Um es ganz platt zu sagen: Es ergibt derzeit (noch) keinen Sinn, da das „Hauptproblem“, welches wir nach wie vor haben, die schweren Verläufe inkl. ITS-Behandlung sind. Ich stimme mit einigen deiner Annahmen und somit auch mit deinen Schlussfolgerungen nicht überein:
In der Lage wird neben der Inzidenz, auf die durch veränderte Teststrategien in der Tat Störgrößen wirken (wird auch in der Lage gesagt), insbesondere auf die Dynamik (R-Wert, Wachstumsrate o.ä.) hingewiesen. Letzteres liefert deutlich robustere Erkenntnisse, siehe Dirk Brockmann ab 2:22:21).
Du hast natürlich Recht, dass eine Pandemie sich nie bis zum letzten Menschen auf dieser Erde exponentiell ausbreiten kann (Stichwort Gompertz-Kurve). Wir sind aber noch sehr weit von einer Herdenimmunität entfernt, sodass die Effekte der Immunisierung (durch Infektion/Impfung) momentan noch einen kleinen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben und die Sättigungseffekte leider noch vernachlässigbar sind. Das Abflachen der Inzidenzkurve kann verschiedene Ursachen haben, z.B. Verhaltensänderung der Menschen (regelungstechnisch gesprochen: negatives Feedback der Inzidenz auf den R-Wert), Osterferien (lediglich temporär) , Saisonalität, Schnelltests, o.ä… Die zunehmende Immunisierung wird dies maximal zu einem kleinen Teil beeinflussen. Außerdem: Selbst wenn man annimmt, dass sich das Virus nicht exponentiell ausbreitet, reicht das Wachstum absolut aus, um das Gesundheitssystem äußerst schnell zu überlasten (s. Portugal).
Da wir nach wie vor keine Entkopplung von schweren Fällen (s. ITS-Auslastung) und der Inzidenz haben, ist und bleibt die Inzidenz im Zusammenspiel mit der Dynamik und Positivrate der wichtigste Faktor, da diese Werte den geringsten Zeitverzug und eine hinreichende Kopplung zu schweren Verläufen aufweisen. Wenn man die Maßnahmen an nachlaufenden Parametern wie der ITS-Auslastung oder sogar erst an den Toten festmachen würden, wäre das regelungstechnisch das Naivste, was man machen kann, siehe dieses Beispiel (ab 4:18) aus der Regelungstechnik.
Korrekt, aber nicht nur Corona-Tote sondern eben auch Tote, die sich durch eine Überlastung des Gesundheitswesen ergeben würden. Durch die Impfung der 80+ hat sich diese Gefahr noch nicht hinreichend gelöst (s. Durchschnittsalter der ITS-Patienten:innen, Liegedauer). Selbst wenn wir zynischer Weise alle Corona-Toten und LongCovid-Geschädigten vernachlässigen würden, würde sich alleinig aus dem Ziel der Vermeidung der Gesundheitssystemüberlastung keine grundsätzlich abweichende Situtation im Vergleich zum letzten Jahr ergeben. Außerdem steigt die ITS-Belastung wieder deutlich an (s.o.).
Das ist nach wie vor ein Trugschluss. Man kann sich in keiner Altersgruppe einen R-Wert von >1 erlauben, da sich ansonsten das Infektionsgeschen in dieser Altersgruppe exponentiell einem sehr hohen Niveau nähert und aufgrund von nicht auszulöschenden Diffusionkräften zwischen den Altersgruppen (z.B. zu Eltern/Lehrer:innen, die schwere Verläufe haben können) auf lange Sicht ebenfalls ein exponentielles Wachstum in den anderen Altersgruppen einstellt. (Hier klammere ich mal sämtliche LongCovid-Problematiken aus)