Ich habe den Eindruck, dass die Probleme der Linkspartei tatsächlich darin begründet sind, dass sie in grossen Teilen zu autoritär sind. Es gibt eine ziemlich grosse Fraktion (inkl. Wagenknecht übrigens), die auf mich schon immer viel zu autoritär wirkte, aber anscheinend suchen grosse Teile genau diese „Führungskultur“. Das zeigt ja auch die Abwanderung zur AfD.
Andererseits gibt es Abwanderung zur SPD und zu den Grünen, die SPD hat einen sehr liberalen Flügel, in dem sich viele Linke eher verstanden fühlen (geht mir in Teilen auch so) - sie nehmen damit aber die grosse Macht der Seeheimer in Kauf, was ich aus linker Perspektive moralisch bedenklich finde. Andererseits sind die Grünen natürlich ebenfalls attraktiver geworden, doch auch hier sehe ich die FDP-Tendenz.
Ein strukturelles Problem der Linken - also nicht die Partei, sondern die gesellschaftliche Strömung - ist die Bandbreite des Spektrums. Die Friedrich-Ebert Stiftung hat dazu einen spannenden politischen Kompass veröffentlicht, den man m. E. kennen sollte. Er zeigt deutlich, wie heftig das Spannungsfeld in der Linken ist.
Mit der Abkehr von Wagenknecht und Lafontaine zeigt sich, dass eine grosse Wählerbasis der Linken ganz einfach nicht hinter progressiven Ideen stehen. Spannend finde ich, dass da wohl der Weg zur AfD gar nicht so weit ist. Aus diesem Grund bin ich auch eigentlich dankbar, dass dieser autoritäre Flügel langsam an Einfluss verliert. Die Frage ist aber, wer die Wählerreihen auffüllen soll.
Grundsätzlich ist die Linke die Partei mit den meisten unterschiedlichen Flügeln und Strömungen. Diese sind sich teilweise Spinnefeind und ihre Positionen sind verhärtet. Bei der SPD ist die Bandbreite zwar viel grösser, aber von Kühnert über Seeheim ist alles irgendwie „ok“. Gleiches gilt bei der CDU, in der sich „echte“ Christdemokraten und Rechtsautoritäre die Klinke in die Hand geben.
Wie soll man in einer Partei autoritären Kommunismus, Feminismus, Transgenderrechte, verschiedene Ansichten zur Wirtschaft und vor allem das Thema Migration angehen, wenn es dort so extrem variabel ist? Ich glaube, wir brauchen eine Aufspaltung der Linken in verschiedene „Töchter“, um wirklich langfristig linke Perspektiven in der Politik vertreten zu sehen, momentan habe ich die Sorge, dass das m. M. n. nötige Korrektiv aus den Parlamenten verschwinden wird.
Um das mal etwas simplifiziert einzudampfen:
Wie sollen glühende Stalin-Fans und Öko-Hippies die gleiche Sprache sprechen? Wie können Russlandliebhaber und Menschenrechts- / Friedensaktivisten eine gemeinsame Position bekommen, hinter denen die gesamte Partei stehen kann? Ich halte das für nahezu unmöglich. Und genau da mache ich mir eben Sorgen. Ich glaube, dass Positionen wie gesellschaftliche Freiheit, Pazifismus, Tier- und Menschenrechte, Nachhaltigkeit etc. in der Linken sehr treffend eingefangen werden (Wahlprogramm) und für die grosse Mehrheit der Bevölkerung nicht nur wählbar sondern ihren Wünschen entsprechend wäre. Für mich ist das Wahlprogramm der Linken das „fairste“ und „nachhaltigste“ von allen Parteien in Deutschland, auch, wenn es natürlich im Detail überall noch Hebel zur Kritik gibt.
https://dgap.org/de/forschung/publikationen/wahlprogramme-im-vergleich
Hierzu noch ein Zitat vom WWF (Quelle):
Die Linke geht mit dem ehrgeizigsten Klimaneutralitätsziel in den Wahlkampf. Deutschland soll bereits bis 2035 klimaneutral werden. Ein ambitioniertes Ziel.
Ich glaube, dass in Deutschland ein linkes Korrektiv sehr wichtig ist, um in eine „gute“ Zukunft zu blicken. Das Konservative wird sich bald verändern müssen, denn uns läuft die Zeit davon.