Art von Wohnraum in den Städten fehlt aufs Land zu bringen, dann wäre wohl sogar Winterberg möglich.

Dass es zu wenig kleine Wohnungen für Singles und Paare mit wenig Platzbedarf gibt kenne ich auch aus meiner Heimatstadt. Da war es auch schwer eine vernünftige 2-Zimmerwohnung zu bekommen.

Sorry to say, aber ich halte die Idee für kompletten Blödsinn.
Dafür gibt es zwei Gründe.

  1. Die Unternehmen (Arbeitgeber) verlagern mehr und mehr ihre Arbeitsstätten in die Mittel- und Großstädte. Das machen sie aus dem Grund der Arbeitskräfte Beschaffungsmöglichkeiten und wegen der vorhandenen Infrastruktur. Der Trend ist sehr eindeutig und wird auch kaum zu stoppen sein, da eines der größten Risiken für Unternehmen der Arbeitskräftemangel ist.
  2. Die Infrastruktur auf dem Land ist nicht vorhanden. Polizei, Schule, Kita, Internet, medizinische Versorgung, Kultur Veranstaltungen, Restaurants sind kaum vorhanden. Von wem soll dieses denn aufgebaut werden? Zu den Arbeitsplätzen muss man pendeln, da kein ÖPNV vorhanden ist.

Ich hoffe nicht, dass Frau Geywitz die Speckgürtel der Großstädte meint, weil die sind schon ziemlich voll.
Und Home Office ist nicht die Lösung, weil es doch mehrere Studien gibt die belegen, dass Anwesenheit im Büro, in der Werkhalle nötig für die Sozialen Kontakte ist und für die Unternehmenskultur. Der Mensch ist ein soziales Wesen.
Home Office auf 2 Tage die Woche verteilt scheint oft das optimale zu sein.

Darum sollte lieber schnellstens an Lösungen für die mittleren Städte und großen Städte gearbeitet werden. Der ländliche Raum sollte aus Klimaschutzgründen schnell begrünt (Wälder, wir brauchen Wälder) und der nachhaltigen Landwirtschaft überlassen werden.

Da wären wir wieder bei der Definition von Stadt und Land. Wenn alles wo es eine Polizei, Schule und Kita gibt als Stadt gewertet wird ist der Vorschlag natürlich quatsch. Aber da gibt es eben berechtigterweise auch andere Möglichkeiten das zu definieren und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Dorf komplett ohne Infrastruktur eher nicht gemeint ist.

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Es gibt Menschen, die finden Stadtleben ist nichts schönes. Wieso sollte deren Lebensmodell einfach als falsch deklariert werden? Ich finde nämlich auch dass Stadt nichts tolles ist.

Man könnte Unternehmen auch lenken, damit diese mehr ins ländliche gehen, da sind auch die Gehälter niedriger.

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Tatsächlich ist es auch in ländlichen Räumen schon schwer geworden, freie bezahlbare Wohnungen zu finden. Liegt oftmals nicht an der „fehlenden“ Infrastruktur.

Beispiel: bei uns liegt der Mietspiegel bei rund 6€/qm. Die meisten Häuser hier sind aus den 50er/60er Jahren.
Nun baut hier einer einen schicken Wohnblock mit edlen Wohnungen, und nimmt dafür dann 10-11€ je qm. Nun sagen die älteren Vermieter hier, wenn der über 10€ nehmen kann, dann mach ich das für meine alten, wenig sanierten und mit meinen möglichst billig instandgehaltenen Wohnungen auch.
Zack, schon wird es teuer. Und einige lassen dann aus Bockigkeit lieber leerstehen als billiger vermieten. Andere sanieren aufwändig und nehmen dann 12-15€.

Ich weiß, Städter lachen jetzt Tränen, aber bei und ist das Gehaltsniveau schon deutlich niedriger.

Und wie gesagt, ob eher städtisch oder ländlich wohnen ist eine persönliche Freiheit und Entscheidung, eine objektiv bessere Option zwischen beiden sehe ich nicht.

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