Warum feiern alle die Familienunternehmen

Hi eine Frage die mich schon länger umtreibt und zu der mich eure Meinung aber auch die der Community interessieren würde ist die Stellung von Familienunternehmen. Gerade in CDU und FDP Kreisen und auch der Wirtschaftspresse werden die permanent gefeiert und ich verstehe nicht warum. Es geht um eine ganze Reihe an Problemen

  • was ist überhaupt ein Familienunternehmen? Ist ja keine Rechtsform sondern eine Eigentümerfrage, ist BMW z.B. ein Familienunternehmen weil grosse Teile einer Familie gehören…? Wenn die Chefs immer aus der gleichen Familie kommen gegenüber eingestellten Managern? Oder genügt ein Sitz im Aufsichtsrat?
  • Sind Familienunternehmen nicht einer der wichtigsten Punkte für die wachsende Vermögensungleichverteilung?
  • Was haben wir als Gesellschaft davon wenn Vermögen/ Firmen einzelnen Familien gehören? Falls nichts, warum haben sie so eine besondere Stellung im Erbrecht
  • Verhindern Famileinunternehmen/ deren Lobby etc. dass wir eine sinnvolle Erbschaftsteuer haben?
  • Gibt es irgendwelche Indizien dass Familienunternehmen für die Mitarbeiter vorteilhaft gegenüber anderen (hängt wohl wieder an der Definitionsfrage oben) Unternehmen haben. Erinnere mich an einen Schwerpunkt im Economist for einigen Jahren die keine generellen vor-/nachteile gegenüber Manager geführten Unternehmen gefunden
  • Haben Familienunternehmen eine besondere Lobby mit der es ihnen gelingt ihren Status als sakrosankt zu etablieren?

Vielleicht nicht genau euer Thema, aber mir scheint es hat auch viel mit Gerechtigkeit und Vermögensungleichheit zu tun.

Viele Grüsse,
Andreas

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Hi Andreas,

ich finde auch, dass dies eine wirklich spannende Frage ist. Ich würde mich selbst als Familienunternehmer bezeichnen und profitiere auch von diesem Steuermodell. Aus dieser Erfahrung kann ich sagen, dass es für kleine bis mittlere Unternehmen tatsächlich schwierig sein könnte die Erbschaftssteuer zu zahlen. Gerade, wenn man als UnternehmerIn selbst aktiv im Unternehmen arbeitet und nahezu sein gesamtes Kapital im Unternehmen hat, kann es schwer werden. Die Gründe hierfür sind:

  • Das Unternehmen hat einen Wert, der sich nicht einfach berechnen lässt. Das Thema Unternehmensbewertung ist keinesfalls klar. Die heute oft übliche DCF-Methode zur Bewertung ermittelt den Unternehmenswert aufgrund von zukünftigen Gewinnen. Das ist gerade in den aktuellen wirtschaftlichen Umbrüchen schwer vorherzusagen.

  • Ist der Wert des Unternehmens klar, so kann das Geld im Unternehmen dennoch gebunden sein. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten steckt viel Geld in Immobilien, Waren, Vorräten und Investitionen. Muss dieser Wert in Geld umgewandelt werden, um Steuern zu begleichen, so kann es dem Unternehmen schaden oder auch unmöglich sein.

  • Nicht jedes Unternehmen kann einfach verkauft werden. Ist das Unternehmen noch so klein, dass der/die UnternehmerIn selbst sehr aktiv mitarbeitet, was auch nach einigen Generation immer noch der Fall sein kann, so glauben nicht unbedingt viele Investoren an den Wert des Unternehmens.

Dies vorweg geschickt, teile ich die Ansicht, dass das heutige Modell hochgradig ungerecht ist. Die stärkste Lobbyarbeit macht aus meiner Sicht die Stiftung Familienunternehmen. Eine Stiftung die auf ihrer Webseite nennt, dass sie 500 Förder hat. Dies sind nach meiner Einschätzung jedoch nur die wirklich großen Familienunternehmen. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen sind hier nicht beteiligt.

Eine Lösungsidee könnte aus meiner Sicht in der Umwandlung in ein Purpose-Unternehmen (nur einer von vielen Namen) bestehen. Diese Art von Unternehmen gibt es noch nicht offiziell, jedoch gibt es bereits Unternehmen, die dies über eine Stiftung gelöst haben. Ein prominentes Beispiel ist sicherlich Einhorn (https://einhorn.my/wir-sind-ein-purpose-unternehmen/). Ein Purpose Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, dass Gewinne im Unternehmen bleiben, das Unternehmen nicht verkauft werden kann, die Mitarbeiter die Stimmrechte haben und diese nicht vererbt werden können.

Würde es die offizielle Unternehmensform Purpose-Unternehmen geben, so könnte jedes Unternehmen bei der Nachfolge wählen zwischen Erbschaftssteuer in voller Höhe bezahlen oder Übergabe des Unternehmens an die Mitarbeiter.

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Hi Marthoff,

danke dir und finde ich interessant.

Mir geht es ja nicht darum Familienunternehmen abzulehnen oder dergleichen und man könnte bei einer Erbschftsteuer wie ich sie mir vorstelle auch gern hohe Freibeträge einrichten damit kleinere Unternehmen die sonst kaputt gingen das überstehen.

Mir geht es eher um die Frage warum diese Unternehmen scheinbar so eine Dominanz in der öffentlichen Wahrnehmung haben und es nicht mal eine Diskussion über Vor und Nachteile dieser Behandlung gibt.

VG
Andreas

Hi Andreas,

ich habe mal nach ein paar Infos dazu gesucht, warum diese Unternehmen so eine Dominanz haben. Ich denke, hierbei ist es sehr wichtig zwischen Familienunternehmen in der Form von kleinen und mittelständischen Unternehmen und in der Form großer und sehr großer Unternehmen zu unterscheiden. Die Grenze liegt hier, vereinfacht gesagt, bei ca. 250 Beschäftigten, 43 MEUR Bilanzsumme oder 50 MEUR Umsatz (Wikipedia: Kleine_und_mittlere_Unternehmen).

Die starke Dominanz wird hier scheinbar durch intensive Lobbyarbeit der bereits genannten Stiftung Familienunternehmen erreicht. Diese Stiftung steht vermutlich hinter den größten 500 Familienunternehmen und vertritt die Interessen der Inhaberfamilien.

Im Kern ist die Meinung der Stiftung: Familienunternehmen sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, sie machen die deutsche Wirtschaft so besonders, daher sollten sie keine übermäßigen Belastungen erfahren. Diese Seite zeigt ganz gut, wie sich die Stiftung in Bezug auf ihre Wichtigkeit positioniert: https://www.familienunternehmen.de/de/daten-fakten-zahlen

Interessant ist die andere Sicht auf die Stiftung, die z.B. auf Wikipedia unter Kritik zusammengefasst wird: https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftung_Familienunternehmen#Kritik. Hierbei geht es im Kern um intensive, intransparente Lobbyarbeit, die vermutlich nur den wenigen Eigentümerfamilien dient. Die große Mehrheit der kleinen unter mittleren Familienunternehmen sind nicht Teil der Stiftung.

Viele Grüße
Martin

Dass „Familienunternehmen“ von der Politik so gerne hoch gehalten werden, liegt natürlich daran, dass man bei dem Begriff zunächst an den Bauernhof oder den Handwerker, Bäcker oder Friseur „an der Ecke“ denkt, dem wohl jeder gerne eine Sonderstellung zugesteht. Solche Unternehmen sind gerade außerhalb der Stadtzentren ein erheblicher Teil der lokalen Infrastruktur.
Und in diesen Fällen kann ich mir auch gut vorstellen, dass das Arbeitsklima in diesen Unternehmen ein anderes ist.

Dass natürlich „die falschen“ Familienunternehmen von der Steuererleichterung am meisten profitieren, wird dabei natürlich gerne verdrängt. :wink:

Alle Probleme rund um die hohe Erbschaftssteuer-Belastung, die für die Erben solcher Unternehmen sicherlich entstehen könnten, gäbe es ja genug Möglichkeiten, das ganze fair zu regeln, z.B. eine (zinsfreie) Stundung der Steuern.
Am Ende ist es eben - trotz aller Umstände - so, dass die Erben solcher Unternehmen nicht unerhebliche Vermögen ergeben, die eben auch dementsprechend besteuert werden sollten.