Ich möchte kurz meine Situation schildern, um zu zeigen, dass der Umstieg von Verbrenner auf Elektro unter Umständen eben doch kein NoBrainer ist, wie es häufig geschildert wird. Manchmal ist der Verbrenner einfach objektiv die bessere Wahl (Klima ausgeklammert) und man muss schon sehr idealistisch sein, um den Antriebswechsel einzugehen. Hier möchte ich allerdings auch direkt hinzufügen, dass das für den Moment der Fall ist und es sich aus meiner Sicht in den nächsten Jahren relativieren wird.
Meine Anforderungen an das Auto: Mein Auto wird unter der Woche praktisch nicht bewegt. Am Wochenende für größere Einkäufe oder Ausflüge und regelmäßig für längere Fahrten, um Bekannte zu besuchen. Ein typischer Fall ist bspw die Fahrt in meine Heimatstadt (650km eine Richtung) über ein verlängertes Wochenende. Im Jahr komme so auf ca 15.000km. Ich fahre übrigens nicht mit dem Zug, da ich erstens zu häufig schlechte Erfahrungen gemacht habe, oftmals sperriges Gepäck dabei habe und ich die Flexibilität schätze. Ich bin ein sehr kostenbewusster Autofahrer, Prestige oder Luxus ist mir nicht wichtig, ich möchte in erster Linie ein Auto haben, dass meine Mobilitätsbedürfnisse erfüllt.
Meine Wohnsituation: Ich wohne in einer Mietswohnung, habe keinen festen Parkplatz und keine Lademöglichkeit.
Solange mein Auto noch fahrbereit ist, ist das ohnehin die günstigste Variante. Gehen wir also davon aus mein Auto würde kaputt gehen und ich stünde vor der Entscheidung Elektro- oder Verbrenner. Natürlich würde ich kein neues Auto kaufen sondern ein Gebrauchtfahrzeug. Um die Fahrt in meine Heimat in einer halbwegs vernünftigen Zeit absolvieren zu können, brauche ich ein Auto mit ausreichender Reichweite und hoher Ladeleistung. Mit Blick auf den Winter ist für mich hier auch die Akkuvorkonditionierung ein Kriterium. Nach längerer Recherche komme ich auf die Fahrzeuge Tesla Model 3, Hyundai Ioniq 5 bzw KIA EV6 und VW ID3. Diese Fahrzeuge sind schon seit längerer Zeit auf dem Markt und daher als Gebrauchte gut verfügbar. Tesla ist für mich keine Option, die alten ID3s haben keine Akkuvorkonditionierung. Es bleibt also Hyundai Ioniq 5 / KIA EV6. Gebrauchte Hyundai Ioniqs mit großer Batterie (73 kWh) aus dem Jahr 2021 sind in Österreich für etwa 27.000€ erhältlich. Wenn ich einen Verbrenner kaufen müsste, würde ich wahrscheinlich einen gebrauchten Golf Kombi kaufen (10 Jahre alt, 100.000km), welchen ich für ca 10.000€ bekommen würde. Ich müsste also erstmal eine Differenz von 17.000€ aufbringen. Kriege ich diese Differenz über geringe Kosten zurück?
Steuer & Versicherung
Es gibt in Österreich keinen Entfall der Kfz-Steuer mehr, Versicherung ist für den Hyundai sehr wahrscheinlich eher teurer als für den alten Golf. Hier lässt sich also nix sparen.
Kraftstoffkosten
Ich nehme an ich bewege mich ausschließlich auf der Autobahn. Der Golf würde hier wahrscheinlich 7l/100km verbrauchen, bei 15.000km und einem Spritpreis von 1,75€ macht das 1837,5€ jährlich. Den Autobahnverbrauch des Hyundai Ioniqs schätze ich auf 23 kWh/100km. Bei einem Strompreis von 0,50 ct/kWh (hauptsächlich DC Laden, seltener AC Laden) komme ich auf 1725€ jährlich. Hier gibt es also auch keine wirkliche Möglichkeit zu sparen, bei sinkenden Spritpreisen könnte sogar der Verbrenner günstiger sein.
Service & Reparatur
Die Reparaturkosten beim dem alten Golf werden sicherlich, um einiges höher sein als bei dem neueren Elektroauto. Bei den Servicekosten nehme ich an, dass sie auf ähnlichem Niveau sind (Ölwechsel beim Verbrenner vs. erhöhter Reifenverschleiss beim E-Auto). Ich schätze, dass hier 500€ jährlich gespart werden können.
Zusammenfassung
Für das Elektroauto muss ich erstmal 17.000€ mehr aufbringen. Ich habe dann ein neueres Auto mit mehr Technologie und besserem Komfort, allerdings ist der Alltag mit dem Auto umständlicher, da ich keine eigene Lademöglichkeit habe. Für die regelmäßigen längeren Fahrten werde ich eher mehr Zeit einplanen müssen. Und die laufenden Kosten sind, trotz des hohen Spritpreises, nicht wirklich geringer.
Für mich ist deshalb klar, dass ich aktuell noch nicht auf ein Elektroauto umsteigen werde. Natürlich liegt das an meinen speziellen Anforderungen an das Auto, ich bin mir bewusst, dass es Szenarien gibt, in welchen das E-Fahrzeug in jeder Hinsicht die bessere Wahl ist. Aus meiner Sicht ist das Haupthindernis für Menschen wie mich (hohe Kostensensibilität, keine eigene Lademöglichkeit, hoher Langstreckenanteil) der noch eingeschränkte Gebrauchtwagenmarkt. Das liegt einfach daran, dass es langstreckentaugliche E-Autos erst seit geraumer Zeit gibt. In ein paar Jahren wird sich das sicherlich geändert haben und Rechnung mag dann ganz anders aussehen.