Wie endlich wieder Fortschritt schaffen?

Europa ist technologisch und wirtschaftlich abgehängt. Das ist keine negative Prognose, sondern bereits passiert: Wirtschaftlich vor allem von den USA

die nominal mittlerweile das doppelte (!) GDP pro Kopf haben wie die EU, und selbst kaufkraftdbereinigt (PPP) 30% mehr erwirtschaften. Und auf absehbare Zeit wird diese Lücke nur größer, da die USA auch deutlich schneller wachsen.

Und technologisch sind wir auch im Hintertreffen, weil China mittlerweile die qualitativ hochwertige Forschung dominiert

Und Europa bei Schlüsseltechnologien im Wettkampf zwischen USA und China praktisch keine Rolle mehr spielt:

Vor diesem Hintergrund ist die deutsche Diskussion dazu geradezu fahrlässig, wo immer noch von „Wohlstand bewahren“ gesprochen wird.

Die Politik der jetzigen Bundesregierung zielt vor allem auf eine Erhöhung der Arbeitsstunden ab, was sicherlich gegen den anstehenden Arbeitskraftverlust der Baby Boomer hilft, aber uns im technologischen Wettbewerb nicht weiterbringen wird. Den aber sehe ich aber als Fundament allen Wachstums.

Ich würde an dieser Stelle also gerne ein paar Maßnahmenvorschläge sammeln, die in der Lage so noch nicht zur Sprache gekommen sind:

  1. Industriepolitik: China hat gezeigt, dass eine Mischung von Marktkräften mit weitsichtiger staatlicher Förderung einem reinen Marktmodell überlegen ist. „Gewinner aussuchen“ ist zwar immer noch falsch, aber viele Maßnahmen sind durchaus Sinnvoll, siehe hier einige Überlegungen dazu:
  1. Einfuhrzertifikate: Die Idee ist simpel; um ein Produkt (Solarpanel) in die EU zu importieren brauchst du ein Zertifikat. Das erhältst du, indem du vorher exportierst: Zum Beispiel musst erst ein europäisches Solarpanel kaufen, um dann eine gewisse Anzahl (zB 30) Solarpanele in die EU verkaufen zu dürfen. Das erlaubt zielgerichtete Förderung einzelner Industrien bei maximaler Nutzung von Marktmechanismen:
  1. Innovationszonen: Damit die Gigafabrik nicht wieder am lokalen Lurch scheitert, könnte man Flächen ausweisen, die von normalen Genehmigungs- und Nachweispflichten ausgenommen sind. Sehr erfolgreich in China und Polen.

  2. Arbeitsmarktflexibilisierung: Kündigungsschutz macht technologische Experimente hier viel teurer als in anderen Ländern: wenn man 30 Monatsgehälter Abfindung zahlen muss überlegt man sich dreimal, ob man hier eine Abteilung für eine neue experimentelle Technologie aufstellt, die man eventuell wieder feuern muss.

Da kann man gerne auch ein gemischtes Model haben, in dem Geringverdiener weiterhin geschützt werden, aber man über zum Beispiel 50.000€ weniger Kündigungsschutz hat (auch gerne bei der Zeiterfassung).

https://www.economist.com/europe/2025/10/02/how-europe-crushes-innovation

  1. KI: Wie anderswo schon ausgeführt ( Bedeutung von KI für Arbeitsmarkt und Wirtschaft ) hat KI das potential, den Dienstleistungssektor zu massiv zu disruptieren und riesige Geldmengen weg von europäischen Arbeitnehmern und hin zu amerikanischen Techunternehmen zu verschieben. Der einzige Weg, dass zu verhindern ist, ein halbwegs kompetitives Sprachmodell in Europa zu haben. Dass benötigt aber Fördermittel und Deregulierung, die um Größenordnungen größer sind als das was wir jetzt haben.

All das natürlich am Besten europäisch, und zusätzlich zu Mario Draghis EU Integrationsvorschlägen, (maßvoller) Deregulierung, Digitalisierung und Investitionserhöhung.

Was sagt ihr dazu? Wo sehr ihr Fehler in diesen Ideen? Und was für andere Vorschläge hat ihr? Ich freue mich auf die Diskussion und hoffentlich auf einen Lagebeitrag zu manchen von diesen.

PS: Ich weiß, dass einige von euch fundamentale Zweifel am Wachstumsideal haben. Das ist eine spannende Diskussion, die ich gerne in einem anderen Thread führen möchte, aber hier würde ich mich gerne auf konkrete Maßnahmen fokussieren.

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Ich als jemand mit einer amerikanischen Freundin sage dazu, dass die Menschen im Amerika von diesem technologischen Vorsprung rein gar nichts haben. Sie haben eine niedrigere Lebenserwartung, ein furchtbares Gesundheitssystem, 15 Tage Urlaub und 6 sick days, wenn es sehr gut läuft. Und bezahlen 17k Dollar p.a. für Kindertreuung. Wenn wirtschaftliche und technologische Errungenschaften das Leben der Menschen nicht verbessern, dann brauchen wir sie nicht. Punkt. Ende der Diskussion. Sie kommen so, oder so? Ja dann müssen wir sie halt so besteuern, dass ihre Segnungen auch bei den Menschen ankommen? Kapital ist ein scheues Reh? Gesetzgebung. Die Milliardäre ziehen dann weg? Wegzubesteuerung und Staatsbürgerschaft an Steuersitz koppeln. Ist denen egal? Off with their heads, bzw: Ab in den Knast. Wir können es und nicht erlauben, dass Fortschritt weiterhin im Sinne einiger psychopathen (jemand das Buch von Alex Karp gelesen?) ausgelegt wird.

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Das war wirklich nicht der Punkt. Amerika hat absolut seine eigenen Probleme und ich schlage nicht vor deren Sozialpolitik zu übernehmen.

Es sei denn du meinst, dass Wachstum nur mit wegen starker Ungleichheit entsteht? Das wäre sehr pessimistisch.

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Ich glaube, das amerikanische GDP täuscht wegen der KI-Blase.

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hat die Union anscheinend erkannt.

Union wollte offenbar Kündigungsschutz aufweichen | tagesschau.de

Ansonsten ist das aber populistisches Framing, was ich schade finde, da man so die Diskussion anheizt und vergiftet. Mehr als Kündigungsfrist x2 ist nicht nötig beim Schließen der Abteilung, vermutlich komme ich sogar mit normalen Kündigungen durch wenn ich nicht zu groß bin oder die betroffene Mitarbeiterzahl nicht zu hoch. Wirtschaftlich und betriebsbedingt lässt es sich ja begründen.

Ansonsten ist sicher ein Problem die altersbedingten Hierarchiestrukturen. Ideen junger Leute werden viel zu stark ignoriert, das Innovationsfeld wird von 40+ dominiert, Entscheider sind dann 55+. Das blockiert Innovation, dazu kommt dann die Fehlerkultur. Statt zu fragen „was ist falsch gelaufen, wie machen wir es nächstes Mal besser?“ wird gefragt „wer ist dafür verantwortlich?“ Also werden Probleme lieber vertuscht als gelöst und lieber im Strom geschwommen als mutig etwas riskiert.

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Das ist ja schon vorher divergiert.

Und bei allen Fehlern der USA: Wir haben bei der Softwareunternehmen gesehen wie unangenehm das ist, wenn man bei einer Technologie komplett auf andere angewiesen ist, ich denke mit KI wird uns noch mehr auf die Füße fallen.

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Ich bevorzuge Daten statt Glauben. :wink:

Der Unterschied ist insgesamt enorm und die USA bedeutend wirtschaftsstärker (auch pro Kopf). Die Lücke weitet sich seit Covid/Russland, nicht erst seit dem KI-Boom (der zwar Aktienkurse antreibt, damit aber das BIP nicht wirklich tangiert):

Insbesondere sind die USA deutlich weniger auf Export angewiesen und verfügen über einen stärkeren Binnenmarkt (Export 11% vs 41%).

Es trifft aber zu, dass die Entwicklung in den USA regional extreme Spreizung aufweist.

Anekdotisch: meine US-Kollegen mit ähnlichen Aufgaben im gleichen Konzern verdienen alle (auch kaufkraftbereinigt) wesentlich mehr als ich in Deutschland.

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Der Unterschied lässt sich wunderbar mit Nettonvestitionen/Ausgaben durch den Staat in den USA vs. Austeritätspolitik in Deutschland erklären, wo der Volkswirtschaft netto Wirtschaftskraft entzogen wird. Dort ist von 2021 bis 2025 die Schuldenquote von 119 auf 125% gestiegen, während in Deutschland sie von 69 auf 63% gesunken ist. Dieser Unterschied hat logischerweise extreme Auswirkungen auf das BIP

Für DL müsste ich leider Claude nutzen, da gibt es keine schöne Übersicht von Statista. Mehr Investitionen/Staatsausgaben für Wirtschaft/Gesellschaft führen auch zu mehr Investitionen, wobei einige Sektoren (v.a. Bildung) bessere Ergebnisse bringen als andere.

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Hier gibt es jedoch noch einen weiteren Punkt, der in diesem Forum oft vergessen wird: Die USA investieren staatlich deutlich mehr. Europa hat in gewisser Weise auf Wachstum verzichtet, indem es seine Haushalte (Stichwort Sparpolitik) strikt ausgeglichen gestaltet hat. Die großen US-Technikkonzerne, die heute weltweit marktführend sind, konnten oft nur deshalb so stark wachsen, weil sie massiv von staatlichen Aufträgen profitierten, man denke hier nur an SpaceX oder Palantir.

Zusätzlich gibt es in den USA wesentlich mehr Risikokapital, das bereit ist, hochinnovative Projekte zu finanzieren, selbst wenn diese auf den ersten Blick keine unmittelbare Marktchance haben. Ein Lilium Jet, der Transrapid oder DeepMind könnten heute vermutlich noch eigenständig existieren; DeepMind stünde wahrscheinlich auf einer Stufe mit OpenAI oder Anthropic.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Man sollte bei den Wirtschaftsdaten nicht nur Deutschland mit den USA vergleichen, sondern die gesamte EU heranziehen. Betrachtet man die EU als einen Wirtschaftsblock, liegt die Exportquote bei lediglich 21 % (Quelle: Eurostat). Den Handel innerhalb der EU sollte man konsequenterweise als Binnenmarkt betrachten, da die Volkswirtschaften tief miteinander integriert sind. Der Fokus auf Einzelstaaten treibt die Außenhandelsquoten künstlich in die Höhe.

Daraus folgt: Den Sozialstaat zu beschneiden, wäre hier ziellos. Bis 2010 lag die EU bei der Wirtschaftskraft sogar noch vor den USA; unser Kündigungsschutz und das soziale Netz sind also nicht das Kernproblem. Zudem darf man nicht vergessen, dass in den USA eine riesige Ungleichheit herrscht (Kalifornien und New York sind nicht repräsentativ für das gesamte Land). Die Lebensqualität in Europa ist auf demselben Niveau, wenn nicht sogar höher. Wir müssen unsere wirtschaftliche Stärke jedoch zurückgewinnen, um diesen Standard langfristig halten zu können. Wachstum soll ja kein Selbstzweck sein.

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Danke für den Hinweis, das freut mich zu sehen!

Ich bin auch nicht ganz sicher wie der Economist auf 30 Monatsgehälter kommt, wahrscheinlich sind da viele Fälle dabei wo die rechtlichen Bedingungen schwierig sind und die Firma dann große Abfindungen bietet damit die Leute freiwillig gehen.

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Die USA hat hier eine Sonderstellung, weil ihre Währung so nachgefragt ist (Petrodollar), dass sie selbst bei einer astronomischen Schuldenquote von 140%+ noch halbwegs billig Schulden aufnehmen können. Das kann die EU in dem Rahmen nicht wirklich, England und Frankreich sind gute Beispiele wie man da an seine Grenzen kommt.

Ich frage mich aber auch oft, wie viel vom Amerikanischen Wachstum einfach mit der Erdölförderung und den Staatsausgaben erklärbar ist.

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Das Risikokapital ist ein sehr guter Punkt. Mario Draghis Ideen zur tieferen Integration könnten dazu helfen, und allgemein attraktiv als Investitionsstandort ist auch gut.

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Vorschlag der SPD:

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/miersch-schulden-iran-krise-100.html

Zinsen auf Staatsanleihen (August 2025): USA 4,26%, Frankreich 3,4%, Deutschland 2,7%

Also da sehe ich jetzt keine Sonderstellung des Dollars gegenüber dem Euro :wink:

Die Sonderstellung könnte man aber daraus ableiten, dass der Staat USA eine eigene Zentralbank hat. Letztlich könnte aber auch die europäische Zentralbank, ebenso wie die US-Zentralbank, Schuldentitel aufkaufen und diese dann “verbrennen”/abschreiben, ohne dass es reale wirtschaftliche Auswirkungen hat.

Also das ist kein Argument dagegen, über Staatsschulden Impulse für die Volkswirtschaft zu geben anstatt neutral zu agieren oder sogar per Austeritätspolitik Wirtschaftskraft zu reduzieren.

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Und was ist mit Japan?

Als jemand mit amerkanischen Freundne und Verwandten, was ebenfalls nur anekdotische Evidenz ist, aber nette Einblicke liefert, möchte ich darauf hinweisen, dass auch wenn es sich so anfühlt, es dazu auch andere Meinungen und auch andere Beobachtungen gibt!

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OK, danke dir! Ich hab diese Zahlen nie nachgeschaut, dass passt wirklich nicht zu dem was ich gesagt habe.

Wäre spannend mal im Detail zu lernen woher die kommen, warum zahlt GB zum Beispiel so viel mehr als Frankreich?

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Ich hab mich ein bisschen durch die Kommentare geklickt und auch den OP finde ich spannend.

Was ich in den Kommentaren für zutreffend halte: Wir sollten uns nicht ausschließlich an einem einzigen Referenzmodell orientieren. Wer regelmäßig Nachrichten konsumiert, sieht eine sehr starke Fokussierung auf die USA. Gleichzeitig werden andere strategisch relevante Entwicklungen, z.B. die chinesischen Fünfjahrespläne, deutlich weniger breit diskutiert, obwohl sie realwirtschaftlich erhebliche Wirkung haben. Das führt zu einer verzerrten Wahrnehmung von Handlungsoptionen.

Deutschland und die EU sollten systematischer von unterschiedlichen Modellen/Ländern lernen. Das schließt auch Länder ein, die politisch nicht als Vorbilder gelten. Dabei geht es nicht um normative Übernahme, sondern um funktionale Analyse. Es ist offensichtlich sinnvoll, nicht alles zu übernehmen, etwa im Bereich Überwachung oder Kontrolle, aber einzelne Instrumente können dennoch relevant sein.

Zu 1: Industriepolitik / China

Ich halte es für sinnvoll, sich das chinesische Industrie- und Wirtschaftsmodell genauer anzuschauen. China kombiniert staatliche Steuerung mit marktwirtschaftlichen Elementen in einer Form des Staatskapitalismus, die in einigen (Strategischen) Sektoren sehr effektiv war (z. B. Skalierung in Solar- und Batterietechnologien). Auch Mechanismen wie Joint-Venture-Anforderungen in bestimmten Branchen haben nachweislich zu Technologietransfer beigetragen.

Gleichzeitig ist die Evidenz nicht eindeutig:

  • Es gibt auch Fehlallokationen (Überkapazitäten, ineffiziente Investitionen).
  • Die Innovationsqualität ist nicht durchgehend überlegen.
  • Viele Effekte sind sektorabhängig.

Die Übertragbarkeit auf Europa ist daher unklar. Institutionelle Rahmenbedingungen, Marktgröße und politische Systeme unterscheiden sich stark. Trotzdem bleibt die Frage legitim, ob wir asymmetrische Offenheit dauerhaft aufrechterhalten wollen, insbesondere dann, wenn andere Akteure gezielt strategische Vorteile aufbauen.

Zu 2: Einfuhrzertifikate / Handelspolitik
Die Idee der Einfuhrzertifikate (Import an Export koppeln) wirkt auf den ersten Blick attraktiv, weil sie marktbasiert erscheint. In der Praxis sehe ich hier erhebliche Risiken:

  • Hohe Wahrscheinlichkeit von Gegenmaßnahmen (Trade War)
  • Konflikte mit bestehenden Handelsregeln
  • Verzerrung globaler Wertschöpfungsketten

Die Grundidee wurde u. a. von Warren Buffett vorgeschlagen, und ich mag Buffett und seine Positionen sehr oft.

Aber empirische Evidenz zur praktischen Umsetzung fehlt weitgehend. Der Nutzen ist daher unsicher, die Risiken vergleichsweise klar.

Sinnvoller erscheint mir ein differenzierter Ansatz:
Nicht jede Industrie muss lokal aufgebaut werden. Entscheidend ist, welche Sektoren aus strategischen Gründen relevant sind. Nur dort sollte gezielt eingegriffen werden (z. B. über Public-Private-Modelle oder spezifische Förderinstrumente). In anderen Bereichen kann Spezialisierung/Globalisierung effizienter und auch sinnvoller sein. Genau so macht es übrigens China auch, die jetzt nach und nach nicht mehr erwünschte Industrien in Nachbarländer „abgeben“.

Zu 3: Innovationszonen und Bürokratie
Innovationszonen sind im Kern eine Art „Freihandelszone 2.0“. Das kann funktionieren, insbesondere wenn regulatorische Anforderungen im Vorfeld klar und einheitlich definiert werden. Der Erfolg hängt aber stark von Governance und Umsetzung ab, nicht nur von Deregulierung.

Zum Bürokratiethema:
Ich halte es für einen Fehler, Bürokratie pauschal abzubauen. Jede Regel hatte ursprünglich eine Funktion. Das Problem entsteht nicht primär durch einzelne Regeln, sondern durch deren Zusammenspiel.

Ansätze wie „One-In-One-Out“ greifen deshalb mMn oft zu kurz. Sie behandeln Symptome, nicht Ursachen.

Sinnvoller wäre eine systematische Bewertung entlang klarer Kriterien:

  1. Problem-Fit: Besteht das adressierte Problem noch und wird es kausal getroffen?
  2. Wirkung: Gibt es belastbare Evidenz für Zielerreichung?
  3. Nebenwirkungen: Entstehen Verzerrungen oder Fehlanreize?
  4. Effizienz: Stehen Kosten (inkl. indirekter Kosten) im Verhältnis zum Nutzen?
  5. Umsetzbarkeit: Ist der Vollzug realistisch leistbar?
  6. Systemkompatibilität: Passt die Regel ins bestehende System?
  7. Anreizstruktur: Fördert sie gewünschtes Verhalten oder Umgehung?
  8. Anpassungsfähigkeit: Ist sie updatefähig?

Ein strukturelles Defizit bleibt: Die Interaktionen zwischen Regeln werden kaum systematisch analysiert, obwohl dort ein Großteil der Ineffizienz entsteht. Technisch wäre eine Modellierung (z. B. über kausale Modelle) heute möglich, wird aber institutionell kaum genutzt. Wäre aber doch mal ein nettes Thema z.B. für eine Doktorarbeit :wink:

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Zu 4: Arbeitsmarkt
Der bestehende Arbeitnehmerschutz ist historisch erkämpft und erfüllt eine Funktion. Eine pauschale Schwächung halte ich für nicht sinnvoll.

Die These, dass Kündigungsschutz Innovation verhindert, ist empirisch nicht eindeutig belegt:

  • Es gibt Hinweise auf höhere Anpassungskosten.
  • Gleichzeitig existieren positive Effekte (z. B. Stabilität, Humankapitalaufbau).

Das genannten Extrembeispiele der sehr hohen Abfindungen ist IMHO nicht repräsentativ. Ich habe andere Erfahrungen im StartUp Sektor gemacht.

Zur Arbeitszeit:
Die Diskussion um längere Arbeitszeiten greift zu kurz. Studien zeigen, dass Produktivität pro Stunde mit steigender Arbeitszeit abnimmt. Gleichzeitig gibt es kein universelles Optimum.

Beispiel:
Darwish (2023): „Optimal workday length considering worker fatigue and employer profit“

Auch dort sind die Ergebnisse nicht eindeutig, aber sie zeigen klar: Ein einheitliches Modell für alle ist nicht sinnvoll.

Wichtig ist außerdem: Viele Effekte (Gesundheit, gesellschaftliche Stabilität) werden in der Debatte kaum berücksichtigt, weil sie schwer messbar sind. Der Fokus liegt oft zu stark auf kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Wir wollen aber gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Fortschritt. Das sollten wir nicht vergessen. Sonst kommen wir wieder in das alte Muster, dass wir öffentliche Schwimmbäder schließen, da diese auf dem Papier keinen Gewinn erwirtschaften und nur Kosten verursachen, aber vergessen dabei, dass die Spillover Effekte das Schwimmbad zu einer der aus volkswirtschaftlicher Sicht sehr sehr guten Investitionen macht.
(By the way, hier einig Quellen zu diesem Claim: „Assessing the health impact of local amenities: a qualitative study of contrasting experiences of local swimming pool and leisure provision in two areas of Glasgow“ (DOI: 10.1136/jech.57.9.663), Public Expenditure and Sport Participation: An Examination of Direct, Spillover, and Substitution Effects
(DOI: 10.1177/15586235170120030), "

Zu 5: KI und Technologiepolitik
Hier stimme ich im Grundsatz zu: Europa investiert zu wenig und zu fragmentiert in strategische Technologien.

Der Vergleich mit US-Strukturen (z. B. DARPA) zeigt, dass dort deutlich höhere Risiken eingegangen werden. Gleichzeitig sollte man vorsichtig sein mit einfachen Schlussfolgerungen:

Nicht jedes erfolgreiche Modell ist übertragbar. Ich hätte gerne Foundation Modelle aus Europa mit europäischem Datenschutz und europäischen Werten und Normen. Ich denke aber dass frei-drehende europäische libertäre/techno-kapitalistische Konzerne vielleicht auch keine gute Idee sind.

Institutionen wie SPRIND (https://www.sprind.org/) sind ein sinnvoller Ansatz, aber mMn aktuell zu klein skaliert. Hier sollten wir viel mehr darauf achten, dass wir das machen was funktioniert und nicht den 100. KI-„Leuchttrum“ finanzieren… (By the way, die Aufgabe eines Leuchtturms ist es auf Gefahren hinzuweisen… Wer auf die Idee gekommen ist das als Begriff zu verwenden, naja..). Insgesamt brauchen wir IMHO mehr Investition und Arbeit an der Basis. Wenn die Basis stimmt, dann folgt der Rest. Und mit Basis meine ich digitale Grundbildung. Effiziente Regulierung und ein Verständnis der Regulierung (z.B. bzgl Datenschutz. Datenschutz ist kein Problem, wenn ich nicht jeden Sche*ß speichere, weil ich der Metapher „Daten sind das neue Öl“ auf den Leim gegangen bin… jetzt hab ich mich etwas mitreißen lassen, back to topic.)

Ein interessanter Punkt ist die Frage, warum große Open-Source-Innovationen oft nicht aus Europa kommen, obwohl die Voraussetzungen (starker Mittelstand, aktive Open-Source-Szene) vorhanden sind. Das deutet auf strukturelle Probleme hin (Finanzierung?, Skalierung?, Fragmentierung?, Selbstsabotage sowie durch den Hacker Paragraphen?), nicht auf fehlende Kompetenz.

Deregulierung
Hier gehe ich nur eingeschränkt mit. Effizienzsteigerung ist notwendig, aber pauschale Deregulierung ist kein Allheilmittel.
Datenschutz und IT-Sicherheit sind nicht nur Kostenfaktoren, sondern können auch Vertrauen schaffen (Unternehmen müssen keine / weniger Angst haben, dass ihre Geschäftsgeheimnisse abgeleitet werden) und damit ein Wettbewerbsvorteil sein. Dafür müssen wir die Versprechen, wie z.B. IT-Sicherheit und Datenschutz aber auch einlösen! Die Herausforderung liegt weniger im „Ob“, sondern im „Wie“ der Umsetzung.

Gesamtpunkt
Viele der von Ihnen und den anderen KommentatorInnen vorgeschlagenen Ideen sind plausibel, aber oft nicht sauber empirisch abgesichert oder stark kontextabhängig. Das Hauptproblem der Debatte ist aus meiner Sicht:

  • Vermischung von Einzelfallbeobachtungen mit systemischen Aussagen
  • fehlende Trennung zwischen Wirksamkeit, Übertragbarkeit und politischer Umsetzbarkeit

Fortschritt entsteht IMHO weniger durch einzelne große Maßnahmen, sondern durch präzise, evidenzbasierte Anpassungen im Gesamtsystem.

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Korrektur: Deine Quelle gibt für das Jahr 2021 ebenfalls 125 % an.

Ansonsten dürfte der Anstieg der US - Verschuldung auch weniger auf die tollen Nettoinvestitionen zurückzuführen sein, sondern auf die gestiegenen Zinsen.

Die USA zahlen mittlerweile nämlich rund 25 % ihres Haushaltes nur an Zinsen! Im Jahr 2025 dürfte das in Richtung ~1.200 MRD $ gegangen sein. Zum Vergleich: Das Militärbudget im selben Jahr lag nur bei ~900 MRD $. Die USA finanzieren praktisch ihre Zinsen durch neue Schulden. Trump hat es ja mit Zöllen versucht.

[1]

Weshalb es für Deutschland erstrebenswert sein sollte mehr Schulden aufzunehmen, nur um das Geld am Ende wieder in Mütterrente, E-Auto Subvention, Stütze der Pflegeversicherung, Tankrabatt, Bürgergeld, etc… versickern zu lassen erschließt sich mir nicht. Ich bin nicht per se gegen Schulden. Aber so lange die nur aufgenommen werden, damit die Party für die Boomer noch ein paar Jahre länger geht, hat das alles keinen Zweck!


  1. ↩︎

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