Das ist richtig, allerdings hat die zugrundeliegende Approximation, die man verwendet, auch praktische Konsequenzen. Das viel größere Problem ist, dass der Term nicht transparent macht, was dahintersteckt.
Bezeichnen wir die Verhältnisänderung im Nachhaltigkeitsfaktor mal mit x.
Der Nachhaltigkeitsfaktor ist dann f(x)=(1-x)𝛼+1. Der „korrekte“ Nachhaltigkeitsfaktor ist g(x)=(1/x)^𝛼. Der Punkt ist, dass wenn sich das Verhältnis um Faktor x ändert, diese Änderung auf Beiträge und Renten verteilt wird. Die Beiträge werden mit x^(1-𝛼) multipliziziert, die Renten mit (1/x)^𝛼 multipliziert. Insgesamt wird damit Faktor x eingespart (durch mehr Einzahlung bzw. weniger Auszahlung bei x>1).
Beispiel: Wenn x=4, wird bei 𝛼=0,5 der Faktor 4 aufgeteilt, indem die Beitragszahler doppelt so viel einzahlen und die Rentner halb so viel bekommen.
Der Zusammenhang von f und g ist, dass f die Tangente von g an der Stelle x=1 ist, daher approximiert es in der Nähe von „keine Verhältnisänderung“ auch gut. Der Grund für diese Approximation ist vermutlich, dass man keine rationalen Potenzen ins Gesetz schreiben wollte.
Ein praktisches Problem ist, dass g die Eigenschaft g(ab)=g(a)g(b) erfüllt, und f nicht. Im Sachzusammenhang bedeutet das, dass die Gesamtwirkung des Nachhaltigkeitsfaktors g für mehrere Jahre unabhängig davon ist, wie sich die Verhältnisse dazwischen verändert haben. Außerdem sollte man beachten, dass selbst 1ct Änderung im aktuellen Rentenwert fast 100 Millionen Euro Rentenzahlungen pro Jahr bedeuten.
Das größere Problem ist meines Erachtens, dass man fast keine Chance hat, zu verstehen, wie der Nachhaltigkeitsfaktor funktioniert. Die Aussage des Sachverständigenrates, dass 𝛼=0,5 die Lasten gleich verteilen würde, kann nicht damit begründet werden, dass 0,5 der Durchschnitt von 0 und 1 ist. Im „korrekten“ Nachhaltigkeitsfaktor hat 𝛼=0,5 die Bedeutung, dass Beiträge mit dem gleichen Faktor multipliziert werden, wie Renten gekürzt werden.
Es ist aber fraglich, warum das eine gleiche Belastung sein sollte. In absoluten Zahlen ist doppelt so viel einzahlen zu müssen eine stärkere Belastung als halb so viel bekommen. Wenn x gegen unendlich geht, ist die eine Belastung nicht tragbar (unendliche Beiträge), während die andere möglich tragbar ist (keine Rente). Im Gesamtkontext muss man auch noch berücksichtigen, dass es u.a. zusätzlich noch den Beitragssatzfaktor gibt.
Meine persönliche Position ist hier, dass die Komplexität insgesamt so hoch ist, dass sie offenbar auch von Experten nicht vollständig überblickt wird. Und das ist meiner Ansicht nach ein großes Problem.
Für etwas mehr Hintergrund ist hier ein Paper, das sich unter anderem mit dem „korrekten“ Nachhaltigkeitsfaktor beschäftigt.