Wie ausgerechnet die freie Marktwirtschaft unsere Gesellschaft revolutionieren könnte

Gleich vorweg, dies ist ein Gedankenspiel und ich möchte es auch als solches verstanden wissen. Da es in diesem Forum viele sehr intelligente und engagierte Menschen gibt, hoffe ich darauf, hier weitere Inputs für meine Überlegungen zu erhalten. Ich glaube fest daran, dass eine sozial gerechte und lebenswerte Welt keine unsinnige Utopie, sondern ein realisierbarer Zustand ist. Hierfür müssten wir aber unser Wirtschaftssystem leicht umbauen. Die Beispiele sind vielleicht nicht immer ganz korrekt, es geht mir aber mehr darum den Mechanismus aufzuzeigen.

Lange habe ich das Bild der freien Marktwirtschaft komplett abgelehnt, weil nach meinen persönlichen Beobachtungen und aus meiner Warte betrachtet eigentlich unethisches Verhalten sogar noch ein Vorteil ist. Umweltzerstörung schafft finanzielle Vorteile, Menschen auszubeuten trägt zu Krankheiten und Armut bei, was aber dann nicht das verursachende Unternehmer, sondern die Krankenkassen oder im Worst Case die Steuerzahler zahlen. Solche Dinge. Im letzten Jahr begann sich aber mein Bild zu ändern, nämlich in zwei entscheidenden Punkten.

Ich habe das Prinzip „Profite privatisieren, Verluste sozialisieren“ verstanden:
Wir alle haben das vermutlich schon gehört. In der heutigen „freien“ Marktwirtschaft wird nicht der realistische Preis für gewisse Güter verrechnet. Es werden durch einige Firmen immense Umweltzerstörungen verursacht. Die Kosten dafür trägt dann aber oft die Allgemeinheit. Viele Konservative und Neoliberale argumentieren dagegen aber häufig bei neuen Technologien (Elektroautos, Erneuerbare Energiequellen) mit genau solchen Themen. Diese Problematik zieht sich in unserem aktuellen System praktisch durch alle Bereiche.

*Beispiel: *
*Bei Atomkraftwerken (ich mache hier keine Debatte zu AKWs generell auf, es geht nur um das Vorgehen) wurden zwar Rückstellungen für die Beseitigung der Kraftwerke gebildet. Diese reichen aber gemäss einer Expertin nur für die Bauarbeiten, nicht aber für Zwischen- und Endlagerung der verstrahlten Abfälle aus. Gleichzeitig wurden aber 40-60 Milliarden Euro Steuergelder für Atomkraft ausgegeben. *

Die jährlichen Gewinne wurden natürlich an die Aktionäre ausgeschüttet, das Geld ist nun verloren. Der Staat hat also mehr oder weniger direkt Aktionäre bezahlt oder tut es indirekt, indem er die Kosten tragen muss, die durch mangelhafte Rücklagen entstanden sind.

Durch dieses Vorgehen ist es insbesondere für Grosskonzerne überhaupt nicht relevant wirklich auf dem Umweltschutz (oder andere Werte) aufzupassen. Rücksichtsloses Verhalten wird auf dem freien Markt also belohnt, weil Rendite ziemlich sicher, aber Risiko eben nur partiell vorhanden ist. Wir haben es bei diversen Banken in der Finanzkrise gesehen.

Das trifft natürlich nicht alle Firmen, aber diejenigen, die sich im Zweifel mit unethischen oder gar illegalen Methoden behelfen, haben natürlich einen m. E. unfairen Wettbewerbsvorteil gegenüber „normalen“ Firmen. Gerade in Branchen mit hohem Preisdruck ist das ein Riesenthema (siehe Fleisch- / Milchproduktion).

Nichtfinanzielle Werte werden nicht berücksichtigt
Die aktuelle Buchführung kennt keine Betrachtung von nicht monetären Werten. Ein CO2-Preis (oder Schattenpreis) ist hier ein erster Schritt in Sachen Verursachergerechtigkeit, greift aber meines Erachtens zu kurz. Er nimmt nämlich nur ein Schräubchen von vielen ins Visier. Aus meiner Sicht müsste bei einer Prüfung zusätzlich Dinge wie „Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung“ oder „Glück der Betroffenen“ entscheidend gewichtet werden. Wie man das genau quantifizieren kann ist mir selbst nicht ganz klar. Auch hier ist für mich eine Art Schattenpreis denkbar.

Beispiel 1:
Bei Firma Y gehört Mobbing und extremer Stress zum Alltag. Der Chef ruft Mitarbeiter abends und nachts mit Aufträgen an, die am nächsten Tag fertig sein müssen. Bereits mehrere Mitarbeitende mussten wegen Burnout und Depressionen behandelt werden. Die Kosten für die Therapie trägt die Krankenkasse, während Firmen, die aktiv in die Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden tendenziell höhere Kosten tragen.

Beispiel 2:
Firma Z möchte ein neues Kohlevorkommen in NRW erschliessen. Das Vorkommen liegt jedoch unter einem mehrere hundert Jahre alten Wald mit zahlreichen Tier- und Pflanzenarten. Dieser Wald müsste dem Unternehmen weichen. Aktuell ist das möglich, weil die Werte „Naherholung“, „Naturschutz“, „Artenvielfalt“ und so weiter nicht wirklich gewichtet werden. Gäbe es einen quantifizierbaren Wert für die entsprechenden Schäden, wäre Kohleabbau in diesem Gebiet vermutlich seit vielen Jahren nicht mehr wirklich rentabel.

Zusammenfassung
Für mich bräuchte es zwei Massnahmen, die dazu beitragen würden, dass eine wirklich freie Marktwirtschaft sogar den Planeten retten kann:

  1. Für Verluste und angerichtete Schäden haftet die Allgemeinheit nicht mehr. Entweder die Firma überlebt, oder sie geht Konkurs (wie bei kleinen Firmen auch). Muss die Firma gerettet werden („too big to fail“), müssen bisherige Geschäftsinhaber und Aktionäre Anteile an ihren Profiten zur Verfügung stellen oder sie verlieren ihre Anteile. Personen, die auf illegale Weise dazu beigetragen haben, zusätzliche Profite zu generieren, haften vollumfänglich für die Schäden. In einem solchen Fall geht der Betrieb in staatliche Hände über und unterliegt demokratischer Kontrolle.
  2. Für nicht monetäre Werte wird ein Preis eingeführt. Mit allfälligen Gegenmassnahmen (bspw. Solarenergie auf dem Dach eines Hauses) kann man diesen Malus ganz oder teilweise wieder kompensieren. Das Glück der Menschen und der Natur erhält so Einzug in die betriebswirtschaftliche Betrachtung von Projekten und die Bewertung Firmen wird dadurch auf „natürliche“ Weise Verträglicher für das „Gemeinwohl“.
  3. Gezielte Überprüfung von Gesetzen und Strukturen der öffentlichen Verwaltung auf Nachhaltigkeit. Aktuell sind gewisse nachhaltige Massnahmen de facto nicht erlaubt oder „bestrafen“ das Unternehmen und Privatpersonen für ökologisches Handeln.

Würde mich mal interessieren, ob es hier im Forum Menschen gibt, die meine Sicht auf die Dinge etwas ergänzen/abrunden können. Kann die Marktwirtschaft so umgebaut werden, dass sie uns als Gesellschaft weiterbringt?

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Danke für das Öffnen dieses Themas!

Das ist definitiv die Richtung, in die wir gehen müssen! Mindestens zwei Probleme sehe ich allerdings bei der praktischen Umsetzung:

Das erste hast Du,selbst schon angeschnitten, nämlich, dass es extrem schwer bis unmöglich ist, manche Werte wie Glück, Artenvielfalt, kulturellen Reichtum etc. zu monetarisieren. Wie also solche „Kosten“ auf den Preis eines Produktes aufschlagen? Vielleicht kann ja ein Teil der Lösung sein, solche immateriellen Werte entsprechend zu kompensieren statt mit Geld zu bezahlen. Im einfachsten Beispiel über das Schaffen von Ausgleichsflächen bei Versiegelung von Boden.

Das zweite Problem sind die „Kosten“, die erst im Nachhinein bekannt werden. Dass der Ausstoß von Ruß schlecht ist, war ja ziemlich schnell nach der Erfindung von Verbrennungsmotoren und Heizungen klar. Dass CO2 aber langfristig noch viel schlimmer ist, hat man erst nach anderthalb Jahrhunderten nach Beginn der Industrialisierung gemerkt. Wer muss denn in so einem Fall für die entstehenden Schäden aufkommen? Oder, um es nicht ganz so extrem zu machen: Wer muss für die Umwelt- und Gesundheitsschäden durch DDT oder durch antibiotikaresistente Keime zahlen?

Ich weiß nicht ob eine reine Marktwirtschaft damit zurecht kommt, wenn immer von vornherein das noch unbekannte Risiko mit eingepreist werden muss. Wahrscheinlich würde es dann viele Versicherungen und Rückversicherungen geben, die nur davon leben, dass die meisten der Gefahren, die man vorsichtshalber mal einkalkuliert, nicht realisiert werden.

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Stimmt, das ist schwer. Vielen Dank für den Kommentar. Grundsätzlich gibt es ja aber schon Möglichkeiten, wie beispielsweise einen jährlich verabschiedeten Multiplikator. Wie bereits oben geschrieben wäre es möglich eine umfassende Projektbetrachtung zu machen, in der eben solche Ausgleichsflächen berücksichtigt werden. Oder eben auch „grüne“ Architektur und neue Ansätze zu fördern.

Bei Kosten, die erst im Nachhinein bekannt werden muss man halt gezielte Rückstellungen machen und zusätzlich staatliche Töpfe einrichten. Man kann das aber natürlich nie ganz ausschliessen. Dennoch ist ja eine Betrachtung der Gesamtsituation damit schonmal näher an der Realität.

Ich übertreibe natürlich bewusst mit reiner Marktwirtschaft, ich halte aber eben gewisse Mechanismen eben für durchaus sinnvoll, finde aber eben die Nachteile aktuell eben auch heftig. Ich glaube es braucht nach wie vor eine Mischung, die sinnvoll ist.

Es gibt in fast allen Bereichen die Frage, ob man es lieber „sozialisieren“ oder „privatisieren“ sollte. Dabei ist halt wieder so ein Bisschen die Frage, was Grundsicherung oder halt „Menschenwürde“ ist, oder was eben „on top“ ist. Verstehst du wie ich das meine? Ich bin beispielsweise nach wie vor davon überzeugt, dass Alters- und Gesundheitsberufe beispielsweise keinesfalls in private Hände gehören.

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Das ist mE das zentrale Thema überhaupt. Eine wirklich freie (radikale) Marktwirtschaft würde jedes Handeln mit einem Preis belegen, sobald es Menschen, Tieren und dem ganzen System Erde schadet bzw. der Schaden den langfristigen Nutzen überwiegt. Man könnte auch sagen, Menschen mit ausgeprägter sozialer Intelligenz würden aus sich heraus ein solches Handeln unterlassen, weil der Schaden absehbar ist, der Nutzen nur für kurze Zeit und/oder nur für Wenige eintritt (auch wenn man selbst zu den Nutzniessern gehören würde). Soziale Intelligenz heisst dann, so weit wie nur möglich in die Zukunft hinein und so weit wie möglich quasi seitwärts in die übrige Welt hinauszusehen, um die Folgen des eigenen Handelns abschätzen zu können.

Das klingt idealistisch, passt aber doch genau auf den Urtrieb der meisten Menschen, aller Tiere und sogar Pflanzen, das eigene Überleben und das der eigenen Nachkommen bestmöglich und längstmöglich zu sichern. Demnach ist es scheinbar das Versagen der sozialen Intelligenz, die die Menschhat bis nahe an den Abgrund geführt hat, und/oder die gelegentlich zur Macht durchbrechenden vielleicht 5% asozialer, empathieloser Menschen (man möchte sagen pathologisch asozial, aber sie sind doch eine Konstante in der Geschichte, also irgendwie doch normal).

Hätte sich die soziale Intelligenz immer durchgesetzt, hätte es keine Sklaverei und keinen Kolonialismus gegeben und hätte viele Kriege (einige aber doch) nicht gegeben. Denn man konnte voraussehen, dass Unterdrückung eine Gegenkraft aktiviert und eine Zerstörung verursacht, die irgendwann, vielleicht erst nach Generationen zurückschlagen würde.

Ich habe die Überzeugung, dass man die natürlich ganz unterschiedlich angelegte Schlüsselfähigkeit soziale Intelligenz durchaus verbessern kann, vor allem in der Schule. Dass dies so gut wie gar nicht in einer methodischen Weise getan wird, macht insofern Hoffnung auf ein riesiges Potenzial für eine „Menschheitsverbesserung“.

Die Geschichte der europäischen Dominanz beginnt für mich mit den spanischen Eroberern in Südamerika, und ihr Symbol ist die Gier nach Gold, der schnelle, masslose Reichtum. Ich habe immer das Gefühl, dass diese Grundhaltung bis jetzt sich in den Eliten kaum verändert hat, lediglich verfeinert und dass eine beträchtliche Anzahl von Menschen alle Energie aufwendet, um zu dieser Elite aufzusteigen. Dabei gewinnen sie nicht das was sie erhoffen, nämlich „Glück“. Doch, die 5% gewinnen das, was ihnen überhaupt erreichbar ist, sagen wir Macht unbegrenzten materiellen Überfluss. Zufriedenheit und die Freude an einem guten Zusammenleben ist ihnen ja unzugänglich.

Ich glaube aber nicht, dass die Eliten aus diesen 5% bestehen. Viele werden einfach mitgerissen von dieser in sie eingesickerten Mentalität, die das Glück im materiellen Erfolg sehen, bzw. das menschliche Glück nur über den Weg des materiellen, karrieremässigen Erfolgs erreichbar sehen. Bis dahin ist man in einem ständigen Konkurrenzkanof geneigt, Anwandlungen von Rücksichtnahme und Schonung von Mitmenschen und Natur zurückzustellen.

Was wäre also, wenn eine systematische Förderung von sozialer Intelligenz die besagte Raff-Mentalität bestmöglich verdrängen würde? Das wäre ein Prozess über Generationen, aber früher als jetzt kann man ja nicht mehr damit anfangen.

(Das war jetzt ein Exkurs, die Gedanken trage ich seit vielen Jahren mit mir herum und finde keine rechte Adresse, um sie mal zu diskutieren. Ich beobachte meine Mitmenschen intensiv, ich freue mich an den guten Menschen, die ich überall treffen kann, die aber oft zu wenig sich zusammenschliessen, und ich sehe leider auch die Menschen, die längst auf einem falschen Gleis unterwegs sind und nicht merken, dass sie sich selbst schaden.)

Jetzt kommt es darauf an, die verstreut „wild“ gewachsenen guten Kräfte zu sammeln, um das Schlimmste abzuwenden. Es ist ja schon viel unterwegs (FFF z.B.), aber man muss natürlich wie @Justjaythings und @rph sagen, einen realistischen Weg finden. Um also wieder pragmatisch zu werden: die nun wissenschaftlich bewiesenen und berechenbaren Schäden müssen in einem ersten Schritt mit ihrem Preis bekannt gemacht werden, bevor sie schrittweise, nicht zu langsam, auf die Güter aufgeschlagen werden. Rücksicht auf bestehende Arbeitsplätze (als ob es keine neuen in neuen Sektoren geben könnte, wie es die Veränderungsunwilligen jedes Mal neu behaupten) und „Wettbewerbsfähigkeit“ der alten Sorte dürfen kein Hinderungsgrund mehr sein. Ich glaube, die ersten Volkswirtschaften, die diesen Weg gingen, hätten einen Wettbewerbsvorteil (weniger materiell als ideell, namlich als Modell für andere). Allein die Preise werden es aber nicht richten. Regierungen müssen alle lebenswichtigen Güter (Nahrung, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Sicherheit) frei halten von jeder Spekulation. Investoren in diesen Sektoren sind entgegen den Vorstellungen der meisten Politiker weder notwendig noch erwünscht. Sie ziehen Gewinn ab aus dem Gemeinwesen. Auch ein skandinavischer Pensionsfond verhält sich wie eine Heuschrecke, wie eine programmierte Maschine, die das Maximum aus der Notlage anderer Menschen herauspresst. In Wesen und Wirkung ist ein solcher Fond nicht besser als superreiche Investoren die einen unsinnigen Reichtum anhäufen. Spekulanten können sich auf dem Kunstmarkt oder Sportmarkt oder sonstigen Luxusmärkten betätigen.

Regierungen werden auch per Gesetz für einen Ausgleich der Lohnhöhen sorgen müssen. Streiks sind nur ein Mittel für in grösseren Massen organisierte Arbeiterinnen mit einem gesellschaftlichen Druckpotenzial der Branche. Aber niemand kann behaupten, dass die vereinzelten Arbeiterinnen weniger hart arbeiten und deshalb weniger verdienen.

Zum Schluss das Wichtigste: Die Erde mit allem Drum und Dran ist ein geschlossenes System, in dem jedes Element auf alle übrigen Elemente wirkt. Je weiter entfernt voneinander, umso verdünnter ist die Wirkung, aber sie ist unausweichlich. Deshalb kann es nicht gut gehen, wenn ein Teil der Welt andere Teile nach wie vor wie Kolonien ausnimmt. Dass man die dortigen Eliten mit der westlichen Mentalität des Materialismus und der rücksichtslosen Konkurrenz „infiziert“ und damit scheinbar das Einverständnis mit der westlichen Mentalität beweist und ihre zeitlose Überlegenheit ebenfalls, ist mE ein Selbstbetrug, der sich ja schon längst rächt. Die „materielle“ Globalisierung muss zurückentwickelt werden, was eben durch die Bepreisung der Umweltschäden mE selbsttätig und organisch passieren würde. Die ideelle Globalisierung ohne Dominanzgehabe irgendeiner Kultur sollte bestmöglich entwickelt werden im Sinne des bestmöglichen Fortschritts der Menscheit als Ganzes.

Hoffentlich ist das Ganze nicht so, dass ich es morgen am liebsten wieder löschen würde wegen Fehler und Lücken usw.

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Vielen Dank für diesen wertvollen Kommentar. Ich sehe es im Prinzip ganz genauso wie du. Wie bereits oben angedeutet ist mir gerade in Dingen der Grundsicherung tatsächlich der Staat lieber als die Wirtschaft. Es gibt m. E. Bereiche, wo es keine Profitinteressen geben dürfte.

Das Problem ist, dass ein Mensch ein rational-irrationales Wesen ist. Wir sind gesteuert durch Emotionen, auch, wenn wir uns immer wieder versuchen vom Gegenteil zu überzeugen. Soziale Intelligenz ist daher auch aus meiner Warte ein Kern, den es zu pflegen gilt.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass mehr Menschen verstehen, dass es auch emotionale Intelligenz braucht. Wie man das vermittelt? keine Ahnung. Aber wir können es gebrauchen.

Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr bin ich hin und her gerissen zwischen der Überzeugung, dass eine Internalisierung der Kosten unbedingt nötig ist, und der Erkenntnis, dass eine Feststellung der wahren Kosten gar nicht möglich ist.

Ich glaube, ich muss da ein Streitgespräch mit mir selbst führen. (Und ich hoffe, ich gewinne diesen Streit :blush:)

rph pro: Es ist eine ethische Notwendigkeit, dass jemand, das anderen schadet, für diesen Schaden aufkommt, oder noch besser, durch vorausschauend aufgebaute Hemmnisse (Kosten) von vornherein daran gehindert wird.

rph contra: Das setzt aber voraus, dass wir wissen, welche Schäden durch eine Handlung erzeugt werden, und was überhaupt ein Schaden ist. Das lässt sich im Allgemeinen gar nicht sagen.

To be continued…

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rph pro: Müssen wir das den „im Allgemeinen“ sagen können, wenn wir ganz konkrete Fälle kennen, bei denen durch Geschäfte ziemlich klar quantifizierbare Schäden entstehen?

rph contra: Was machen wir dann mit denen, die nicht klar quantifizierbare Schäden anrichten? Oder wenn wir uns nicht sicher sind, ob eine Auswirkung ein Schaden oder ein Nutzen oder indifferent ist? Führt das nicht zu Ungerechtigkeiten?

To be continued…

rph pro: Ich denke, solche Ungerechtigkeiten sind unvermeidbar und normal. Nutzen und Schaden sind immer eine Frage des Standpunkts. Wenn Gegenstände oder Leistungen für alle Menschen den gleichen Wert (unter Einbeziehung aller bekannten Rahmenbedingungen) hätten, würden überhaupt keine Geschäfte zustande kommen, weil es dann keinen Sinn hätte, etwas wegzugeben, denn man bekäme ja nur etwas exakt gleichwertiges zurück.

Wir sollten deswegen schauen, eine möglichst objektive Bewertung der Auswirkungen vorzunehmen, aber am Ende wird trotzdem das Herstelly so und das Käufy anders bewerten. Insofern muss es um zweierlei gehen: Die Auswirkungen müssen soweit wie möglich bekannt sein, und jedes das einen Schaden oder Nutzen hat, muss entsprechend dafür bezahlt werden bzw. bezahlen.

rph contra: Aber wie sorgen wir denn dafür, dass die Wirkungen wirklich bekannt sind, und dafür, dass die Kosten von der richtigen Stelle getragen werden?

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Meiner Meinung nach ist der Begriff „wirklich freie Marktwirtschaft“ für das was Du beschreibst, unpassend. Soweit ich die liberalen Theorie verstanden habe, wird als „freie Marktwirtschaft“ ein System verstanden, in dem private Akteu:innen möglichst frei von staatlicher Regulierung „auf dem Markt“ agieren. Maßnahmen wie eine CO2-Bepreisung oder eine verpflichtende, solidarische Krankenversicherung sind hingegen staatliche Eingriffe, die dieses private Handeln regulieren bzw. dessen soziale Folgen abmildern sollen. Insofern forderst Du in Deinem Szenario nicht weniger, sondern mehr staatliche Regulierung.
Zudem ist es meiner Meinung nach ein Irrtum, zu glauben es sei „natürlich“, dass Unternehmen die gesellschaftlichen Kosten der Ausbeutung von Mensch und Natur berücksichtigen. Die Geschichte des Kapitalismus zeigt das Gegenteil. Und der Markt „funktioniert“ einfach solange nicht gut, wie Menschen gezwungen sind, selbst unter miesesten und und ungesündesten Bedingungen zu arbeiten, um nicht sofort zu verhungern.
Bei Deinem Szenario gibt es m. E. folgende Knackpunkte: Wie und auf welcher Grundlage soll denn der Preis für die gesellschaftlichen Folgen eines konkreten Handelns verbindlich und objektiv ermittelt werden? Wer kann das leisten und wie ist das legitimiert? Wer soll politisch durchsetzen, dass diese Preise auch tatsächlich gezahlt werden müssen - und zwar weltweit.
Natürlich gibt es Teile der Wirtschaft, die sich für eine CO2-Bepreisung einsetzen, aber auch in der Regel, weil sie sich davon Wettbewerbsvorteile versprechen. Generell bedeutet das von Dir vorgeschlagene Modell eine radikale Reduktion privater Gewinne. Wenn man sich reinzieht, wie groß schon die Widerstände etwa gegen eine Erbschafts- oder Vermögenssteuer sind, halte ich es zwar für vernünftig(er), aber auch für komplett utopisch.

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Interessanter Ansatz - Danke.
Ich hätte einen zusätzliche Idee: Das ein Unternehmen „too big to fail“ ist, bringt den Staat in eine erpressbare Situation. Das halte ich nicht für gut. Es sollte meiner Meinung kein Unternehmen sich in der Sicherheit wiegen „im Bedarfsfall schon gerettet zu werden“. Das wäre für mich konsequente Anwendung der Marktwirtschaft.

@Justjaythings das ist ein super interessanter Gedankengang. Habe dazu aber folgende Anmerkungen und Fragen?

  1. Warum wird das (nur) auf die die Marktwirtschaft begrenzt? Wenn ich mir die DDR oder China unter Mao anschaue, waren die Bedürfnisse und die Zufriedenheit des Einzelnen doch durchaus schlechter als in anderen Ländern zur gleichen Zeit.

  2. Der ganze Gedanke könnte aus meiner Sicht Anhänger in Deutschland finden. Eventuell sogar ein paar in Europa. Sonst wohl keine. Wie Soll in einer globalisierten Welt verhindert werden, dass die Ausbeutung und der Konsum nicht außerhalb von Deutschland stattfindet?

So lange es Not, Hilflosigkeit,…Menschen in Deutschland, die am Existenzminimum leben…wird das m.M.n, nicht funktionieren.

Um was es mir geht, ist, dass Verluste oder Schäden externalisiert werden. Die Allgemeinheit trägt die Kosten für die von einigen Akteuren verursachten Schäden. Der staatliche Eingriff findet also bereits heute statt und verbaut besseren Alternativen die Chance.

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  1. Weil wir jetzt nicht in der DDR oder China unter Mao leben.

  2. Da ja mit dieser Massnahme Schäden eingereist würden und arbeitsrechtliche Leitplanken gesetzt werden, würde man Land und Leute nicht alleine lassen. Ausbeutung ist aktuell aktiv Teil des Systems, diese müsste man sinnvoll unterbinden und eben die tatsächlichen kosten verrechnen.

Das habe ich schon verstanden. Ich finde deine Forderung auch sympathisch. Aber die entscheidenden Fragen bleiben unbeantwortet: 1. wer legt die Preise für Kosten wie fest? 2. Wer setzt wie durch, dass diese Kosten auch von den Verursacher:innen gezahlt werden?
Und das in einer Gesellschaft, in der ein Staatskonzern „gewerbs- und *bandenmäßigen Betrug“ (OLG Braunschweig) betreibt, um auf Kosten der Umwelt und der Verbraucher:innen Dieselautos zu verkaufen… just saying…

……aber ich mag die „dieses Mal wird alles Anders Mentalität“. Also warum nicht.

Entschuldigung, dass ich hier nochmal nachfrage. Das verstehe ich leider noch nicht so ganz. Wie sollen „arbeitsrechtliche Leitplanken“ davor schützten, dass Waren und Dienstleistungen von außen kommen oder der Konsum (.z.B. Flugreisen) ins Ausland verlagert wird? Eine Art Zoll innerhalb der EU kann wohl kaum die Lösung sein.

Zudem fehlt mir eine konkrete Idee, wie das umgesetzt werden soll. Auf dem Papier sieht so etwas immer schön aus.

Je mehr ich über das Thema nachdenke, desto mehr bleibe ich beim Emissionshandel hängen. Jedenfalls sieht das Prinzip so aus (vorausschicken sollte ich nochmal, dass ich wenig Ahnung von Volkswirtschaft habe und ich hoffe, dass das jemand korrigieren und verbessern kann):

Wir haben es ja erstmal primär mit den Wirtschaftsgütern zu tun, die zwischen Produzenten/Dienstleistern und Konsumenten/Bedienten ausgetauscht werden. Nach der Logik der freien Marktwirtschaft interessiert es beide in der Regel nicht, ob dabei CO2 frei wird oder nicht, sondern, welche Gestehungskosten aufzuwenden sind, und welchen Nutzen das Gut für den Empfänger hat. CO2 kommt erst dann ins Spiel, wenn es als begrenzte Ressource von einer dritten Partei („Gesellschaft“, „Staat“ oder „internationale Gemeinschaft“) zu einem Preis verkauft wird, der unser Interesse daran abbildet, möglichst wenig davon entstehen zu lassen. Das kann man wahrscheinlich am besten mit Abfallgebühren vergleichen. Anders als bei Abfall, der ja im Prinzip unendlich anfallen kann (kann ja vielleicht auch wieder recycelt werden), gibt es für CO2, jedenfalls, wenn man das 1,5°-Ziel anpeilt, (mindestens global) eine eindeutige Obergrenze. Insofern ist das Recht, eine Tonne CO2 zu erzeugen, ähnlich zu verkaufen wie eine Tonne eines begrenzten Rohstoffes. Sobald die Ressource knapp wird, steigt der Preis, und wenn nichts mehr da ist, ist auch für alles Geld der Welt nichts mehr zu haben.

Für Rohstoffe ergibt sich das automatisch. Für CO2 muss man das allerdings künstlich einfordern. Und es gibt dann noch die Möglichkeit auf kriminelle Weise CO2 zu erzeugen, ohne dafür zu bezahlen, was im Fall von Bodenschätzen eher nicht geht. So richtig nach freier Marktwirtschaft sieht das für mich also nicht aus. Andererseits fügen sich Abfallgebühren auch ganz gut in den freien Markt ein.

Leider habe ich mich mit dem Emissionshandel bisher nicht wirklich beschäftigt. Für mich ist das immer mit dem CO2-Preis verschwommen … alles irgendwie das gleiche. Daher weiß ich auch recht wenig über die Stärken und Schwächen des Konzepts. Vielleicht hat ja jemand Lust und Zeit, das kurz zu erläutern.

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Ich sehe das Problem, dass in einer wirklich „freien Marktwirtschaft“ der Politik/Bevölkerung die Legitimation einer (jeglicher) Regulierung abgesprochen wird.
Ohne Regulierungen wird es nicht gehen, also ist es nie eine wirklich freie Marktwirtschaft.
Ich habe in der Schule noch die „soziale Marktwirtschaft“ vermittelt bekommen und verstehe bis heute nicht wann und warum dieses Konzept verloren gegangen ist.

Sehr gut, Sie haben das Prinzip des FDP Klimaprogramms verstanden! Die „Marktkräfte zu entfalten“ heißt eben nicht, den Markt machen zu lassen und zu hoffen, das was tolles bei rumkommt, sondern klare Anreize zur schaffen, dass der Markt aus sich heraus den CO2 Ausstoß minimiert. Und das sehr effizient erst da, wo es am günstigsten ist.

Nicht wirklich. Vor allem weiß ich nicht, wie man das praktisch umsetzt. Ich meine, Emissionshandel gibt es ja schon eine Weile, aber, was ich nicht weiß, ist, wie man dafür sorgt, dass genau dasjenige für die Emissionen zahlt, das sie erzeugt, und wie man verhindert, dass CO2 einfach heimlich produziert wird. Das dürfte ja noch etwas leichter sein, als seinen Abfall mal eben im Wald zu entsorgen.

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Das geht schon, denn der Staat bezieht ja schon heute Steuern auf fossile Energieträger. CO2 Emissionen zu verheimlichen wird also genauso einfach sein, wie Steuern zu hinterziehen. Mir ist nicht bekannt, dass das im Energiesektor momentan ein Problem wäre.