Warum überschreiten so viele Verteidigungsbeschaffungsprojekte in Deutschland das Budget um Milliarden?

Wir müssen unsere Verteidigungsfähigkeiten ausbauen. Viele Projekte kommen jedoch nur äußerst schleppend voran, funktionieren nicht oder überschreiten das Budget um Milliarden. Was ist los mit der deutschen Verteidigungsbeschaffung und wie lässt sich die Situation verbessern?

Siehe zum Beispiel: https://giftarticle.ft.com/giftarticle/actions/redeem/2ed3ecd0-bfc2-4cd4-91d8-572845532d40

“Germany’s hulking F126 frigate has always been billed in superlatives. The country’s largest warship since the second world war. The biggest ever contract for Damen Naval, the Dutch shipyard that won the tender to build four of them in 2020. Now, it has become one of Germany’s biggest defence procurement disasters at a time when Berlin is seeking to lead Europe’s rearmament.

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Viele deutsche Verteidigungsbeschaffungsprojekte überschreiten ihr Budget, weil sie von Beginn an politisch zu optimistisch kalkuliert werden. Realistische Kosten würden oft keine parlamentarische Zustimmung finden, sodass Projekte bewusst mit niedrigen Einstiegssummen starten und spätere Mehrkosten in Kauf genommen werden. Hinzu kommen während der Laufzeit häufige Anforderungsänderungen, technische Sonderwünsche und neue Vorgaben, die in komplexen Rüstungssystemen besonders teuer sind.

Erschwert wird dies durch stark bürokratische Beschaffungsstrukturen mit fragmentierter Verantwortung, verspäteter Problemerkennung und geringer Bereitschaft, Projekte frühzeitig zu stoppen. Da es im Rüstungsbereich meist nur wenige Anbieter gibt und häufig auf riskante Neuentwicklungen statt auf erprobte Systeme gesetzt wird, fehlen Wettbewerb und Kostenkontrolle. Industrie‑ und regionalpolitische Interessen sowie die Scheu vor politischen Fehlereingeständnissen sorgen schließlich dafür, dass selbst problematische Projekte weitergeführt werden. In der Summe sind milliardenschwere Kostenüberschreitungen daher kein Ausnahmefall, sondern ein strukturelles Ergebnis des Systems.

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Erstmal danke für das Teilen des Artikels, war sehr interessant!

Anhand dem konkreten Vorhaben der Fregatte 126 kann man die hausgemachten Probleme auf Seiten des Beschaffungsamts gut auflisten (die Probleme der Damen-Werft scheinen auch erheblich gewesen zu sein, aber an dieser Stelle mal ausgeblendet):

  • 7.000 (!) detaillierte Vorgaben bzw. Spezifikationen für die Fregatte vom Beschaffungsamt

  • 5-jähriges europaweites Ausschreibungsverfahren

  • keine Teilfreigaben des Planungsprozesses, sondern nur Freigabe der Behörde bei finaler Ausarbeitung der einzelnen Abschnitte.

  • Freigaben sollten in 20 Tagen durch die Behörde erfolgen, teilweise dauerte es 1 Jahr

  • Einreichungen mussten per Papier erfolgen und Englisch war nicht erlaubt (super, wenn man europaweit ausschreibt)

Ich denke dieser Abschnitt aus dem Artikel beschreibt es am besten:

One engineer involved in the project says that the thousands of pages of instructions included “what door handle to use and what light switch to use and how it has to be positioned”. “I’m not exaggerating,” he says. “They are really like that.”

Das Grundproblem im Beschaffungsamt ist vermutlich dasselbe wie in anderen deutschen Behörden:

Absolut ALLES ist erstmal auf Fehlervermeidung und Absicherung durch endlose Hierarchieketten ausgerichtet, anstatt auf der Realisierung des jeweiligen Projekts.

So umständlich und detailverliebt wird das nirgendwo anders auf diesem Planeten betrieben. Bei einem komplexen Vorhaben wie einem Kriegsschiff kommt es so zwangsläufig zu Verzögerungen. Das Problem ist nicht, dass das Beschaffungsamt zu inkompetent ist, sondern dass es strukturell gezwungen scheint, maximale Kontrolle auszuüben → bis ins kleinste Detail.

Und wenn es Probleme gibt, führen wir für das nächste Projekt am besten noch mehr Regeln und Vorgaben ein… weil dann kann ja nichts mehr schief gehen :melting_face:


Bleibt nur zu hoffen, dass die Übernahme durch Rheinmetall das Projekt wieder auf Kurs bringt. Die sind diese Abläufe zumindest gewohnt.

Außerdem werden, wie im Artikel beschrieben, unter Minister Pistorius vermehrt „off-the-shelf“-Beschaffungen betrieben (nicht nur in der Marine). So kann man die Komplexität und das Risiko solcher Projekte deutlich reduzieren.

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Auch wenn gerne (und oft zurecht) über das BAAINBw geschimpft wird, die tackern auch nur das zusammen, was die Bedarfsträger, hier also die Marine, sich wünschen. Jeder einzelne Wunsch mag für sich genommen auch sinnvoll sein, aber die Erfahrung zeigt, dass solche Design by Committee-Entscheidungen zu genau diesen Problemen führen.

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